Ist Schule noch zeitgemäß?

Meine Schule ist eine Analogschule. Irgendwie wie keine echte Schule. Die Schüler, die Lehrer, der Unterricht, das Gebäude… alles analog. Wie Käse ohne Milch ist mein Unterricht – Lernsituation ohne jeglichen Lernzuwachs. Schüler ohne jegliches Interesse. Ohne Bereitschaft außerhalb des Schulhofs etwas zu lernen.

Und unsere Realität dort ist hyperreal. So realistisch ist die Realität gar nicht. Nicht mal die der Schüler. Da treffen so viele Probleme geballt aufeinander, das gibt es an keinem anderen Ort. In den Klassen sind bis zu 30 Menschen, die alle ihre eigenen Probleme haben. Also haben wir einen Raum mit 30 Problemen, plus Hauptprobelm: Unterricht, inclusive Lehrer mit massiven Problemen. Sind die einzelnen Schüler nun zu Hause, nehmen sie nur ihre eigenen Problemchen mit und treffen dort auf die häuslichen Probleme. Die sind im Gegensatz zu den schulischen Problemen eher geringfügig.

Da fragt man sich doch, ob man die Schule nicht abschaffen sollte. Man hätte mit einem Schlag viele Probleme beseitigt und das Leben der Schüler und der Lehrer verbessert. Vielleicht schafft man auch nur den Unterricht ab und hat nur noch Hof. Auf dem Hof sind die Schüler gerne und dort nehmen sie auch Wissen auf, lernen diverse Verhaltensweisen und das Sozialverhalten… wird in jeder Minute in den Peer-Groups trainiert.

Da ich ja auf Hyperrealität stehe, macht es mir nichts aus, jeden Tag in die Schule zu gehen und mich den täglichen Dramen auszusetzen. Im Gegenteil, an meinen Feriendepressionen sieht man ja, dass ich geradezu süchtig danach bin. Schule kommt mir vor wie die Lindenstraße. Auch dort herrscht extreme Hyperrealität. So viele Probleme, Tragödien und Katastrophen in einem Haus gibt es doch gar nicht im richtigen Leben. Diverse Morde, tödliche Krankheiten, Drogen, Kriminalität, Terrorismus usw. Und auch bei uns in der Schule gibt ein Drama dem nächsten die Klinke in die Hand. Gerade hat man den Mobbingfall „Sie ist voll Schlampe und ich habe die Schlampenfotos von ihr allen via Bluetooth aufs Handy geschickt“, kommt das nächste Problem. „Susie hat Läuse, ich habe sie in Mathe auf ihrem Kopf rumspringen sehen.“ „Mir ist schlecht, ich mußte kotzen, wahrscheinlich habe ich Bulemie.“ „Frau Freitag, war ich am 13.3. in der Schule? Die Polizei hat mir einen Brief geschrieben, ich hätte an dem Tag einen Raubüberfall begangen.“  „Frau Freitag, wußten sie, dass Mehmet Drogen verkauft? Und er hat auch Waffen.“ Und dann natürlich noch die täglichen Nerverein: „Kein Bleistift, kein Buch, keine HA, keine Unterschrift, keinen Praktikumsplatz, das Formular verloren – schon zum dritten Mal, keinen Bock, keine Federtasche, keine Elternliebe, keine Geduld, kein Geld, keine Freunde, keine natürlichen Feinde, keine Lust auf die Schule…“

Alles hyper, alles analog, alles unecht, alles unrealistisch, alles total unnötig. Und ich bekomme auch noch Geld für diesen Wahnsinn. Total verrückt.

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12 Gedanken zu “Ist Schule noch zeitgemäß?

  1. Die allgemeine Schulpflicht ist Ausdruck gleich mehrerer Menschensrechte: auf Bildung, auf gesellschaftliche Teilhabe, auf berufliche Ausbildung und nicht zuletzt auf Freiheit. Ja, auch auf Freiheit, denn nur der gebildete Mensch kann in der heutigen Informationsgesellschaft bestehen. (Insofern habe ich eine gewisse Hoffnung für das Kind, das die „Schlampenfotos“ per Bluetooth versendet. Viele meiner Kollegen wären dazu technisch nicht in der Lage. Also zum Versenden, nicht zu den Schlampenfotos…)

    Man darf nicht vergessen (und sollte es den Kindern auch mal sagen), dass das Recht, zur Schule zu gehen, während des größten Teils der Vergangenheit und in manchen Teilen der Welt bis heute nicht selbstverständlich war. Insofern sind auch die Kinder ohne Bleistift, ohne Formular und ohne Federtasche privilegiert. Und der Staat gibt viel Geld aus, damit in den Schulden auch Bildung stattfindet (und nicht bloß Aufbewahrung. Sonst könnten sich die Lehrer ihr langes Fachstudium sparen.) Meines Erachtens kann Geld auch kaum sinnvoller ausgegeben werden als für Schulen.

