Ach heute…

Heute war ich wieder Lehrer in Schule – nicht mehr Lehrer in Hotel. Aber Unterricht war das nicht, was ich da heute hingelegt habe. Nicht mal im Ansatz sah das nach irgendetwas aus.

Falls jemand an einer gut funktionierenden Schule auch mal eine totale Chaosstunde haben möchte – also, wenn jemand mal meine Stunde nachunterrichten möchte: Hier meine Anleitung:

Zunächst stelle man die Tische um und dann eine schön fiese Sitzordnung machen – immer Mädchen – Junge. Die Schüler laufen ein. Sehen die Gruppentische: „Aboooo, was das?“ Und als sie den Sitzplan sehen: „Tschüüüch, niiiiiemals sitze ich neben sie!“ Besonders heftig weigert sich Samatha: „Mach ich nicht! Ich sitz nicht neben ihn.“ Sie setzt sich einfach woanders hin.

Ich stelle mich neben sie: „Samatha, bitte setze dich dort hin!“

„Nö, mach ich nicht. Ich will nicht, kann ich nicht…“

„Setze dich bitte dort hin.“

„Aber ich will nicht, ich will nicht neben ihn sitzen.“

„Setzte dich bitte dort hin.“

„Ist mir egal, ich bleibe hier sitzen, Frau Freitag, ich kann nicht neben…“

„Setzte dich bitte dort hin!“

„Hören Sie mal, bitte, kann ich nicht hier, ich kann nicht neben ihn, er stresst mich, er ist voll behindert.“

„Setze dich bitte dort hin!“

Nach 10 Minuten sitzt Samatha neben dem Jungen, neben sie sie nicht sitzen kann. Erster Erfolg – alle sitzen so, wie ich es wollte. Dann verteile ich 1000 Arbeitsblätter. Es wird halbherzig gearbeitet. Spaß macht es keinem. Aber wer plant denn Spaß? Habe ich Spaß kopiert? Will ich Spaß im Unterricht? Ich will Ruhe und Beschäftigung. Spaß, Spaß habe ich, wenn die Stunde vorbei ist.

Komisch, den Mittelteil der Stunde weiß ich gar nicht mehr – verdrängt, weil man sich nicht jeden Scheiß merken sollte. Aber das Ende war nochmal so schön, dass weiß ich noch ganz genau.

Der Geräuschpegel gegen Ende der Stunde geht hoch. Ich fange an die Namen der störenden Schüler an die Tafel zu schreiben. Samatha steht dran und hat auch schon zwei Striche. Beim dritten Strich schreibe ich über die Namen: Brief an die Eltern. Ich umkringele Samathas Namen mit den Strichen: „So Samantha, das wars. Du bist die erste, die einen Brief bekommt.“ Die Klasse in Schockstarre – Todesstille. Samatha: „Pfff, mir doch egal. Grüßen Sie meine Eltern schön. ist mir doch egal.“

„Nein, ich glaube es ist dir nicht egal.“

„Dann nehme ich halt die Brief aus dem Briefkasten und zerreiße den.“

„Okay, dann rufe ich deine Eltern eben gleich nach der Stunde an.“

„Ja, machen Sie doch. Dann sage ich auch, dass sie mich bedroht haben und, dass Sie mich angefasst haben.“

Daniel, der neben Samatha sitzt wundert sich: „Aber das hat sie doch gar nicht. Frau Freitag hat dich doch gar nichts gemacht.“

Samatha eingeschnappt: „Na und, dann lüg ich halt. Mir doch egal.“

Jetzt reicht es mir: „Okay Samatha, wir gehen gleich nach der Stunde zum Schulleiter.“

Nach der Stunde behalte ich sie im Raum. Ich empfehle ihr dringend sich das sofort wieder abzugewöhnen, weil ich ihr sonst eine Anzeige wegen Verleumnung anhängen werde. Sie entschuldigt sich, ich werde wieder milde und wir verlassen beide zufrieden den Raum.

