Lieber Herr Sarrazin…

Kommen wir eigentlich an der Sarrazin-Debatte vorbei – irgendwie nicht, oder? Der gute Mann ist ja praktisch schon bei uns eingezogen. Jeden Abend, wenn ich den Fernseher anmache, dann labert der mich in den Schlaf. Jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit guckt er mich von den Titelseiten der Zeitungen an. Gestern, war olle Sarri ja bei Hart-aber Fair (ich finde der Herr P. ist oft gar nicht fair, sondern nur arrogant und gemein. Ich würde niiie in seine Sendung gehen!).

Irgendwie sah Sarri etwas geknickt aus. Er tat mir streckenweise leid. Da saßen diese ganzen guten Bürger, sogar einen echten Juden und eine deutsche Türkin hatten sie eingeladen und die wenigsten von denen hatten sein Buch gelesen und trotzdem empörten sich alle. Nun, ich habe es auch nicht gelesen und ich verstehe auch nicht, warum er dauernd diesen Schwachsinn, mit den Genen erzählt, aber ich finde es nicht schlecht, dass mal wieder viel über die missglückte Integration gesprochen wird. Leider fehlte mir gestern eine wichtige Frage. Warum fragt niemand die Moslems, warum sie sich so schwer damit tun zu sagen, dass sie Deutsche sind. Die können ja meinetwegen sagen sie sind türkische Deutsche oder mit arabischen Wurzeln, aber nie höre ich von meinen Schülern oder deren Eltern, dass sie sich auch als Deutsche verstehen. Auch wenn sie schon seit Generationen hier leben und auch die Staatsangehörigkeit haben. Was ist denn daran so schlimm. Wenn meine Schüler mal damit anfangen würden, sich nicht mehr als Ausländer zu sehen, dann trügen sie einen beachtlichen Teil zur Integration bei. Nämlich ihren Teil. Ich sehe sie ja wie schon 1000 Mal gesagt, schon lange als Deutsche. Denn wir Deutschen verändern uns. Aber lieber Herr Sarrazin, wir schaffen uns nicht ab, wir erweitern uns und vor allem – wir verschönern uns.

Und lieber Herr Sarrazin, ich würde gerne Ihr Buch lesen, ich will nur nicht das Geld dafür ausgeben. Ich muss mal gucken, wo ich mir das Buch ausleihen kann. Und Herr Sarrazin, Sie müssen gar nicht soviel Angst haben vor den Moslems. Die sind doch ganz nett. Kommen Sie doch mal bei mir vorbei und lernen Sie mal ein paar Moslems persönlich kennen. Wenn Sie immer nur mit Ihren Satistiken rummachen, dann wissen Sie doch eigentlich gar nicht, wovon Sie reden. Oder kennen Sie viele Moslems. In der Bundesbank sitzen bestimmt nicht viele Kopftuchmädchen.

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Allgemein

10 Gedanken zu “Lieber Herr Sarrazin…

  1. Es stimmt, in der Bundesbank werden sie die Moslima wohl lange suchen können. Schade finde ich nur, dass wir Sie nie bei „Hart- aber Fair“ sehen werden. So eine richtig gute Bildungsdebatte mit der berühmten Pädagogin Frau Freitag als Stellvertreterin für uns gequälte Lehrer, nun, das hätte schon was gehabt. Und Frl. Krise können wir ja nicht hinschicken, jetzt, wo ihre Schüler so lieb sind. Also geben Sie sich einen Ruck, Frau Freitag, so ein bisschen Medienpräsenz würde Ihnen sicher gut stehen.

  2. So ähnlich fühlte ich mich Ende 89 als DDRlerin, als ich in einer Firma in Westberlin anfing. Mein Chef: „Wenn alle so wären wie Sie, könnte ich mich mit den Ossis anfreunden!“ – Auf Nachfrage meinerseits gab er zu, dass er ganze drei Ostdeutsche kennt – ist doch wahrhaftig ein repräsentativer Querschnitt, um sich ein abfälliges Urteil zu bilden! Oder etwa nicht?

  3. Eine hervorragende Idee: Herr Sarrazin auf Schultour, DAS würde ich gerne mal im Fernsehen sehen. Und Ihr „… wir erweitern uns und verschönern uns“ rührt mich!

