Mehmets Zukunft

Heute hatte ich richtig Spaß und meine Tische habe ich auch geputzt. Also nicht nur Spaß, sondern auch saubere Tische – was will man mehr.

Ich hatte seit Langem mal wieder meine durchgedrehte Klasse. Sie arbeiten geistlos, aber sehr zufrieden vor sich hin. War ’ne eher manuelle Anforderung.

Wir quatschen. Mehmet erzählt, dass er einen Brief vom Jobcenter bekommen hätte. Sie wollten mal mit ihm über seine Zukunft reden. Er war empört. Er schien auch mit ihnen gesprochen zu haben. „Sie haben gesagt, dass wenn ich keine Lust mehr auf Schule hätte, dann könnte ich einen Ein-Euro-Job machen.“

„Ah, super“ antworte ich „ich habe gerade gelesen, dass man da jetzt die Hundescheiße von der Straße räumen soll. Das ist doch mal was Nützliches…“ Jetzt ist der Rest der Klasse auch noch empört – solch‘ eine niedere Tätigkeit… sie doch nicht…

„Na Mehmet, was willst du denn werden?“ frage ich.

„Mein Onkel hat Taxiunternehmen. Ich mach auch Unternehmerschein und dann mache ich mein eigenes Taxiunternehmen auf,“ antwortet er stolz.

„Ja, aber da reicht doch nicht der Schein. Da brauchst du doch auch Geld. Du musst doch die Autos kaufen,“ gebe ich altklug zu bedenken.

„Geld? Kein Problem. Geld hab‘ ich“ Mehmet grinst zweideutig und mein Verdacht, dass er nicht ganz sauber ist verstärkt sich. „Mehmet, du mit deinen krummen Geschäften…dich kriegen sie doch sofort. Du sitzt doch eher im Knast als im Fahrschulauto. Und überhaupt…was willst du denn sagen, wo das ganze Geld her ist?“

„Ich sage ich hab‘ geerbt.“ Überwältigt von seiner tollen Idee lehnt sich Mehmet zurück.

„Der Experte spricht.“ mischt sich Abdul ein.

Ich lache. „Mehmet, komm mal in der Realität an. Wenn du was erbst das ist doch eine ganz offizielle Sache. Ist doch nicht so, dass jemand stirbt und dann wird er verscharrt und da bleibt ein Haufen Geld übrig. Da musst du Erbschaftssteuer zahlen usw.“

„Steuer???“ ein Fremdwort für meine Schüler. Steuern…er doch nicht. „Dann sage ich, ich habe das gespart.“

„Dann wollen sie dein Sparkonto sehen.“ Mehmet denkt nach. Er hatte sich seine Zukunft offensichtlich nicht so kompliziert vorgestellt. Er sagt nichts mehr. Mariam erzählt, wie sie am Wochenende einen Hund gerettet hat. „Wir waren in einem Wald drinne…“

„Drinnnne????? In einem Wald drinne??? Mariam, sprich mal ordentlich!“ Ich kann gar nicht weiter zuhören. Wir erfahren schließich aber doch noch die verworrene Geschichte. Mit dem Hund, dem Obdachlosen und der Polizei.

„Bekommen Obdachlose eigentlich Hartz 4?“ fragt Abdul. Wir unterhalten uns den Rest der Stunde über Wohnungslosigkeit, Formulare, Schulversäumnisanzeigen und ihre schulische Zukunft. Enden tut die Stunde wie immer, wenn wir uns gut verstehen: „Frau Freeeeiiiitttaaaag, können wir nicht Klassenfahrt gehen????“

„Mit euch? Wo ihr immer den Unterricht der Kollegen stört und ständig zu spät kommt?“ – meine Standardantwort.

„Aber auf der Klassenfahrt kommen wir nicht zu spät. Bestimmt nicht!“

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6 Gedanken zu “Mehmets Zukunft

  1. Schön ists auch, wenn mir meine Schüler sagen, sie wollen unbedingt Lehrer werden. Natürlich auch an der Förderschule 🙂 Das sind noch echte Visionäre….

    • Stimmt so.
      Folgender Dialog gestern zwischen meinem Kind (15) und mir.

      Ich: Also, warum WILLST du denn eigentlich wirklich diesen anderen Nebenjob? Ums Geld kanns ja nicht gehen, du hast dich seit 6 Wochen nicht erkundigt, ob das Geld überhaupt da ist. Also warum?
      Kind: Weil dasn cooler Nebenjob ist.
      Ich: Okay. Wenn du jetzt den coolen Nebenjob hast, aber deshalb das Jahr nicht schaffst, wirst du dir nach der 10. schwer tun, eine coole Ausbildungsstelle zu kriegen.
      Kind: Das ist mir egal! Man kann sowieso nur als Kind einen coolen Job haben. Als Erwachsener kannst du sowieso keinen coolen Job haben. Die haben alle Opferjobs!
      Ich: —
      Kind: Und überhaupt! Müllmann ist cool. Und Wäsche ausfahren zwischen vier und zehn am Vormittag. Da kriegt man 1700 Euro netto mindestens.

      Dieses Kind ist nicht nur mit liebenden Eltern, Muttersprache deutsch, gesegnet, sondern auch mit gymnasialer Bildung, einem Haufen Bücher und was sonst noch so dazugehört. Aber eine Realitätsferne…

  2. ja das kenn ich meine Tochter ist 16 und denkt dass sie mit 25 in Amerika stinkreich ist ( min.10 mio eur) und dann nix mehr tun muss
    woher das kommt – ? ich weiss nicht .. wir sind mittelstand – mein freund und ich arbeiten jede woche hart um unser geld zu verdienen und haben auch schulden.. 🙂
    ich lass ihr diese träume – die realität wird sie spätestens im sommer nach dem ersten ferialjob einholen – denk ich mal

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