Wieder Schule


Mein Lieblingskollege und ich gehen zum Rauchen. Dazu müssen wir den Hof überqueren. Vor der Turnhalle stehen zwei Schüler. Nebeneinander, mit dem Gesicht direkt vor der Wand. „Was machen die?“ fragt mich der Kollege „Pissen die gegen die Wand?“ Ich bin mir nicht sicher, aber dafür stehen die irgendwie zu dicht an der Wand und zu nahe beieinander. Plötzlich gehen die auf die Knie und und legen ihren Kopf in den Schnee. Hääää? Yoga? Sonnengruß? Dann stehen sie wieder auf. „Die beten.“ stelle ich fest und muss mich zurückhalten nicht loszulachen. Ich ziehe den Kollegen am Ärmel weiter zum Ausgang. Er faselt immer noch was von „gegen die Wand pissen.“ Ich mag ihn echt gerne, aber manchmal rafft er echt nichts. „Die beeeeeten! Hallllooooo, Moslems!“ erkläre ich ihm draußen noch mal, was wir gerade gesehen haben.
Gleichzeitig frage ich mich: Dürfen die das? Dürfen die den Hof einfach so zum Gebetshof machen? Naja, die dürfen sich ja auch nicht schlagen und das machen sie ja trotzdem. Lieber beten, als schlagen, sag ich mal. Aber ein komischer Anblick war das schon. Irgendwie zu intim. Mir wäre fast lieber gewesen, sie hätten nur gegen die Wand uriniert. dann hätte ich ja einschreiten können/müssen. Aber so, so sind wir nur schnell vorbeigeschlichen. Mit so einem Gefühl, dass wir das eigentlich nicht sehen sollten. Der Kollege schon mit der Zigarette in der Hand. Wird das jetzt einreißen? Noch sind das ja nur zwei. Die sind schon älter. Diese ganze Gebetsraumdebatte haben unsere Schüler gar nicht richtig mitbekommen und sich dafür engagieren wäre ihnen nie in den Sinn gekommen. Schülerdemos oder Streikaufrufen gehen an denen unbeachtet vorüber. Und selbst, wenn sie so was mitbekommen, dann vergessen sie das Datum wieder. Auch die ganze Terrorgefahr kam bei ihnen erst an, als sie eigentlich schon wieder aus den Medien verschwunden war.
Abdul irgendwann: „Frau Freitag, haben Sie gehört, es soll Bomben geben auf Weihnachtsmärkten.“ „Hmmm, hab‘ ich gehört.“ antworte ich.
Elif entsetzt: „Echt? Frau Freitag, warum tut Frau Merkel nichts dagegen?“
Süß, wie die Schüler Frau Merkel immer als so eine Art Alleinherrscherin sehen. Wie eine Königin. Oft höre ich den Satz: „Warum macht Frau Merkel da nichts gegen?“ Ich berichtete ja schonmal, dass die Schüler auch denken, dass Frau Merkel alle Hartz4 -Ausgaben persönlich bezahlt.
Ach, wo wir gerade bei Hartz4 sind- schön war auch Elifs Zukunftsplanung neulich: „Naja, ich werde wahrscheinlich in meinem Job so 1200 Euro haben, dann verdient mein Mann vielleicht noch so 1500 Euro und dann noch das Geld vom Job-Center…“ Keine Angst, den Zahn habe ich ihr gleich gezogen.

Ach, die Lieben Kleinen… morgen sehe ich sie wieder. Ich will mit denen ja am Ende des Jahres so ein Heft machen, wo jeder über jeden was schreibt. Vielleicht mache ich morgen mal diese Rückenstärkenmethode…wo jeder einen Zettel auf den Rücken bekommt und dann müssen die anderen was Positives drauf schreiben. Sonst fällt denen doch zu Peter und Ronnie wieder nichts Nettes ein, außer: „Sie haben nur deutsche Freunde.“
Aber wir haben alle die gleich Königin.

