Schlau kommt weiter, geht aber nicht füher

Wir haben in der Schule eine Sprechanlage. Wenn wir Glück haben sagt der Schulleiter da so schöne Sachen durch wie: „Aufgrund der starken Hitze im Gebäude endet der Unterricht nach der fünften Stunde.“ Meistens kommen allerdings Durchsagen wie: „Frau Schwalle, bitte im Büro melden.“ oder „Herr Werner, schicken Sie bitte einen Schüler.“ Ich frage mich dann immer, was wohl passiert ist und bin manchmal ein bisschen neidisch, auf die Kollegen. Oft versteht man den Namen nicht richtig und dann wollen die Schüler mich immer überzeugen, dass ich ausgerufen wurde:
„Doch ganz sicher, ich schwöre, sie hat gesagt Frau Freitag, bitte im Büro melden.“ Am Kichern der anderen Schüler kann ich schon sehen, dass ich wieder mal nicht ausgerufen wurde.

Aber heute… die großen Schüler zeichnen so vor sich hin, plötzlich in die herrliche Stille hinein:
„Frau Freitag, bitte im Büro melden!“
Ich wurde ausgerufen, ich wurde ausgerufen – wie spannend.
„Tja Leute, ich gehe mal kurz ins Büro, ihr arbeitet bitte genauso still weiter.“

Im Büro treffe ich dann die Betreuerin von Ronnie, der einen seiner Tobsuchtsanfälle hatte. Wir hatten schon eine Stunde lang (meine Freistunde lang) versucht sie zu erreichen und nun ist sie endlich da. Wir begrüßen uns. Der Schulleiter steht auch im Büro. Die Betreuerin will mit mir sprechen. Ich auch mit ihr.
„Aber Herr Kaleu, geht das denn jetzt, ich habe doch jetzt gerade Unterricht.“
„Wenn haben Sie denn?“
„Die Großen, Kunst.“
„Na, meinen Sie, die nehmen Ihnen jetzt den Raum auseinander?“
„Nein, das nicht, aber man sollte sie schon kurz informieren.“
Der Schulleiter erklärt sich bereit, schnell Bescheid zu sagen. Mir wäre es eigentlich lieber, wenn sich jemand in den Raum setzen würde, aber es bietet sich keiner an.
Also quatsche ich erstmal mit Ronnies Betreuerin über den Vorfall mit Frau Hinrich, der anscheinend doch noch nicht geklärt ist. Wir reden, dann kommt Frau Hinrich zufällig vorbei, setzt sich zu uns, dann muss ich Ronnie holen, der soll auch noch mal alles schildern… kurz gesagt, es dauert und dauert. Ich werde langsam unruhig, weil ich die Schüler schon seit einer halben Stunde in meinem Raum alleine gelassen habe. Um kurz vor drei sage ich, dass ich jetzt echt mal schnell nachsehen muss.
Der Unterricht geht bis 15.10 Uhr. Ich werde kurz reingehen, die Arbeiten einsammeln und sie dann ausnahmsweise 10 Minuten früher gehen lassen.

Aber als ich in den Gang komme in dem mein Raum ist, sehe ich, wie einige Schüler mit Jacken und Taschen meinen Raum verlassen.
„Äh, wo wollt ihr denn hin?“
Die Schüler drehen sich zu mir um : „Wieso, ist doch Schluss.“
Ich gucke auf die Uhr, die oben im Flur an der Wand hängt. Auf der Uhr ist es bereits 15.10. Ich gucke auf meine Armbanduhr – 15.00Uhr. Scheiße, denke ich, stehengeblieben. In meinem Raum hängt auch eine Uhr, ebenfalls 15.10. Alle Schüler packen ihre Sachen ein. Ich checke den Sekundenzeiger auf meiner Uhr. Komisch, der läuft noch, dann fällt mein Blick auf Ahmets Armbanduhr: 15.00 Uhr!!! Genau wie bei mir. Carsten holt sein Handy raus und guckt drauf. Ich frage ihn: „Na, wie spät ist es denn auf deiner Uhr?“
Er grinst nur und steckt sein Handy wieder ein.

„Tja Leute, ich wollte euch eigentlich früher gehen lassen, aber jetzt machen wir Unterricht, bis zum bitteren Ende. Alle wieder hinsetzen und weiterarbeiten.“

Insgeheim freue ich mich. Darüber, dass meine Uhr doch tadellos funktioniert und, dass die Schüler so schlau waren, auch die Uhr im Flur zu verstellen. Daran zeigt sich, dass DIE Abitur machen werden. Meine Klasse hätte auf jeden Fall nur eine Uhr verstellt.

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18 Gedanken zu “Schlau kommt weiter, geht aber nicht füher

    • Warum denn das? Ich liiiiiiiiiiiebe die Schüler, die ihre Spicker im Heft liegen lassen. Und die, deren komplette Klausur man durch das Eingeben von drei Wörtern im Internet findet.
      Die machen es einem so leicht- was begehrt das Lehrerherz denn mehr?

  1. Das hat eine Studiengruppe bei uns regelmäßig gemacht.Allerdings hat da der ganze Kurs seine Uhren mit umgestellt – daran hat man erkannt, dass DIE nach dem Abi noch Diplom gemacht haben =)

  2. Das Schöne ist, es gibt tatsächlich noch die guten alten „Streiche“ 😉
    Wenns danach ginge hätte ich mein Abi auf jeden Fall wesentlich schneller in der Tasche gehabt hehe….

  3. Wie lange hat es den gedauert bis der Plan stand und die Uhren umgestellt waren? Und das dann wegen der zehn Minuten? Aber das ist so typisch Erwachsenendenke – ich geb’s ja zu.

  4. Und was wurde aus dem Gespräch mit der Betreuerin von Ronnie? Die musste dann wohl auch die 10 Minuten warten. Und was ergibt sich nun für Ronnie?

  5. Oh, das versuchen die bei mir in der Nachhilfe auch immer… nur sind das drei Uhren in drei verschiedenen Zimmern UND mein Handy PLUS die Uhr der Chefin im Büro… und wenn die das hinkriegen ohne dass ich es mitbekomme, dann würde mich das doch sehr wundern… ^^

    Erst Montag wieder der Versuch… Zimmer 1, zwei Jungs die Hausaufgaben machen, Zimmer 2, drei Mädchen, die ein Diktat schreiben… in Zimmer 1 war die Uhr verstellt, in Zimmer 2 nicht – ich hab ihnen dann den dezenten Hinweis gegeben, das dann beim nächsten Mal doch auch zu bedenken… immerhin mag ich Herausforderungen *g*

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