Es geht voran


Ach ja, der Bilal, irgendwie hatte ich heute gar keine Lust auf paradoxe Intervention. Manchmal ist der Enthüllungsimpuls am nächsten Tag einfach weg. Ich habe ihn gefragt, wie es seiner Mutter geht und er meinte besser. Dann habe ich erzählt, dass ich mit seiner Schwester gesprochen habe und er hat nur geantwortet, dass die gar nicht da war und nichts mitbekommen hat. Dann hatte ich keine Lust mehr auf das ganze Thema. Soll er doch lügen wie er will. Die Stunde ist für mich unentschuldigt und das reicht dann auch.

Mariella und Emre habe ich heute mitgeteilt, dass sie beide nicht zur Realschulprüfung zugelassen sind. Haben sie recht entspannt hingenommen. Müssen sie halt nichts vorbereiten. Ich hatte viel mehr direkten Frustabbau erwartet. Der blieb aus.

Ansonsten hat meine Klasse heute recht gut gearbeitet. Konzentriert haben sie Plakaten über den Holocaust gebastelt. „Wie heißen diese Dinger an den Duschen?“ „Duschkopf?“ „Ja.“

Mit Fatma führe ich auf Facebook einen privaten Diskurs zum Nahostkonflikt. Sie hat mir ein Video geschickt, dass Hiltler noch lebt, aber nur unter neuem Namen. Dort waren Bilder aus der NS-Zeit und Bilder aus Israel nebeneinander gestellt. Dann stand unten immer Deutschland und auf der anderen Seite Palästina. Zu sehen gab es u.a. Kinder im KZ am Zaun stehend. Dann Kinder vor einem Zaun in Palästina. Dann Soldaten im KZ mit Gewehren. Dann Soldaten mit Gewehren an der Israelischen Grenze. Dazu traurige Musik und ein kurzer Text, dass man den zweiten Holocaust verhindern soll.

Ich bin sehr detailiert darauf eingegangen, denn sie hatte mir geschrieben, dass die Israelis doch das Gleiche mit den Palästinensern machen, wie die Deutschen damals mit den Juden. Habe ich erstmal nachgefragt, ob es denn in Israels KZs gibt und dort Palästinenser vergast werden. Ich bin gespannt auf ihre Antwort.

Z.Z. ist meine Ziel lediglich, dass sie genauer hinguckt und genau definiert, was sie sagen will. Außerdem möchte ich sie sensibilisieren, dass Bilder kritisch betrachtet werden müssen.
Mir würde es schon reichen, wenn sie in Zukunft von Israelis und nicht von Juden spricht. Die Religion soll da mal rausgehalten werden. Sie spricht ja auch von Palästinensern und nicht von Moslems. Nicht alle Moslems haben im Nahostkonflikt zu tun und nicht alle Juden nehmen den Palästinensern irgendwas weg.

Sie hat sich noch mal dafür entschuldigt, was sie über die Bilder aus dem KZ geschrieben hat und mir versichert, dass sie das in meiner Gegenwart nicht mehr tun wird. In ihren Kopf rein und dort alles waschen kann ich ja leider nicht, aber wenn sie sich in Zukunft differenzierter ausdrücken kann, dann ist doch schon mal was gewonnen.
Langsame ernährt sich das Eichhörnchen!

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Allgemein

12 Gedanken zu “Es geht voran

  1. Ich drück ihnen die Daumen, dass sie zumindest die geraden Denkweisen etwas aufbohren können 😉
    Vielleicht wäre es auch eine Idee, erstmal einen Konflikt näher anzusehen, in den möglichst niemand mit persönlichen Gefühlen involviert ist (Ruanda zb) und dann das ganze auf persönlichere Dinge wie Holocaust/Nah-Ost zu übertragen?

  2. irgendwie seh ich das aber auch so wie einige deiner schüler. was da in israel passiert erinnert doch sehr an apartheid und unterdrückung aufgrund der religionszugehörigkeit. den artikel den mia gepostet hat, habe ich vor einigen tagen schon gelesen. imo ein gutes beispiel, nicht representativ für gesamt-israel, aber er zeigt doch wie es in gewissen teilen des landes abgeht.
    „niemand hat die absicht eine mauer zu bauen“ hört sich zynisch an, aber ist meiner meinung nach die realität.

  3. Vielleicht klingt es seltsam (weil ich mit Ihrer Schule nichts zu tun habe), aber ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie am Ball bleiben. Ich weiß, Sie müssten es nicht, und es ist nicht selbstverständlich. Aber mir scheint es immens wichtig – danke.

  4. Das ist eine Heidenarbeit, die Sie da machen Frau Freitag. Aber es gibt ausser Nichtstun keine Alternative. Nur dass die meisten diese vorziehen. Deshalb: Vielen Dank.

  5. Das war ja völlig relativierend, denn natürlich gibt es auch den gefühlten Holocaust. Also, daß einem so ist, als würde man jede Minute eingesammelt und weggebracht oder als würde das mit anderen geschehen.

    Wieso basteln Schüler Plakate über den Holocaust? Das würde mich mal interessieren. Der ist ja immerhin schon etwas her. Und gibt es auch Plakate über die „Säuberungen“ in der Sowjetunion oder China? Oder über die Morde durch Pol Pot? Oder liegt das daran, daß das im Ausland stattgefunden hat. Die Massaker an den Armeniern, wäre auch ein gutes Thema.

    Ich wundere mich nur, in meiner sozialistischen Schule, damals, haben wir zum Beispiel keine Plakate über die Verfolgung der Gegner des Hitlerregimes gebastelt, das war Geschichte eben. Vergangen. Außerdem waren wir damals in der DDR die Guten, während die Nazis alle in der BRD saßen. Jetzt, mit der richtigen Mischung der Guten und bösen, sollte diese Bastelei da nicht ein Ende finden?

  6. Gut wäre vielleicht auch, nach Qassam zu googeln und den Orten, die da betroffen waren, und sind, und die Schüler mal zu fragen, wie einem denn so ist, wenn man weiß, jeden Moment kann eine Warnung kommen, daß ein Raketenabschuß gesichtet wurde und man hat nur 15 Minuten Zeit, einen sicheren Ort aufzusuchen und unter dieser Bedrohung jeden Tag, rund um die Uhr und mehrere Jahre zu leben. Denn zeitgleich kommt ja nicht die Meldung, daß die Rakete auf unbebautem Land einschlägt, man weiß das ja nicht vorher. Als potentielles Raketenziel. Da hilft es auch nicht, wenn deutsche Medien den Begriff „selbstgebastelt“ verwenden. Auch ein selbstgebasteltes Rohr vom Durchmesser 85 mm oder 120 mm, gefüllt mit Sprengstoff und zur Zündung gebracht, macht einen schönen Knall und verstreut seine Splitter im beachtlichen Radius.

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