Schon wieder eine neue Unterrichtsmethode erfunden


Müde. Sehr Müde. Aber muss ja, muss ja, schreiben, Kaffee, Zigaretten, Sport… einer muss ja.

So. Wolltet ihr nicht schon immer mal wissen, wo der Spruch: „Wer zuerst kommt malt zuerst“ herkommt? Der kommt aus meinem Unterricht. Eine spontan erfundenen Unterrichtsmethode.

Heute morgen begebe ich mich widerwillig in meinen Raum. Früh genug, um noch die Zeichenvorlagen zu suchen, die ich meiner Klasse heute im Kunstunterricht vorsetzen will. Ich brauche noch ein paar kleine Noten von ihnen und für große künstlerische Würfe sind wir alle schon zu müde. Ich suche also diese Vorlagen in meinen Schränken, in den Regalen. Nichts. Ich finde viel, aber nicht das was ich suche.

Vor einigen Jahren wäre ich in dieser Situation in Panik ausgebrochen. Noch 10 Minuten bis zum Unterrichtsbeginn und noch keine Aufgabe in Sicht. Heute – abgebrüht berufserfahren – grabe ich mich durch die Berge von Material, die ich in meinem Raum angehäuft habe und werde fündig. Aquarellvorlagen. Das isses. Ein Kollege hatte mir mal lauter alte Kalender mit kitschigen Blumenmotiven geschenkt. Alles aquarelliert.

Ich finde ungefähr 20 verschiedene Motive. Die magnetisiere ich alle an der Tafel. Ich kann kaum hinsehen – sie sind so kitschig, geradezu romantisch. Dazu schreibe ich: Neues Thema: Aquarellieren. So. jetzt können sie kommen. Es kommt nur Esra. „Ohhhh, wie schöööön. Machen wir das heute?“ Dann kommt Peter und dann klingelt es.

Ich fange an die Nichtanwesenden aufzuschreiben. „Peter, hier ist ein Blatt, schreibe mal jeden der Reihe nach auf, der jetzt reinkommt.“ Nach zehn Minuten sind alle da. Ich erkläre die Aufgabe. Wir klären schnell, was Aquarellieren ist. Die Italienerin klärt uns auf – ach ich liebe meine kosmopolitische Klasse. „Ich will das mit den Rosen.“ schreit Ayla. „Nein, das will ich schon „kreischt Christine.

Ich bleibe ganz cool. Früher wäre die Stunde jetzt ins Chaos entglitten, denn die Alphatiere hätten sich die Vorlagen genommen, die sie sich ausgewählt hatten und die Opferschüler hätten schweigend geschmollt und jegliche Mitarbeit für den Rest der Stunde boykottiert, wegen Ungerechtigkeit.

„Sorry Ayla, aber es gibt schon eine Reihenfolge. Als erstes darf Esra sich ein Bild aussuchen. Dann Peter. Wer zuerst kommt malt zuerst.“

Peter liest die Namen vor, alle kommen gesittet nach vorne, suchen sich ein Motiv aus, ich händige das Aquarellpapier aus und alle beginnen zügig mit der Arbeit. Es gibt keinen Streit und keinen Stress. Ich bin begeistert, von meinem Unterrichtseinstieg.

Nach zehn Minuten herrlichster Ruhe kommt Bilal mit einem total vollen Rucksack zu mir. „Frau Freitag, darf ich was essen?“
„Nein, wir haben doch jetzt Unterricht.“
Er öffnet seinen Rucksack und der ist voll mit kleinen Tüten vom Bäcker, trocknen Chinanudeln und Süßigkeiten. Es sieht aus, als würde er das Wochenende in der Schule verbringen wollen.
„Frau Freitag, bitte, ich hab‘ so Hunger. Hier, hier, nehmen Sie auch was. Hier!“
Er zieht eine Tüte raus.
„Hier hmmmm lecker Vanillietasche, mit Schockolade, für Sie, hier, nehmen Sie.“ Ich nehme die Tüte. Sieht lecker aus, diese Tasche. Ich breche ein winizig kleines Stück ab und als ich es in den Mund stecke bemerke ich, wie ich von meiner gesamten Klasse beobachtet werde.

„Abbooooo, sie isst!“ Und ab da gab es kein Halten mehr. Alle holten ihr Frühstück raus, Bilal verteilte großzügig Süßigkeiten (geizig sind meine Schüler nicht) und dann wurde gegessen, bis zum Klingeln.

