Is alles nicht so einfach


Danke für die vielen tollen Kommentare. Ein richtiger knaller Lösungsvorschlag war ja noch nicht dabei. Ist wohl nicht so einfach. Leider habe ich die Mädchen heute noch nicht gesehen. Aber morgen werde ich mit ihnen sprechen.

Viele von euch haben geschrieben, dass ich mit denen Dokumentationen über den Holocaust u.ä. sehen soll, oder Überlebende einladen könnte. In meinem Fall ist das Problem aber ganz anders gelagert.

Der „normale“ deutsche Antisemitismus ist ja eher rückblickend. Momentan hat ja kein Deutscher einen persönlichen Konflikt mit irgendeinem jüdischen Mitmenschen.

Die Familien meiner Schüler kommen allerdings aus palästinensischen Flüchtlingslagern und waren zum Teil im Sommerurlaub im Libanon, als der letzte Krieg dort losbrach.

Ich erinnere mich an eine Kunststunde vor einigen Jahren, als ich eine ziemlich chaotische Collageaktion initiiert habe. Der Deutschlehrer hatte mir netterweise einen Haufen Zeitschriften besorgt. Aus den Containern, in den die Lesezirkelmagazine reingeschmissen werden, wenn sie abgelaufen-ausgelesen sind. Jedenfalls hatte ich einen Haufen Zeitschriften, die ich irgendwie in meinem Kunstunterricht verwursten wollte. Von jedem Magazin 10 Mal die gleiche Ausgabe.

Plötzlich schrie ein Schüler auf „Judenfahne, Judenfahne“ und zeigte wild immer wieder auf eine Seite. Ich habe die ganze Stunde schon mal beschrieben. Jedenfalls hatte ich nicht gecheckt, dass es in dieser Ausgabe um den Libanonkrieg ging. Und wie der Stern so ist, gab es natürlich auch schön viele große Bilder von der Zerstörung. Plötzlich entspann sich, ein von mir nicht mehr kontrollierbarer, antisemitischer Hassausbruch bei den Schülern.

Ich wusste mir nicht anders zu helfen und schrie die Schüler an, sie sollen damit aufhören. Vor allem Mohamad stampfte ich in Grund und Boden. Ich spulte meine gesamte: „Du kennst doch gar keine Juden, wie du hier redest, dafür könnte ich dich anzeigen -Leier“ ab.

Er wurde ganz still. Irgendwann stand er auf und kam mit dem aufgeschlagenem Stern zu mir. Auf der Doppelseite war ein Bild von einem Mann, der ein blutendes, wahrscheinlich totes kleines Mädchen im Arm hielt.
„Aber Frau Freitag, gucken Sie,„ sagte er zu mir ziemlich leise und hielt mir die Zeitschrift unter die Nase „gucken, Sie, dass ist doch meine Cousine.“

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38 Gedanken zu “Is alles nicht so einfach

  1. Eine Patentlösung kann es ohnehin nicht geben, dafür ist der gesamte Nahostkonflikt viel zu kompliziert. Fanatische jüdische Siedler auf der einen, fanatische moslemische Extremisten auf der anderen Seite. Ohnmächtige Wut auf der einen, hochgerüstetes Militär auf der anderen Seite. Als junger Israeli den Dienst an der Waffe zu verweigern, erfordert noch mehr Mut, als zu DDR-Zeiten seinen Wehrdienst als Bausoldat ableisten zu wollen.

    Entsprechend frustriert und demotiviert sind viele dieser gerade einmal 18jährigen Kinder in großen Uniformen. Amerikanische Endzeit-Gruppen und Evangelikale Prediger tun ihr Bestes, um den Konflikt weiter zu schüren, damit Armageddon endlich kommen kann (kein Witz!). Und dazwischen stehen Millionen von Menschen, die einfach nur in Frieden leben wollen. Mohamads Cousine ebenso wie die kleine Gertrud, die heute ein Haifa lebt und wieder Angst um ihr Leben hat.

