Altern

Ich will heute nicht über die Schule schreiben. Ich glaube ich starte einen Blog über das alt und oll werden. Alter werden geht schon. Aber oll werden, nervt echt. Seit Jahren wird der Alterungsprozeß von mir, in einem Selbstversuch unter die Lupe genommen. Was mir besonders auffällt ist, dass die Pickel – die man trotz einem Alter jenseits jeglicher Pubertät immer noch bekommt –  immer langsamer verheilen. Ein son läppischen Pickel begleitet mich heute schon mal mehrere Wochen. Auch die Haare verändern sich irgendwie. Ich kann mich nicht an volles Haar auf meinem Kopf erinnern, aber momentan kommt es mir vor, als hätte ich fast gar keine Haare mehr. Dafür kann ich besser sehen. Sehen ist auch viel wichtiger als aussehen. Ich kann schon ohne Brille lesen. Bald brauche ich vielleicht gar keine Sehhilfe mehr. Ein großes Thema – Füße…  aber irgendwie fetzt so ein Verfallsblog auch nicht.

Vielleicht ist die Schule doch kein so schlechtes Thema. Da rennt wenigstens die Jugend in allen ihren Dareichungsformen rum. Wenn man mal bedenkt, wie kurz die jugendliche Schönheit nur hält, wenn man überhaupt jemals damit gesegnet ist, da sollte man doch ganz schnell auf geistigen Ausbau setzen. Meine Schüler verbringen aber so viel Zeit damit gut auszusehen und so wenig Zeit damit schlauer zu werden… ich muss denen morgen unbedingt sagen, dass das ein völlig falsche Ansatz ist.

Ich will nur noch schlafen!

Oh bin ich müde. Sooo müde. Dabei habe ich noch nicht mal ein WM-Vorrundenspiel bestritten, sondern war nur Grillen. Aber dann bis um 2 Uhr morgens in Debatten verstrickt. Am Thema war ich wahrscheinlich nicht ganz unschuldig. Irgendwie ging es am Rande um die Schule und Bildung. Erst habe ich so vom Unterrichten geschwärmt – keine Ahnung, was mich da getrieben hat, dass sich zwei junge Herren gleich am Montag für ein Lehramtsstudium anmelden wollen. Ich sollte Rekrutierter werden.

Dann ging es in einer kleineren Runde um den Bildungswillen meiner Schüler. Leider konnte mir niemand eine Antwort darauf geben, warum meine Klasse in diesem Jahr so schlechte Zeugnisse bekommen wird. Vielleicht ist die Realität schwer zu ertragen, denn ich höre immer wieder, dass „man da doch was machen muss.“ Vielleicht komme ich auch manchmal zynisch und hoffnungslos rüber – bin ich gar nicht, sonst hätte ich schon längst die Schule oder den Beruf gewechselt. Und vielleicht kann ich meine dann doch auch daseiende Zuneigung zu unserem Klientel nicht immer und überall in Worte packen. Aber sie ist da. Das garantiere ich: Ich arbeite sehr gerne mit denen.

Und auch wenn sie ohne Schulabschluss entlassen werden, dann ist das noch lange kein Todesurteil. Weder für sie, noch für mich, und schon gar nicht für die Gesellschaft. Keine Angst, ich habe denen soviel Selbstbewusstsein eingetrichtert, dass die es schon irgendwie packen werden. Bei manchen wird es eben ein wenig länger dauern, aber aus meiner Klasse wird niemand so bescheuert sein, bei einem Pokerraub aus falschem stolz die gelben Gummihandschuhe nicht anzuziehen. Das haben wir ausführlich bearbeitet und sie wissen alle, dass man nicht mit dem eigenen PKW zum Raub vorfährt.

Nur wenn und dann auch nur vielleicht…

So. Eventuell gibt es einen großen Bus. Aber dann auch nur mit 72 Plätzen. Ich werde wahrscheinlich gar nicht alle Schüler mitnehmen können, die bezahlt haben. Ich werde eine Schindler-Liste erstellen. Als erstes fliegt Abdul, der hat bisher noch nicht bezahlt und der kann die 40 Euro dann in Gold anlegen.

Dann streiche ich Mehmet, weil ich den seit der Geldübergabe nicht mehr gesehen habe. Nein, ich habe ihn gesehen, am Donnerstag – vor der Schule – rauchend.