    Das größte Problem scheint mir „keine Elternliebe“ bzw. mangelnde elterliche Erziehung zu sein. Das können der Staat und die beste Frau Freitag nicht ersetzen. Denn die Schule ist für die Vermittlung von Wissen und Kulturtechniken da, aber nicht für die Erziehung unerzogener Kinder. Meines Erachtens können Eltern nicht verlangen, dass Lehrer, die die Kinder nur wenige Stunden in der Woche sehen (und das noch im Verbund mit 30+x Schülern), die Erziehungsdefizite vieler Jahre ausgleichen. Und Lehrer sollten sich dies auch nicht zur Aufgabe machen – sonst folgt zwangsläufig der Burnout.

    Soviel wollte ich gar nicht schreiben. Schlimm, diese Nicht-Lehrer, die meinen, sich ein Urteil über den fremden Beruf erlauben zu können. Bin jetzt auch bald still. Allerdings wird das Thema in meinem Umfeld (sind teilweise auch Lehrer) derzeit so heftig diskutiert, dass ich mir angesichts dieses schönen Blogs den langen Kommentar nicht verkneifen konnte.

    • vielen dank, für diese intensive auseinandersetzung. der kommentar war keineswegs zu lang! ich weiss doch, dass Sie ein aufmerksamer Mitleser sind. Und vielleicht brauche ich ja mal juristischen rat und da werde ich auf Sie zurückkommen. 🙂

  2. Frau Freitag,
    und wenn Sie den Unterrichtsstoff per SMS an die Schüler senden? Vielleicht interessieren sie sich dann dafür. Oder Sie machen youtube-Filmchen mit gerappten Lektionen.
    😉

    • leider weiss ich gar nicht wie man sms macht. ich habe kein handy – richtig old school… aber rappen und youtube – das geht… gut idee. aber ich würde die action in der schule ja sehr vermissen.

  3. Pingback: Tweets that mention Ist Schule noch zeitgemäß? « Na, wie war's in der Schule? -- Topsy.com

  4. Achsoooooooo……analoge schule……!!!! Frau Freitag, meinen sie, es wird besser, wenn man sich an eine digitale schule versetzen ließe? Und wo kann ich so eine mal besichtigen, vielleicht sogar da hospitieren?
    Eigentlich wollte ich ja immer an die schule von „unser lehrer Dr. specht“….weiß jemand, ob die analog oder digital is?

  5. Die allgemeine Schulpflicht ist die Verletzung des Erziehungsrechts der Eltern, der Selbstbestimmung der Kinder, Staatsmaschinerie für Umerziehung sowie Beinderung alternativer Erziehungskonzepte, wie Home- und Un-Schooling.

    • mich interessier vor allem das „unschooling“ – heißt das, dass man die schäden der schule rückgängig machen will?

      • Bei Unschooling gibt es gar keinen Unterricht, das Kind kann sich frei beschäftigen, und wenn es Interesse an etwas entdeckt, kann es seine Eltern fragen, oder die Eltern weisen es auf ein Thema hin. Das Kind kann somit seinen Interessen frei nachgehen und seine Talente finden und fördern. Selbst in der Oberstufe der so allgemeinbildenden Gymnasien hat die Hälfte keine Ahnung, was sie mal werden will — kein Wunder, ist doch der Schulstoff immer auf einige Sichtweisen beschränkt, die Fächer nicht alle frei wählbar und wenn man die Ineffizienz des Unterrichts und Nichtanschaulichkeit des Stoffes (der Stoff bleibt in der Schule und wird in der Praxis nicht verwendet) betrachtet.

        Das was Sie wohl meinen dürfte „Deschooling“ heißen?

      • interessant. ich gehe bestimmt noch auf dieses unschooling ein. könnte auch meinen berufsalltag erleichtern. momentan bin ich leider mit unserer erfindung der bs-boxen zu sehr beschäftigt.

  6. Hömma. frau freitag. ich hab mir den ganzen scheiss hier nich durchgelesen, aber ichwill mal sagen, dass ich inzwischen dozentin an einer sogenannten „UNI“ bin und dein buch gelesen habe. und jetz ma ganz im ernst: inzwischen gibt et kaum nen unterschied zwischen deinem emre und meinem (man bedenke:25ahre alt & starker säufer, dadurch krass an hirnaktivität abgebaut…) thomas. ich sehe NUR parallelen, und das kann ja nict sein…… HALLO??????? Vergleich??????

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