Endlich die ersten Kratzer

So, nun ist es endlich passiert: In meiner Klasse gibt es den ersten Fall von Hornhautzerkratzung! Yeaaaahhh! Das muss sich jetzt nur noch rumsprechen.

Seit einigen Jahren – seitdem es wahrscheinlich bei Lidl, Aldi oder Kick gaaaaanz billig farbige Kontaktlinsen zu kaufen gibt, kommt mindestens einmal in der Woche ein Mädchen in meinen Raum, stellt sich vor mich, reißt die Augen auf und fragt: „Frau Freitag, was sagen sie? Sieht gut aus?“ Mal unter uns – es sah nie gut aus. Befremdlich. Zombiartig. Irgendwie alienesk. Diese bildhübschen dunklehaarigen, solariumgebräunten oder mit rotbraunem Make-up zugekleisterten Teenagerinnen stehen plötzlich da, mit cyanblauen oder hellgrünen Kontaktlinsen. Leider sieht es nie natürlich und deshalb nie gut aus. Wenn das anders wäre, wären die dunklen Haare und die blauen oder grünen Linsen wahrscheinlich apart oder sogar toll, aber so….

Kommt ein Mädchen mit diesen Dingern in die Schule, geht gleich der übliche Zirkus los: „Abooohhh, voll schööööön.“ Dann in der nächsten Stunde: „Kann ich auch mal?“ Und schon werden mit den dreckigen Fingern die Kontaktlinsen rausgenommen und in die noch gesunden Kinderaugen gesetzt. „Abooohhh, sieht bei dir auch voll schön aus!“

„Echt? Hast du Spiegel? Gib mal.“

„Ja, vallah, voll süß!“

Unterricht ist dann nicht mehr möglich, weil die spontane Bedürfnisbefriedigung im Vordergrund steht. Grundbedürfnis Nummer 1: Voll schööön aussehen. Kommt noch vor essen und trinken. Wie oft habe ich schon meinen Hügiäne-Vortrag gehalten: „Keime, Reinigungsflüssigkeit, Zerkratzen – ja sogar Ablösung der Hornhaut, Erblindung… BRILLE – ein Leben lang…“ Nützte alles nichts: „Abbohhh, voll schööönn darf ich auch mal?“

Und dabei weiß ich, wovon ich spreche. Jahrzehnte lang war ich zu eitel, eine Brille zu tragen und zu faul die Hügiänevorschriften für die Kontaktlinsdepflege zu befolgen.

„Die Reinigungsflüssigkeit in diesen Döschen jeden Tag wechseln…ach, was, die wollen doch nur viel davon verkaufen. Diese Krümmel, die da in dem Behälter rumschwimmen, die kann ich doch locker mit den Fingern rausholen.“

Ich habe mit den Linsen geschlafen, wenn ich zu müde war, die rauszunehmen, ich habe mal eine in der Disko verloren, auf dem Boden wiedergefunden (leider kaputt) und einfach wieder ins Auge getan – was soll sein…ich sehe doch sonst nichts.

Und dann kam der Schock: Ein fettes Geschwür auf der Hornhaut. Direkt über dem Sehnerv. Krankenhaus. Tägliches Tropfen, mehrere Tage ganz blind – weil sich das auf das gesunde Auge übertragen hat (Sympaticus?), und ständig der Chefarzt: „Klar können sie weiterhin Kontaktlinsen tragen… wenn sie auf ihr eines Auge verzichten können…“

Und seitdem darf ich nur noch Brille aufsetzen. Ist gar nicht so schlecht, weil man da morgens nicht die Augenringe sieht. Ziemlich nerviges Alterungsphänomen: Die morgentliche Entknitterung dauert sehr viel länger als früher.

Aber meine Schülerinnen, hat sie meine authentische, voll selbsterlebte Horrorkontaktlinsengeschichte beeindruckt? Natürlich nicht. „Ja, ja, lass die Alte mal quatschen, was weiß die schon… die mit ihrer doofen Brille… und wenn die die abnimmt sieht die sowieso aus wie ein Maulwurf. Ist doch gut, dass die die trägt. Was ist Geschwür überhaupt?“

Aber jetzt haben wir den ersten Hornhautzerkratzungsfall in der Klasse. Marcella, die soooo schöne Augen hat, von Geburt an, war heute und gestern nicht in der Schule. Ich rufe sie an.

Sie kleinlaut: „Ich habe Kratzer auf der Hornhaut.“

Ich denke: Yes! Endlich! Sage: „Ach du Arme. Von den Kontaklinsen?“ Ihr leises „ja“ höre ich kaum.

„Na, dann kuriere dich mal aus. Dann kannste ja auch nicht mit zum Wandertag. Wir sehen uns dann nächste Woche. Tschüüüüß.“

Manchmal kann das Leben echt den besten Unterricht machen.

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8 Gedanken zu “Endlich die ersten Kratzer

  1. Warum sollte man auch auf die olle Freitag hören, die mit ihren Horrorstorys einem eh nur Angst machen will? Und jung ist die auch nicht, sondern schon total alt, die weiß ja gar nicht mehr wie das ist, wenn man voll schön sein will.
    Trotzdem…Marcella tut mir Leid. Und Ihre Erfahrungen werden mich ab heute daran erinnern sorgfältiger mit meinen Linsen umzugehen.

  2. Und – wie groß schätzen wir den Lernerfolg bei den anderen voll schööönen Mädels ein?!?

    Bei mir hat die Brille genau den von Ihnen beschriebenen Effekt: das pink-grasgrüne Modell versteckt vortrefflich die – nicht nur morgendlichen und schon langsam derrickhaften – Augenringe. Warum darauf freiwillig verzichten?

  3. Jaja, frau Freitag, ihr Geschwür habe ich auch schon rauf und runter gebetet.
    Meinen Grün- u. Blauäugigen ist das egal, Hauptsache vollschönsein. Ich wurde sogar verdächtigt, neidisch auf das das Vollschöne zu sein….Pfffff…
    Wenn ich blaues Auge will, geh ich Boxclub….

  4. Das ging ja recht flott mit den Kratzern,
    leider läßt der irreparable Hörschaden meines Sohnes noch auf sich warten. Obwohl Sohnemann sich die größte Mühe gibt und die Ohrstösel, auch Kopfhöre genannt, permanent trägt. Die Mukke darin ist so laut , dass ich so ohne Weiteres sogar im Keller mithören kann..ohne Stöpsel…wummwummm…

    Das ist zwar nicht voll schöööön, dafür aber voll kuuuuuhl.
    Den einzigen Vorteil, den ich darin sehe, ist der, dass er sich die Eingewöhnungszeit fürs Hörgerät erspart.

  5. Huuuiiiiii.. Gruselig! Wirklich gruselig, was Du da erzählst!!!
    Wie kann man SO mit seinen Augen umgehen? Au weia!

    Ich hatte 20 Jahre lang Kontaktlinsen, bis ich sie von einem Tag auf den anderen nicht mehr vertragen habe. Einfach GAR NICHT mehr.
    Dabei habe ich immer ganz ordenrlich gepflegt und desinfiziert etc. – Okay, meistens zumindest…

    • ganz genau.
      frl krise sagt immer wir machen nur manöver, krieg ist dann nach der schule.
      Aber sie werden später an unsere worte denken, gesetzt den fall, dass wir unsere mantren oft genug abgelassen haben!

  6. Zwei sehr schöne Wörter heute hier: ‚Hügiäne‘ und von Ute ‚derrickhaft‘. Stark.
    Dazu ne schöne Story und philosophische Pädagogengedanken zum Schluss.
    Prima. Schönen Feierabend.

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