„Sag’ mal Mehmet, was soll denn die Scheiße jetzt.“ Ich bin echt sauer und dann habe ich manchmal ein leichtes Tourettesyndrom. „Heute Morgen hast du gesagt, du gehst mal kurz zur Geschichtslehrerin und dann tauchst du gar nicht mehr auf. Den ganzen Tag nicht!“ Mehmet stammelt, überlegt. Man sieht Dampfwolken aus dem Kopf aufsteigen: „Ich war, ich war,…“ er guckt zu seinem Freund Mustafa, der mit einem Zettel neben ihm steht. „Ich war OSZ.“ „Ach ja? Wo denn?“ „Na OSZ.“ Als gäbe es nur ein Oberstufenzentrum in ganz Deutschland. „Wo war das denn genau?“ Mehmet nimmt den Zttel von Mustafa und sucht nach einer Adresse. Ich hab die Faxen dicke: „Ach lass Mehmet, verarschen kann ich mich alleine.

Der kommt jedenfalls nicht mit. Und dann werde ich die Schüler strafen, die nicht am Donnerstag, sondern ganz mananaesk erst später bezahlt haben. Ich werde denen schon noch die deutschen Tugenden beibringen!!!

Heute Nacht bin ich um 2 Uhr aufgewacht und habe überlegt, ob ich überhaupt fahren soll oder nicht. Ich habe die einmalige Chance, alle vermissten Bücher bezahlt zu bekommen, denn ich habe ja quasi von jedem Schüler 40 Euro. Jedes Jahr heißt es: „Ich schwöre ich habe mein Buch hier bei Sie gelassen. Ich zahle das nicht!“  „Ich habe keins bekommen!“ „Sie haben es geklaut!“ Dass sie dann nur eine Kopie von ihrem Zeugnis erhalten juckt sie wenig. Wenn ich ihnen 20 Euro abziehe und sie nicht mit in den Heidepark können, weil sie mir wahrscheinlich nicht noch mal 20 Euro mitbringen werden, das würde sie ziemlich jucken.

Am Montag knüpfe ich die Buchabgabe als Bedingung an die Mitfahrt in den Heidepark. Als Lehrer hat man so selten die Möglichkeit der Erpressung. Das muss man richtig auskosten.

In meiner  nächsten Klasse werde ich ganz am Anfang Geld für eine Klassen fahrt einsammeln und davon dann die restlichen Jahre die verschollenen Schulbücher bezahlen. Oder ich gebe die nur gegen ein Pfand raus. Ich glaube so was nennt man fächerübergreifendes Lernen. Und ich find’s ganz großartig.

Fiese Frau Freitag

Also, diese Jobcenterzettel brauchen die Schüler, um nachzuweisen, dass ihre Familien Hartz4 beziehen und sie deshalb vom Schulbuchkauf befreit sind. Hinter diesen Bescheinigungen rennt der Klassenlehrer wochenlang her. Die Zettel hatten GAR NICHTS mit dem Heidepark zu tun. Reine Erpressungsmaßnahme. Hier denkt ja wohl niemand, dass ich den Besuch, des Heideparks von der steuerzahlenden Allgemeinheit bestritten sehen möchte, oder?

Heute haben noch drei Schüler bezahlt. Abdul ist schwer krank, lässt aber ausrichten, dass er ganz bestimmt am Montag bezahlt. Tja. Ich hätte also 23 zahlende Schüler gehabt. Aber jetzt habe ich keinen Bus mehr. Fiese Frau Freitag! Meine kleine Rache für all die Scheiße, die sich meine Klasse das ganze Jahr, ach, was sag’ ich, die ganzen letzten drei Jahre geleistet hat. Und wenn jetzt einer von denen, wie zu erwarten ist, seine Schulbücher nicht bis Ende nächster Woche abgibt, dann habe ich ja von jedem 40 Euro und ich schreibe gerne eine Quittung und werde das Restgeld ordentlich an die Eltern überweisen. Ja, so kennt man Frau Freitag gar nicht? Frau Freitag kann auch hart und gemein sein. Nennen wir sie doch einfach KONSEQUENT!