    Eigentlich ging es ja nur um Konzentrationslager. Vielleicht ist es schon ein großes Ziel, wenn Ihre Schüler verstehen, dass man die derzeitige Politik Israels unmenschlich und dumm finden kann. Und dass ein kleines jüdisches Mädchen wie Gertrud genau so unschuldig ist wie Mohamads Cousine. Oder wie der jüdische Lebensmittelhändler in Berlin. Oder sogar die 19jährige israelische Soldatin, die sich nicht weigern kann, in den besetzten Gebieten Dienst zu tun, weil es Schande über sie bringen würde oder weil sie dann keinen Studienplatz bekommt.

    Vielleicht können wir aufgrund unserer Geschichte in diesem Konflikt besonders gut vermitteln. Der Name Deutschland hatte keinen guten Klang in der Welt – so wie heute Israel in der arabischen Kultur. Die Deutschen wurden gehasst und gefürchtet – genau wie die israelische Armee im Gazastreifen. Und trotzdem haben die Alliierten des 2. Weltkriegs unterschieden zwischen der deutschen Regierung und DEN Deutschen. Sogar einige unserer Opfer haben diesen Unterschied gemacht.

    Vielleicht verstehen Ihre Schülerinnen, warum Sie diese pubertäre Facebook-Aktion so auf die Palme gebracht hat. Wenn ich Ihr Blog bislang richtig gelesen habe, dann scheint mir ein emotionaler Zugang den meisten Erfolg zu versprechen. Die Mädels sind doch genau in dem Alter von Anne Frank…

    PS Sorry, dass meine Postings immer so lang sind. Aber kurze Texte brauchen länger…

  2. Ich erinnere mich auch noch gut an die Zeit nach diesen Sommerferien. Die Schüler , die im Libanon gewesen waren, erzählten sehr cool von der Zerstörung und den Toten, die sie gesehen hatten …zu cool. Es gab damals übrigens keine Möglichkeit der therapeutischen Betreuung solcher Kinder, wie sie heute nach jedem größeren Unglück gang und gäbe ist….

  3. Ah. Dieser ganze Konflikt ist so zum Haareraufen, da kann man gar nicht soviel Essen wie man Kotzen möchte.
    Ich beneide Sie da nicht um Ihre Situation, Fr. Freitag.

    Als eher jüngere Person stehe ich der ganzen Sache ähnlich wie ihre Schüler sogar noch etwas ratloser gegenüber als sie, die Älteren, wahrscheinlich: Für uns sind die Gräueltaten von Damals eben nur noch das – Geschichten und (grausame) Bilder, Videoaufnahmen und mit etwas Glück noch ein Zeitzeugenbericht. Und selbst die stammen für mich, als Deutsche, aus der deutschen Familie: Die Bombennächte und Trümmer sind mir tatsächlich näher als der Holocaust.

    Das ist traurig, weil eine so wichtige, blutig erlernte Lektion droht zu verwässern. Und an dieser Stelle kann ich ihre Kinder irgendwo verstehen: Das sind ihre Familien und Verwandten die bei einer Sache sterben die sie gar nicht nachvollziehen können. Hilflosigkeit entsteht, Hilflosigkeit wird Wut und Wut entwickelt dann seine ganz eigene Dynamik, genährt in einem Milieu das diese Gefühle teilt.

    Vielleicht wäre es für die Jugendlichen in ihrer Klasse wichtig, zu erfahren warum die damalige Situation sich entwickelt hat (Antisemitismus als Zeitgeist, Randgruppe, etc. Da können sie sich sicher wiederfinden. Vielleicht anonym lassen?) … keine Ahnung. Ich hab keinen sinnvollen Ansatz für eine derart vertrackte Situation.

    Wenn der Kommentar unangebracht ist oder doof oder so einfach löschen, bin mir selbst unsicher… Hmpf 😦

    Alles Liebe,

    Silberaugen

  4. Ist das traurig! Das mit den Ereignissen in der jüngeren Geschichte habe ich tatsächlich noch nicht bedacht. Mein Kontakt zu Migranten und deren Kindern und Enkeln ist nicht so eng, dass ich schon mal soziale oder politische Themen besprochen hätte.
    Für ihre Schüler würde es wahrscheinlich viel Mut erfordern, sich dem Hass ihrer Familien auf die Iraelis entgegenzustellen. Es ist eben schwer zu differenzieren und nicht alle „Juden“ zu Feinden zu erklären, wenn man persönlich emotional betroffen ist oder sogar selbst einen Verlust erlitten hat.
    Es hilft wahrscheinlich nur, immer wieder klar zu machen, dass Gewalt und Hass nur wieder Gewalt und Hass erzeugen, dass Kriege noch nie eine gute Konfliktlösung waren und ihre Schüler eine Generation sein könnten, die bessere Lösungen als ihre Eltern haben. Keine Ahnung, wie Sie das rüberbringen können. Ich weiß schon, warum ich nicht Lehrerin geworden bin…