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22 Gedanken zu “Wieder Schule

  1. „Warmer Rücken“ spiele ich auch gern in meinen Klassen. Das hat letztens erstaunlicher Weise sogar bei einer 13ten funktioniert, wenn auch mit der Ausweitung, dass sie vorher aufschreiben sollten, was sie zur Klasse beitragen.
    Ich mag es, wenn nachher alle so stolz auf ihre Zettel sind. 🙂 Die eine Klasse hat sogar die Zettel an eine Wäscheleine gehängt und nun schmückt es eine Wand im Klassenzimmer… Ein Heiligtum, das die Relilehrerin nicht abnehmen durfte, obwohl sie einen Film per Beamer zeigen wollte. 😉

  2. Ach, bei uns gibt es auch ein paar, die einen Gebetsraum beantragen haben.
    Schlimm ist, dass die sogar die anderen Mitschüler dissen, weil die nicht in der Schule beten wollen.
    Anliegen wurde abgelehnt.

  3. liebe frau freitag,
    seit wochen versüßt mir ihr blog (und der von fräulein krise) den feierabend. normalerweise kommentiere ich selber nicht, sondern lese ganz interessiert anderer user kommentare. aber nach diesem tag muss ich es los werden… ey, respect frau friday! respekt für das, was sie offensichtlich jeden tag leisten, für die geduld, die sie aufbringen, wenn ihre schülerlein sie zum x-ten mal anschwindeln, im unterricht nicht aufpassen und ratschen, was das zeug hält. ich selber unterrichte seit knapp vier jahren am gymnasium, wo ich meistens sehr nette und gut verträgliche kids ohne nebenwirkung unterrichte.
    heute war ich zwei stunden in einer fünften klasse, um dort das lions quest programm machen (kennt ihr vielleicht). und – es war so ziemlich das gräßlichste, was ich seit langem erlebt habe. ein, zwei störer, die den unterricht versuchen zu sprengen, ok. aber von der sorte gleich sechs! nach zwei stunden war die stimme total im eimer und im geiste habe ich dem einen oder anderen eine gescheuert. ok, völlig unpädagogisch, aber wenn´s nur im geist ist, güldet es nicht.
    jedenfalls kam mir der gedanke, dass wir lehrerlein am gymnasium häufig im schülerluxus leben und uns sonst was auf unseren stress einbilden. und dabei gibt´s genug kollegen an anderen schularten, die jeden tag mit solchen klassen kämpfen. und deshalb nochmal: respekt!
    viele grüße,
    castro

  4. Moslems beten nicht im Dreck.
    Wenn ein Moslem betet, muss alles ganz sauber sein.
    Deshalb auch der Gebetsteppich, damit er nicht im Dreck knien muss.
    Sauberkeit ist dort extrem wichtig.

  5. Warum ist es eigentlich so schlimm wenn Schüler beten?
    Ob nun Moslems nach Mekka beten, Christen im stillen Kämmerlein und wieder andere woanders – wo ist das Problem?

    Hat das alles nur was mit der Trennung von Staat und Religion zu tun? Aber wie rechtfertigt man dann Kreuze im Klassenzimmer (typisches Beispiel, sorry).

    Solange nicht versucht wird irgendjemanden zu bekehren sollte das doch eigentlich kein Problem sein, oder doch? Toleranz sollte doch für alle gelten.

    Wahrscheinlich bin ich mal wieder zu naiv.

    • Ja!
      Erstens: Kreuze gibts in staatlichen Schulen nicht (Vielleicht in Bayern noch?).
      Zweitens: Bei uns sind die „Beter“ einige wenige aggressive, fanatisierte junge Männer, die keinerlei Toleranz kennen, Andersgläubige sind für sie unreine Ungläubige und Menschen zweiter Klasse. . .Außer dem Islam lassen sie keine Religion gelten. Muslime, die nicht in der Schule beten wollen, werden von ihnen offen niedergemacht und diffamiert..ganz übel. Da muss man als Schule deutliche Grenzen ziehen, wenn man nicht will, dass sich so eine intolerante Weltanschauung in der Schule ausbreitet.

      • Was Fräulein Krise da beschreibt, ist natürlich eine üble Sache: Wenn solche „fanatisierten, aggressiven jungen Männer“ anderen Muslimen das Beten vorschreiben wollen und Nicht-Muslime als zweitklassig behandeln, müssen ihnen natürlich klare Grenzen aufgezeigt werden.
        Es muss klar sein, dass in der Schule jeder Respekt verdient, unabhängig davon, welcher Religion oder Weltanschauung er anhängt oder wie er diese nun lebt.
        Das heißt mE aber auch, dass das umgekehrt auch für fromme Muslime gelten muss (auch um der Glaubwürdigkeit dieser Position willen): Das heißt, wenn Schüler einfach nur selbst beten wollen, ohne den Schulbetrieb zu stören und ohne dieses aggressive Verhalten zu zeigen (wie wohl die beiden Jungs in Frau Freitags Bericht), sollte das möglich sein.