Okay, also hier die ganze Geschichte. Ich habe den Bus storniert, aber erst als ich erfuhr, dass die Klasse von Frau Dom nur 10 interessierte Schüler aufweisen konnte, von denen niemand Geld mithatte. Das war mir einfach zu heikel. Ich hatte ja schon alle Kollegen bekniet, uns mit ihren Klassen zu begleiten. Ich fand doch nur Frau Dom, die ich solange zugequatscht und mit Kaffee im Heidepark erpresst habe „Das wird gaaaaanz schön. Wir fahren Riesenrad und Wasserrutschbahn…“. Ich musste dem Bus heute Morgen fest zusagen. Ich will doch nicht auf 1000 Euro hängen bleiben.

Aber ich bin ja nun doch nicht so herzlos, wie es hier klingt, denn ich spekuliere noch auf Plan B. Die Kollegen Anita und Willy haben ja auch einen Bus gechartert und ich dachte: Na, vielleicht können wir uns einfach bei denen dranhängen. Ich also gleich zu Anita: „Duuhhuuu, sag’ mal, wann sollen deine Schüler eigentlich bezahlen?“ Anita, voll im Stress, weil bei uns so ganz nebenbei noch die Notenabgabe läuft: „Äh, heute.“ „Und wie viele haben  schon gezahlt?“ „Keiner.“ Bei Willy das Gleiche. Er meint, dass seine gesamte Klasse mitkommt und alle noch bezahlen werden. Nun wäre es nicht verwunderlich, wenn in deren Klassen jeweils nur die Hälfte bezahlen würde. Und dann komme ich und rette die leeren Sitzplätze mit meinen zahlenden Schülern. Mit diesem herrlichen Plan ging ich gestern schlafen.

Heute dann die herbe Ernüchterung. Bei Anita haben schon 16 bezahlt. Bei Willy 18. Mist, jetzt passen wir gar nicht mehr rein in den Bus. „Willy, guck’ mal…wir MÜSSEN auch Heidepark gehen können. Könntest du versuchen einen größeren Bus zu bekommen? Ich sitze neben dem Telefon und bete – ähnlich wie eben in den Nachspielminuten.

Und mal wieder soll es uns nicht so leicht gemacht werden. Sie müssen erst mal nach einem größeren Bus fahnden. Ich soll gegen 16 Uhr noch mal anrufen. Das ist jetzt und deshalb werde ich gleich mal telefonieren. Daumendrücken!!! Ich will doch auch Heidepark!

Jetzt wird’s spannend

Vor lauter Aufregung konnte ich gar nicht schlafen. Werden meine Schüler das Geld für den Heidepark mitbringen oder nicht. Wird der ein oder andere an die Einverständniserklärung der Eltern, dass ich für den Tod ihres Kindes, wenn es aus der Achterbahn fällt, nicht verantwortlich bin, denken? Wie viele Schüler werden diesen Brief überhaupt noch haben?

Ich bin mal wieder der Klassenstreber und bin übertrieben pünktlich. Zehn Minuten vor dem Klingeln schlendert Ronnie rein. Grinsend. Gar nicht schlecht gelaunt, wie in den letzten Monaten. Der wird doch nicht etwa Geld dabei haben?

„Was ist mit dir Ronnie, jetzt sag nicht, dass du die 40 Euro mit hast.“ „Hier.“ sagt er stolz und knallt mir zwei Zwanziger aufs Pult. Kramt in seiner Hosentasche und legt die Einverständniserklärung dazu. Ich bin platt und lege gleich eine Liste an: Name / Geld / Brief

Ordentlich schreibe ich: Ronnie / 40 Euro / Brief ja.

Dann kommt Samira: „Hier Frau Freitag, das Geld und der Brief.“ Dann Marcella – Geld, Brief und sogar Jobcenter Zettel. Ich komme aus dem Schreiben gar nicht mehr raus. So gegen 8.20 trudeln die anderen Teilnehmer meiner Klasse ein. Drängen sich um mich und halten mir Einverständniserklärungen und 50 Euroscheine unter die Nase. Ich mache Micha zu meinem Assistenten. Er kontrolliert die Briefe der Eltern. Neben mir steht Ayla und kontrolliert, ob ich auch alles richtig aufschreibe. „Wie viele haben wir jetzt Frau Freitag?“ „Im Moment sind es 13. Wir brauchen 23. Wenn wir nur 20 sind, dann muss jeder noch 2 Euro zahlen. Aber unter 20 geht nicht! Und dann müssen ja noch die aus der Klasse von Frau Dom bezahlen.“ Mehmet hat schon sehr früh bezahlt und wollte dann noch schnell zur Geschichtslehrerin, was wegen der Note regeln. Jetzt fällt mir auf, dass er gar nicht mehr wiederkommt. Er war auch nicht in den nächsten beiden Stunden. Aber bezahlt hat er. Um 8.05 Uhr.

