Manchmal kommt es anders, als geplant


Aus meiner angekündigten emotionslosen Arbeitsrückgabe wurde heute nichts. Erstmal hatte ich die Siebte Klasse. Und nun ratet mal, wer heute am allerbesten mitgearbeitet hat. Mert. Er saß direkt vor mir, hat zugehört und sofort mit der Aufgabe angefangen. Ich habe ihn immer wieder gelobt und ermutigt. “Soll ich das so machen, Frau Freitag?” Er hält mir seinen Block unter die Nase.
“Genau so. Super. Du arbeitest heute echt gut mit, Mert.”
Er lächelt. “Können wir das auch mal vorspielen?” (Sie erarbeiten sich gerade kleine Szenen.)
“Ja, das SOLLT ihr nachher sogar schon vorspielen.”
“Jippppy, das haben wir auch immer in der Grundschule gemacht.”

Alles lief heute super mit dem bloßgestelltem Mert und am Ende habe ich ihn vor allen anderen gelobt und er hat auch eine der besten Mitarbeitsnoten bekommen. Beim Rausgehen habe ich noch gesagt: “Mert, sag deiner Mama, einen schönen Gruß und dass ich heute sehr zufrieden mit deiner Mitarbeit und deinem Verhalten war.” Er lächelt und verabschiedet sich mit einem freundlichem: “Einen schönen Tag noch.”

Dann die Rückgabestunde, auf die ich mich schon gefreut habe. Mein Ärger ist wie verflogen. Die Arbeiten sind in meiner Tasche. Ich habe beschlossen, sie am Ende zurückzugeben. Der Anfang des Unterrichts verzögert sich, weil wir einen massiven “Er hat zwar mit Schneebällen geworfen, aber als der andere dann auf ihn geworfen hat ist er sauer geworden”-Konflikt klären müssen. Peter kann gerade noch verhindern, dass ein Stuhl geworfen wird und ein Schüler wird von mir nach draußen geschickt, um sich abzuregen. Schonmal einer weniger.

Aber wo sind die anderen? Es sind nur 5 Schüler da. Heute findet so eine Musikveranstaltung bei uns in der Schule statt. Emre, Abdul und Bilal machen da mit und Marcella auch. Hatte ich ganz vergessen. Also noch mal 4 weniger. Fehlen aber trotzdem noch ungefähr 7 oder so. Hassan bietet sich an, bei der Musikveranstaltung nach den anderen zu suchen. Er meint, die hängen da schon den ganzen Tag als Zuschauer rum, obwohl sie wissen, dass sie das nicht dürfen. Er kommt wieder und sagt, dass sie nicht kommen wollen. Ich gehe runter und erwische zwei, die ich mit nach oben nehme. Drei entkommen mir und ich trage sie als unentschuldigt ein und beginne mit dem Unterricht. Es sind nur 7 Schüler da. Es ist ruhig und gemütlich.

Hassan zeigt mir einen Brief: “Vallah, ja, gucken Sie Frau Freitag, was ich bekommen habe.” Ich sehe einen Adler auf dem Brief. “Ist das von der Bundeswehr?”
“Ja.” Es ist die Einladung zur Musterung, oder die Vorstufe dazu. “Frau Freitag, ja, ich verstehe nichts. Was soll ich da machen?” Zugegeben, es ist viel Text und den müsste man lesen. Da gibt Hassan natürlich auf und fragt lieber Frau Freitag. Wir reden über die Wehrpflicht, ich erkläre den Unterschied zwischen Zivildienst und Wehrdienst. Hassans Brief nehme ich mit. “Können Sie bitte heute Abend meine Mutter anrufen und ihr das erklären?” “Ja kann ich.”

Im Bus habe ich den Bescheid gelesen und dann einen jungen Mann gefragt, ob er so was auch schon bekommen hat. Der hat mir ganz freundlich alles erklärt. Nachmittags habe ich dann noch kurz mit einer Frau von der Bundeswehr telefoniert und mich erkundigt, wie Hassan seinen Wunsch nach Zivildienst äußern kann und gleich muss ich seine Mutter anrufen.