        Sag ich jetzt mal so vom Schreibtisch aus; im Alltag, aus dem Frau Freitag und Fräulein Krise so lebendig berichten, ist das natürlich wohl nicht so einfach …

      • Ach so, und Kreuze im Klassenzimmer: Doch, in katholischen Regionen gibt’s die durchaus noch, solange keiner was dagegen sagt. In Bayern stehen sie mW sogar im Schulgesetz und werden – um dem Verfassungsgericht Genüge zu tun – dann abgehängt, wenn einer das verlangt; womit man sich dann natürlich richtig beliebt macht …

  6. Hach, Aretha Franklin…., einen exzellenten Musikgeschmack hast du…., auch wenn der Titel nun nicht unter der Prämisse *Musikgeschmack* gepostet wurde 😉

    Aber da kann man versinken und ins Träumen geraten und das hilft doch über den -manchmal- nicht so tollen Tag etc. hinweg.

    Oder? 😉

    Herzlichst

    Wiebke

  7. „DÜRFEN DIE DAS?“

    Natürlich dürfen die „das“. Nur in radikal laizistischen Staaten ist das Beten in der Öffentlichkeit verboten. Im säkularen Deutschland herrscht zwar eine strenge Trennung von Kirche und Staat (deswegen werden an staalichen Schulen die Kreuze in Klassenzimmern auch sofort abgehängt, wenn sich jemand dadurch gestört fühlt) aber wir haben auch eine gundgesetzlich festgeschriebene Religionsfreiheit, die sich wie folgt definiert (WP):

    „Die Religionsfreiheit ist ein Grund- und Menschenrecht. Sie besteht vor allem in der Freiheit eines Menschen, seine Glaubensüberzeugung oder ein weltanschauliches Bekenntnis frei zu bilden und seine Religion oder Weltanschauung ungestört auszuüben sowie ihren Gesetzmäßigkeiten entsprechend zu handeln, einschließlich dafür zu werben, einer Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft anzugehören. Hierzu gehört auch die Freiheit, kultische Handlungen frei auszuüben (Kultusfreiheit). Zur Religionsfreiheit gehört auch die Freiheit von Religion, somit die Freiheit eines Menschen, keiner Religion angehören zu müssen.“

    Sie und Frau Krise können das finden wie Sie wollen, aber daran kommen Sie nicht vorbei. Und ich bin a) Atheist und b) kein Freund des Islam.

    • Naja, „streng“ ist die Trennung von Staat und Kirche hierzulande ja nun wirklich nicht. Immerhin gibt’s in fast allen Bundesländern konfessionellen Religionsunterricht, Theologie (mit kirchlichem Einfluss) als Fach an staatlichen Universitäten, den Status als „Körperschaft des öffentlichen Rechts“ für Kirchen und andere Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften, Kirchensteuereinzug, Vertreter von Religionen in Rundfunkräten …
      Wobei die Gesellschaft mit dieser „hinkenden Trennung“ allerdings mMn auch gut gefahren ist, aber das ist ein weites Feld.

  8. Es gibt übrigens in Brandenburg ein Recht, Informationen über den Weltanschauungs- und Religionsunterricht auszuhängen. (http://tinyurl.com/27qnnfb) Das betrifft auch die Humanistische Union und würde auch muslimische Organisationen betreffen – wenn es denn Muslime gäbe. Eine Regelung zu Kopftüchern oder Ausübung der Religion in der Schule gibt es nicht.

    Meine Überzeugung: Wer tolerant gegenüber anderen ist, hat selbst Toleranz verdient.

  9. Liebe Frau Freitag,

    mein Lionsquest Pappteller liegt auch wohl verwahrt im Schrank. Könnte ich mir eigentlich mal wieder anschauen…
    Nutzen Sie LQ im Unterricht?

    Beste Grüße

  10. Also…. ich finde die Idee mit dem Pausengebet gar nicht übel.
    Das hat doch soe einen kleinen Touch von Meditation und Yoga.
    Sollte sich dies nicht positiv auf den Unterricht auswirken?