  4. Liebe Frau Freitag,
    ich stimme Ihnen wie so oft fast überall zu – nur diesmal muss ich doch einmal meinen Senf dazu geben. Es ist doch kein Wunder, dass Ihre Schüler sich nicht als Deutsche sehen, oder? Sehen „die Deutschen“ sie denn als „Deutsche“? Ich denke, da könnten viele von „uns Deutschen“ auch einen Teil zur Integration beitragen – und überhaupt, was ist eigentlich , aber das wurde ja bei „Hart – aber Fair“ auch kurz andiskutiert. Die Diskussion müsste eigentlich ganz anders laufen, aber irgendwie klappt das nie so richtig, habe ich das Gefühl…

  5. ich gebe tanisan recht! sie sagen nicht, dass sie deutsch sind, wahrscheinlich weil sie 1. wie im Falle Sarrazin nicht als deutsch wahrgenommen und verstanden werden und 2. nun mal in der Zwickmühle stecken. ich sprach mit deutschen Türkinnen vom Gymnasium, die sahen sich „sowohl-als auch“, Oma und Opa in der Türkei, ist doch klar, dass man da in Verlegenheit kommen kann. dann gibt es welche, die sagen einfach nur: ich bin Mensch. und dann gibt es die, die ganz klar sagen: ich bin deutsch. aber es stimmt, viele lehnen „deutsch“ auch ab und schimpfen über dieses Land, was ich auch nicht recht verstehen kann. die Gesellschaft ist so vielschichtig und wir suchen immer nach klaren Antworten, die es nun mal nicht gibt. ansonsten gehe ich mit Ihren Ansichten d´accord:)

  6. So…so: grüner Pass mit goldenem Adler drauf (Video). Die Deutschen haben folglich alle einen „Reisepass“? Dann bin ich ja richtig „OUT“ mit meinem… „Personalausweis“. Deutsche singen im amerikanischen „Gangsta-Style“? Ja, es wird Zeit – für die Diskussion – die Sarrazin los getreten hat.

    Hintergrund:
    Ich bin selbst „Ausländer“. 1961 wurde ich in „West-Berlin“ geboren. Deutsch britische Freundschaft: ein Alliierten-Kind. Mutter Deutsche. Vater Engländer.

    Erzogen wurde ich als Deutscher. Und doch… ist da mehr in mir …als nur dieses „Deutsche“. Dazu kommt mein Name „Igor Walter Bradley“ der, mehr als nur deutlich, veranschaulicht: daß es nicht nur Gene sein können (sicher auch) – die aus mir mehr – als nur Deutsch – machen. Ich bin auch Engländer. Wahrscheinlich bin ich sogar mehr: würde ich dem Stammbaum meiner Familien folgen.

    Ob nun wissenschaftlich, oder beweisbar… es gibt da Etwas in mir: das mir eine Zuordnung unmöglich macht. Nur, weil ich einen deutschen Perso habe und ausschließlich deutsch spreche: bin ich kein „NURDeutscher“. Weil ich einen britischen Reisepass habe und nur selten Englisch spreche: bin ich kein… „NUREngländer“. Ganz eigenartig ist, daß ich mich weit mehr zu dem Engländer in mir hin gezogen fühle, als zu dem Deutschen, den ich in Deutschland zu leben habe.

    Integration… die habe ich lange hinter mir. Die Probleme liegen nicht beim „Ausländer“. Weil er nicht will. Die Probleme verursacht Deutschland. Weil das nicht will. Oder anders formuliert: weil es seine Vorstellungen von Integration hat – die wahrhaftig deutsch sind.

    Heute… bin ich wieder Ausländer. Denn die Deutschen sind wieder deutsch (Kampagne: Du bist Deutschland). Im Heer der Arbeitslosen: stehe ich ganz Hinten an. Mein Name hat seinen einstigen Vorteil verwirkt: ist jetzt Nachteil. Erfahrungen, die eventuell nur auf meine Person zutreffen. Verwirkt ist auch der erlernte Beruf und alle sonstigen Qualifikationen. Zehn Jahre meines Lebens haben ausgereicht: vierzig Jahre auszulöschen – mich wieder zum „Ausländer“ zu machen. Dafür hat Deutschland seine neuen Gesetze und ein umgebautes Grundgesetz (nicht Verfassung).