Aber zurück zur heutigen Englischstunde. Flexibel weiche ich von meiner Planung ab und übe mit denen die da sind für die mündliche Prüfung. Sie arbeiten in Gruppen und alle machen mit. Am Ende spielen wir Prüfung und ich gebe ihnen Tipps, wie sie ihr Englisch verbessern können. Sie hören aufmerksam zu. Kurz vorm Klingeln gehe ich zu meiner Tasche: “Ach, hätte ich fast vergessen. Hier, eure Arbeiten.” Sie nehmen sie, gucken drauf, vergleichen ihre Noten, stellen mit mir gemeinsam die Stühle hoch und gehen.

Komisch heute hatte ich weder Wut, noch musste ich Emotionslosigkeit spielen. Ich habe einfach die Arbeiten zurückgegeben. Am Ende einer Stunde, in der die meisten ziemlich gut mitgearbeitet haben. Waren aber auch nur 7.

It gives children that gives not


Gestern habe ich die Englischarbeiten meiner Klasse korrigiert. Ging schnell, da die meisten Schüler die beiden Schreibaufgaben gar nicht bearbeitet hatten. Langer roter Strich über die leeren Zeilen, eine kleine Null vor die /10P. Fertig. Mit jeder Arbeit, die ich zensiere werde ich wütender. “Warum lernen die nicht? Ich hatte alles, wirklich alles vorher angesagt. Zwei der Aufgaben haben wir sogar schon im Unterricht bearbeitet. Ich hatte ihnen immer wieder gesagt: “Diese Aufgabe kommt auf jeden Fall in der Arbeit vor.”

Und dann – am Tag der Arbeit – “Häääähhh? Arbeit? Heute? Ich dachte morgen.” “Morgen haben wir gar kein Englisch.” Bei einer Arbeit schreibe ich unter einen Schülertext: Du MUSST mehr lernen, das ist schon fast kein Englisch mehr. Ich erhalte viel direct oversetting: “It gives childrens she will become money.” Dazu kann ich nur sagen: “I think I spider! Have she not anything learnt from me??? I become money and it gives childrens she learn not English. I know not what I must do?”

Morgen will ich die Arbeit zurück gegen. Die Arbeit ist das letzte Puzzelstück ihrer Halbjahresnote. Wir haben noch drei, vier Stunden, bevor ich die Zensuren für die Zeugnisse abgeben muss, aber eigentlich ist alles gelaufen in Sachen: Ich schwöre ich verbessere mich, Sie werden sehen. Jetzt gibt es nichts mehr zu verbessern. Die meisten Schüler werden eine vier oder sogar eine fünf auf dem Zeugnis haben.

Um den Realschulabschluss zu erhalten brauchen sie aber eine Drei. Und wenn sie im Halbjahr eine Fünf (4Punkte) haben, dann brauchen sie im zweiten Halbjahr eine Zwei (10 Punkte) und auf die Drei (7Punkte) zu kommen. Eigentlich eine sehr einfache Rechnung. Die Schüler, die jetzt eine Fünf bekommen werden, werden niemals eine Zwei im zweiten Halbjahr bekommen. Genauso wenig werden sie die erhalten, wie ich im Lotto gewinnen werde. Denn ich spiele gar nicht und sie lernen gar nicht.

Nun habe ich lange überlegt, was ich beim Zurückgeben der Arbeiten sage. In meiner ganzen Wut, die ich wegen ihrer Faulheit empfand hatte ich mir schon die wildesten Ansprachen überlegt. Dann ging es eher in so ein mitleidiges: Was soll ich nur machen… warum lernt ihr nicht? – Gejammer. Dann dachte ich, dass ich sie frage, wie ich denn den Unterricht gestalten soll, damit sie was tun. Was passieren muss, damit sie anfangen Hausaufgaben zu machen und sich regelmäßig im Unterricht zu beteiligen?

