Wer holt mich denn da ab wo ich stehe?

Es gibt so viele schöne Sätze von Pädagogenerziehern (wie Bushido sagt), die mir ständig im Kopf rumschwirren, wenn ich unterrichte:

„Erst spricht das Bild, dann der Schüler, dann der Lehrer.“

„Mit den Recourcen arbeiten – nicht mit den Defizieten.“

„Ein guter Lehrervortrag darf über alles gehen, nur nicht über 10 Minuten.“

„Alle Wege führen nach Rom, nur nicht der goldene Mittelweg.“

Und hier mein absoluter Lieblingsspruch: „Die Schüler da/dort abholen, wo sie sind.“

Darüber denke ich seit ein paar Tagen immer wieder nach. Wo sind die Schüler eigentlich? Wo sind sie in der ersten Stunde? Und wo soll ich sie abholen? Zu Hause?

Meine Schüler befinden sich z.Z. in einem Paralleluniversum, zu dem ich überhaupt keinen Zutritt finde. Licht an, aber keiner zu Hause. Was ist, wenn ein Schüler noch beim kleinen Einmaleins steckt und der andere in den Dezimalbrüchen hängt? Darf ich denn in der neunten Klasse den Stoff der Fünften und Sechsten wiederholen, wenn sie alle keine Checkung haben? Klar, sagen jetzt die Differenzierungs- und  Individualisierungsfreaks, das musst du sogar. Ja schön, sicher, aber wie schreibe ich dann eine Arbeit? Mit dem Stoff der fünften Klasse? Ich bin da echt überfragt und freue mich auch die kommenden Fachbereichssitzungen.

Und dann diese Sache mit der Motivation. Angeblich lernen die Schüler ja nur, wenn sie am Anfang der Stunde unheimlich motiviert werden. Und in vielen Kommentaren lese ich immer wieder, dass wir Lehrer doch Sachen machen sollten, die nahe an der Jugendwelt sind und die sie interessieren. Das klappt oft, aber eben auch nicht immer und wahrscheinlich hängt das auch von den Fächern ab. Nicht immer läßt sich ein Lebensweltbezug herstellen. Heißt das dann, dass die Schüler diesen Stoff nicht lernen sollen? Und schon mal darüber nachgedacht, dass nicht alle Schüler immer die gleichen Interessen haben? Und, ich will hier nicht der Spielverderber sein, aber geht es immer nur um Spaß? Immer nur ums motivieren und faszinieren? Kann Unterricht nicht auch das Ziel verfolgen, sich durchzubeißen, auch wenn einen das Thema nicht vom Hocker haut? Geht es nicht auch darum, mal durchzuhalten? Ist nicht die Freizeit schon spaßorientiert genug?

Meine Schüler werden, wenn sie Glück haben Berufe ausüben, die nicht besonders abwechslungsreich sind. Sollte die Schule sie nicht auch darin trainieren nicht aufzugeben?

Ganz ehrlich, wenn es nach mir ginge, würde ich nur Fun und Action in der Schule haben wollen. Ich persönlich brauche die Fächer, Mathe, Physik und Chemie nicht. Meinetwegen könnten wir den ganzen Tag kochen, quatschen, tanzen, singen und uns schminken, ich hätte damit gar kein Problem. Der Arbeitsmarkt aber schon, oder?

„Oh sorry, der Schüler kann keinen Dreisatz, da war er wohl nie in der Nähe vom Dreisatz und konnte nicht dort abgeholt werden. Seine Interessen lagen eher in den Plusaufgaben, die kann er dafür sehr gut.“

„DDR/BRD? Tut mir leid, da hatten sie kein Interesse dran, wir haben eigentlich nur über den zweiten Weltkrieg gesprochen. Sie waren so fasziniert von Hitler. Mauerbau und Wende und so, das wollte keiner machen.“

Wie schön, wenn Lehrplan und Schülerinteresse aufeinandertreffen und passen, passiert schon mal und passiert sogar an Stellen, an denen man es gar nicht vermutet. Meiner Meinung nach ist es völlig egal, was man unterrichtet, wenn die Beziehung zu den Schülern gut ist, dann machen sie alles und lernen vielleicht sogar Dinge, die sie gar nicht lernen wollten. Das klingt jetzt komisch, aber in einer Gruppe mit der man sich gut versteht kann man den langweiligsten Mist bearbeiten und trotzdem Spaß haben.

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7 Gedanken zu “Wer holt mich denn da ab wo ich stehe?

  1. Neee, FrauFreitag, das geht zu weit!
    Schüler abholen macht schon irrsinnig probleme, wie sie so richtig geschildert haben – und jetzt auch noch lehrer abholen……… ! Andererseits….als frau Freitags supervisorin hat man bestimmt ein abwechslungsreiches dasein.
    Mal muss man sie aus der depression abholen ( „sooooo, jetzt schlucken wir mal diese teacher’s little helper! And it helps you on your way, gets you through your busy day…..*sing „) und mal muss man dämpfend eingreifen (“ mund auf und zunge raus! Jetzt gibt es bachblütentropfen!!“) und mal (selten) darf man auch über ein anderes thema als unterricht plaudern (z. B. über fernsehsendungen, die von schule handeln).
    Also: Her mit einem angebot, Frau Freitag! Ich hol sie ab, wo immer sie gerade sind! Frage mich nur gerade….WO BRINGE ICH SIE HIN ????

  2. Also ich sach ma, Dreisatz kann man jedem halbwegs interessiertem in einer halben Stunde dann beipulen, wenn er gebraucht wird.
    Muss man nicht in der Schule machen…
    Außerdem gips denn überhaupt noch Berufe, in denen man den Dreisatz braucht und nich auch gleich noch Quadratwurzeln dazu?
    Was für Berufe wirds denn geben in 10 Jahren?
    Wenn man das wissen täte, dann könnte man die SuS dahin bringen, nachdem man sie vorher irgendwo eingesammelt hat oder zumindest aufgefordert hat mitzukommen, denn janz ehrlich: wo sich manche rumtreiben, da trau ich mir gar nicht hin…

  3. „Das klingt jetzt komisch, aber in einer Gruppe mit der man sich gut versteht kann man den langweiligsten Mist bearbeiten und trotzdem Spaß haben.“
    Eben. Ich erinnere mich gern an eine Mathematiklehrerin, die für ihr Fach wahre Liebe empfand. Sie kam in die Klasse und lächelte und meinte dann sowas wie „Heute lernen wir etwas ganz tolles.“
    Und obwohl ich schlecht in Mathe war, freute ich mich über ihren Unterricht, denn wir mochten sie einfach gern.
    Auch wenn auf ihr „Aber das macht doch Spaß.“ niemals jemand von uns mit einem Ja antwortete.

  4. Schicke Frise von Brian Wilson, der bei Veröffentlichung des Albums PET SOUNDS (das ich hier nur empfehlen kann) noch nicht mal 24 war. Und es war das 10. Beach Boys Album!
    Wer hat dieses Genie abgeholt? Eine Muse? Sein eigener leicht verwirrter Geist? Seine Recourcen hat er jedenfalls prima genutzt, auch wenn er später dann für eine ganze Weile im Bett liegen blieb und dick wurde.
    Starker Typ.

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