    Die Rückenstärkemethode gefällt mir gut, die werde ich bei der letzten Probe meines Damenchores mal ausprobieren.
    Die Sängerinnen, Altersdurchschnitt 69, pissen zwar nicht an die Garage, aber sonst sind die auch nicht ohne und haben leicht spätpubertierende Züge an sich.

  11. Liebe Gemeinde,
    Toleranz ist wichtig. Klar sollen Leute beten dürfen, wenn sie das wollen. Es wäre allerdings schwer für mich, dies in Schulen mit ansehen zu müssen.
    Religion stammt aus einer Zeit, als es hier noch anders aussah und das Meiste unerklärlich war. Höhere Mächte wurden erfunden, um sich nicht vor Angst in die Hose zu machen. Angst vor dem Mysteriösen, Angst vor dem Tod. Götter wurden angebetet, um wenigstens irgendetwas dagegen tun zu können. Diese Zeit ist vorbei. Genauso wie die Zeit der europäischen Königshäuser und der Telefone mit Wählscheibe. Steht beides in Vitrinen und erinnert an eine ferne Epoche. Als nächstes sind CD-Rohlinge und die Gewerkschaften dran.
    Dass es den Religionen der Welt weiterhin gelingt, die Leute bei der Stange zu halten, muss jeden vernünftig denkenden Menschen stutzig machen. Angst wird künstlich aufrecht erhalten, alle sind grundsätzlich schuldig und sündig und es wird einer Macht vertraut, die irgendwie im Himmel verortet ist. Kurz: Man richtet sich nach jahrtausendealten Ideen und Regeln und gibt seinen Verstand an der Garderobe ab. Nicht zu reden von vergangenen und aktuellen Verfehlungen wie Kreuzzügen, Missionierungen, Verbrennungen, Jihads und Selbstmordbombern. Außer ein paar schöner Kirchen, Geschichten und Liedern kann ich kaum etwas an den alten Religionen finden, was uns für die Zukunft in irgendeiner Form etwas bringen sollte. Schönes Anschauungsmaterial für den Kunst- und Geschichtsunterricht.
    Wer all das heute noch zu brauchen glaubt, o.k. Aber man muss es doch der Jugend nicht nicht auch noch staatlich legitimiert per Schule weitervermitteln und ‚Zauberräume‘ in den Schulen einrichten, wo Geister angehimmelt werden. Simsalabim. Magic-Rooms sind was für Harry Potter, nicht für staatliche Schulen.
    Darüber hinaus ist es für mich der Lehrer Pflicht, übernatürlichen Unsinn kritisch zu begleiten und möglichst aus den Köpfen der nächsten Generation fernzuhalten. Bestimmt keine leichte Aufgabe, aber lieber einmal mehr über Religion sprechen und kritische Fragen stellen als – unter dem wohligen Deckmantel der Toleranz – gar nicht. Wer privat zum Esoterischen oder Relogiösen tendiert, soll das auf jeden Fall ausüben dürfen und sich zum Hampelmann machen. Meiner Ansicht nach eine Krücke, für diejenigen, die nicht alleine gehen können. Dennoch muss das natürlich gestattet sein. Auch Moscheen sollen gebaut werden, Verbote führen da zu nichts. Aber von einer aufgeklärten Gesellschaft erwarte ich, dass deren Institutionen zur Erziehung und Lehre von Religion freibleiben – von der christlichen, die ja in einem christlich geprägten Land auch in anderen Schulfächern genügend repräsentiert wird, wie auch von anderen Religionen.
    Türken aus Istanbul beispielsweise schütteln den Kopf darüber, wie sich in Berlin unter ihren Landsleuten kokonartig eine Religiösität erhält, die dort in der Breite gar nicht mehr anzutreffen ist. Und die muslimischen Schüler wissen gar nicht mehr, wie sie sich zwischen Fasten, Facebook und Fluchen, Patriarchat und Party, Allah und Alkohol verhalten sollen. Mit schwachsinnigen Mystikkonstrukten sollen sie davon abgehalten werden, sich für Individualität, Austausch, Gleichberechtigung von Mann und Frau und unverhülltes Daherschreiten in der Öffentlichkeit zu öffnen. Das kann doch nicht allen Ernstes noch unterstützt werden.
    In ein paar Jahrzehnten ist es doch sowieso vorbei mit dem ganzen Religionsspuk. Folgende Generationen werden es leichter haben, globaler über diese ausgediente Altlast hinwegzukommen. Also halten wir den siechen Patienten nicht künstlich am Leben, sondern schalten die Maschinen ab.
    Glaube ist etwas Tolles. Aber überzeugen wir doch die Schüler lieber davon, dass es schöner ist, an sich selber, die eigene Stärke, die Liebe, Freundschaft, Humanität, Musik oder Lehrer Gehrke zu glauben, als an einen Himmel voller Engel oder Jungfrauen. AMEN
    Pater Franziskus