  5. Ist echt nicht so einfach. Ob ein aufeinandertreffen mit jungen Juden weiterhilft? Wahrscheinlich eher nicht, die würden sich nur die Köpfe einschlagen. Es sei denn, man findet irgendeinen Vorwand (Sportveranstaltung oder ähnliches) bei dem „ihre“ Moslems und Juden im gleichen Alter etwas gemeinsam machen, ohne dass ihre Schüler über die Religion der anderen Bescheid wissen. Vielleicht sehen sie so, das Juden auch normale Menschen sind…

    • dass sowas voll nach hinten losgehen kann zeigt leider das sehr interessante buch: Ein nasser hund ist nasser als ein trockener jude.
      die geschichte ei nes jüdischen iraners, der unter moslems aufwächst (in berlin) und irgendwann zeigt, dass er jüdisch ist. die reaktionen seiner „freunde“ sind schockierend. sehr, sehr empfehlenswert, wenn man mal in die vertrakten köpfe gucken will.

  6. Ach Frau Freitag,

    Sie wissen doch wie wir alle anderen, dass es ja eben leider keine Patentrezepte für solche Situationen gibt.

    Sie werden wohl einfach mal die Mädels darauf ansprechen und dann – je nach deren Reaktion – entscheiden, wie es weitergeht.
    Meckern hilft doch nicht.

    Sie wissen – wie sie oben ja beschreiben – nicht, was dahinter steckt und jeder einzelne erlebt hat.

    Ich werde dann vor Wut auch erst mal laut. Das ist auch ok als erstes „Ruhe reinbringen“.
    Aber dann muss das nach-bearbeitet werden mit ausgesuchtem Material oder Fotos. Mit dem üblichen Rollen-Wechsel, indem man beide Sichtweisen bespricht.
    Und indem man klar stellt, dass – wie immer im Leben – es nicht nur schwarz und weiß gibt. Und dass es Angst, Opfer und auch Täter auf beiden Seiten gibt, man das aber nicht gegenrechnen kann.

    Es ist sauschwer und hängt von dem individuellen Schüler ab.

    Viel Erfolg.

  7. Das ist das Problem mit anerzogenen Beißreflexen. Aus unserer Sicht springt bei „Juden“ automatisch die „Holocaust!“-Maschinerie an.
    Was müssen wir für Unmenschen sein, wenn wir behaupteten… und so weiter. Aber nicht jeder, der gegen die Außenpolitik Israels ist, leugnet oder billigt gar den Holocaust.
    Da ist „Das ist meine Cousine“ eine harte, aber wertvolle Lektion.

    Für jemanden beispielsweise aus dem Libanon muß die Sichtweise eine andere sein, man wäre in Egozentrik gefangen, würde man dies anders sehen. Alles ist relativ, wenn es um zwischenmenschliches geht.

    Zu den Therapeuten: Die Wirkung ist umstritten. Je nachdem, welcher Glaubensrichtung man angehört, funktioniert Verdrängung besser oder schlechter als therapeutische Behandlung.

