Darf man nicht am Schüler riechen?

Unterricht, Klasse Acht. Es klingelt, ein paar Streber sind schon im Raum. Ich beginne mit der Stunde. In regelmäßigen Abständen geht die Tür auf. Mal leise, mal wird sie aufgerissen und einzelne Schüler oder ganze Schülergruppen stürzen herein. „Ich war Klo, Cafeteria, musste was klären. Hat es schon geklingelt? Hat noch nicht geklingelt. …“ Ich regis- und notiere jede einzelne Verspätung.

Nach einer Viertelstunde sind fast alle Schüler der Klasse da. Nur Yusuf und Mohamad fehlen. Das stört mich nicht weiter, denn ich erhoffe mir von ihrer Abwesenheit eine Stunde, ohne lästiges Gerappe und ohne Vogelstimmenimitationen.

Nach 25 Minuten geht die Tür leise auf und die beiden schleichen rein, wollen sich unauffällig auf ihre Plätze verkrümmeln. Nicht mit Frau Freitag, denke ich: „Stop mal! Wo kommt ihr denn jetzt her?“ frage ich streng und stelle mich ihnen in den Weg.

Mohamad: „Ich hatte was am Bein.“

Ich: „Ja was denn? Einen Fuß oder was?“

„Nein, mein Bein hat wehgetan und Yusuf hat mir geholfen.“ Sie machen beide ein Gesicht, als hätten sie sich mit letzter Kraft in meinen Unterricht geschleppt, obwohl ein schneller Tod auf der Treppe ihr eigentliches Schicksal gewesen wäre. Yusuf guckt mich plötzlich entrüstet  an: „Ist doch nett von mir, dass ich ihm geholfen habe.“

„Ja, wie hast du ihm denn geholfen? Wart ihr im Sekretariat?“

Beide: „Nö.“

Jetzt steigt ein mir wohlbekannter Geruch in die Nase. Ich stehe dicht neben Mohamad und rieche Zigarettenrauch. Ich halte meine Nase an seinen Kopf, kann aber nicht eindeutig sagen, ob das Rauch oder nur Kopfhautfett ist. Deshalb nehme ich kurzentschlossen seine rechte Hand und rieche daran. Eindeutig frischer Rauch!

„Was machen sie da?“ ruft Yusuf empört.

„Du hast geraucht!“ stelle ich fest und gucke Mohamad böse an.

Jetzt baut sich Yusuf vor mir auf: „Sie dürfen nicht Schüler anfassen und an ihnen riechen!“

„Wieso darf ich das nicht? Ist er aus heiligem Material oder was? Geht er kaputt, wenn ich ihn anfasse oder wie?“ kontere ich geschickt. Aber Yusuf scheint sich gut auszukennen: „Das ist Belästigung!“

Jetzt hört sich ja wohl alles auf denke ich und mache ein dementsprechendes Gesicht. „Jetzt pass mal auf Yusuf! Erzähl hier mal nicht solchen Mist. Belästigung. Krieg dich mal wieder ein! Und jetzt setzt euch hin, ich spreche nachher mit eurem Klassenlehrer!“ Damit hat sich für mich der Fall erledigt und ich lasse sie nach hinten schlurfen.

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Allgemein

9 Gedanken zu “Darf man nicht am Schüler riechen?

  1. Chapeau! Frau Freitag!
    Ich hätte mich nicht getraut an des Schülers Hand zu riechen! Wer weiß wo die schon überall war.
    Vielleicht sollten Sie nach dem Nachdenken wieder etwas Lüften…..

  2. Da sehen Sie mal, wie wir Juristen uns fühlen, wenn wir einen Lehrer im Büro haben, der genau weiß, was er darf und was nicht… 🙂

  3. Belästigung wäre gewesen, wenn Frau Freitach noch mit´m selbst angeschleckten Eigen-Finger dem Yusuf aufm Gesicht rumgewischt hätte.

    (Mal eben nachfrag wie alt die Jungs sind?)

  4. Jaja, so sind sie die, die Kinder von heute. Ihre Rechte kennen sie besser als die Lehrer, aber von Pflichten wollen sie nix wissen. 😉

  5. Chapeau…frau freitag!
    Am lebenden objekt zu riechen, dass bedeutet, man (frau) hat einen masochistischen zug – bei lehrern ein MUSS- oder eine unstillbare kriminalistische entdeckerfreude – bei lehrern eher selten.
    Darf ich mal aus dem nähkästchen plaudern? Frau Freitag verfügt über beides! Sic!

  6. Viel schlimmer ist es doch, am Schüler riechen zu MÜSSEN, was unvermeidbar ist, wenn er die Dusche gerade für seinen Feind hält, sein Fuß balltrikot aber für seinen Freund, mit dem er möglichst lange möglichst viel Körperkontakt halten will.

  7. Ach, Frau Freitag, da fällt mir noch die Story von dem schulfreund meiner tochter ein, der solange sein t-shirt nicht gewechselt hat , bis seine lieblingsmannschaft, irgend so eine doofe fußballmannschaft, mal wieder ein spiel gewonnen hatte. Das führte zu dramatischen szenen in der schule….. zumal diese mannschaft auf dem absteigenden ast war und wochenlang nix gewann…..
    DEN hätte ich auch nich gerne in meiner klasse gehabt…..

  8. Das erinnert mich daran, wie wir als Schülerinnen immer an unserem Erdkundelehrer riechen mussten, weil er sich immer sooo nah hinter und neben uns gestellt hat beim Dozieren und mit seinen riesigen Schweißflecken im Nyltesthemd in unserer Nasenhöhe herumgewedelt hat. Gerne hätten wir ihm gesagt, er soll sich mal duschen – wir wussten ja nicht, dass es Angstschweiß war, gegen den keine Dusche gewachsen ist – oder sich mal weiter weg von uns aufstellen. Aber das wäre respektlos und unhöflich gewesen. Höflich und respektvoll waren (früher jedenfalls) schon immer die SuS, denn das war qua Rollenverteilung ihr Amt, während die LuL sich alles erlauben konnten.

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