Abdul kommt. Alle schreien: „Abdul, los gib’ Frau Freitag das Geld.“ Ich hab’ kein Geld.“ Alle denken Abdul scherzt und er wird von allen Seiten bedrängt. „Ich habe mich gestern mit meinem Vater gestritten. Ich kann das Geld erst am Montag mitbringen.“

Ich: „Montag ist zu spät. Ich brauche es heute. Du kannst das doch erstmal von deinem Taschengeld bezahlen. Du hast doch Geld. Ihr bekommt doch an den Feiertagen immer so viel Kohle. Leih dir das doch heute zusammen.“

„Nein, ich hab’ kein Geld. Ich hab’ mein Geld in Gold angelegt.“ Dieser Abdul, denke ich, jedes Jahr drei oder vier Ausfälle, aber dann in Gold investieren…

Am Ende der Stunde habe ich von 18 Schülern Geld und Briefe bekommen und sogar überproportional viele Jobcenterzettel.

Ich bin sehr stolz auf meine Klasse und auch auf mich. Wenn ich mich für deren Danebenheit verantwortlich fühle, dann kann ich jetzt auch mal stolz sein. Aber 18 ist nicht 20 und schon gar nicht 23.

Ich gehe ins Lehrerzimmer und erzähle stolz, dass meine Klasse zum ersten Mal zuverlässig war. Dann gehe ich ans Telefon und storniere die Busreservierung.

Zwischenbericht

So, morgen wird’s Ernst. Morgen werde ich erfahren, wie viele Kinder denn nun wirklich in den Heidepark müssen und dementsprechend das Geld und die Einverständniserklärungen ihrer Eltern mitbringen. Ich habe keine Ahnung was mich erwartet. Von „Hier sind 50 Euro – behalten Sie den Rest.“, bis „Ach Heidepark ist doch schwul, ich will da doch nicht hin.“ rechne ich mit allem.

Ansonsten bin ich gut ausgerüstet für den morgigen Tag – da werden nämlich alle Klassenstufen, die das Glück haben, von mir unterrichtet zu werden, die Flaggen der WM-Teilnehmer ausmalen. Dank der innovativen Frau Dienstag, retten wir uns nun schon durch diverse W- und EM’s mit dem gleichen Arbeitsblatt. Geht mal ins Internet und gebt dort WM und Schule oder Unterricht ein. Da kommen dann Seiten, auf denen man erstmal Romane über die Armut in Südafrika lesen muss, Abhandlungen darüber, wo Nike seine Fußbälle nähen lässt, pro und contra Debatten über das Nationalgefühl während einer Fußball WM. Aber nirgends ein simples Flaggenausmal-Ländersuch-Blatt. Frau Dienstag – lass das Blatt drucken und tingle durch die deutschen Schulen und werde reich. Brauchst du nie mehr zu unterrichten.

Langsam erhole ich mich auch vom anstrengenden Partywochenende und kann wieder lächeln. Heute noch schön Vuvuzelas hören und Südafrikaner gucken, dann schlafen, dann Geld einsammeln, Flaggen ausmalen, nach Hause, wieder Fußball usw. Besser kann doch ein einzelnes Leben gar nicht sein.

Soll ich ?

Scheiße, gestern hat sich ein Busunternehmen gemeldet. Die haben mir ein Angebot gemacht. Für den Preis könnte ich auf die Malediven fahren. Sollte ich vielleicht einfach das Geld von den Kindern einsammeln und mir davon einen schönen Urlaub gönnen? Verdient hätte ich den.

Komatös liege ich auf der Couch und gucke mir die Italiener an. Heidepark ja – Heidepark nein. Das ist hier die Frage. Ich könnte einfach gar nichts sagen und wir machen einen ganz normalen Wandertag. Langweilig für mich – irgendwie wahnsinnig aufregend für die Kinder, da die mir immer so vorkommen, als begrenzte sich ihr Bewegungsradius auf zu Hause-Schule-zu Hause. Ich habe denen ja nicht gesagt, dass ich heimlich nach einem Bus gesucht habe. Und bis gestern Abend sah es ja auch so aus, als gäbe es keinen. Ich habe das schon unter höherer Gewalt abgebucht. Und jetzt das. „Liebe Frau Freitag…hier unser Angebot…“