    • @Jens und zum Kommentar von unschwarz davor: „indem man beide Sichtweisen bespricht“.
      Es ist wichtig, sich klar zu machen, dass es sich in dieser Facebook-Affäre erstmal nicht um einen Konflikt zwischen Palästinensern und Juden handelt, sondern um einen Konflikt zwischen der Perspektive palästinensischer Mädchen und einer deutschen Lehrerin.
      Das Thema, über das die Mädchen reden, ist der Nahost-Konflikt. Das Thema von Ihnen, Frau Freitag, ist die Shoah.
      Zweifel an der Wirksamkeit von KZ-Konfrontation und Zeitzeugenberichten kommen auf, wenn man sich anhand der Worte „das ist doch meine Cousine“ klar macht, dass die betreffenden Schülerinnen so etwas ganz anders wahrnehmen würden als Sie, als Menschen, die sich als „deutsch“ identifizieren und für die industrieller Massenmord zur eigenen Familiengeschichte gehört.
      Erzähltes ist nicht eindeutig, auch Holocaust-Zeitzeugen können womöglich abgelehnt werden. Natürlich ist es wichtig, deren Perspektive zu vermitteln. Aber: Zuerst könnte es hilfreich sein, den Schülern zu vermitteln, warum Sie, Frau Freitag, selbst so betroffen sind. Sie haben auf die persönliche Beziehung zu den Schülern hingewiesen. Geht das auch so weit, Ihre eigenen Gefühle zu offenbaren, die Äußerungen wie die der Mädchen bei Ihnen auslösen?
      Wenn die Schüler Sie verstehen (und zwar persönlich-emotional, nicht intellektuell), dann verstehen sie auch, warum solche Sprüche für Deutsche nicht OK sind. Aber das geht tief ins Innere, und ob man das in der Schule haben will, ist eine schwierige Frage. Da geht es um Schuldgefühle, um Täter, um die Angst, „Tätervolk“ zu sein, vielleicht auch um „anerzogene Beißreflexe“. Ein Existenzrecht Israels, abgeleitet aus der Deutschen Geschichte, ist für Palästinenser vermutlich nicht direkt einsichtig. Aber: Vielleicht können auch Ihre Schüler verstehen, was es für Sie persönlich bedeutet, wenn die Schüler sich über Gaskammern und Krematorien freuen.

      Mit freundlichen Grüßen
      Erbloggtes

  8. Hmmm… keine Patentrezepte, definitiv.

    „Ich spulte meine gesamte: „Du kennst doch gar keine Juden […] -Leier“ ab.“

    Hier sehe ich letztlich das Problem. Klar kann eine Begegnung mit (jungen) deutschen Juden auch schief gehen, aber letztlich können die Schüler wohl nur so zu der Erkenntnis kommen, dass sie nicht alle Juden hassen können, weil ihnen das Handeln der Israelischen Regierung stinkt.

    Das Existenzrecht Israels ist unantastbar, aber die (Kriegs-)Politik der Regierung zu kritisieren, ist nicht antisemitisch. Aber anders als die meisten Länder in der Gegend ist Israel ja eine Demokratie (in der auch viele Araber leben!) , da gibt es in der Öffentlichen Meinung auch ganz andere Stimmen. Etwas in der Art müsste rüberkommen, denke ich…

    Toi, toi, toi und Glück auf!

    • So bitter es ist, selbst die Begegnung mit dem gehassten Anderen führt nicht zu einem Mentalitätswandel. Ich erinnere mich gut an die Gruppe jugendlicher Nazis in meinem Ort, die mit einem farbigen Jungen abhängen, ihn „den Neger“ nennen aber als „cooler Kanacke“ akzeptieren, aber schonmal einen anderen angezündet haben. Oder die Hausfrau die die hingebungsvoll auf die diebischen, abreitsfaulen Türken schimpft aber dort ihr Gemüse kauft weil es dort eine „subber Auswahl“ gibt und „richtig günschtig isch“.
      Wir haben eine sehr starke Gabe, alles was nicht in unser Weltbild passt sehr effektiv auszublenden. Natürlich ist das bei Kindern/Jugendlichen alles noch nicht so festgefahren, aber ich habe keine große Hoffnung, dass sich man solche krassen Gefühlen, wie oben beschrieben, entgegenwirken kannn.
      Ich weiss, ich klinge jetzt ein bisschen fatalistisch, aber man kannd as doch ganz gut an sich selbst beobachten. Der Satz „du hast doch gar keine antisemitischen Freunde, du kannst das gar nicht beurteilen, das sind total nette Menschen“ würde bei mir nicht ziehen.