Und dann lese ich den Eintrag von Frl. Krise gestern und rege mich wieder auf. Über ihre Klasse, über meine Klasse, über das ganze Schulsystem. Wütend rufe ich Frl. Krise an und frage sie, was ich meinen Schülern zu ihren schlechten Arbeiten sagen soll. Und sie wäre ja nicht King-Teacher, wenn sie nicht den perfekten Tipp hätte. “Du gibst die Arbeiten völlig emotionslos wieder. Hier eure Arbeiten. Packt sie bitte weg, wir fangen mit dem Unterricht an.” Klingt super. Die Frage ist nur, ob ich meine Wut und meinen Ärger unterdrücken kann. Aber Frl. Krise sagt: “Du gibst die Verantwortung an sie zurück. Wenn ihnen ihre Noten egal sind, dann sind sie dir eben auch egal.”

Klingt einleuchtend. Es kann ja wohl nicht angehen, dass ich mir tagelang den Kopf zermartere, wie ich denen den popligen Stoff der Arbeit darreiche und alles mit ihnen gemeinsam vor- und zurück kaue und die mir dann lapidar sagen: “Oh, die Arbeit, habe ich voll vergessen. Nö, gelernt habe ich nicht. Schreiben wir noch eine???”

NEIN WIR SCHREIBEN NICHT NOCH EINE! ES GIBT AUCH KEINE LETZTE CHANCE MEHR. DAS HIER WAR DIE LETZTE CHANCE. DIE IST JETZT WEG. UND HOFFT NICHT AUF DAS ZWEITE HALBJAHR. DA BRAUCHT IHR DANN EINE ZWEI. HALLLLLOOOO, EINE ZWEI!!! DIE MEISTEN VON EUCH HATTEN NOCH NIE IRGENDWO EINE ZWEI AUF DEM ZEUGNIS – AUßER VIELLEICHT IM GEBURTSDATUM!!!!!

Wieder Schule


Mein Lieblingskollege und ich gehen zum Rauchen. Dazu müssen wir den Hof überqueren. Vor der Turnhalle stehen zwei Schüler. Nebeneinander, mit dem Gesicht direkt vor der Wand. “Was machen die?” fragt mich der Kollege “Pissen die gegen die Wand?” Ich bin mir nicht sicher, aber dafür stehen die irgendwie zu dicht an der Wand und zu nahe beieinander. Plötzlich gehen die auf die Knie und und legen ihren Kopf in den Schnee. Hääää? Yoga? Sonnengruß? Dann stehen sie wieder auf. “Die beten.” stelle ich fest und muss mich zurückhalten nicht loszulachen. Ich ziehe den Kollegen am Ärmel weiter zum Ausgang. Er faselt immer noch was von “gegen die Wand pissen.” Ich mag ihn echt gerne, aber manchmal rafft er echt nichts. “Die beeeeeten! Hallllooooo, Moslems!” erkläre ich ihm draußen noch mal, was wir gerade gesehen haben.
Gleichzeitig frage ich mich: Dürfen die das? Dürfen die den Hof einfach so zum Gebetshof machen? Naja, die dürfen sich ja auch nicht schlagen und das machen sie ja trotzdem. Lieber beten, als schlagen, sag ich mal. Aber ein komischer Anblick war das schon. Irgendwie zu intim. Mir wäre fast lieber gewesen, sie hätten nur gegen die Wand uriniert. dann hätte ich ja einschreiten können/müssen. Aber so, so sind wir nur schnell vorbeigeschlichen. Mit so einem Gefühl, dass wir das eigentlich nicht sehen sollten. Der Kollege schon mit der Zigarette in der Hand. Wird das jetzt einreißen? Noch sind das ja nur zwei. Die sind schon älter. Diese ganze Gebetsraumdebatte haben unsere Schüler gar nicht richtig mitbekommen und sich dafür engagieren wäre ihnen nie in den Sinn gekommen. Schülerdemos oder Streikaufrufen gehen an denen unbeachtet vorüber. Und selbst, wenn sie so was mitbekommen, dann vergessen sie das Datum wieder. Auch die ganze Terrorgefahr kam bei ihnen erst an, als sie eigentlich schon wieder aus den Medien verschwunden war.
Abdul irgendwann: “Frau Freitag, haben Sie gehört, es soll Bomben geben auf Weihnachtsmärkten.” “Hmmm, hab’ ich gehört.” antworte ich.
Elif entsetzt: “Echt? Frau Freitag, warum tut Frau Merkel nichts dagegen?”
Süß, wie die Schüler Frau Merkel immer als so eine Art Alleinherrscherin sehen. Wie eine Königin. Oft höre ich den Satz: “Warum macht Frau Merkel da nichts gegen?” Ich berichtete ja schonmal, dass die Schüler auch denken, dass Frau Merkel alle Hartz4 -Ausgaben persönlich bezahlt.
Ach, wo wir gerade bei Hartz4 sind- schön war auch Elifs Zukunftsplanung neulich: “Naja, ich werde wahrscheinlich in meinem Job so 1200 Euro haben, dann verdient mein Mann vielleicht noch so 1500 Euro und dann noch das Geld vom Job-Center…” Keine Angst, den Zahn habe ich ihr gleich gezogen.

