Einfach mal ein Krankenhaus besuchen

Wenn man sich mit der Klasse aus dem Schulgebäude wagt, bleibt es nicht aus, dass etwas passiert. Ich latsche mit Mehmet ins Krankenhaus. Eigentlich freute ich mich schon auf das Mittagessen, da kommt er plötzlich blutend an. Geschulte Augen stellen fest, dass er auch einen kleinen Fußmarsch aushalten wird und so gehen wir los.

Mit der Lehrerin alleine unterwegs zu sein ist für ihn wahrscheinlich unangenehmer, als für mich. Spätestens im Warteraum wird klar: Ich bin nicht Mehmets Mutter und das nicht nur, weil er mich siezt. Ich unterhalten uns angeregt und ich beginne unseren kleinen Ausflug mehr und mehr zu genießen. Das Krankenhauspersonal guckt ihn an, als sei er ein Außerirdischer. Wir befinden uns in einem eher bürgerlichen Teil unseres Dorfes.

Krankenhausgemäß lässt man uns lange warten. Dann werden wir in einen recht sterilen Untersuchungsraum gebracht. „Voll Operationssaal und so. Mit Fernseher und so.“

Ich sage der Schwester, dass mir fast schlecht wird in diesem Raum, darum soll sich Mehmet auf die Liege legen, damit ich mich auf den einzigen Stuhl im Raum setzen kann. Nun liegt er da und ich sitze an seinem Fußende. Es entsteht eine therapeutische Atmosphere in der wir über Gott und die Welt plaudern. Streng genommen kann man sagen, dass ich ihn ausfrage, da ich die Gesprächsthemen bestimme. Das Bild, dass ich bisher von Mehmet hatte verändert sich in dieser Stunde, die wir dort warten. Hätte ich gedacht, dass er gut kochen kann und sogar bäckt? Er beschreibt mir die Zubereitung eines Pilzgerichtes mit Sahne so detailiert, dass ich ihn bitten muss über etwas anderes zu reden, da ich nahe dem Hungertod bin.

Wir reden über Mode. Er beschreibt, nach welchen Gesichtspunkten er seine Klamotten kauft. „Also die Schuhe müssen zu den Hosen passen und die Jacke zum Käppi.“ Wir reden über Mädchen. „Mit den Mädchens kann man sich viel besser unterhalten als wie mit den Jungs. Wir gehen immer spazieren, dies, das.“ Wir reden über die Dummheit der Pokerräuber. Ich sage: „Einen roten Pulli anzuziehen, wenn man einen Überfall plant ist doch wohl sehr bekloppt, oder? Vielleicht haben die sich ja auch noch Namensschilder gemacht.“ Mehmet erstaunt: „Ja, haben sie?“ Ich lerne etwas über Macheten.

Ich erfahre interessante Details: „Wir haben auch eine Machete. Für die Küche. Meine Mutter kocht damit.“ Ich sehe Mehmets Mutter vor mir, wie sie mit Kopftuch und langem Mantel in einer kleinen Küche steht und eine Machete über ihrem Kopf hin- und herschwingt. Wir einigen uns darauf, dass sie ein Hackbeil benutzt und keine Machete.

Ich spreche noch einmal seinen Solariumbesuch an. Er sagt jetzt muss man seinen Ausweis vorzeigen. Er erzählt mir, dass er zur Zeit vom Unglück verfolgt sei. „Ich hatte diese Marco Polo Jacke, kennen Sie? Und die habe ich in M gekauft. Und dann hat meine Mutter die gewaschen mit 70 Grad oder 170 Grad und dann war sie XS. Und dann das mit dem Solarium und dann beim Friseur, er schneidet mir die Augenbrauen mit der Maschine und alles wird voll schief. Und Frau Freitag, gestern, ich kaufe mir ein Eis, mach es auf und das ganze Eis fällt runter.“

Und jetzt liegt er verletzt auf diesem Krankenhausbett und muss sich stundenlang mit seiner Lehrerin abgeben. Er ist wirklich vom Pech verfolgt.

Irgendwann kommt ein Arzt er guckt ihn kurz an und dann versorgt eine Schwester Mehmets Wunde. Er verabschiedet sich mit den Worten: „Danke, dass Sie nicht mit der Feuerwehr gekommen sind und somit nicht das Gesundheitssystem unnötig belastet haben.“ Ich sage, dass ich versucht hätte einen Hubschrauber zu bestellen und das würde ich jederzeit wieder tun, denn ich möchte nicht später verklagt werden, weil der ganze Arm amputiert werden muss.

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Ein Gedanke zu “Einfach mal ein Krankenhaus besuchen

  1. Kriege ganz schlecht das Bild aus dem Kopf, wie Mehmets Mutter mit Kopftuch und Machete in der Küche steht, und parallel dazu auch noch MarcoPolo-Jacken bei 170° wäscht.
    Ich komme hier immer soooo gerne her!!!

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