  9. So wie ich das verstanden habe, sind viele der erwähnten Schüler Palästinenser, zumindest aber Muslime. Wie wäre es, die aktuelle Terrorpanik in Deutschland einmal anzuschauen. Insbesondere die Empfehlung eines Politikers, es der Polizei zu melden, wenn in der Nachbarschaft arabisch aussehende Menschen einziehen würden.

    Ich gehe davon aus, dass die Schüler das als Unfug erkennen, denn auf viele von Ihnen dürfte diese Beschreibung zutreffen. Und sie werden beteuern, dass die meisten arabisch aussehenden Menschen keine Terroristen sind.

    Dann kann man am Schluss Vergleiche mit anderen Vorurteilen ziehen. zB dem Judenhass unter den Palästinensern. (Das Wort Antisemitismus benutze ich hier bewusst nicht. Die Palästinenser sind auch Semiten)

  10. Hallo,
    bin in letzter Zeit öfters durch den Bild Blog über Ihren Blog gestolpert. Ich finde die Beiträge ziemlich interessant. Ich hab mich nur gefragt warum Ihr Blog kein Impressum hat? Selbstschutz?

  11. Liebe Frau Freitag!

    Mit meiner Freundin war ich vor einiger Zeit in dem Film „Die Fremde“. Wir beide fanden den Film „sehr gut“, wenn auch vom Thema her äußerst schwer. Meine Freundin sagte, das macht „die“ mir nicht gerade sympathischer. Ich war ein wenig irritiert über diese Aussage – geht es um Sympathie? Für mich geht es eher um Demut und Verständnis.
    Tja, und jetzt lese ich seit einiger Zeit bei ihnen und ihrer Kollegin mit. Und mit Sympathie allein ist es bei ihnen so gar nicht getan – da klingt die Aussage meiner Freundin eher ein wenig behütet und vernab von der Realität. (Was ich gut so stehnlassen kann, nicht jeder ist dafür gemacht direkt an der Front zu stehen) Und nachdem ich ihren Eintrag von Mittwoch las dachte ich auch über Sympathie usw. nach. :-/
    Zu ihrem Dilemma möchte ich sagen, daß es vielleicht ganz gut ist ganz bei sich zu bleiben und keine Du/Ihr Botschaften zu senden. Das sie den Schülern ihr Empfinden als Deutsche klarmachen. Mit dem geschichtlichen Hintergrund und wie es ganz speziell ihnen als deutsche Lehrerin geht wenn sie sowas miterleben muß, wie vorgestern bei Facebook geschehen. Das sie andererseits die Reaktionen und Gefühle ihrer muslimischen Schüler/Mitmenschen verstehen und nachvollziehen können. Und dass sie „sich vor deren Schicksal verneigen“. Es also anerkennen und mitfühlen. Das es aber beiden Seiten gleichermaßen schmerzt wenn solche Äußerungen getätigt werden denn sie entfernen von der Mitte, dem Gefühl des Respekts vor den Menschen – vor allen Menschen, und von der Trauer. Vielleicht wäre ein gangbarer Ansatz die Trauer ganz gezielt anzusprechen und vielleicht eine Kerze anzuzünden und ganz gezielt um z.Bsp. Mohamads Cousine zu trauern. Vielleicht wollen sich andere anschließen weil sie auch Verwandte /Bekannte verloren haben.

    Betroffene und hochachtungsvolle Grüße
    Nicolle

  12. Ihre Cousine? Wirklich? Bei einem Freund aus Afghanistan schliesst der Begriff „Cousin” praktisch die Gesamtheit aller Personen ein, die ihm in irgendeiner Form nahestehen, also so ungefähr mehrere hundert Leute.

  13. bei folgenden bildern ist es einfach in den allgemeinen antisemitismus abzu gleiten. man sollte wert legen auf die unterscheidung „israel“ und „judentum“. der staat gibt zwar vor ein jüdischer zu sein, handelt aber genau im gegenteil. das gleice gilt für saudi arabien, welches gern als DAS musterbeispiel eines islamischen staates herhalten muss. dabei würden die meisten muslime da nie im leben wohnen wollen.

