Perfekter Unterricht

Der Stundenplangott meinte es dieses Schuljahr gut mit mir. Meine Montag sind die reine Hölle und ab Dienstag ist alles wieder gut. Gestern hatte ich herrliche Stunden. Nachdem ich ausgeschlafen in die Schule tanzte, erwarteten mich eine handvoll halberwachsene Schüler, die bereitwillig meine lahme: Beschreibt und vergleicht mal diese Bilder-Aufgabe bearbeiten. Sie sitzen stumm da und schreiben und ich erledige organisatorischen Bürokram (Listen, Zettel, Formulare….) Diese Art von Unterricht ist überhaupt nicht anstrengend und kommt dem Lehrersein an Gymnasiumschulen wahrscheinlich recht nahe. Wenn niemand in einer Lerngruppe motiviert oder zur Ruhe angehalten werden muss, dann fühle ich mich immer wie ein Felix Krull – inklusive schlechtem Gewissen, dass ich für dieses Eierschaukeln auch noch Geld bekomme. Frau Dienstag kann davon ein langes Lied singen, aber die werde ich bald bei der Bildungsbehörte verpetzen (anonym!)

Jedenfalls ist alles tutti. Ich labe mich an dem Zustand extremer Zufriedenheit. Bin so glücklich, dass ich kurz davor bin, meinen Körper zu verlassen, da höre ich auf dem Gang einen tumultartiges Durcheinanderreden, Schreie und immer wieder meinen Namen. Plötzlich geht die Tür auf und der Kollege von nebenan kommt rein: „Frau Freitag, in meinem Raum wurde Reizgas gesprüht, jetzt können wir da nicht mehr drin arbeiten.“

„Kommt doch zu mir“ sage ich sofort „ihr könnt hier Asyl haben, kein Problem.“ Sofort ist es mit der herrlichen Stille vorbei, denn nun kommen etwa 20 Schüler in den Raum gepolter. Unter anderem der Lieblingsschüler, den ich leider dieses Jahr überhaupt nicht mehr unterrichte. Er kommt mich immer besuchen, wenn er nebenan beim Kollegen ist: „Wie geht’s Frau Freitag? Alles klar?“

Er setzt sich direkt vor meine Nase. Wie früher. So haben wir ein ganzes Schuljahr verbracht. Der Lieblingsschüler zeichnet irgendwelche stupiden Aufgaben und wir unterhalten uns über Gott und die Welt. Was die Schüler bei meinem Kollegen gerade machen erschließt sich mir nicht, denn alle machen etwas anderes. Der Lieblingsschüler sitzt mit Edding vor einem DINA3 Blatt und schreibt in perfekter Graffitischrift FRAU FREITAG. Schön in 3D und mit liebevollen Verzierungen. Dabei quatschen wir rum, der Kollege sitzt neben mir und wir reden über die Schüler. Irgendwie wird die Stunde immer besser. Unser sinnloses Rumgelaber genieße ich noch mehr, als die perfekte Stille. Als es klingelt überreicht mir der Lieblingsschüler sein Werk: „Machen ich irgendwann fertig.“ Ja, denke ich mach mal. Eigentlich könnte das mit dem Gas jede Woche passieren. Und jeder Schultag könnte so sein wie dieser, ich würde direkt auf mein Gehalt verzichten!

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3 Gedanken zu “Perfekter Unterricht

  1. Liebe Frau Freitag!

    Da ich begeisterte Scrapperin bin, sehe ich jeden Tag auf Jenni´s Blog. Da habe ich auch ihren Link gefunden.
    Ich bin sooooooooo erleichtert, dass es noch Lehrer wie sie gibt. Momentan bin ich sehr niedergeschlagen und auch verletzt, deshalb tun mir ihre Worte so gut.
    Ich bin Mutter von 3 Kindern. Der 1. Sohn tut sich sehr leicht in der Schule, die
    Tochter ebenfalls, nur der 2. Sohn Kevin ist Legasteniker (er tut sich schwer in jedem Hauptgegenstand) und hat im Fach Englisch eine Lehrerin die Legestenie für eine Modeerscheinung hällt.
    Faul ist er bei Gott nicht, er will lernen und tut es auch zur genüge (nach meiner Meinung viel zu viel). Er kränkt sich so weil er trotzdem nichts weiter bringt.
    Letztens bekommt er den Vokabeltest zurück, für den er wirklich tagelang gelernt hat. Zwar hat er doch noch ein Genügend bekommen, doch die Lehrerin hat ihn unten eine Meldung hingeschrieben, von wegen die Leistung armseelig sei.
    Muß es wirklich so sein, dass man einen Schüler so demotiviert???? – Es geht ja nicht nur um das Kind selbst, sondern auch um dessen Familie. Keine Mutter, kein Vater auf dieser Welt kann zusehen wenn ihr Kind so leidet. – Oder?

    Ich danke Ihnen, dass es solche Lehrerinnen wie sie gibt. Ich wünschte sie wären meine Lehrerin gewesen.

    Mit Lieben Grüßen
    Hannelore

  2. Es muss auch solche entspannten Stunden geben, quasi als Ausgleich. 🙂
    Ich gönne es Ihnen von Herzen, Frau Freitag! Schließlich bietet mir der fast tägliche Besuch auf diesem Blog die Entspannung durch Aktivierung meiner Lachmuskeln.

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