Handlungsorientierter Unterricht

Ausgeschlafen und frisch gebadet kann ich nun endlich, um halb vier am Samstag, mein Wochenende beginnen. Gestern war ich ja zu geschafft, von den vormittäglichen Erlebnissen, um sie hier abends noch mitzuteilen. Was war denn so Aufregendes passiert? Na, eigentlich nichts, aber es war auch kein Paradetag wie der von Frl. Krise gestern. Vor allem endete der Tag sehr stressig.

Ich unterrichte ja in der letzten Stunde der Woche eine sehr kleine siebte Klasse. In dieser Klasse befinden sich auch wieder der dicke Dirk und Dschinges. Aufmerksame Leser werden sich wundern: Die waren doch letztes Jahr schon in der Siebten. Ja. Aber es wird wohl niemanden wundern, dass sie das Klassenziel nicht erreicht haben. Nicht zuletzt meine schlechte Kunstnote war daran schuld, dass sie sitzen blieben. Und nun habe ich den Salat. Die alte 7b ohne den dicken Dirk und Dschinges, die jetzt die 8b ist, hat einen neuen Kunstlehrer und ich unterrichte die beiden wieder, nur halt in einer anderen Kasse. Oh grausamer Stundenplangott.

Ich will – soll mit ihnen eine Wand streichen. Wir haben keine Kittel und die Farbe geht nicht mehr aus den Klamotten raus. Spätestens bei dieser Information hätte Frl. Krise – die erfahrene Superlehrerin das Unternehmen – handlungsorientierter Kunstunterricht- gestoppt. Die dumme Frau Freitag dagegen rennt nichts ahnend in die bisher stressigste Stunde des neuen Schuljahres. Ich skizziere mal kurz den Ablauf.

Wir haben nur eine Rolle und zwei runtergewirtschaftete Pinsel. Der Raum in dem die Wand ist hat einen TEPPICH. Keiner will Abkleben: „Ist doch egal, machen Sie mal die Farbe auf, ich will umrühren!“ Zeitungen auslegen? Wozu denn? Also mach ich das. Die Farbe deckt nicht. Mit den blöden Pinseln macht es keinen Spaß und das Ergebnis sieht auch noch scheiße aus. Es wird sich um die Rolle geprügelt. Immer auf der Zeitung, die schon mit Farbe bekleckst ist. Die Aufmerksamkeit lässt nach: „Ich habe keine Lust mehr. Kann ich raus gehen? Ich gehe Cafeteria, ja?“

„Nein, du bleibst hier Dschinges, hier, sortiere mal die Bilder, die wir dann aufhängen wollen.“ Die Bilder werden über den Boden verteilt. Die anderen Schüler latschen darauf rum Dschinges erzählt vom Ficken. Er sei der große Mädchenaufreißer. „Wir machen das auch mit fünf Kumpels und einem Mädchen.“ Ich bin entsetzt und glaube ihm kein Wort. „Sie glauben nicht? Ich kann Ihnen Handyvideos zeigen.“

„Ach, du filmst dich noch dabei?“

„Nein, aber mein Kumpel filmt.“

Ich muss unbedingt mit der Erzieherin, der Klassenlehrerin und seinen Eltern sprechen. Aber nicht jetzt. Beim dicken Dirk geht die Farbe auf die Hose: „Scheiße, Frau Freitag, geht die wieder raus? War 80 Euro die Hose!“ „Ja ja, das geht wieder raus.“

Dann das Klingeln. Zack, und schon sind alle weg. Die Wand sieht so schlimm aus, dass ich der Klassenlehrerin einen Brief im Raum lasse, dass wir da noch mal rüber gehen müssen. Dann mache ich mich alleine ans Aufräumen. Es ist 14.30Uhr. Der Stuhl auf dem die Farbe stand ist total eingesaut. Den schleppe ich durch das Schulhaus zu einem Waschbecken. Dann die bekleckste Zeitung entsorgen und mich noch notdürftig säubern. Völlig verschwitzt schleiche ich irgendwann ins Wochenende zu Frl. Krise, die mir freudig von ihrem perfekten Tag erzählt. Ich fühle mich wie lebendig begraben.

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6 Gedanken zu “Handlungsorientierter Unterricht

  1. Können Sie das Werk nicht als besondere Tupftechnik verkaufen? Von wegen: „Daneben gegangen? Daaaaaas? Nein, niiiiiiiiiiiiiiiiemaaaals. Das ist die neue Marmorisierungstechnik, die auch die ganzen Designer verwenden, die kennst du doch, oder etwa nicht?“

  2. 😀
    Mir geht das Herz auf, vor christlicher und pädagogischer Nächstenliebe.
    Meine Praxisanleiterin würde mich jetzt ernst und verständnissvol ansehen und dann fragen: Aha… Wie geht es dir jetzt damit? Was brauchst du jetzt?

    Danach würde sie aufschreiben, was ich gesagt habe und mit eine negative Beurteilung geben.

    Ich kann mir bidlich vorstellen, wie ihre Aktion gelaufen sein könnte. Und die Bilder dieses imaginären Schlachtfeldes, vermischen sich mit meinen eigenen hochtraumatischen Erfahrungen.

    Im Jugendzentrum ( top motivierter Praktikant möchte den Laden vorm Untergang retten und geile Aktionnen durchführen. Weil die Blagen ja eh auf nichts Bock haben ( wenn es nicht , chillen, rauchen und schwächere Kinde belästigen ist.) dachte ich mir: Sachzwänge motivieren.

    Mein erstes ANgebot richtete sich also an die Ehrenamtler. Das sind Jugendliche, die man in den Betrieb eingebaut hat. Die Idee dahinter war: Wenn man ihnen das Gefühl gibt, ein Teil zu sein, hören sie auf die Sitzmöbel abzufackeln.

    Mein erstes Angebot sollte simpel und schnell durchführbar sein, damit die Jungs sich mal als kompetente Macher erleben können. (Den ganzen Schnodder musste ich dann in drei EInheiten aufteilen und insegesamt mit über 20 Seiten besprechen… )

    Lange Rede, wenig Sinn: Wir bauen also eine Türe vor das Regal an hinter der Theke, damit man die Süßigkeiten, die dort verkauft werden, nicht die ganze Zeit im Aige behalten, bzw ständig wieder in den Vorratsraum schleppen muss.

    Ich hab den Quatsch daheim sogar extra selbst schonmal gebaut, damit ich im Zweifelsfall nicht total bescheuert aussehe. Hat 15 Minuten gedauert und war perfekt.

    Das Ergebnis der „geplanten Aktion“ hat über eine Stunde auf sich warten lassen, war schief und hatte einen Riss im Plexiglas, der das gesamte Fenster spaltete.

    Wenn man dann, alleine, vor den Trümmern der Aktion steht, die Jugendlichen sich motzend, verpisst haben… Das ist schon ein ganz besonderes Gefühl. Der Wahnsinn, der einen dazu verleitete, etwas derartiges zu planen, ist verflogen. Was bleibt sind die grauen Bunkerwände, die brave Eva und eine Luger.

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