Ach, die Lieben Kleinen… morgen sehe ich sie wieder. Ich will mit denen ja am Ende des Jahres so ein Heft machen, wo jeder über jeden was schreibt. Vielleicht mache ich morgen mal diese Rückenstärkenmethode…wo jeder einen Zettel auf den Rücken bekommt und dann müssen die anderen was Positives drauf schreiben. Sonst fällt denen doch zu Peter und Ronnie wieder nichts Nettes ein, außer: “Sie haben nur deutsche Freunde.”
Aber wir haben alle die gleich Königin.

Warum ich hier schreibe


Also ehrlich gesagt, bin ich den zwei Herren – Evalusin und Lehrer Gerke dankbar für die kritischen Kommentare, denn sie haben mich zum Nachdenken gebracht. Den ganzen Tag habe ich darüber gegrübelt, warum ich hier eigentlich täglich schreibe. Und ich will euch mal erzählen, wie das alles anfing:

Also, ich bin Lehrerin – wirklich!!!!! Wäre ich nur eine geschickte Boggerin, dann hätte ich mir wahrscheinlich einen anderen Beruf ausgesucht, über den ich schreiben würde. Und mal ehrlich – ich habe hier schon ein ziemliches Insiderwissen, das hat der Normalblogger nicht. (Werden mir die Lehrerleser bestätigen.)

Vor ein paar Jahren, als meine Klasse in der Achten war, stand ich kurz vorm Burn-Out. Die waren so anstrengend und wenn ich manchmal mehrere Stunden hintereinander bei denen hatte, dachte ich ich drehe durch. Nachts konnte ich nicht mehr schlafen, hatte schon ein ständiges Pfeifen im Ohr, Stimmbandknoten und Augenzucken. Ich ging echt auf dem Zahnfleisch. Eines Tages dachte ich: Jetzt klappe ich zusammen und ging zur Schulleitung: “Schulleitung, ich kann nicht mehr. Ich drehe durch, ich bin kurz davor einem Schüler eine zu scheuern.” Ich wollte Hilfe. Man riet mir zu Yoga.