  14. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es hier nicht um Antisemitismus oder was auch immer geht. Viel mehr geht es darum sich als „edgy“ zu profilieren. Edgy ist ein bisschen schwer zu übersetzen, aber im Grunde genommen geht es darum bewusst zu provozieren/anzuecken und sich jenseits von sozialen Normen zu bewegen und damit eine gewisse Coolness zu demonstrieren. Man muss sich schon bewusst sein, dass dies eine aufgesetzte/gespielte Reaktion ist und sehr wahrscheinlich überhaupt nicht dem tatsächlichen entfinden entspricht.
    Der Holocaust bietet sich da an, da es halt sehr einfach ist da „edgy“ zu sein. „Boah, bin ich hart, ich finde das sogar noch lustig“.

    Der beste Weg dem entgegenzutreten ist zu zeigen, dass man sich der Mechanismen bewusst ist und diese durchschaut. Wenn man sich darüber aufregt, kriegen sie genau die Reaktion die sie wollen. Mit einem „Hui du bist ja soooo krass“ nimmt man in denen den Wind aus den Segeln.

  15. Ich denke, mit den üblichen Anti-Antisemitismus-Reflexen wird man hier (zu recht) nicht besonders weit kommen. Man muss versuchen, das Ganze auf eine höhere, abstraktere Ebene zu ziehen. Nur moralisch zu argumentieren oder das Schicksal der Juden im Holocaust als „Da muss man doch geschockt sein, Mensch“-Mittel zu benutzen, hilft nicht. Hilft übrigens auch bei Deutschen nicht, die meinen, bei Hitler war ja nicht alles schlecht. Und bitte, bitte nicht das Bild vom „guten, liebenswerten Juden“ mit Brachialgewalt zeigen wollen. Das ist kontraproduktiv.

    So geht man nicht miteinander um. Egal, wer mit wem. Punkt. Das muss die Botschaft sein. Aber bitte im Umkehrschluss auch unbedingt darauf hinweisen, dass niemand gezwungen wird, bestimmte Volksgruppen, Ethnien, Religionen etc. zu mögen. Respekt würde erstmal schon völlig ausreichen. Denn nur dann kann man auch Respekt für die eigene Person einfordern.

    Den Spieß umdrehen. Die Konsequenzen dieser Art des (Nicht-)Denkens an die Wand malen. Und zwar die konkreten für die betreffenden Personen. Was heißt das denn letzendlich für Euch, wenn Juden willkürlich verbrannt werden dürfen. Das heißt, irgendwelche Volldeppen könnten auch irgendwann einfach mal entscheiden, dass sie das mit Euch machen wollen. Wäre das auch ok? Für Euch?

  16. Jetzt mal ohne Scheiß: Frau Freitag berichtet hier (bzw. vor allem im Vorgängerpost) über äußerst krasse, nahe am StGB angesiedelte, Äußerungen und alle glauben ihr?!? Was Sie erreicht ist monodirektionale Meinungsbildung, nicht aber die Verbreitung von Wahrheit. Wie unaufgeklärt muss man sein, um sich als Kommentator/Aufreger/Betroffenheitsfanatiker bereitwillig so instrumentalisieren zu lassen?
    Wäre Karl May für Euch auch ein Experte in Sachen amerikanische Eingeborene, wenn Ihr seine Hintergründe nicht kennen würdet? GENAU DIESE Grundhaltung führt doch letztlich auch zu den dummen unreflektierten Geisteshaltungen, die hier dargestellt werden.

    Aahhhhhh (*gegen Nasenflügel klopf* *verschwörergrins*)….
    Gut gemacht Frau Freitag! Chapeau! Hab’s begriffen. 😉
    Rousseau?

  17. Liebe Frau Freitag,

    ich finde die Vorschläge von optimistvspessimist und tina (Kommentare zu „Geht’s noch???“) gar nicht schlecht, würde sie aber noch erweitern. Meine Idee für eine Sonderstunde wäre auch der Klasse Einzelschicksale vorzulesen, allerdings nicht nur Schicksale aus dem Holocaust, sondern Kurzgeschichten, die von Erlebnissen mit Fremdenhass und Feindlichkeiten überall aus der Welt und zu jeder Zeit erzählen. Darunter vielleicht auch eine, in der Türken beziehungsweise Muslime angefeindet werden. Man könnte natürlich auch ein, zwei Geschichten darunter mischen, in denen es ein Happy End gibt, wo also Freundschaft oder zumindest Vernunft gegen Hass triumphiert (etwas sinnbildlich ausgedrückt). Wenn Sie die Geschichten ohne Angaben vorlesen, aus denen man sofort die Religion oder Herkunft erkennt, ergäbe sich vielleicht eher das Bild von „Wir sind alle Menschen und jeder Einzelne muss respektiert werden“ als „Ihr dürft nicht gegen Juden sein“. Denn letztlich ist es doch die Fremdenfeindlichkeit im Allgemeinen, gegen die wir angehen wollen, oder nicht?