Was soll ich nur tun. Momentan möchte ich so dermaßen gar nicht in den Heidepark und ich will auch gar nichts mit meiner nervenden Klasse zu tun haben. Der Freund weiß auch keinen richtigen Rat – nur: „Schlaf mal drüber.“

Okay, ich habe darüber geschlafen und heute einen Brief aufgesetzt: „Ich bin damit einverstanden, dass mein Kind ______ im Heidepark Soltau usw.“ den Brief habe ich 25 mal kopiert und mich dabei gefragt: Warum mache ich das? Ich muss das doch gar nicht tun. Obwohl ich keine Antwort fand, stapfte ich in die letzten Minuten des Geschichtsunterrichts meiner Klasse und hörte mir eine chaotische Diskussion an. Alle schrieen durcheinander. Einige spielten mit dem Handy, andere unterhielten sich. Die nette Geschichtslehrerin versuchte für Ruhe zu sorgen. Meine bekloppte Klasse blieb einfach laut.

„Marcella, jetzt sei doch mal leise“ zischte ich zu ihr rüber. Sofort blökte sie in ihrer typisch nervigen Art los: „Frau Freitag, wenn sie was gegen uns haben, dann sagen Sie es doch!!!“ „Ich habe gar nichts gegen EUCH, ich will nur, dass DU leise bist.“ Noch in dem Moment dachte ich: Lass die Zettel einfach in deiner Tasche. Frag sie nur nach den Entschuldigungen für die letzten Tage und dann geh einfach. Du brauchst dieses H-Wort gar nicht zu erwähnen….

Und eine Minute später stehe ich vor meiner Klasse und erkläre, wann ich das Geld haben muss und die Einverständniserklärung der Eltern und sage, dass wir nur fahren können, wenn ALLE bezahlen und mindestens 22 Leute mitkommen usw.

Und – waren sie begeistert? Na ja, aufgeregt waren sie und sie haben mir die Zettel aus der Hand gerissen. Beim Rausgehen haben sie darüber diskutiert, wann sie aufstehen müssen und was sie mitbringen. Einige haben sich sogar von mir verabschiedet. Ja, ich denke, für ihre Verhältnisse waren sie begeistert.

Ach…

Übermüdet, heiser und schlecht gelaunt habe ich mich heute durch einen Tag mit meiner Klasse gemeckert. Momentan müsste sich mir schon ein Busunternehmen aufdrängen, damit ich überhaupt nur in Richtung Soltau denke. Und alles nur, weil man mal ein Wochenende jenseits der Couch verbringt.

Man kann ruhig mal tanzen

War ich Party gewesen. Mein persönlicher Heidepark Die ganze Nacht getanzt und Unsinn geredet. In meinem Alter steckt man das nicht so einfach weg. Von diesem Wochenende muss ich mich jetzt erstmal wieder sieben Tage lang erholen. Am Nachmittag waren viele Eltern dort. Mit Kindern. Wohlerzogen, ruhig, mit altdeutschen Vornamen und keines der Kinder hatte Gel in auf dem Kopf.

Ich frage mich – Wo gehen diese Kinder zur Schule? Bei mir jedenfalls nicht. Ich könnte denen wahrscheinlich auch nichts mehr beibringen, weil die alle schon aussahen, als hätten sie bereits einen Doktortitel. Frau Dienstag war auch dort. Getanzt wie ein junges Reh. Überzeugend gab sie sich als Mechatronikerin aus. „Nockenwelle kaputt, kein Problem, ich guck’ mir das nachher mal an.

Das komische an der Party war, dass fast keine Lehrer zugegen waren. Ich weiss auch nicht, wie wir da gelandet sind. Na ja, wenn man einfach in das Haus mit der lauten Musik geht, dann kann das schon mal passieren. Diese armen Nicht-Lehrer. Ich habe mein Bestes getan, sie noch in unser Boot zu holen: „Du könntest umsatteln. Fängst du als Vertretungslehrerin an und dann berufsbegleitendes Referendariat.“ Auf Anhieb habe ich wohl nicht viele überzeugt, aber vielleicht schlafen sie ja mal drüber und dann…

Von der Soltaumission gibt es noch nichts Neues zu berichten. Könnte am Wochenende liegen. Und jetzt mischt sich ja da klammheimlich ein anderes Thema in mein Leben. Hat jemand schon mitbekommen, dass es eine Fußballweltmeisterschaft gibt. Die läuft schon. Ich jedenfalls habe mir – damit die Entzugserscheinungen nicht so stark werden – für heute Abend einen Haufen Lehrer eingeladen. Bei warmen Bier und alten Chips werden wir dann olé, olé, olé, singen und mit der schwarz, rot, goldenen Klapperhand, von der letzten WM Krach, machen. Wenn ich bloß wüsste, wo mein Deutschlandfahnensonnenhut ist…

Heidepark? Yes I can!