    • danke für diesen langen leidenschftlichen kommentar. Meiner meinung nach ist der soziale druck das problem. wenn einige anfangen in der schule zu beten, dann sind die, die nicht beten die schlechteren moslems und das will ja keiner sein. und dieser soziale druck ist stark. bevor hier jetzt die toleranz-debatte ausbricht – glaubt mir das mal, dass der druck nicht gut ist für den einzelnen.

  12. Na ja, Frank,

    ich teile zwar einige ihrer Überzeugungen, nur sollte man nicht in einen dogmatischen Atheismus abgleiten. Sie schreiben von „religiösen Verfehlungen“ übersehen aber dabei, dass im Namen der Menschenrechte verdächtig viele Menschen ermordet wurden. Oder wie es der Philosoph Dávila auf den Punkt bringt: „Die Demokratie feiert den Kult der Menschheit auf einer Pyramide von Schädeln.“ Die Gotteskrieger, die Sie anprangern, werden nicht durch ihre Religion legitimiert – auch nicht durch den Islam, der noch am ehesten verdächtig ist. Sie sind schlichtweg Fanatiker, genau wie jene, die im Namen einer Ideologie morden.
    Der Glaube erfüllt eine wichtige Funktion: Er domestiziert das Tier im Menschen. Das können auch entsprechende Werte, die aber viele Menschen nicht (mehr) von allein entwickeln können, vor allem nicht die schlichten Gemüts. Ohne es zu wissen, schließen sich viele Menschen Ersatzreligionen an, weil ihnen Haltgebendes im Leben fehlt. So etwa dem Satanismus, dem Naturkult oder Gaia-Mythos, oder anderem esoterischen Klimbim. Das mag für diese Menschen besser sein als an nichts zu glauben, also zu akzeptieren, dass mit ihnen nichts beabsichtigt ist. Diese Leute sind meines Erachtens besser in der Kirche aufgehoben. Weiter ist nicht einzusehen, dass Ersatzreligiöse oder auch bekennende Buddhisten wie Nina Hagen oder Richard Gere als „cool“ empfunden werden, aber der christliche Glaube, vor allem wenn konsequent praktiziert, als irgendwie anstößig, miefig, ewig gestrig etc. angesehen wird.
    Ich teile Ihre Ansicht, dass Gott aus Angst erfunden wurde. Heute wissen wir, dass wir nichts weiter sind als „Sternenstaub am Rande der Galaxis“ (Richard P. Feynman), dass alles mit dem Urknall begann und dass sich das Universum ausdehnt (in irgendwas). Wir wissen dass die Liebe nichts weiter ist als das Ergebnis von Hormonausschüttung und dem Zusammenspiel von irgendwelchen Synapsen. Diese Erklärungen befriedigen nicht im Geringsten. Brauchen wir also einen Gott nötiger als jemals zuvor? Für mich ist die Liebe mehr als Elektrochemie. Und das halte ich ganz und gar nicht für unvernünftig. Als Atheist sollte man sich heute lieber zurückhalten. Dazu zwei schöne Zitate:

    „Ich brauche keine Gott, trötet der Denkwurm ins All; da wird es aber beeindruckt sein, das All.“

    „Im 18. Jahrhundert war der Atheismus so elegant wie der Liebesbrief. Heute ist er so plump wie die SMS.“

    • Hilger Greve,

      vielen Dank für diese ausführliche Antwort. Ich ich stimme mit Ihnen überein, dass der Glaube eine nicht unwichtige Funktion hat. An eine Religion oder einen bestimmten Gott zu glauben ist überspitzt gesagt aber eben nicht mehr als eine hölzerne Gehhilfe für Leute, die nicht so gut zu Fuß sind. Vielleicht wäre für die aber Physiotherapie, Massage, ein Wunderheiler oder eine Operation besser.

