Irgendwie sind das doch ganz besondere Schüler

Ich möchte, dass der Sänger der Easybeats in meiner Klasse ist. Der soll direkt vor meiner Nase sitzen und grinsen. Lernen bräuchte der nicht. Ab und zu Tanzen würde reichen. Neben ihm sitzt Tim Hardin. Chronisch traurig, da er ständig Liebeskummer hat. Schon in der Neunten Klasse schreibt er How can we hang on to a dream. Das Lied hat er für die schwedische Austauschschülerin Agnetha geschrieben, in die er seit fast einem Jahr verliebt ist, die aber nichts von ihm wissen will. Ich mag Tim, obwohl ihn die anderen immer ärgern. Er ist sehr introvertiert, aber nett.

Direkt hinter ihm sitzen Iggy Pop und David Bowie. Iggy tritt von hinten immer gegen Tims Stuhl. Überhaupt stört Iggy den Unterricht oft (schweres ADHS). David B. macht manchmal mit, aber meistens stachelt er Iggy nur zum Stören an, lacht über seine Späße, hält sich sonst aber zurück. David ist ein wenig hinterhältig und ein Zensurenschleimer.

Hinter Iggy und David sitzen Lady Gaga und Madonna. Beide passen überhaupt nicht auf. Sie schminken sich die ganze Zeit, quatschen oder schreiben Briefchen. Lady Gaga ist in Iggy verliebt. Der ist aber noch zu kindisch, um das zu merken.

Ganz hinten in der Ecke sitzt Eminem. An den komme ich überhaupt nicht ran. Der hat immer nur seine Kopfhörer im Ohr und kritzelt wirre Texte auf die die Rückseiten seiner Arbeitsblätter. Nie beteiligt er sich am Unterricht. Die anderen halten sich von ihm fern. Er lächelt nie.

Klassenbester und Klassensprecher ist John Lennon. Er will aber ständig diskutieren. Das stresst auch. Das allgemein gute Klassengefüge wird durch Yoko Ono, die in die Klasse kommt ganz schön durcheinander gebracht. Keiner aus der Klasse mag sie. Sie ist arrogant und stresst auch mich sehr. John mit seinem ausgeprägtem Helfersyndrom nimmt sich ihrer an und seitdem bilden die beiden ein nerviges „Können wir das nicht noch mal diskutieren“- Duo.

Die Klasse ist anstrengend. Alle Schülervariationen sind vertreten. Interesse am Unterricht haben die wenigsten. Brian Wilson ist total depressiv und ich halte ständigen Kontakt zum Jugendamt und zu den Eltern. Eine sehr bürokratische Nerverei. Gerne würde ich ihm sagen, „Nun nimm dich mal nicht so ernst.“.

Kurt Cobain trägt das ganze Jahr den gleichen grünen Pulli und müffelt. Die Mädchen stehen trotzdem auf ihn. Ich verstehe das nicht.

Prince wird an den Kartenständer gehängt und in den Schrank gesperrt. Er wehrt sich mit anstrengenden Tobsuchtsanfällen.

Die Kollegen gehen nicht gerne in meine Klasse. Ich mag meine Klasse ganz gerne, bin aber oft genervt und ständig müde. „Was soll denn aus denen werden?“ fragt mich die Deutschlehrerin. „Aus deiner Klasse wird keiner auch nur den Hauptschulabschluss machen. John vielleicht, wenn er sich anstrengen würde, aber der fängt ja jetzt an zu schwänzen….und Lady Gaga und Madonna, wenn die mal noch Frisösen werden…“

Ich sage: „Stimmt, die machen nicht gut mit im Unterricht, aber irgendwie glaube ich schon, dass aus denen noch was wird. Die haben schon Interessen. Hast du mal gesehen, wie toll Tupac tanzt und der kann sogar freestylen, das ist gar nicht so leicht.“  „Ach hör’ mir auf mit diesem Tupac, ich will unbedingt Frau Shakur beim nächsten Elternsprechtag sehen.“

Alle meckern über meine Schüler, aber ich glaube trotzdem, dass aus denen noch was wird. Auch ohne Abschluss.

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2 Gedanken zu “Irgendwie sind das doch ganz besondere Schüler

  1. Das wär schon mal interessant zu wissen, wie Madonna oder John Lennon in der Schule waren. Und: Warum nur mag niemand Yoko Ono?

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