    Ich würde vielleicht sogar den üblichen Unterrichtsrahmen etwas ändern, indem ich die Einheit nicht weiter ankündige oder erkläre und zudem die Jugendlichen aus der gewohnten Sitzordnung nehme und sie gemütlich auf dem Boden sitzen lasse. Hätte den Vorteil, dass jedeR etwas mehr für sich sein kann. Außerdem wird ihnen so vielleicht bewusst, dass etwas Besonderes kommt.
    Wenn die Klasse mit der Besprechung der Geschichten bis zur nächsten Stunde warten muss und keine Möglichkeit hat, sich zu äußern, rattert es unwillkürlich vielleicht doch in dem ein oder anderen Gehirn…

    Würde mich sehr interessieren, wie es in Ihrer Klasse weiter läuft. Ich kann mich den anderen nur anschließen und sagen: „Hut ab vor Ihrer Arbeit und Ihrem Engagement!“

    • Das klingt ja alles super. Leider wird bei uns nie feucht gewischt. aber über literaturempfehlungen zu Kurzgeschichten aus aller welt würde ich mich sehr freuen.

  18. Mal eine Frage am Rande, kann man hier eigentlich von Antisemitismus im herkömmlichen Sinne sprechen? Der „Hass“ richtet sich, für mich nicht ganz unverständlich, ja gegen den Staat Israel und seine Regierung. Und sind Palästinenser nicht auch eine Semitische Volksgruppe? Unabhängig davon ist die in dem Facebook Beitrag beschriebene Wortwahl nicht hinnehmbar.

  19. Ganz kurz, weil Sie im vorigen Beitrag danach gefragt hatten:
    Das Verhalten der Mädchen dürfte strafbar sein gem. § 130 Abs. 3 StGB (einzig unklar ist, ob die Äußerungen „öffentlich“ getätigt wurden und geeignet waren „den öffentlichen Frieden zu stören). Das Strafmaß hierfür reicht von Geld- bis zu fünfjähriger Gefängnisstrafe.

    Allerdings glaube ich (als Jurist in pädagogischen Dingen sehr unbedarft) nicht, dass man mit der Anzeigedrohung den gewünschten Effekt erzielt. Die Geschichte mit Mohammads Cousine berührt uns, weil wir in diesem Moment Empathie empfinden und ich denke genau das ist es, was man bei den Mädchen wecken sollte.

    Wie? Keine Ahnung. Bei mir hat passiv-aggressives Vorgehen und das Hervorrufen eines extrem schlechten Gewissens immer recht gut
    funktioniert;)

    P.S.: Der „normale“ deutsche Antisemitismus ist nicht nur Vergangenheitsbezogen, sondern findet sich auch bei den Leuten die heute wieder vom „Finanzjudentum“ schwafeln. Und um den „normalen“ deutschen Antisemitismus nicht zu verharmlosen: Was die Mädels so von sich geben unterscheidet sich (ungeachtet der mglw. unterschiedlichen Hintergründe) in nichts von dem, was man in einem nordostbrandenburgischen Schulbus von Ricardo, Mike und Eileen hört, wenn am Abend zuvor Schindlers Liste lief.

  20. Was Deinen Schülern hier fehlt ist die Erkenntnis, daß Auge um Auge, Zahn um Zahn sowie Sippenhaftung einfach völlig blödsinnige Konzepte sind. Nur weil die aktuelle Politik Israels furchtbar ist wird der Holocaust eben noch lange nicht „ok“. Leider scheint das in ihrer Tradition total tief drin verwurzelt zu sein. Aber das ist die eigentliche Lektion die hier gelernt werden muß.