      Natürlich sind die von Ihnen genannten Ersatzreligionen da weit gefährlicher. Aber ich würde ja auch nie sagen, dass alle alkoholabhängigen Leute beim Alkohol gut aufgehoben sind, da sie ja dann immerhin kein Heroin spritzen. Und hier noch ein lustiger Vergleich: Wenn Ihnen die halbe Menschheit erklären würde, dass sie an den Weihnachtsmann glaubt und Sie sagen aber: Nein, die Geschenke kaufen die Menschen selber. Darauf die Leute: Nein, das sieht vielleicht so aus, aber in wirklichkeit bringt die der Weihnachtsmann vom Nordpol mit.

      Vielleicht kann man so nachvollziehen, wie sich als Atheisten fühlen. Man akzeptiert Religion als nette, hilfreiche, fantasievolle Macke, aber wenn man ernsthaft darüber nachdenkt, möchte man, um im Duktus der hier beschriebenen Schüler zu bleiben, ausrufen: Was seid IHR denn für Spasten?
      Einerseits ist es schön, wenn man Kinder sieht, die fest an Märchengestalten und den Weihnachtsmann glauben. Das sollen sie so lange wie möglich tun. Fantasie und Imagination sollten immer gefördert werden. Genauso schön ist es zu sehen, wie Kinder dies irgendwann hinterfragen und später mit einem Lächeln zurückblicken: Ha, ich hab früher wirklich geglaubt, dass es den Weihnachtsmann gibt. Aber gläubige Leute bleiben aus meiner Sicht in dieser Phase der Uneigenständigkeit hängen. Unter anderem weil sie entweder dazu ermutigt werden (Familie, sehr religiöses Umfeld/Land) oder eben nicht kritisch konfrontiert werden bzw. in ihrer eigenen Persönlichkeit nicht gestärkt werden.

      Dabei weiß ich noch nicht mal, ob ich ein Atheist bin, denn Gott ist ja existent. Die ewige Frage nach dem Gottesbeweis oder die agnostische Sicherheitshaltung (ich kann es nicht wissen) ist für mich nicht besonders hilfreich. Natürlich gibt es Gott – für die Leute, die an ihn glauben. Das muss man anerkennen. Für diese Trauergestalten ist er real existent. Na gut, das ist wahrscheinlich doch agnostisch. Ich bin wahrscheinlich eher antireligiös.
      Ich ich ertappe mich ja auch dabei, wie ich denke: Oh, da hat das Schicksal es aber gut mit mir gemeint. Oder: Das sollte jetzt bestimmt so sein, damit später dann das und das passieren kann. Prima, so ein kleiner Übernatürlicher Anfall, ein Kitzel, ein Spiel mit der kompletten Unterordnung unter eine höhere Instanz, die alles richten wird. Finde ich kein Problem, solange sich dies in Grenzen hält.
      Um beim Alkohol zu bleiben: Ich trinke mir ja auch gerne einen an und genieße es. Die meiste Zeit verbringe ich aber klaren Geistes. Daneben suche ich mein Glück in Selbstverwirklichung, Liebe und Freundschaften. Noch kurz zur Liebe: Ist es nicht toll, dass sie unerklärlich ist? Könnte man doch auch gleich sie direkt als Phänomen anbeten.

      Ich bin schlicht und einfach dafür, dass jeder seinen eigenen – gerne auch spirituellen – Weg sucht und findet und sich nicht einfach irgendetwas vorgefertigtem anschließt. Und eben schon gar nicht etwas, dass an Unaktualität nicht zu überbieten ist, wie die Weltreligionen.

      Also anstelle von Gebetsräumen lieber eine Stunde mehr Philosophie (als Anleitung zum selber Philosophieren) bzw. gut gemachten Lebenskunde-Unterricht oder Gesprächsrunden in kleineren Gruppen. Im Prinzip das, was Frau Freitag die ganze Zeit mit in ihren Unterricht einbaut, ohne dass es im Lehrplan steht. Staat und Religion sind zum Glück bei uns getrennt. Die Schule sollte nicht den Fehler machen, dennoch die eingefahrenen Wege des Glaubens fortzuführen, sondern weiterdenken.

      In der Hoffnung, das All auf nicht zu plumpe Art ein wenig beeindruckt zu haben, verabschiedet sich
      Frank

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