Geschichte, eine amorphe Masse

Heute, in der einzigen Stunde, in der meine Schüler bei mir etwas lernen, kam eine interessante Diskussion auf.  Vorweg – die einzige wirklich wirkungsvolle Stunde ist Kunst, denn da kommen die Schüler, wenn sie so friedlich vor sich hinpinseln immer mit Themen, die sie interessieren und dann wird diskutiert, erklärt und wahrscheinlich auch gelernt. Heute wurde es mal wieder politisch. Einen Schüler hatte ich gerade zum Kanzler von Deutschland ernannt: „Also Ufuk, du sagst also, dass dein Freund ausziehen durfte, obwohl er noch nicht 25 ist und alles wird bezahlt… also sagen wir mal du bist jetzt Kanzler und die Steuereinnahmen sind mies. Also mies wenig. Finanzkrise und so. Wo würdest du denn sparen?“

Wir diskutieren ein wenig rum, Ufuk macht den Vorschlag die Insassen von Gefängnissen für lau alles mögliche arbeiten zu lassen. Ich schlage vor, dass die ihren Haftaufenhalt in Rechnung gestellt bekommen. Wir sind auch schnell wieder bei den Pokerräubern.

Plötzlich fragt Erol von hinten: „Frau Freitag, warum sagen die Deutschen denn immer, dass die Ausländer ihnen die Arbeit wegnehmen?“
„Sagt das denn noch jemand? Das ist doch ein uralter Spruch.“ Und ich kenne wenige Eltern meiner „ausländischen“ Schüler, die einen Job haben, also dachte ich, dieses Vorurteil wäre vom Tisch. Erol findet das extrem undankbar denn: „Schließlich wäre Deutschland ja jetzt immer noch kaputt ohne die Ausländer.“

Ich: „???? Wie, kaputt???“

„Na, durch Hitler und den Krieg war doch Deutschland zerstört und dann kamen die Ausländer und haben alles wieder aufgebaut.“

Häää, die Ausländer, meint der die sogenannten Gastarbeiter, die Mitte und Ende der 60er Jahre kamen?

„Wieso Ausländer? Deutschland wurde doch nach dem Krieg nicht von den Ausländern aufgebaut.“ „Doch, doch!!!“ Jetzt mischen sich auch noch andere ein.

Ich bin verwirrt. „Nein, stop, ihr verwechselt da was. Das war anders…“ Mert, jetzt sag doch auch mal was. Ich wende mich an den einzigen Gymnasialempfohlenen in der Gruppe.

„Na ja, da waren ja die Trümmerfrauen.“ Jaaaaa, denke ich, die Trümmerfrauen!!!! Endlich. Aber von denen hatte noch nie jemand gehört. „Ähhh Trümmerfrauen, was Trümmerfrauen.“ Aus langjähriger Erfahrung an meiner Schule weiss ich aber, dass die Tatsache, dass auch wenn die gesamte Gruppe von irgendwas noch nieeee gehört hat, das nicht automatisch heißt, dass diese Sache nicht existiert.

„Mert, komm die Fakten bitte! Wann kamen die ersten Gastarbeiter nach Deutschland?“ Jetzt höre ich Jahreszahlen, Italiener, Vollbeschäftigung, Fabrikarbeit und beruhige mich wieder etwas. Allerdings guckt Erol immer noch skeptisch, er scheint noch nicht völlig überzeugt.

Es klingelt. Ich renne entsetzt ins Lehrerzimmer. Suche Erols Geschichtslehrer. Und berichte allen Kollegen von Erols persönlicher Geschichtsinterpretation. „Das geht doch nicht. Ich bin zwar kein Historiker, aber man kann sich die Geschichte doch nicht so hinbasteln wie man will. Die können doch nicht einfach sowas behaupten, nur weil sie das gerne hätten. Die Türken haben auch nicht Amerika entdeckt, Kaffee ist doch auch was Schönes und der Nikolaus kommt aus der Türkei, aber die können doch nicht den Trümmerfrauen so in den Rücken fallen. “

„Wieso…?“ fragt ein Kollege „Lass sie das doch glauben. Hitler hat doch auch die Mauer gebaut.“

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8 Gedanken zu “Geschichte, eine amorphe Masse

  1. Wo ich jetzt die Trümmerfrauen sehe…die tragen ja fast alle Kopftuch, jetzt bin ich mir doch nicht mehr so sicher, ob dass nicht die Uromas meiner Schüler sind…

  2. Da gibt’s doch das Buch „Was ich über Adolf Hitler gehört habe“…oder so. Da zeigen dann die deutschen Schüler souverän ihr nichtvorhandenes Wissen.

  3. Menno, fr. freitag, ich will auch so schlaue schüler haben wie Sie. Meine
    doofies haben sich heute in kunst nur so unterhalten:
    „Isch hab ihm angerufen, danach er hat gesagt, er kommt. Danach er ist nicht gekommen, danach isch hab ihm noch mal angerufen. Danach isch hab gewartet………danach.ich……danach.er……bla bla…“ Nach hunderten von danachs mit nachfolgender falschen satzstellung habe ich misch aus dem fenster gestürzt…. danach isch bin in den himmel gekommen …… danach…..isch habe mir eine kaffeemaschine von nespresso gekauft …..danach isch bin irre… .glaube isch….

  4. Bei uns beschweren sich die Geschichtskollegen, wenn bei den Ausführungen zum Ermächtigungsgesetz die Müncherner Konferenz vergessen wird oder die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht zu kurz kommt.
    Und bei euch hat Hitler die Mauer gebaut.

    Lustig. Irgendwie.

    • Nicht, dass die Kenntnis der Münchner Konferenz irgendjemandem was nützt im Leben (außer vermehrtes Selbstwertgefühl wegen Bildungsbürgertums?).
      Und auch am Gymnasium klären wir mitunter tatsächlich brennende Fragen 15-jähriger, so wie heute die von Alexander*: „Haben Männer eigentlich auch ihre Tage?“
      Alexander verließ den Unterricht heute tatsächlich mit dem Gefühl, nützliches Wissen erworben zu haben und nie, nie, nie wieder ausgelacht zu werden, weil er im Drogeriemarkt nach Männertampons fragt. *schulterklopf

      * richtiger Name der Redaktion bekannt.

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