Ich ging neun Monate jeden Tag (ungelogen!!!) jeden Tag 90 Minuten Yoga machen. Es wurde etwas besser. Ich konnte besser schlafen und war recht gelenkig. Aber so richtig super fühlte ich mich noch nicht.
Jeden Tag passierten so viele Sachen in der Schule. Ich konnte nie gleich nach Hause gehen. Ich musste mir erst alles von der Seele quatschen, mir Rat und Zuspruch holen. Ich laberte und laberte. Alle musste dafür herhalten: Der Freund, der Deutschlehrer, Frau Dienstag und natürlich Frl. Krise.
Und ich schrieb emails. Wenn mich jemand fragte: Wie geht’s so? Dann schrieb ich, was in der Schule los war. Das tat gut. Ich fing an mehr zu schreiben und es war jedes Mal eine Erleichterung und machte mir Spaß.

Ich fing an zu erzählen, dass ich einen Blog/ein Blog schreiben möchte. Mein Freund richtete mir alle ein. Geschrieben habe ich dort ein Jahr nicht. Aber ich erzählte dauernd, dass ich ein/en Blog schreiben werde. Irgendwann sagte der Deutschlehrer: “Das wird langsam zur Lebenslüge.” Das saß und ich schrieb den ersten Eintrag.

Seitdem schreibe ich täglich. Oft, weil das Erlebte einfach aus mir raus muss. Das ist wie, wenn einem total schlecht ist und man weiss, dass man sich viel besser fühlt, wenn man sich übergibt. Oder wie ein Dampfkochtopf, wo man den Druck ablassen muss. Und es ging mir nie darum die Schüler irgendwie vorzuführen oder bloßzustellen, im Gegenteil, wenn ihr wüsstet, was ich alles NICHT schreibe. Oft erzähle ich Sachen, die passiert sind und sage sofort: “Schade, dass ich das nicht schreiben kann.” Es ging eigentlich immer darum, dass es mir besser geht. An Leser habe ich gar nicht gedacht. Es gibt ja auch keine Verlinkungen oder Schlagwörter. Woher die Leser kamen weiß ich gar nicht. Wie so was funktioniert – keine Ahnung. Plötzlich kamen ein paar und dann mehr und mehr. Der Impuls zu schreiben ist aber immer noch der, dass es raus muss. Jetzt bin ich natürlich nicht mehr so gestresst, wie damals. Also nicht mehr ständig.

Ich denke übrigens, dass meine Schüler genug Humor haben, das alles hier richtig einzuschätzen und sich nicht bloßgestellt zu fühlen. Die sind viel zu cool dafür. Das sind keine armen schutzlosen Opfertypen, die nichts abkönnen. Ist ja nicht so, dass ich im Unterricht so ganz anders mit denen umgehe. Wenn die was besonders Bescheuertes sagen, dann stelle ich sie doch auch sofort im Unterricht bloß und nicht erst hier im Blog. Die wissen schon, was ich von ihnen halte und die wissen vor allem, dass ich sie respektiere wie sie sind und dass ich sie mag. Und sie wissen auch, das sie mir oft auf die Nerven gehen. Und ich weiss, dass ich ihnen oft auf die Nerven gehe.

So. Ist doch eigentlich alles recht nachvollziehbar. Dieser Blog bewahrt mich vorm Burn-Out und euch davor meine Frührente zu zahlen.
Und wenn ich mal ein wenig drastisch werde, dann weil meine Berufsrealität eben auch drastisch ist. Ich finde, dass darf ich auch ruhig sein, denn ich gehe schließlich jeden Tag dort hin und stelle mich der Herausforderung. Und die, die auch täglich an der Front sind wissen, wie viel schwerer es ist ein guter Lehrer zu sein, als darüber zu schreiben, wie ein guter Lehrer sein sollte.
Und falls das noch nicht allen klar ist: Ich liebe meine Job und ich finde meine Schüler super!

Der gequälte Lehrer antwortet


Endlich bekomme ich mal kritische Kommentare. Erst evalusin und nun Lehrer Gerke. Da ich heute gar nicht in der Schule war und ich auch bei facebook nichts gefunden habe, womit ich die Schüler mal wieder vorführen kann, möchte ich auf diesen Kommentar antworten.