  21. Ihre Schilderungen haben mich sehr zum Nachdenken gebracht. Ohne eine Ahnung von Pädagogik zu haben (dafür aber von Geschichte), würde ich Ihnen raten, diese ganze Holocaustthematik wegzulassen. Das hat mit der Lebenswirklichkeit ihrer Schüler nichts zu tun und geht meiner Meinung nach in dem einen Ohr rein und aus dem anderen wieder raus.

    Machen Sie ihren Schülern deutlich, dass israelische Soldaten die Kinder, Frauen bzw. generell wehrlose Menschen umbringen keine Juden sind. So wie Selbstmordattentäter keine Muslime sind. Denn es sollte wohl klar sein, dass weder in Thora noch Koran steht, man solle andere Menschen töten. Machen Sie ihnen klar, dass wenn sie nicht wollen, dass Islam auf Terrorismus reduziert wird, sie auch nciht Judentum auf seine ultraorthodoxe Ausprägung reduzieren sollen.

    Und nun zu etwas ganz anderem: Sie haben hier einen tollen Blog und mich gerade als regelmäßigen Leser gewonnen 🙂

    • (Der Kommentar ist noch nicht fertig, wollte endlich einen Textlink einbauen und bin dann auf die falsche Taste gekommen, sorry) und wenn dann bei meinen Kollegen, die die Jugendlichen betreuen solche „Fälle“ (schon gehabt) dabei sind wie ihre Mädels, dann erinnern wir oft wirkungsvoll daran, dass sie auch zu einer deportierten (in die Euthanasie-Anstalten) Gruppe gehörten und dass die Diskriminierung sich danach noch Jahrzehnte fortgeführt hat.
      Das ist natürlich kein Vergleich zu der Situation, in der Sie sind. Ich finde Ihr Vorgehen auch auf der facebook-Seite mutig und richtig. Ob die „Konfrontation“ mit einem jungen Menschen jüdischen Glaubens etwas bringt ist jedoch fraglich. Eine Freundin von mir hat das mal gemacht und hat sich eher vorgeführt gefühlt und zum Teil gekränkt, weil sie Reaktionen bekam (von deutschen Schülern) wie „Das ist doch längst vorbei“ und „Wenn es dir hier nicht passt geh nach Israel“. Sowie nach der Erwähnung des Faktes, dass zu Gottesdiensten vor Synagogen immer Polizei vor Ort ist und die Gemeinden dazu aufrufen aus Sicherheitsgründen nicht vor den Gemeindezentren stehen zu bleiben den Kommentar (ausländisches Mädchen): „Das zeigt doch, dass ihr hier nicht willkommen seid. Verpisst euch!“

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  23. Das mit „Du kennst ja keinen“, ist ziemlich schwach. Viele Leute haben noch nie persönlich einen Nazi gesehen, sitzen aber couragiert auf dem Boden herum. Viele Leute kennen persönlich auch keinen Terroristen, möchten aber dennoch keine in der Nähe haben. Das Argument, daß man keinen kennt und viele total lieb sind, würde man welche kennen, das verfängt nicht. Aber wie es in der deutschen Politik immer so schön heißt: „Keinen Generalverdacht!“

  24. Wie wäre es denn mit einem Elterngespräch? DIeser Hass wird ja wohl seine Wurzeln haben und nicht jeder der Schüler_Innen wird VErwandtschaft in Palästina haben..

  25. Hallo Frau Freitag !
    Gestern wurde mir von meiner Mutter ein Buch empfohlen, welches nach ihrer Erzählung vielleicht ganz gut passt. Mir fiel sofort dieser Blogeintrag ein, habe ihr davon erzählt und wir waren uns da recht sicher 🙂 Sie bat mich das ich ihnen den schicke, ich hab ja schon einen Nickname ausgesucht. Ich hab leider keine Kontaktemail entdeckt, mir erschien es darum am plausibelsten den Link hier bei dem Eintrag zu posten.
    http://www.amazon.de/Aftershock-Die-Geschichte-Jerus-Nadira/dp/3570160084/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1309347354&sr=8-1
    Vielleicht kennen sie es auch schon?

    Ich wünsche ihnen erholsame Ferien 🙂

    Leseratte

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