„Frau Freitag, wir machen einen Deal“, sagt Bilal beim Rausgehen „Ich bringe Ihnen immer Vanielletaschen mit und sie schreiben nicht mehr auf, wenn ich zu spät komme“. Ich schüttle nur den Kopf, weil ich mit der Gummischlange im Mund nicht sprechen kann. Abdul schiebt Bilal durch die Tür und sagt: „Abooo Frau Freitag wäre voll fett am Ende des Schuljahres.“

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20 Gedanken zu “Schon wieder eine neue Unterrichtsmethode erfunden

  1. „Wer zuerst kommt malt zuerst.“ war wohl noch nie so wahr wie heute bei Ihnen. Obwohl „Wer zuletzt kommt isst zuerst.“ jetzt eigentlich in den Sprachgebrauch etabliert werden müsste.

  2. Scheint ja trotz allem eine sehr angenehme Stunde gewesen zu sein.

    Trotzdem: Schwierige Sache…lieber fett und entspannt oder schlank und mit den Nerven am Ende…hmmm… ;o)

  3. Ich sehe die Schüler förmlich mampfend vor mir sitzen.:-)
    Ich wollte ja schon immer mal wissen, woher die Weisheit mit dem zuerst malen:-) kommt. Danke, nun bin ich wieder ein wenig schlauer! Fast finde ich es schade, dass meine Schüler so ausgesprochen pünktlich sind. Ich hätte die Methode sonst auch sofort mal umgesetzt.

  4. Sie sind auf den billigsten Trick der Welt reingefallen. Waren das die Nachwirkungen der Euphorie?

    Aber hach… Chinanudeln. Da ist es um mich geschehen, da vergisst man sich manchmal schneller als es einem lieb ist.

  5. Bitbull kennt kein YumYum? Ich dachte erst, es sei so eine Art Kaugummi oder was, als mein Erstklässler mit dem Wort nach Hause kam. Und dann zeigte er mir im Kiosk mal, was er meint, bin fast umgefallen – und hab zu meiner Erleichterung inzwischen festgestellt, dass es nicht auf unseren Stadtteil und unser Schulform (na gut, Grundschule..) beschränkt ist. Auch Realschüler essen das. Und, ja, die isst man einfach so – obwohl man das noch ganz ausgefuchst machen kann und die Soße und die Würze drüberkippt oder nicht oder was weiß ich (Erstklässler kriegen das auch noch nicht alles so 100%ig mit)

    • dochdoch, ich kenn die yumyums … schon doch, yawoll (kriecht hinterm Mond hevor).

      Aber halt nur angedünstet und weich.
      Gah, trocken UND DANN NOCH die chilitütchen drübergestreut! Da wär ich dann auch 2 Stunden durch den Wind.

  6. Liebe Frau Freitag,
    genau so ist Schule! Schwellendidaktik, Spontan – Ideen, Rettung durch Kollegenmaterial, tolle Stunden, schlechte Stunden, tolle Schüler , ätzende Schüler und immer wieder morgens:
    „Guten morgem liebe Sorgen habt ihr auch so gut geschlafen?…..“
    Meine Schüler trinken morgrens um 7:55 Uhr bereits Limo, essen Chips (Salt & Vinegar!) und sitzen kaum und verteilen die (wenigen! von 2 Mütter geschmierten) Schulbrote.
    Was Jungs in einer 8. Klasse alles essen geht auf keine Kuhhaut. Nebenbei wird mir der Spielstand des aktuellen Browsergames mitgeteilt-weswegen die HAs natürlich
    a) unvollständig,
    b) falsch oder
    c) völlig fehlen.
    „Noch ne schance Frau XY Bitte Ich schwör auf Koran- mei Mutter, Bruder uff alles – sag – Ich schwör! ich mach sse nach!!“ „Nee Bilal (den gibt´s auch bei mir- ist der bei Ihnen auch Hyperaktiv und hat ADHS?) heute nach der 6. machst du die. Wer mittags spielen kann – kann auch arbeiten!…“
    Ich freue mich auf Montag und Ihren Blog! Viele Grüße Kaffeestrauch

  7. Menno. Dieser wundebare, konfliktarme Einstieg mit Bilderverteilung kann ich an Gymnasiumschule vergessen. Die sind immer so pünktlich.

    ;.(

  8. Oh ja, die Schwellenstunden werden manchmal die besten! Vielleicht, weil man dann ganz entspannt rangeht? Auch Routine im Beruf führt dazu, den Unterricht mal etwas entspannter anzugehen. Und vor allem: Lasst die Schüler den Unterricht gestalten und arbeiten, dazu gehen sie ja zur Schule!!!

  9. danke frau freitag, ich hab aufgrund ihrer letzten zeilen mal wieder so richtig herzhaft lachen können (die verbindung strenger blick – kopfschütteln – gummischlange im mund hat einfach was humorisitisches). schöne stunde im übrigen, bravo.

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