Lügen haben keine kranken Mütter

„Guten Tag, hier spricht Frau Freitag, ich bin die Klassenlehrerin von Bilal. Spreche ich mit Bilals Mutter?“
„Nein, ich bin die Schwester.“
„Könnte ich mal mit seiner Mutter sprechen?“
„Die kann nicht gut Deutsch, worum geht es denn?“
„Ich wollte mich nur mal erkundigen, warum der Bilal am Freitag zu spät in die Schule gekommen ist.“

Ich hatte morgens gesehen, dass er bis nachts um drei Uhr bei Facebook unterwegs war. In der zweiten Stunde kam er dann mit einer Trauermine an meine Tür und sagt, dass er mich mal ganz dringend unter vier Augen sprechen müßte. Seiner Mutter sei es sehr schlecht gegangen. Ihr Gesicht sei ganz schief gewesen und da wären sie die ganze Nacht wach geblieben und morgens ganz früh mit der Mutter ins Krankenhaus gefahren.
„Das klingt ja schrecklich Bilal, wie geht es deiner Mutter denn jetzt?“
„Ja naja, besser.“
„Ist sie denn noch im Krankenhaus?“
„Ja.“
„Na, das ist ja gleich hier um die Ecke, da kannst du sie ja heute nach der Schule besuchen.“
Erleichtert will er gehen, dreht sich aber nochmal um: „Soll ich noch eine Entschuldigung abgeben?“
„Nein, nein, brauchst du nicht. Gute Besserung an deine Mama.“

Ich gucke ihm hinterher und denke: Irgendwas stimmt an der Sache nicht. Ist nur so ein Gefühl, aber dieses Gefühl kam heute in meiner Freistunde wieder hoch und da habe ich eben mal schnell angerufen, um mich nach dem mütterlichen Befinden zu erkundigen.

„Jedenfalls war Bilal nicht in der ersten Stunde.“
„Ja, er ist zu spät losgegangen. Er hat verschlafen.“ Keine Wunder, wenn er bis in die Puppen bei Facebook rumhängt.
„Okay, verschlafen… und der Mutter? Geht es der gut? Die war nicht im Krankenhaus?“
„Nein, nein, der geht es gut.“
„Okay, dann weiss ich ja jetzt Bescheid. Erstmal vielen Dank. Tschüß.“

Die Mutter ins Krankenhaus gebracht… pahhh, mit schlimmen Schaganfallsymptomen… dieser Bilal kann was erleben. Spinnen die denn jetzt nur noch? Die lügen mich von vorne bis hinten zu. Von früh bis spät nur Lügen, Lügen, Lügen und gefälschte Entschuldigungszettel. Heute in der ersten Stunde kommen Marcella und Emre zu spät. 2Wir mussten noch was wegen einer Präsentation mit Frau schwalle besprechen.“
In der Pause treffe ich Kollegin Schwalle: „Nö, Frau Freitag, die waren den ganznen Tag noch nicht bei mir.“

Dann frage ich den Chef des Prüfungsausschusses, ob Mariella für die Realschulprüfung angenommen wurde, weil sie doch ihre Anmeldung zu spät abgeben hat. Er fragt, ob ich denn den Brief gelesen hätte, mit dem sie sich dafür entschuldigen wollte.

Und als ich das Gestammel lese, denke ich mich trifft der Schlag. Da steht so in etwa: „Ich weiss ich habe die Anmeldung zu spät abgegeben, weil meine Lehrerin hatte mir am 5.11. noch geschrieben, dass ich an die Gliederung denken soll und da hat sie mich aber nicht an die Anmeldung erinnert und dann habe ich nur an der Gliederung gearbeitet. Meine Lehrerin trifft keine Schuld.“
Die Lehrerin (also ich) wird in diesem Schrieb so oft bemüht, dass man das so liest, als sei eigentlich nur ich dafür verantwortlich, dass sie die Anmeldung nicht abgegeben hat. Frl. Krise sagt: „Wenn dich keine Schuld trifft, warum erwähnt sie dich dann überhaupt? Sie könnte doch auch schreiben meine Schwester trifft keine Schuld, meinen Bäcker trifft keine Schuld…“

Verdammt nochmal, übernehmt mal Verantwortung, hört auf zu lügen und werdet doch einfach mal erwachsen!!!!

20 Gedanken zu “Lügen haben keine kranken Mütter

  1. Ich weiß jetzt net so recht, was ich Ihnen dazu sagen soll. Von daher: Keks? Sind selbst gebacken.

    Sehen Sie es mal so. Ich wurde heute mit Wirkung ab Mittwoch vom LG „Domstadt am Rhein“ an ein AG tief im Bergischen Land versetzt.

    Ich nehm mir jetzt auch nen Keks und dann wird das alles schon irgendwie, nee?!

  2. Ich habe beschlossen morgen erst zur Dritten in die Schule zu gehen. Dann sage ich auch einfach „Frau Freitag hat keine Schuld. Aber Frau Freitag hat in Ihrem Blog geschrieben und dann konnte ich nicht schlafen. Und weil ich wegen Frau Freitag nicht schlafen konnte, habe ich am Morgen verschlafen. Nur wegen Frau Freitag. Deshalb bin ich erst jetzt hier. Aber Frau Freitag kann ja nichts dafür.“
    Mal sehen, ob unser Direx das so abnickt. 🙂

  3. …aber sie sitzen am längeren Hebel. Nutzen sie Ihr zusätzliches Wissen doch. So im Sinne von einen Besserungskarte oder ein persönliches Gespräch mit Mutter Bilal: „Hallo Mama Bilal, ich hab erfahren, sie sind krank, hoffe es geht ihnen wieder besser blablabla…“ Dann wird das ganze Kartenhaus ruckzuck einfallen und sie sind auch aus dem Schneider, den sie wussten es ja 😉 nicht besser. Denn Dabei belassen können sie es ja nicht. Diese ganzen Lügengeschichten sind eine Frechheit im Kubik..