    Nicht ohne Grund – soll – die anonyme Bewerbung eingeführt werden. Es gibt offensichtlich noch ein Paar Deutsche, die nicht ganz so deutsch sind: wie die wieder nötig gewordenen „Strammsteher“ und „Abnicker“.

    Ich muß kein Buch lesen, um zu wissen, daß da mehr ist, als nur Gene und die Wurzeln der Herkunft. Dazu gibt es kaum Wissenschaftliches, oder etwas Beweisbares. Und selbst wenn – wird sich das „Deutschland“: nicht über die Inschrift der Freiheitsglocke im Schöneberger Rathaus schweißen.

    Nein, es geht nicht um die „Person“ Sarrazin. Es geht auch nicht um das Buch und unsere Aufregung darüber (ohne es gelesen zu haben). Es geht um den Fingerzeig in die Vergangenheit (der reicht – um uns aufzuregen – das uns anerzogen wurde – darauf anzuspringen). Es geht um das von Damals in unserem Heute: dessen Wiedergeburt nach dem Mauerfall 1989.

    Dieses Buch ist als Symbol zu verstehen. Die Diskussion darum wird beabsichtigt: falsch geführt. Halbwegs ausgebildete Lehrer müßten wissen warum. Sie müßten auch wissen – warum – ich vermeide… das „ss“ der Rechtschreibreform …anzuwenden. Von Schülern kann ich das nicht verlangen. Sie werden nicht auf die Inhalte „meiner Zeit“ geprägt. Sie werden für das Notwendige ihrer Gegenwart ausgerichtet.

    Ja, es geht um mehr. Um viel mehr. Um all das, worauf meine Generation geprägt wurde – zu achten: das die „Bundesrepublik Deutschland“ niemals wieder zu „NURDeutschland“ aufsteigen kann. Um es nett zu umschreiben.

    Abschließend:
    Heute lebe ich in München. Da bin ich weit mehr Ausländer, als irgendwo anders in der „Bundesrepublik Deutschland“. Hier bekommt das Oben drauf noch einen „Saupreuß“. Ich bin jetzt quasi ein ausländischer Ausländer im Ausland: ein Ausländer XXL. Ohne Anspruch auf ALG II. Ohne Krankenversicherung. Ohne Konto – da keine Einzahlungen möglich. Bei zig Arbeitnehmerüberlassern eingeschrieben – seit Jahren ohne Erfolg. Habe Deutschland verklagt – das eine Farce war. Werde jetzt von der Steuer abgesetzt: als besondere Belastung. Ja, ja… Bewerbungen – ja sicher.

    „Deutschland schafft sich ab“? Dieses Deutschland… gibt es seit 1945 nicht mehr. Die „Bundesrepublik Deutschland“ wurde 1989 abgeschafft. Was das Heute ist… wer weiß. Sicher keine Demokratie. Wahrscheinlich ein „Phantom-Staat“. Noch wahrscheinlicher… die Fortführung der römischen Verträge und die Wiedereinführung des: „Im Namen Gottes“.

    Wenn Sie denken, daß Sarrazin sein Buch „empörungswürdig“ ist… empfehle ich Ihnen dieses Buch: http://www.moses-methode.de

    Zum bahnbrechenden Wandel in Gesellschaft und Unternehmen – per Wanderkultur. Eine Methode abgeleitet aus der Bibel – dessen Moses-Geschichte. Eine spannende Lektüre für den Lehrer in Sachen Religion (aller Glaubensrichtungen).

    In diesem Sinne… Man muß nicht ausschließlich der CDU oder CSU angehören: um Christ zu sein. In dem Verein… finden sich alle …die im Namen Gottes: Großes zu vollbringen haben. So Großes… daß sie dazu keinen Gott gebrauchen können… außer sich selbst.

  7. Pingback: Kommentar zu Sarrazin (Deutschland schafft sich ab) « Alter Sack (Freestyle-Blog)

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