Hallo, Frau Freitag,
Mert verhält sich halt wie ein Schüler, der sich nach Aufmerksamkeit sehnt und pubertär provokatorisch. Das lernt man in jedem Pädagogik-Proseminar.

Ich: Sorry, aber es ist mir völlig egal, warum sich Mert so verhält. Sein Verhalten stört einfach den Unterricht. Ich denke viel darüber nach, WARUM sich die Schüler so oder so verhalten. Noch nie hat mir die Erkenntnis des WARUM in irgendeiner Weise geholfen. Klar. Er sehnt sich nach Aufmerksamkeit. Das tun die anderen 25 aber auch. Vielleicht hat er aber auch Stress zu Hause oder ein Furz sitzt schief. Was kann ich mit diesem Wissen anfangen? Ich muss doch reagieren und ich bin dafür verantwortlich, dass die anderen, die was lernen wollen auch was lernen können.

Kommentar:
In diesem Blog geht es aber auch gar nicht um Pädagogik, sondern darum, wie evolusin schon sagt, Schüler im Netz bloßzustellen und reißerisch und publikumswirksam Aufmerksamkeit das Spiel „armer Lehrer ständig von Schülern gequält“ zu spielen.
Ich: Genau. Nur darum geht es.

Kommentar:
Vielleicht aber ist Frau Freitag auch gar keine Lehrerin, sondern nur eine geschickte Bloggerin? Das wäre noch die beste Variante. Wenn alles nur erfunden wäre, wäre es eine Geschichte und niemand müsste Angst haben, dass es Schüler gibt, die ihren pädagogischen Bemühungen unterliegen. Nur dann sollten Sie die Leserschaft über Ihre eigentlichen Absichten in Kenntnis setzen.

Ich: Ertappt. Ich bin nur eine geschickte Bloggerin. Ihr glaubt doch nicht im Ernst, dass sich Schüler so verhalten. So bescheuert, so abartig, so politisch unkorrekt, so antisemitisch, so dumm und hirnlos. Wer glaubt denn, dass es wirklich solche Schüler gibt? Das wäre doch schrecklich, wenn die auch nur ein winziger Teil unserer Gesellschaft wären. Und wenn es wirklich solche Schüler geben würde, dann sollte man sie doch nicht auch noch in der riesengroßen Netzöffentlichkeit bloßstellen. Also liebe Leser, ich gebe zu, alles ausgedacht. Aber ihr müsst auch zugeben, das ein oder andere Mal seid ihr mir auf den Leim gegangen. Gebt zu, ihr habt wirklich gedacht, dass es diesen Abdul und diesen Mert gibt. Aber so eine Lehrerin? So unpädagogisch – hallo – die hätte doch schon längst ihren Job verloren… An unseren Schulen arbeiten doch nicht solche gemeinen und zynischen Menschen wie diese Frau Freitag (by the way, bei diesem Frl. Krise würde ich auch mal genauer hingucken.)

Kommentar:
So wäre es mir möglich gewesen, die Umwelt wissen zu lassen, wie schrecklich es ist, traumatisierte Pflegekinder zu betreuen; es gäbe jeden Tag neue Gruseleien zu berichten. Stattdessen ist es aber meine Absicht, unter http://traumakinder.wordpress.com die Interessen dieser Kinder zu vertreten, und das gebe ich auch so an. Ich gebe auch an, dass ich kritisch mit den Ämtern ins Gericht gebe, so weiß jeder, worauf er sich einlässt.

Ich: Den Anfang verstehe ich gar nicht. Vielleicht doch mal ein paar Gruselgeschichten… ist auf jeden Fall publikumswirksam. Aber publikumswirksam ist auch, bei mir einen link zu setzen. Liebe Leser, geht mal alle auf diesen link und zu evalusine auch, die soll ja auch nicht ungelesen sterben.

Kommentar:
Evolusins Blog sehe ich dagegen als fachmännisch und ernsthaft. Deshalb werde ich ihn auch weiter lesen.

