Hol‘ dir was auf die Hand!

Also bevor ich aus der Schule plaudere, muss ich kurz mal berichten, was ich eben vor meiner Tür beobachten durfte. Ein Schauspiel allererster Güte. Ich kam gerade vom Sport mit Frau Dienstag. Hungrig wie ein Bär, nutze ich die modernen Medien, habe ja seit diesem Sommer auch ein Handy und rufe den Freund an. Ich will ihn fragen, ob er schon für meine Verpflegung gesorgt hat. Hatte er ja versprochen, da die Schule ja wieder angefangen hat und ich wieder „hardest working woman in show business“ bin, wie er immer sagt. Er sagt, er wollte gerade einkaufen gehen und wir könnten uns unten treffen.

Ich warte vor dem Laden – dem teuren und warte und warte und er kommt nicht, dann denke ich, na, ich kann ja schon mal anfangen mit dem Einkaufen. Es soll einen griechischen Salat geben – scheiße, ich habe solchen Hunger – jedenfalls kaufe ich alles und stelle mich dann wieder vor den Laden, um ihn abzufangen. Er kommt nicht, ich warte, er kommt nicht. Die Tüten und die Sporttasche sind schwer. Trotzdem kommt er nicht. Ich rufe in mit mein Handy zu Hause an, weil ich dachte – vielleicht ist er noch gar nicht weg.

Aber dann kommt SIE mit IHM aus dem Laden. SIE – langer Mantel in so Naturfarbe – bräunlich – lange stressig aussehende rote Locken. Zerbrechlich, hypersensible, zart – so wirkt sie. In der Hand hat sie irgendein Essen, zum Mitnehmen. In einer Plastikschale mit Alufolie drüber.

So weiter, also SIE sieht nicht nach easy going aus. ER, schlumpfige Jacke, praktisch, so gegen Kälte, die Haare so halblang, leicht ergraut – die sind beide so Anfang vierzig, würde ich sagen. Sie kommen also zusammen aus dem Laden und plötzlich knallt sie ihr Essen auf den Boden, alles spritzt durch die Gegend und dann fängt sie an zu schreien: „DU HAST GESAGT ICH SOLL MIR WAS AUF DIE HAND HOLEN UND DANN HABE ICH DAS GEMACHT UND JETZT, KANN ICH DAS NICHT ESSEN…!!!!“ Auf die Hand – wie ich diesen Ausdruck hasse… man hält doch nicht die Hand hin und bekommt sein Essen drauf. Egal. Jedenfalls ist IHM das wohl sehr peinlich und er nuschelt was zu ihr rüber. SIE daraufhin, noch lauter: „WAS HEIßT HIER ICH SOLL MICH NICHT SO AUFFÜHREN. DU WEIßT GANZ GENAU, DASS ICH NICHT IM GEHEN ESSEN KANN…ICH KOMME EXTRA MIT DEM TAXI….DU HAST GESAGT HOL‘ DIR WAS AUF DIE HAND UND DANN HAST DU MICH DORT ALLEINE GELASSEN. WIE KONNTEST DU MICH DA ALLEINE LASSEN? DU HAST DOCH GESAGT HOL DIE WAS AUF DIE HAND. DU WEIßT GENAU, DASS ICH IN DEM RESTAURANT NICHT ESSEN KANN, DAS HABE ICH LETZTES MAL ALLES ERBROCHEN.“ Er weicht einige Schritte zurück. Ich bleib dran. Tue so, als wartete ich auf  jemanden. Ich versichere mir innerlich, dass ich meinen Freund nicht anmache, dass er sich verspätet hat. Liebesschwüre werde ich im zur Begrüßung entgegen seuseln.

SIE schreit immer noch rum. Und ER? ER reagiert gar nicht. SIE: „JETZT SAG DOCH MAL WAS! NIE REAGIERST DU, DAS IST SO TYPISCH. DU HAST GESAGT, DANN HOL‘ DIR WAS AUF DIE HAND…“ so ganz verstehen tue ich eigentlich nicht, warum sie so sauer ist. Aber jetzt wird sie richtig sauer: „DANN FAHRE ICH EBEN INS HOTEL ZURÜCK: DANN NEHME ICH MIR JETZT EIN TAXI!!!“ Er reagiert irgendwie immer noch nicht. Ist vielleicht NichtREAGIEREN doch auch eine Reaktion?

Plötzlich dackelt sie ab. Ich setze mich auch in Bewegung, damit ich mit ihr zusammen an der Ampel stehen kann. Ich habe das dringenden Bedürfnis, sie zu fragen, warum sie ihr Essen weggeschmissen hat, was es war, was sie jetzt essen wird und vielleicht sogar, warum sie so sauer ist. Aber sie weint vor Wut und ich schleppe mich nach Hause. (Oh, jetzt kommt der Freund in die Wohnung. Der soll mir jetzt Essbares machen – wir haben jetzt übrigens alles doppelt, weil er in einem anderen Laden war, nun ja, lieber doppelt als nix.)

Hups, ist etwas lang geworden. Schule gibt’s wieder morgen. Sorry, dann garantiert wieder mit Juden, Arabern, Hässlichkeit und Opfer, Spast und so. Kommt einfach morgen noch mal.

