Das Gehirn


Heute mal was aus der Kategorie: Es ist günstiger, wenn man sich Gesichter merken kann, als wenn man das nicht kann.
Eigentlich habe ein Supergedächnis. Oft werde ich beneidet, vor allem von meinem Freund, dass ich mir alles, wirklich alles merken kann. Das nutzloseste Wissen wird in den unendlichen Weiten meines Hirns dauerhaft abgespeichert. Möchte jemand den Geburtstag der Exfreundin meines Exfreundes wissen? Interessiert jemand meine Telefonnummer, die wir hatten als ich acht war? Oder das Autokennzeichen von dem blauen Käfer, den meine Mutter fuhr, als ich neun war und wann werde ich mal mitteilen müssen, an welchem Tag meine beste Freundin in der Grundschule zum ersten Mal ihre Tage bekommen hat. Ich würde gerne, aber ich kann diesen ganzen Informationsmüll einfach nicht löschen. Es war der 14.4.

Jedenfalls dürfte mir Supermemorybrain sowas wie heute eigentlich nicht passieren.

Ich will gerade die Schule verlassen, da steht plötzlich ein junger Mann vor mir, der mir sehr bekannt vorkommt. “Frau Freitag, schön dich zu sehen.” begrüßt er mich. Ich erinnere mich auch an ihn. Er hatte vor ein paar Jahren mal bei uns unterrichtet. Jetzt steht er da, mit einer großen Schachtel Pralinen. Er erzählt und erzählt, an welchen Schulen er überall unterrichtet hat und, dass er jetzt zu uns wechseln möchte und dort sein Referendariat machen will.
Ich gucke ihn die ganze Zeit an und versuche ihn einzuordnen.

Dann hab ich es: Das ist der Referendar, der in meiner Klasse unterrichtet und nur Chaos veranstaltet hat. Ein Opferlehrer aller erster Güte. Damals hatte ich nur Ärger. Die Schüler haben sich über ihn und er sich über die Schüler bei mir beschwert. Grauenhafte Erinnerung visualisieren sich vor mir. Abdul zeigte mir mal Handyfotos von einem völlig verwüstetem Raum. “Höhöhö, Frau Freitag, gucken Sie, so ist es immer in Erdkunde.” Irgendwann war er dann weg. Hat die Schule gewechselt. Lange hieße es, den hat meine Klasse auf dem Gewissen. Meine Schüler suhlten sich noch monatelang in diesem fragwürdigen Ruf.
“Ich dachte, dass ich das Referendariat dann hier mache. Am Gymnasium hat man doch nur Ärger mit den Eltern.”
“Wiiiieeee bei uns willst du das machen? Aber das ist doch so hart bei uns. Bei uns hast du dann immer Ärger mit den Schülern. Du hattest doch so viel Stress mit den Schülern…”
“Nööö, die Schüler mochten mich eigentlich immer.”
Wie jetzt, die mochten den immer? Meine Klasse hat ihn gehasst. Ich verstehe gar nichts mehr. Was ist das für ein Masochist? Der hatte doch extra die Schule gewechselt und jetzt will er zurück.
Er versucht mich zu überzeugen, wie gut das wäre, gerade an unserer Schule das Referendariat zu machen und ist irritiert davon, wie vehement ich versuche es ihm auszureden.

Irgendwann gebe ich auf: “Du ich muss los. Na, ich würde mir das an deiner Stelle nochmal überlegen. Klar, das Kollegium ist super bei uns, aber in den Klassen bist du ja alleine. Da hilft dir dann auch kein nettes Kollegium. Naja, musst du ja wissen.”

Dann latsche ich zum Bus. Komisch, der war doch schon im Referendariat. Hatte der damals nicht ganz mit dem Lehrerwerden aufgehört? Und wie lange ist das denn her? Da war doch meine Klasse in der Achten. Jetzt sind sie Zehnte…

Und dann wird mir plötzlich schlagartig klar, was passiert ist: Ich habe ihn verwechselt. Dieser Typ eben war nur mal kurz Vertretungslehrer bei uns. Nett, kam gut klar, immer easy und wie er schon sagte, bei den Schülern sehr beliebt. Au Backe, wie peinlich… und was ich dem alles gesagt habe…sogar, dass er doch damals wegen meiner Klasse aufgehört hat. Ob er sich denn daran gar nicht mehr erinnern kann. Dabei hat er meine Klasse nie unterrichtet. Peinlich!

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19 Gedanken zu “Das Gehirn

  1. Jetzt machste alles selber, wa!?
    Aber sag doch mal die Telefonnummer…Ich weiß meine auch noch: 29665!!
    Muss ich glatt ma meine Ellis fragen, ob die das noch wissen…
    Nutzloses Wissen gab ich auch letztens zum Besten: 80% der Sexualkontakte von Giraffen sind homosexuell, sagte ich also nur so, darauf einer der Anwesenden: Das liegt bestimmt an den langen Hälsen, da können die nicht so gut unten nachkucken….

  2. Total konfliktfrei. Aber das Superbrain hab ich auch – leider. Weil mir die Telefonnummer meiner Freundin aus dem Kindergarten nix nützt, wenn ich mich eigentlich daran erinnern müsste, dass meine Söhne heute ihren Büchereiausweis im Kindergarten brauchen.
    ;-)

  3. Voll komisch so ohne Juden und Araber … und nerven tun mich viel mehr die doofen Geigen. Braucht dieser Super-Song doch überhaupt nicht. Die hat bestimmt Phil Spector reingemischt. Na jetzt kann er niemandem mehr irgendeinen Geigen-Schmalz überschmieren, höchstens seinem Zellennachbarn Charles Manson.

  4. ohhhhhmann, bei diesem bericht hab ich gleich muffensausen bekommen: spricht mann über mich als frische erdkunde(!)- und kunst-referendarin etwa auch so hinter meinem rücken? eigentlich denke ich auch die schülerinnen mögen mich. zumindest fragen sie mich auch bei bebgegnungen im schulhaus häufig, wann ich bei ihnen wieder unterrichte und beim weihnachtsbasar kamen einige freiwillig zum klapp-karten basteln zu mir… ich habe bisher auch nicht in erwägung gezogen die schule zu wechseln oder aufzuhören.
    trtzdem: jetzt würde ich echt gerne mal wissen, wie man so über mich spricht!

  5. Ich glaube nicht, daß es möglich ist, ihren Schülern wirkliches Milteid beizubringen, wenn sie deren “Opfer”- Denkweise übernehmen, das über bloßes bemitleiden hinausgeht.

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