Ich: Ist Evolusin nicht eine Frau? Ich meine ja nur so weil hier fachmännisch steht. Und nee, meine Blog ist nicht fachmännisch und auch nicht ernsthaft. Weil ich auch kein ernster Fachmann bin. Klingt aber sehr spannend und ich wünsche noch viel Spaß oder viel Ernst beim Lesen. Und falls der letzte Satz heißt: Ich lese nur noch da und nicht mehr hier… schade. Aber ich kann ja auch niemanden zwingen, meinen bloßstellenden unfachmännischen Quatsch hier zu lesen.

Kopfschmeeeeerzen


Mit Kopfschmerzen geht ja nun gar nicht. Nichts geht da. Nur ich in die Schule. Hätte ich mal nicht machen sollen. Und dann Siebte Klasse. Die mit Cigdem. Sie die ganze Stunde mit Jacke, Schal, Mütze und Handschuhen. Ich ohne Kranft zu sagen: Zieh aus.

Mit Kopfschmerzen werden die Gespräche der Schüler echt unerträglich.

Haram: “Die Warze muss weg.”
Halal: “Was du Hurensohn, ich stopf alle Löcher von deine Mutter.”
Haram: “Deine Oma.”
Halal springt auf, will Haram schlagen.
Ich, kraftlos: “Was denn jetzt? Du hast doch damit angefangen.”
Halal: “Ich ficke sein Vater, dreckiger Hurensohn.”

Und dann regen sich Haram und Halal aber gemeinsam so dermaßen darüber auf, dass die Polizei in ihre Wohnungen kam und die Schuhe angelassen hat und bei haram hätten sie sogar noch einen Hund dabei gehabt.

In dreckigster Art und Weise wird vor mir geredet, aber zum Naseputzen gehen sie vor die Tür.
Mit Kopfschmerzen ist diese elende Doppelmoral echt nicht zu ertragen.

Nicht mal Cigdems Frage: “Frau Freitag, wussten Sie es gibs Schwarze die machen so Teller in die Lippen” konnte mich besser draufbringen. An solchen Tagen hilft nur noch die Couch und gepflegtes Ablästern mit Frl. Krise.

Einsatz moderner Medien im Unterricht fetzt

Heute der Durchbruch!!!! Ich bin KING TEACHER!!!!! Ihr wollt wissen, wie das ist? SUUUUPER!!! Ach, ihr wollte wissen, wie das geht? Okay, dann mal aufgepasst:

Als ich heute morgen aus dem Fenster sah und alles in schönsten Schnee gehüllt vor mir lag, war mein erster Gedanke: Scheiße, die Siebte habe ich direkt nach der großen Pause, na toll. Die werden total durchweicht, mit Schneebällen und hochroten Köpfen in meinen Raum stürmen und alles nass machen.

Im Lehrerzimmer sehe ich auf dem Vertretungsplan auch noch, dass eine Englischkollegin fehlt und die Schüler (ein paar aus ihrem Kurs) zu mir in die Gruppe kommen sollen. Na, das kann ja heiter werden – wie Frl. Krise immer sagt. Ich wappne mich mit einem Vokabeltest und der halbgaren Vorbereitung und begeben mich gehe in Richtung Waterloo.

Die Schüler erscheinen, setzen sich, sie sind recht trocken, einige wissen sogar noch, dass ich einen Test angekündigt habe und lechzen jetzt nach den Blättern, weil sie mit jeder verstreichenden Sekunde die Vokabeln wieder vergessen könnten. Wie übervolle Wassergläser, die man durch den Raum trägt, aus denen das ganze Gelernte raus schwappen kann. Die meisten allerdings lassen das typische: “Ohaaaa, Test? Haben Sie nicht gesagt.” hören.