Und ich bin mir ziemlich sicher, dass Samatha und ich in Zukunft keine Probleme mehr haben werden.

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9 Gedanken zu “Ach heute…

  1. Ich bin mir sicher, dass bei Ihrem hoffnungsvollen Schlusssatz der Wunsch der Vater des Gedankens war
    – aber Sie werden uns sicher (bzw. hoffentlich) über die weitere Entwicklung mit Samatha auf dem Laufenden halten.

  2. Very nice.

    Ich lese gerne hier und muss dann immer daran denken wie ich den Kampf (eher: die Resignation) meiner Berufsschullehrer mitbekommen habe, als ich Gastro lernte: Knapp 30 Schüler, 80% Migrantenanteil, 90% die in der Gastro durcharbeiten und deren einziger freier Tag in der Woche die Berufsschule ist (wenn überhaupt) und ein verzweifelter Lehrer der versucht einer unter günstigen Bedingungen schon eher schwierigen Clientel den Stoff beizubringen. Da wurde dann auch schonmal im Unterricht telefoniert und der Raum zum Rauchen verlassen.

    Ich hoffe Samantha macht nun keine Probleme mehr 🙂

    Liebe Grüße,

    Silberaugen

  3. entscheidend ist ja, dass sie den konflikt um die sitzplätze durchgekämpft haben und siegten – stellen sie sich vor, sam hätte sich final doch nicht anders hingesetzt … das hätte am respekt vor frau freitag gekratzt, aber sowas von!
    und die drohung der anzeige wegen verleumdung, die merk ich mir auch… brauch ich bestimmt mal, wenn mir mal wieder unterstellt wird, ich hätte jemand den arm verdreht als ich das haustelefon an mich nehmen wollte usw.
    danke!

  4. Einfach prima, wie Ihre Schüler reagieren! Allein schon „Aboooo, was das?“, einfach genial. ^^ „Tschüüüch“ werde ich mal in meinem Freundeskreis ausprobieren, das macht sich bestimmt gut.

    Ich habe die letzten zwei Tage interessante Erfahrungen auch mit Hauptschülern machen dürfen, und war erstaunt über die Fragen, die mir Sechzehnjährige stellten. Einer hatte beispielsweise AGZEPT geschrieben und wollte wissen, ob da noch ein T hingehört. Bis ich verstanden habe, dass ihm aufgetragen worden war AKZEPTANZ zu schreiben…

    Meine Schüler waren heute super ausgelassen, kein Wunder, war doch der letzte Schultag vor den Ferien. Wann ist es denn bei Ihnen endlich so weit?

  5. witzig + informativ… 😉
    war denn an ihrer schule heut gar nicht deutschland-türkye diskussionsthema nummer eins am schulhof?
    die hälfte meiner schüler haben heute die türkische fahne mitgebracht. die andere hälfte (die schülerinnen) haben die fahne als kopftuch getragen. ok, ich übertreibe – aber fast war’s so. ich freu mich jedenfalls auch auf’s spiel!

  6. Vielleicht haben Sie gekriegt, was Sie wollten. Aber ich finde Ihre Einstellung traurig. Schüler mit Anzeigen drohen- haben Sie denn dort schon Ihre pädagogische Grenze erreicht?

  7. Traurige Einstellung?? Sorry, aber das kann ich ja mal gar nicht teilen.

    (Soweit ich das verstanden habe) KEIN Brief an die Eltern, KEIN Gang zum Rektor, KEIN Abkanzeln vor der versammelten Klasse – sondern ein ruhiges und eindringliches Vieraugengespräch.
    Kann ja jeder seine eigene Meinung haben, und meine als nicht-Pädagoge und erst kürzlich auf diesen Blog gestoßene zählt vielleicht auch nicht viel, aber ich ziehe meinen Hut!

    Und, Frau Freitag: Vielen Dank für den tollen Einblick in eine mir gänzlich verschlossene Welt!

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