Culture Clash


„Aber was habt ihr in dem Interview gehört?“
„Frau Freitag, das versteht man gar nicht.“
„Jaaaa, alles Englisch, ich habe gaaaar nichts verstanden.“

„Kinder, ihr wollt doch die Realschulprüfung machen. Wie wollt ihr denn die Englischarbeit schaffen, wenn ihr hier schon nichts versteht?“

„Abo, das ist doch was anderes.“

„Warum ist das was anderes? Da werdet ihr auch einen englischen Text hören und Aufgaben dazu lösen müssen. Und da stoppt niemand das Band nach jedem Satz – so wie ich eben gerade. Also Elif, tell us what the woman said about facebook.“

„Dass man chatten kann und mit Pinnwand…“

„Elif, in English please!“

„Mann, Frau Freitag. She say you can chatten and the pinwand.“

„No that’s not true. Don’t tell us what you think or know about facebook. Please tell us what the woman said.“

„Aber ich habe nichts verstanden.“

„Dann Ayla. Can you tell us?“

„Kein Plan.“

So geht das die ganzen Stunde. Ronnie macht erst gar nicht mit. Mit den Worten „Facebook ist behindert.“ verweigert er seit Beginn der Unterrichtseinheit jegliche Mitarbeit.

Um die Schüler bei der Stange zu halten, bzw. um sie erst mal in die Nähe der Stange zu bringen, setze ich mich auf einen leeren Tisch und fange an zu erzählen. Am Tonfall erkennen sie, dass es was persönliches wird. Alle sind sofort ruhig und starren mich gebannt an.

Ich fasse kurz den Inhalt des Interviews (das ja anscheinend NIEMAND außer mir verstanden hat) zusammen: „Die Frau beschreibt, wie sich die Kommunikation in den letzten Jahren und Jahrzehnten verändert hat. Sie spricht über das Web 2.0, über facebook und über mobile phones. Wie war das denn früher, als es noch kein Internet gab? Peter, das hatten wir letzte Woche – seit wann gibt es das Internet? Ja, genau sein 20 Jahren. Als ich also so alt war wie ihr gab es das nicht. Fragt mal eure Eltern, wie das war. Wir saßen immer nur zu Hause haben uns gelangweilt und hatten nicht 500 Freunde und eine Pinwand. Niemand wußte, was ich denke oder was ich gerade mache. Und es gab auch keine Handys. Wenn ich mal telefonieren wollte, dann konnte mein Vater an den anderen Apparat gehen und dann war ich weg und mein Vater hat mit meinen Freunden gesprochen.“

Ich lese Entsetzen in den Gesichtern der Mädchen bei der blossen Vorstellung, ihr Vater könnte mit auch nur einem ihrer 500 Freunde telefonieren.

„Und es gab ja auch keine Emails. Da gab es nur Briefe.“

„Ja Briefe, wir haben früher auch immer Briefe nach Türkei geschickt. Voll schön. Mit Fotos.“ schwärmt Elif.

„Und Elif, frag mal deine Mutter, wie teuer es früher war, dahin zu telefonieren.“

„Wieso nimmst du ALICE, vallah, is nicht teuer.“ sagt Bilal.
„ALICE is voll Abzocke.“ gibt Esra zu bedenken.
„Was Abzocke?“

Ich merke, wir schweifen ab, ich wollte eigentlich zum Thema Brief.

„Also, ich hatte damals einen Freund in Amerika. Wir haben uns immer Briefe geschrieben.“

„Voll schön!!!!“ säuselt Elif mit verklärtem Blick.

„Jaja, voll schön. Aber die haben immer voll lange gebraucht, bis sie ankamen. Und wenn ich z.B. geschrieben habe: Ach, du fehlst mir so, ich vermisse dich…usw und dann dauert der Brief eine Woche hin und der Antwortbrief dauert auch noch mal einen Woche und in der Zeit lerne ich einen anderen Jungen kennen…“

Jetzt starren mich alle Mädchen an. So wollten sie die die Geschichte nicht haben.

„Na ja, heute kann sowas ja nicht mehr passieren.“ sage ich schnell. „Heute schreibt man schnell eine Email – hallo, sorry ich hab‘ ’nen Neuen! und das bekommt der andere dann in Echtzeit.“

Ich grinse in die Runde. Niemand sagt was. Dann klingelt es. Langsam schlurfen sie raus. Vielleicht hätten wir doch die Grammatikaufgabe im Buch machen sollen. If-clauses.

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Allgemein

32 Gedanken zu “Culture Clash

  1. Frau Freitag, machen Sie doch nicht denselben Fehler wir 90 % der Schreibenden Ihrer Sprachgruppe:

    Email ist ein Material, auf das meine Oma steht, und dessen Zusammensetzung mir unklar ist.

    E-Mail ist die elektronische Post, die man über das Internet verschicken kann.