Sie schreiben den Test, alles läuft in recht gesitteten Bahnen. Nur Mert nervt. Mert sitzt direkt vor meiner Nase. Mert nervt immer. Er macht Geräusche. Wenn ich an der Tafel schreibe, dann klatscht er unterm Tisch. Er öffnet das Buch nicht, wenn ich sage: “Öffnet das Buch.” Er schreibt nicht, wenn ich sage: “Schreibt.” Er ist nicht still, wenn ich sage: “Seid still.” Er macht eigentlich nie das, was ich sage. Wenn alle im Buch lesen und er sich langweilt, dann fragt er mich zehnmal hintereinander: “Auf welcher Seite sind wir?” Er müsste nur zu Deliah gucken, die direkt neben ihm sitzt. Macht er aber nicht. Nein, er fragt mich. Immer wieder. Ich reagiere nicht. Dann gibt er irgendwann auf: “Ich kann ja nicht mitmachen, Sie sagen mir ja nicht auf welcher Seite wir sind.”

So geht das nun schon seit einigen Wochen. Der Rest der Gruppe arbeitet im Großen und Ganzen gut mit. Na, sagen wir mal: einige arbeiten immer mit, einige nie, aber niemand stört so penetrant und permanent, wie Mert. Jede Stunde biete ich ihm einen Neustart an. Nie schaffen wir einen Neustart. Jede Stunde fängt er wieder an zu stören und ich werde sauer oder ignoriere ihn.

Heute sehe ich mitten im Unterricht, dass er die Backen voll hat. “Mert, was hast du da im Mund?” “Haribo.” “Sag mal geht’s noch? Jetzt ist Unterricht. Da wird nicht gegessen!” Er grinst nur. Wenig später sehe ich ihn wieder kauen und nicht mitarbeiten. Und als er noch sein Trinken rausholt und genüsslich seinen Durst löscht, reicht es mir. Ich gehe hektisch an meinen Schreibtisch und setzte mich hin. Dann gucke ich in meine Schultasche – eine reine Übersprungshandlung, weil ich gar nicht weiß, was ich machen will und da sehe ich eine Klassenliste mit den Adressen und Telefonnummern der Schüler. In meiner Strickjackentasche ist mein Handy. Ich nehme es raus und sage ruhig: “Okay Mert, dann rufe ich jetzt einfach deine Mutter an und erzähle der mal, wie du dich hier benimmst.” Die Klasse hält den Atem an. Ich wähle. “Lieber eins und eins Kunde, diese Nummer ist leider nicht vergeben.” Mist. Vielleicht habe ich mich nur verwählt. Ich versuche es nochmal und siehe da:

“Efendim…” Merts Mutter meldet sich am anderen Ende der Leitung. Ich stehe auf und gehe zur Tür: “Ja, guten Tag, hier ist Frau Freitag, die Englischlehrerin von Mert. Wir sind gerade im Unterricht und der Mert stört den Unterricht so sehr, dass die anderen Schüler gar nicht richtig lernen können.”

Dann gehe ich vor die Tür und sage ihr, dass sie doch mal am Abend mit ihrem Sohn sprechen soll und dass er sich morgen besser benehmen muss, da ich sie sonst zu einem Gespräch in die Schule bitten müsste. Als ich wieder in die Klasse komme: Totenstille. Streng und bestimmt sage ich: “Noch jemand Bedarf nach einem Elterngespräch heute Abend?” Hat wohl niemand, denn der Rest der Stunde läuft ruhig und geordnet, bis zum Klingeln. Mert holt noch einmal kurz zu einem Störversuch aus. Ich hole mein Handy raus und flüstere: “Pass auf, ich drücke einmal die Wahlwiederholung und sage deiner Mutter, dass sie kommen soll, um dich abzuholen.” Sofort ist er leise und arbeitet mit und findet sogar die richtigen Seiten im Buch.

Und mit dem Satz: “Boahhhh, sie ist strenger als Frau Hinrich!” wird mir mir noch der Ritterschlag verliehen. Ich bin hin und weg. Endlich geschafft – so muss sich das Paradis anfühlen!!!!!