Gibt es nichts Wichtigeres, als diesen bekloppten Heideparkbesuch? Nein!

Noch kein Busunternehmen hat sich gemeldet. Aber ich gebe nicht auf. Wir müssen in den Heidepark! Und ich werde das organisieren! Und wenn es das Letzte ist, was ich in meinem Leben mache. Mandela hat auch nicht aufgegeben. Meine Klasse muss diesen Tag erleben. Ich will sie strahlen sehen. Ich will Sprechchöre, die meinen Namen chanten. Ich will Vuvuzelas im Bus!

Ich hatte mir ja schon die Busfahrt vorgestellt. So schlimm wäre das alles nicht. Ein bisschen Warten und ein paar Chips, und wer von uns hätte sich denn als Kind über Wasser gefreut. Ich muss meinen Schülern diesen Spaß ermöglichen.

Die haben doch sonst nichts in ihrem armseligen Leben. Die müssen immer bei ihren Eltern wohnen. Immer sind da Erwachsene, die ihnen sagen, was sie tun und vor allem, was sie lassen sollen. Sie dürfen nicht trinken, rauchen, den Müll nicht runter bringen. Ihre einzige Freizeitbeschäftigung ist Schminken und Chatten. Und dort auch immer nur hirnloses Gelaber: „Findest du ihn echt süß?“ „Vallah, ich schwöre, er ist übertrieben süß. I love ihn.“    Aber ER beachtet SIE gar nicht, obwohl sie ihn übertrieben liebt. Damit verbringt SIE dann ihre Zeit. Sie leidet und leidet und er weiß noch nicht mal davon.

SIE schreibt auf ein Karoblatt I LOVE YOU in jede Zeile. Als sie fast fertig ist reißt ihr diese blöde Frau Freitag das Blatt weg und verlangt von ihr die Klassenarbeit zu schreiben, für die sie sowieso nicht gelernt hat. Das Blatt zerknittert. Scheiß Frau Freitag. Scheiß Arbeit. Scheiß Schule. Scheiß Leben. Würde es IHN nicht geben, sie wäre lieber tot. SIE ist jetzt EMO, nicht mal das hat ER bemerkt. Und die Eltern stressen auch nur noch. Wegen Ausbildung und so. SIE will aber keine AUSBILDUNG und so. IHR ist alles egal. SIE will nur IHN. Sie bekommt sowieso keine Ausbildung. Gibt ja nichts. Dann braucht sie doch auch keinen Schulabschluss. Ihre Eltern haben auch keinen. Warum sollte sie denn einen machen? Sie will doch heiraten und Kinder bekommen. Dazu braucht man doch keinen Abschluss.

Wenn dieses hässliche Frau Freitag wenigstens in den Heidepark fahren würde. Dann könnte sie versuchen im Bus in seiner Nähe zu sitzen. Sie könnte Süßigkeiten mitnehmen. ER liebt Chips. Und dann könnten sie zusammen mit diesem Turmdings fahren. Da wo man so schnell runterfällt und sie könnte seine Hand halten und flüstern: „Ich hab’ Angst.“ Und ER würde sagen: „Ich nicht. Ich find’s mies geil.“

Sie hätte ein gemeinsames Erlebnis und SIE könnte ihren Kindern später erzählen: „Und auf der dritten Achterbahnfahrt im Heidepark Soltau hat euer Vater sich in mich verliebt. War mit Looping.“

Frau Dienstag sagt: „Heidepark? Ihhh, mach’ nicht!“ Aber ich muss! Wie soll SIE denn IHM sonst näher kommen? In Mathe geht das nicht. „Ich hab Angst vor Dezimal.“ „Komm ich halte deine Hand!“ Das klappt nie.

Und kann irgendein Busunternehmen verantworten, dass wir nicht fahren? Sind die alle gegen die LIEBE? Ich rufe gleich noch mal an und frage jeden einzelnen Busvermieter.