Neues aus der pädagogischen Trickkiste

Mein neues Credo: Motivation durch gezielte Demotivation. Alle aquarellieren fröhlich vor sich hin. Die Stimmung ist gut. Die Schüler sind ausgesprochen nett, zuvorkommend und höflich. Nur Ronnie sitzt vor mir und weigert sich mit der Aufgabe zu beginnen. Ich fordere ihn mehrmals auf, dann ignoriere ich ihn für den Rest der Stunde.

„Abdul, bist du eigentlich noch am Realschulabschluss interessiert?“
„Klar, sicher.“
„Und ist dir auch bewusst, dass du dich noch SEHR verbessern musst, wenn das noch was werden soll?“
„Hmmm, ja.“
„Soll ich dir mal aufschreiben, wie dein Zeugnis im nächsten Halbjahr aussehen muss, damit du es noch schaffst?“ Er nickt.
„Also, pass auf!“ Ich schreibe groß Abdul an die Tafel und unterstreiche seinen Namen. „Du weißt ja, dass du in den meisten Fächern insgesamt – also in beiden Halbjahren zusammen – auf 14 Punkte kommen musst. Das heisst z.B. für Deutsch, dass du da 8Punkte brauchst. Eine drei. Schaffst du doch locker. In Englisch brauchst du sogar eine zwei – mindestens 9Punkte. Aber das sollte ja kein Problem sein, denn eine vier hast du ja schon. Hups, Mathe da müsstest du 11 Punkte haben also eine eins.“ Ein kollektives Lachen der ganzen Klasse. „Ach Abdul, lass dich nicht verunsichern. Das schaffst du schon. In der Grundschule warst du doch das Mathe Känguru. Wo hoppelt das eigentlich jetzt? Okay, weiter. Bio und Physik wird nicht so das Problem – auch jeweils eine zwei und in Chemie – oohhh, das wird haarig, da bräuchtest du 13Punkte. Das wird wohl nichts, denn da kannst du ja nur 12 Punkte bekommen.“ Ich stelle mich neben die Tafel und lasse die Zahlen ein wenig nachwirken. Abdul sagt gar nicht mehr. „So, jetzt sag‘ mal in welchen Fächern du dich wahrscheinlich nicht mehr verbessern kannst. Denn zwei können wir streichen.“
„Na, ich denke in Chemie und in Mathe.“
ich streiche die beiden Fächer weg. „Voila, hier Abdul. So muss dein zweites Halbjahreszeugnis aussehen. Geht doch, schaffst du schon. Das packst du.“

„Noch jemand Interesse an einer Beispielrechnung?“
Sofort schreien mehrere ziemlich hoffnungslose Kandidaten auf. Ich laufe zu Höchstformen auf. Ich sage „Bilal, eine zwei in Englisch – null Problemo – du solltest mal versuchen nicht nur mir dem Oberkörper auf dem Tisch zu liegen. Dafür hast du ja jetzt nur eine vier bekommen. Leg dich doch im zweiten Halbjahr ganz drauf, dann gibt es bestimmt eine zwei. Fatma, du musst einfach noch öfter zu spät kommen, dann klappt das auch mit den 11Punkten in Mathe.“

Die Schüler sind voll motiviert. Jeder möchte seine persönliche Rechnung. Aylas Zukunfsperspektiven errechne ich sogar noch in der Pause. „Das schaffe ich Frau Freitag. Danke und schönes Wochenende.“

Ich wische die Tafel, gehe eine rauchen und denke – meine Klasse spinnt.

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Allgemein

15 Gedanken zu “Neues aus der pädagogischen Trickkiste

  1. Frau Freitag, ich hätte da noch eine Geschäftsidee: Kaufen Sie sich Karten und fangen Sie an, dieselben für Ihre Schüler zu legen……gegen ein geringes Entgeld natürlich.

  2. Da haben Sie es. Die Schüler sind nur deswegen so schlecht, damit sie sich mit ihnen intensiver beschäftigen. Die wollen nur Wertschätzung.

    Aber mal ehrlich: Was ist denn das für ein System mit dem Realschulabschluss? Da kann man mit vier Punkten nach dem ersten Halbjahr in einem Fach doch einpacken. Von vier auf zehn kommt doch keiner.

    • ist doch ganz enfach – das erste und das zweite halbjahr werden zusammengerechnet, durch zwei geteilt und dann muss eine drei rauskommen. also sollte man zusehen gleich eine drei zu haben oder man muss eine vier und eine zwei haben. ich finde es eigentlich gar nicht so ungerecht oder hart.

      • Wenn 3 die magic number ist dann könnten Sie sich als Nummerngirl auf youtube darstellen und den Schülerchen was vortanzen. da hören die bestimmt genauer zu als im Klassenzimmer. Sie könnten sich dafür auch mal wieder verschleiern. Dazu das Lied „Three – the magic Number“ oder so von De La Soul. Mich würde das sehr amüsieren. Oder im Bibokostüm: drei drei drei!

  3. Ich schau hier jetzt schon seit zwei Monaten fast täglich vorbei, hab kreuz und quer im Archiv gelesen, und ich muss jetzt endlich mal sagen:
    Ich finde großartig was sie leisten, wie Sie das Maximum rauszuholen, und wieviel Respekt und Zuneigung sie für ihre Schüler aufbringen – eine echte Heldin des Alltags! Und ohne ihre kritische und ironische Distanz zu sich selbst (mit der Sie solche Kommentare jedes mal abwiegeln) wären Sie wahrscheinlich auch nicht halb so gut.

  4. Diese Ironie haben wir auch an unserem Englischlehrer geliebt. Dem konnte man einfach nicht böse sein dafür und recht hatte er ja auch noch.

  5. Das klingt alles so unglaublich frustriert und resigniert. Ich kann mir aber irgendwie nicht vorstellen, dass alle Hauptschüler diesem Klischee entsprechen. Hand auf Herz: Wie viele davon kriegen erfahrungsgemäß doch noch irgendwie die Kurve?

  6. Liebe Frau Friday, ich hoffe ich hab nichts mit den Magengeschwüren zu tun als ich Sie fragte, wieviel Zeit man in Ihrer Schule Mittagspause hat. Mit klingt das auch ziemlich bedenklich. Sie brauchen noch mehr Spaß. Kennen Sie The Curious Diary of Mr. Jam (blog)? Gucken Sie doch mal auf meine fabulöse translation einiger Deine Mutter-Witze. Sehr cool der Autor, erklärt asiatischen Humor. Gute Erholung.

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