 

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Allgemein

29 Gedanken zu “Hol‘ dir was auf die Hand!

  1. Ich bin sehr verwirrt, zum einen von dem Mann (das Verhalten der Frau kenne ich leider zu gut), zum anderen von Ihrem Freund.
    Dass der Typ nicht reagiert, okay, aber dass Ihr Freund es schafft zweimal reinzukommen… Das ist wirklich sehr verwirrt. Haben Sie jetzt alles doppelt doppelt? Also vierfach? Oder noch mehr? 😉

  2. Uiuiui….dann hätte sie doch das Schälchen lieber IHNEN, liebe Frau Freitag, geben können…!
    Dieses Benehmen finde ich im höchsten Maße degoutant!
    SO benehmen sich unsere Schüler nie……

  3. Awwww. Ich warte das Stundenlang auf den neuen Bericht, gehe quasi leer ( also so halbleer) aus und sie essen einen Waschzuber voll Salat.
    Ist das gerecht?
    ICH DAS IHRE GERECHTIGKEIT?

    Na dann veruch ich eben, den Blog der rothaarigen zu finden.

  4. Nein, nicht ändern! Nur ein Pausezeichen einfügen!! Mist, zu spät! Das war so schön, weil der Freund so toll ist, dass Sie das 2x in kurzer Zeit geschrieben haben!!! Er freut sich doch vielleicht! Und das, obwohl Sie die Tüten alleine schleppen mussten…

  5. Frau Freitag, ich liebe Sie!

    Ich wünschte, ich hätte ‚damals‘ auch so coole Lehrer gehabt *schnief*

    Achso, erklärenderweise:

    ich lese Ihren Blog seit ein paar Wochen mit… und bin begeistert! Wollte schon immer mal was Nettes schreiben. So ‚hallo‘ oder ‚toller Blog‘ oder so.

    Naja, nu is es eine Liebeserklärung geworden. Aber psst, nich meinem mir Angetrauten verraten, ok 😉

  6. moin

    ist es nicht so, frl. krise,
    dass sie da irgendwas fehlinterpretieren
    um sich selbst von irgendwelchen latenten macken frei zu sprechen ?
    ich, für meinen teil habe vollstes verständmis für ER.
    fast scheint es mir,
    sie seien mehr pädagogin als „inlifestanding“
    😉

    buddel

  7. moin

    uuups !

    sie kolleginnen haben mich so verwirrt,
    das ich SIE jetzt mit ihrer lieben freundin verwechselt habe^^

    entschuldigen sie dies bitte vielmals,
    ich bin ein verwirrtes opfer fraulicher kooperation 😉

    buddel

    • yeahhh,

      megalonomisch musste ich erstmal goolen:

      Der Megalodon, Carcharodon Megalodon oder Carcharocles (ausgesprochen / mɛɡələdɒn / MEG-ə-lə-don „großen Zahn“ in Griechisch aus μέγας und ὀδούς) ist eine ausgestorbene megatoothed Hai , die in existierte prähistorischen Zeiten, aus dem Oligozän bis Pleistozän Epochen , etwa 25 bis 1,5 Millionen Jahren .

      großer Zahn… kommt schon hin und ratpack – sowieso.
      vielen dank!

      • Naja, der eisenschaedel meinte wohl:
        megalomanisch – schlicht größenwahnisinnig seid ihr; meint ER 😉

        Nee, aber dafür echt klasse. Die URL bekommen gerade meine Lehrerfreunde. Hoffentlich hilfts denen.

  8. Frau Freitag, ju mäid mei däi.
    Morgen sicher auch, da komme ich wieder.

    Ach ja, unsere Bäckersmaid sagt tatsächlich immer: „Auf die Hand?“
    Dann nicke ich, halte hin, sie legt belegtes Brötchen drauf. Kann ich dann auch immer essen – muss nur die Gurken runter tun, wegen Erbrechen und so.

    Frau Müller

  9. Wundert mich gar nicht. Weder sie noch er. Sie ist wahrscheinlich engagierte Frauenrechtlerin, gejagt von einem Gender-gap zum nächsten und findet es zutiefst ungerecht, dass es zu ihrer Zeit noch keinen Girlsday gegeben hat – ihr ganzes Leben hätte anders verlaufen können. Und das alles nur wegen den ganzen Chauvi-Schweinen. Genau wie er eins ist – im Grunde genommen. Auch wenn er immer sagt, dass er ihr Engagement „total Supi“ findet, er ist und bleibt ein Mann, das Schwein. Da kann er noch so lange im sitzen pissen und auf Feministen Demos gehen. Außerdem spürt sie, wenn auch verschwommen, die Menopause wird bald kommen. Auch so eine Erfindung vom Patriarchat – wahrscheinlich wird da heimlich irgendwas von den Old-Boys Netzwerkern in die Pille gemischt. Aber Kinder hat Sie sowieso nie gewollt, die kleinen Beister verhindern nur dass Frau sich frei entfalten kann. Ach, könnte Sie sich doch nur entfalten. Stattdessen immer nur was auf die Hand.

  10. Diese Szene ist so eine, die man manchmal von irgendwoher aus der Zukunft zugeschickt bekommt. Soll heißen: hier, Mäuschen, heute noch so etepetete und hach, wie komisch, und die muss ich doch mal sprechen, morgen steht das Herzchen selber da und schreit. Die Szene einfach merken und wenns dann soweit ist, sich dran erinnern. Vielleicht hilfts gegen den Anpassungsprozess des Erwachsenwerdens, dieses Reingeschobenwerden in den Allerwertesten der Welt, in das, was man, wenn man Glück hat, immer irgendwie nicht erträglich findet.

    • den letzten satz verstehe ich nicht, aber mit „Die Szene einfach merken und wenns dann soweit ist, sich dran erinnern.“ kann ich dienen und muss nicht mal die Zukunft nehmen, denn ich habe gestern einige Stunden vorher selbst Sätze gesagt wie: Nun sag‘ doch mal was… nun reagier doch mal…“ Aber freundlicher, glaube ich jedenfalls. Ich war doch freundlich, oder?

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