Jetzt wird’s spannend

Vor lauter Aufregung konnte ich gar nicht schlafen. Werden meine Schüler das Geld für den Heidepark mitbringen oder nicht. Wird der ein oder andere an die Einverständniserklärung der Eltern, dass ich für den Tod ihres Kindes, wenn es aus der Achterbahn fällt, nicht verantwortlich bin, denken? Wie viele Schüler werden diesen Brief überhaupt noch haben?

Ich bin mal wieder der Klassenstreber und bin übertrieben pünktlich. Zehn Minuten vor dem Klingeln schlendert Ronnie rein. Grinsend. Gar nicht schlecht gelaunt, wie in den letzten Monaten. Der wird doch nicht etwa Geld dabei haben?

„Was ist mit dir Ronnie, jetzt sag nicht, dass du die 40 Euro mit hast.“ „Hier.“ sagt er stolz und knallt mir zwei Zwanziger aufs Pult. Kramt in seiner Hosentasche und legt die Einverständniserklärung dazu. Ich bin platt und lege gleich eine Liste an: Name / Geld / Brief

Ordentlich schreibe ich: Ronnie / 40 Euro / Brief ja.

Dann kommt Samira: „Hier Frau Freitag, das Geld und der Brief.“ Dann Marcella – Geld, Brief und sogar Jobcenter Zettel. Ich komme aus dem Schreiben gar nicht mehr raus. So gegen 8.20 trudeln die anderen Teilnehmer meiner Klasse ein. Drängen sich um mich und halten mir Einverständniserklärungen und 50 Euroscheine unter die Nase. Ich mache Micha zu meinem Assistenten. Er kontrolliert die Briefe der Eltern. Neben mir steht Ayla und kontrolliert, ob ich auch alles richtig aufschreibe. „Wie viele haben wir jetzt Frau Freitag?“ „Im Moment sind es 13. Wir brauchen 23. Wenn wir nur 20 sind, dann muss jeder noch 2 Euro zahlen. Aber unter 20 geht nicht! Und dann müssen ja noch die aus der Klasse von Frau Dom bezahlen.“ Mehmet hat schon sehr früh bezahlt und wollte dann noch schnell zur Geschichtslehrerin, was wegen der Note regeln. Jetzt fällt mir auf, dass er gar nicht mehr wiederkommt. Er war auch nicht in den nächsten beiden Stunden. Aber bezahlt hat er. Um 8.05 Uhr.

Abdul kommt. Alle schreien: „Abdul, los gib’ Frau Freitag das Geld.“ Ich hab’ kein Geld.“ Alle denken Abdul scherzt und er wird von allen Seiten bedrängt. „Ich habe mich gestern mit meinem Vater gestritten. Ich kann das Geld erst am Montag mitbringen.“

Ich: „Montag ist zu spät. Ich brauche es heute. Du kannst das doch erstmal von deinem Taschengeld bezahlen. Du hast doch Geld. Ihr bekommt doch an den Feiertagen immer so viel Kohle. Leih dir das doch heute zusammen.“

„Nein, ich hab’ kein Geld. Ich hab’ mein Geld in Gold angelegt.“ Dieser Abdul, denke ich, jedes Jahr drei oder vier Ausfälle, aber dann in Gold investieren…

Am Ende der Stunde habe ich von 18 Schülern Geld und Briefe bekommen und sogar überproportional viele Jobcenterzettel.

Ich bin sehr stolz auf meine Klasse und auch auf mich. Wenn ich mich für deren Danebenheit verantwortlich fühle, dann kann ich jetzt auch mal stolz sein. Aber 18 ist nicht 20 und schon gar nicht 23.

Ich gehe ins Lehrerzimmer und erzähle stolz, dass meine Klasse zum ersten Mal zuverlässig war. Dann gehe ich ans Telefon und storniere die Busreservierung.

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12 Gedanken zu “Jetzt wird’s spannend

  1. Wie jetzt? Und jetzt fahrn Sie nich? Weia!
    Und die Nachbarklasse? wärn da nich genug zusammengekommen?
    Weia!
    Und wofür sind die Jobcenterzettel? Zahlt das Jobcenter die Klassenfahrt?
    Das ist alles so aufregend!
    Und wohin geht es jetzt am Wandertag?

  2. Wozu der Jobcenterzettel? Muss er von der Schule gestempelt oder so wieder abgegeben werden, damit die Kosten ersetzt werden?

  3. Ui, das ist hart!
    Mir fällt es in solchen Momenten unglaublich schwer, konsequent zu bleiben, weil die armen Kindelein, die doch bezahlt haben, die straf ich ja jetzt umso mehr… es fällt mir immer dann leichter, wenn ich selbst keine Lust zu der Aktion habe 😉

    Jedenfalls: Ein Lob auf ihre Klasse! 18 ist ein verdammt guter Schnitt!

  4. Das ist aber jetzt nur der Cliffhanger, ja?
    Die ganzen letzten Tage habe ich mitgefiebert, ich denke, wir alle hier haben uns ein Happy End vor den Ferien verdient!

  5. Oooooch Nööööööööö!!!! Frau Freitag!
    Ich bitte Sie!!!
    Dieser Einsatz der Brut muß belohnt werden! Kommen Sie….
    Das is ja schlimmer, als ein letzter Platz bei der WM!!!
    nein, nein, nein…..

  6. Ne, frau Freitag, das kannste nicht machen. Erst Einleitung, Hauptteil mit Spannungshöhepunkt und jetzt einfach so Schluß? Das geht doch nicht.

  7. So etwas nennt man Cliffhanger … Alle denken:

    „Oh mein Gott! Das wird sie doch nicht wirklich tun! Dann wird SIE IHN nicht vor Angst in dem Rauf-Runter-Ding die Hand reichen. SIE wird anfangen, Drogen zu nehmen. ER wird keinen Ausbildungsplatz finden …“

    Ganz sicher wird der Busunternehmer auf sein Geschäft nicht verzichten und im Preis runter gehen. Wo bleibt der weiße Ritter, der die Situation rettet? Warum fahren Frau Krise und Frau Dienstag nicht mit?

    … Fragen über Fragen! Alle hoffen und bangen mit den Schülern und wollen die Story weiter erzählt bekommen!

  8. Das ist jetzt aber schon irgendwie traurig — jetzt werden die 18 ja quasi abgestraft dafür, dass sie _rechtzeitig_ alles gebracht haben… (Aber Gott Sei Dank für Abdul, dass er jetzt nicht der einzige Sündenbock ist).

    Und warum die Jobcenterzettel?

    So long,
    Corinna

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