    Und morgen gibt es bestimmt wieder einen freundlichen, lieben, netten und mitleidigen Kommentar von mir! Versprochen! Vallah! Oder so ähnlich 😉

  2. Struktur, vallah!!!
    Verwirrt sind sie doch eh schon!
    Und wir auch, also wieder zuruck zu den Anfängen!
    Formen lernen!! Auswendig und aufsagen – is wie in koranschule….;-)

  3. Wenn SIE nicht mit den Kindern über das Internet und die Unterschiede zwischen früher und heute reden, dann macht es NIEMAND.
    Also: If-Clauses (die sie eh NIE verstehen werden) hin oder her. Machen sie bitte in ALLEN Stunden damit weiter, um wenigstens noch IRGEND etwas bei den Schülern zu erreichen und unsere Zukunft zu retten.

    • Außerdem eignet sich gerade das Thema „Frau Freitags Leben ohne Internet vor 20 Jahren“ perfekt, um den Gebrauch des Conditional zu demonstrieren:

      If we had had internet in those days, I might have married an American.
      If we had had cellphones, my father and I would never have learned when I lost my virginity.

      Usw. usf.

      • Hm, das „and I“ nach „my father and I“ ist hier aber sowas von überflüssig. War vom Erstentwurf des Beispielsatzes übriggeblieben, sorry.

      • genau, das kommt ja dann auch – NACH den ferien. aber ich nehme noch eine fertig ausgearbeitete unterrichtseinhaeit für if-clauses entgegen.

  4. Und dann kommt der Fachseminarleiter und ärgert einen damit, dass an stets in der Unterrichtssprache bleiben soll….
    Aber wenn das nicht möglich sit, gucken sie imme ganz erschrocken, wie sehr die Realität von ihrer schönen Didaktiktheorie abweicht!
    Und als armer Ref stehst du zwischen den Stuehlen und musst beide Seiten zufrieden stellen.Menno!

    • Ich zweifle ja etwas an dem Konzept im Sprachunterricht am besten nur in der Unterrichtssprache zu sprechen. Irgendwann hatte uns das damals die Englischlehrerin auch verkündet. Und ich dachte mir nur, dass es nun noch schlechter wird. Denn ich stand ja auf vier, also in Schüleraugen ein prima Beleg, dass einen diese Sprache beherrscht und nicht umgekehrt.

      Und dann soll man auch noch nur noch in der Sprache reden? Ich behaupte mal, für das Konzept braucht es den neuen Schüler – das sind die, aus denen dann auch die neuen Menschen werden, die wir für irgendein Utopia (kommunistisch, libertär, anarchistisch etc.) auch brauchen werden.

      • In der Grundschule oder im Kindergarten wird das meist auch etwas anders umgesetzt. Wie heißt es so schön? Baden in der fremden Sprache? Und da passiert dann auch was, während die Lehrerin englisch/ französisch/ chinesisch redet.
        Wenn einer mit mir Kuchen bäckt, kannn er Suaheli sprechen und ich habe eine Chance, was zu verstehen.

        Aber später dann, ist es nur traurig, wenn Mr. EnglishNativeSpeaker eine Stunde lang parliert, sich jedoch maximal 2 Schritte vor und zurück bewegt. Ich hab dann auch oft abgeschaltet.

        Also liebe SprachlehrerInnen! Kochen Sie Lasagne mit den Jungs und Mädels! Wechseln Sie Autoreifen! Machen Sie was Sie wollen, aber in english please!

    • Ich halte dieses 100%-ige Reinheitsgebot für nicht wahnsinnig zielführend. Die Leute, die eh schon kämpfen, kapieren die Grammatik nicht besser, wenn man sie in der Sprache erklärt, die sie sowieso schon nicht besonders gut verstehen.
      Die guten Schüler packen das locker, aber habt doch mal ein Herz für das untere Drittel!

      • grammatik mach ich immer erst auf Deutsch, damit uebrhaupt was ankommt.

        Bei Hoertexten hab ich die Erfahrung gemacht, dass storytelling mit ein wenig abgespeckter TPR auch in höheren Jahrgaengen funktioniert… Nach anfaenglichem Gekicher finden es die Schüler gut.

  5. > seit wann gibt es das Internet? Ja, genau sein 20 Jahren.

    Kapiert hier jemand den Unterschied zwischen Internet und WWW nicht?

    Und was hat das Video „Jumper vs. Sweater“ mit dem Thema „web 2.0 im Interview“ zu tun?

  6. Frau Freitag,
    bisher hat es wohl noch keiner Ihrer Blogleser geschafft zu bemerken, dass Sie wohl den falschen Link oben eingefügt haben. In diesem Video geht es nämlich nicht um Facebook, sonder um Jumper oder Sweater 😀

    Ich bin heute übrigens das erste Mal auf Ihrem Blog, und ich komme mit Sicherheit wieder.
    Sie haben einen wunderbaren Schreibstil und ich habe mich köstlich amüsiert 😀

    Herzliche Grüße
    Jasmin

  7. If I see „vallah“ I want to know: is it Turkish or is it Arab or is it Turko-German Berlin specialty? yours Hobby-Linguistik-woman

  8. Danke, jetzt weiß ich wieder, dass ich heute bei meinem 15-minütigen Englisch-Referat etwas geleistet habe.

    „Ich grinse in die Runde. Niemand sagt was.“
    Haha, sowas bezeichnet man dann wohl als „gescheiterte Kommunikation“. Toll, wie unterschiedlich zweierlei Wellenlängen sein können.

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