  4. Ja, ja….Frau Freitag, ich hasse das auch! Man wird so misstrauisch …und so will man gar nicht sein.
    Machen sie paradoxe intervention: Bringes Sie ihm morgen ein Blümchen oder Tafel Schoki für seine Mutter mit. Drücken Sie ihm das in die Hand, seien Sie warmherzig und mitfühlend, machen Sie das bis er GESTEHT! (Falls seine Schwester nicht schon gesagt hat, dass Sie angerufen haben.)

  5. Was hat es denn eigentlich mit diesen Anmeldungen auf sich? Kann mich gar nicht erinnern, dass wir sowas machen mussten? Ok, ich ging auch in einem anderen Bundesland zur Schule, aber das kann nicht der Grund sein, oder?
    Handelt es sich eigentlich um ein Gymnasium? Mich irritiert die Punktevergabe so. Realschüler kriegen doch gar keine Punkte, sondern ganz normale Zensueren (zumindest hier). Und wenn es ein Gymnasium ist, frage ich mich, warum das Deutsch der Schüler dann so schlecht ist.

    Und was die kranke Mutter betrifft, würde ich vielleicht einfach einen Krankenbesuch abstatten. Der Mutter scheint es ja unglaublich schlecht zu gehen, wie Schülerchen ja erklärte. Und die Karte, die Herr Nuss erwähnte, würde ich mitnehmen.
    Danach sollte sich die Sache im Prinzip von selbst erledigen. 😉

  6. Lehramt… das wäre was. Popcornkino den ganzen Tag über.

    Wäre nur noch die verflixte Sache mit der Verantwortung…

    Das Schlimme daran ist ja, dass sie glatt noch glauben, damit durchkommen zu können, sowas lässt sich immerhin ohne viel Mühe überprüfen. Und wenn sich das häuft, sollte man ja eigentlich von Erfahrung sprechen können, wenn ich es nicht besser wüsste.

  7. Das ruft doch wieder nach ganz gemeinen, und teuflisch ausgetüftelten, Retour-Kutschen 😉 …schade, daß die Kids anscheinend nicht mitbekommen, das es in der Schule um ihr Leben geht, und nicht darum, auf die denkbar blödeste Art und Weise ihre Lehrerin zu veräppeln.

  8. Eigentlich isses ziemlich dusselig in einer Sache zu luegen, die so leicht nachzupruefen ist. Anderseits zeigt der Schueler damit ziemlich klar an, dass man ihm nicht trauen kann. Is doch nett von ihm, dass er es einem einfach macht, ihn zu durchschauen.

  9. Langsam sollten sich die Schüler mal – aus ihrer Sicht – überlegen, entweder die eigenen Privacy-Einstellungen umzustellen bzw. Sie von der Freundesliste zu nehmen, falls das der Fall ist ;-).

  10. So was ist traurig und das Schlimme ist, dass es viele Lehrer gibt, die es dann nicht interessiert ob es wahr ist, was die Kinder sagen. Die nicken das nur einfach ab und gut ist. Daraus lernen die Kinder dann, dass sie es sich immer wieder erlauben können.

    Ich frage mich, warum sie nicht einfach sagen können: Ich habe verschlafen oder so. Aber dann müssten sie ja wirklich Verantwortung übernehmen…und das wollen sie noch nicht…

  11. Hm, die Schüler sollen schon Verantwortung übernehmen? Das schaffen heute ja nichtmal die Erwachsenen – leider.
    Es schockiert mich immer mehr, was die SchülerInnen sich alles einfallen lassen – da kann man nur noch den Kopf schütteln.

    Liebe Grüße

  12. Ist doch pfiffig! Immerhin kennt der Knabe die Symptome eines Herzinfarktes! Das bringt ihm eine 1 in Bio. Und einen Computer kann er auch bedienen. Wie sagte mir ein Schüler der FOS mal, nachdem ich seine Abschreibekünste in einer Klassenarbeit enttarnt habe: Man kanns ja mal probieren. Im übrigen stimme ich frlkrise zu.

  13. Lese seit einiger Zeit ihren Blog. Finde ich, nebenbei gesagt, super!
    Was den „Krankheitsfall“ anbelangt: Ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass einen Karte oder Tafel Schokolade irgendetwas bewirken würde. Wahrscheinlich würde er die Tafel Schokolade mit seinen Freunden teilen. Ich denke, dass die Jugend teilweise kein Moralempfinden mehr hat. Trifft sicher nicht auf alle zu, aber viele denken sich einfach nichts dabei zu lügen. Traurig, aber zu oft wahr.

  14. Mein absolutes Highlight (trifft sowohl Entschuldigungen, als auch grenzenloses Nichtverstehen):
    B. (männlich, 10 Jahre alt) war im Krankenhaus. NATÜRLICH haben die ihm dort auch ein Attest mitgegeben. Wochen später versuche ich immer noch daran zu erinnern, dass er mir die Entschuldigung mitbringt! Klärung „Was ist nochmal eine Entschuldigung“ inklusive. Am nächsten Tag ein (zehnmal gefalteter) Zettel mit den Worten: „Hallo, ich bin B. Entschuldigung.“

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