Frau Freitag hat voll Bodyguard

So. Geschafft. Und ich muss sagen: Hat Spaß gemacht. Ich war gleich wieder voll drin.

„Frau Freitag, wen finden Sie besser Mehrzad oder Menowin?“

„Ich habe keinen Bleistift mit.“

„Können wir nicht was anderes machen? Die Aufgabe ist langweilig.“

„Kann ich aufs Klo?“

Als wäre nichts gewesen. Nur ich war vielleicht etwas erholter, als sonst und habe dementsprechend wenig rumgemeckert. Allerdings kam ich in der letzten Stunde schon sehr nahe an meine Grenzen. Vorsorglich hatte ich mir schon Putzzeug besorgt, um am Ende der Doppelstunde einen Phasenwechsel – Lernziel: Tische von Frau Freitag sauber machen – einzubauen. Allerdings kam alles ganz anders.

Plötzlich geht die Tür auf und Samira aus meiner Klasse kommt rein. Die siebte Klasse, die ich versuche noch die letzten 20 Minuten im Zaum zu halten, gibt ein grauenhaftes Bild ab. Lautes Rumgekreische, Murat am Straftisch direkt neben der Tafel schaukelt seinen Oberkörper vor und zurück und rappt dabei. Alle Mädchen stecken die Köpfe zusammen und quasseln ohne Pause. Der adipöse Dirk hat sein dickes Bein auf dem Nachbarstuhl, lehnt sich zurück und diskutiert lautstark mit der ganze Klasse. Dschinges und Ali unterhalten sich durch den ganzen Raum über ihre Penisgrößen. Hassan latscht durch die Klasse und schmeißt Federtaschen runter.

Samira setzt sich neben mich ans Pult und erzählt, dass sie aus dem Englischunterricht geflogen sei. Dann guckt sie sich stumm das bunte Treiben an. Plötzlich springt sie auf und schreit: „SEID DOCH MAL LEEEEISE. SPINNT IHR? IHR HABT UNTERRICHT. WAS SEID IHR FÜR EINE KLASSE?“

Die Schüler sind sofort muksmäuschen still. Dann zeigt sie auf den dicken Dirk: „Ey, du da hinten. Du denkst wohl du wärst voll der Coole.“

Dirk: „Meinst du mich?“

„Nein, ich meine nicht dich, ich meine den hinter dir.“ Hinter Dirk sitzen Susie und Emma.

„Natürlich meine ich dich! Sag‘ mal wie benimmst du dich hier eigentlich?“ zu mir: „Frau Freitag, ist der immer so?“ Ich nicke. Zu Dirk: „Merkst du nicht, dass du die ganze Klasse kaputt machst? Du denkst du wärst coll? Cool bist du, wenn du hier in der zehnten Klasse bist und den Realschulabschluss geschafft hast.“ Dann zu allen: „Ihr könnt euch doch nicht so benehmen? Denkt ihr nur weil Frau Freitag nett ist, könnt ihr hier so einen Larry machen? Wenn man in der siebten Klasse schlecht ist, schafft man auch die andern Klassen nicht. Was wollt ihr denn mal werden? Ihr braucht doch einen Schulabschluss.“ Allgemeines Schweigen. „Sie müsste voll in unserer Klasse sein, abooo“ flüstert ein Mädchen. Dschinges sieht mein Grinsen: „Guck‘ wie Frau Freitag grinst. Sie hat voll Bodyguard.“ Und recht hat er.

Ich lasse Samira die Klasse bis zum Klingeln in Schach halten. Inklusive: „Frau Freitag hat den Unterricht noch nicht beendet! Also setzt euch alle wieder hin!!!“ Beim Rausgehen werfen alle noch mal einen ehrfürchigen Blick auf Samira, die ihren Auftritt auch genossen hat.

Wir gehen gemeinsam die Treppe runter: „Sag mal Samira, willst du nicht Lehrerin werden? Das hast du so gut gemacht eben.“

„Ich Lehrerin. Abooo. Mit solchen Spastenkindern…niemaaaals“

Aber vielleicht kann ich sie immer montags in den letzten Stunden als Dompteur engagieren.

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10 Gedanken zu “Frau Freitag hat voll Bodyguard

  1. Samira darf mich gerne besuchen, Frau freitag! Obwohl es heute ganz nett war – der unterricht wäre sogar voll ok gewesen, wenn nicht Tanja und Chakira so rumgestresst hätten!
    Ach ja, und Özge und Natalie…die haben aber nur einen klodeckel zerkloppt und im klo geraucht.
    Gut….es gab auch noch einen kleinen konflikt:Cindy mussten wir trösten, sie hatte eine tätliche auseinandersesetzung mit seiner aso-queen aus der 10. klasse – es ging um einen jungen, einen kuss, viele telefonanrufe (anonyme) und eine morddrohung, aber was genaues war nicht aus den damen rauszukriegen. Von den jungen herren will ich mal nicht sprechen, die waren (bis auf Abdo) heute nur relativ normal gestört.
    Ich fühle mich ein bisschen erschöpft…..aber, wie gesagt, der unterricht war ok., soweit.

  2. Frau Freitag, ich lach mich noch tot.

    Schicken Sie mir diese Samira vorbei, die kann auch ein Nichtlehrer an so manchen Arbeitstagen als mentalen Beistand gebrauchen. Und ansonsten viel Spaß weiterhin mit den Spastenkindern (verstehen Sie mich nicht falsch, dies ist ein Zitat)…

  3. Ey, ich meine besser kann eine schülerin ja gar nicht zeigen wie es läuft..
    Samira hat das bestimmt auch schon 1000mal gehört und hats genutzt?
    Nö, sie fliegt aus dem Englischunterricht…
    Aber wenn eine aus der peergroup das mal den „Spastenkindern“ erzählt, dann sind sie alle aufmerksam.
    So, läuft das!
    Was wirklich wichtig ist, sagen sowieso die gleichaltrigenbzw, die etwas älteren…
    Also, weg mit den Teach before management -Typen und her mit der peer-group-Pressure…
    Denke da auch an ehemalige Schüler , sowohl die etwas geschafft haben als auch die anderen, da taugen sie vielleicht noch als abschreckendes Beispiel.
    Liebe und Grüße!

    • gute idee. gerade die, aus denen nichts geworden ist hätten bei mir al security eine karriere chance. „So Deniz, jetzt behalten wir den dirk einfach mal hier und du polierst dem mal so richtig die Fresse…“

  4. Mal im Ernst: wir haben sowas installiert.
    Jede Klasse hat einen Paten aus den oberen Klassen. Diese gehen mit auf Ausflüge, manchmal sogar auf Klassenfahrten. Sie kommen immer wieder in die Klassse und sind Ansprechpartner.
    Funktioniert .

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