Impressionen eines ersten Schultages

Alles halb so schlimm, wenn man wieder hingeht. Freundliches Begrüßen. Wir bestätigen uns gegenseitig, dass die Ferien viel zu kurz waren. „Buch? Ach, ich dachte weil heute erster Tag…“

„Frau Freitag, haben Sie Haare geschnitten? Sieht gut aus.“ Stolz gehe ich nach hinten um irgendwas zu holen, freue mich noch über das Kompliment, dann Elisa: „Aber sieht irgendwie grün aus.“ Grüüüünnn?

„Frau Freitag, was ist das für eine behinderte Aufgabe? Die geben Sie uns doch nur, weil Ihnen nichts eingefallen ist.“ Und Recht haben sie! Ich war ja schon froh, dass mir gestern Nacht noch wenigstes diese behinderte Aufgabe einfiel.

Es klopft. Ich gehe zur Tür. Fünf Jungen stehen da. Einer sagt: „Frau Freitag, einer Ihrer Schüler war gerade auf dem Mädchenklo.“ Ich gehe vor die Tür, beuge mich konspirativ zu ihnen und flüstere: „Der ist auch ein Mädchen, aber er tut so, als sei er ein Junge. Aber psssst, nicht weitersagen.“

Die Kollegen hatten in den Ferien vor allem viel Krankheit und viel Arzt. Ich höre mir alles genau an. Ich erzähle den Schülern von Avatar und Pandora. Sie fragen, ob ich nicht im Bushidofilm war. Ich sage, dass ich dafür kein Geld ausgeben möchte. Sie erklären mir, wie ich den Film im Internet für lau sehen kann. Unklar bleibt, ob das legal ist. Ich werde es ausprobieren, allerdings will ich nicht nur kein Geld für Bushido ausgeben, ich will auch nicht für ihn in den Knast.

Und dann noch das Übliche: Wie kann ich es denn wagen, nach den Ferien sofort nach den Zeugnisunterschriften zu fragen? „Meine Mutter hat heute morgen noch geschlafen.“

„Du hattest doch eine Woche Zeit!“

„????“

„Ja, ich bin zu spät…“ (zweite Stunde!!!)  „…aber ich kann nichts dafür.“

„So? Was war denn?“

„Ich habe verschlafen, weil ich in den Ferien immer so spät ins Bett gegangen bin.“ „Nee, stimmt dafür kannst du ja wirklich nichts.“

Dann noch ein kleiner Teilerfolg: Meine Klasse hatte gesammelt ihre Bücher mit und auf dem Tisch und alle wollten mir mit ihrer aufrechten Sitzposition vermitteln, dass sie sich jetzt mächtig was vorgenommen haben. Hielt genau 20 Minuten an. Aber immmerhin. Die kleinen Sachen zählen doch auch, oder?

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8 Gedanken zu “Impressionen eines ersten Schultages

  1. > Meine Klasse hatte gesammelt ihre Bücher mit und auf dem Tisch
    > und alle wollten mir mit ihrer aufrechten Sitzposition vermitteln,
    >dass sie sich jetzt mächtig was vorgenommen haben.

    Solche Momente legen doch den Gedanken nahe, dass es sehr stark am Lehrenden liegt, ob die Faszination und Neugier der Schüler aufgenommen und entwickelt wird – aufgenommen und entwickelt durch den Lehrer.
    Oder ob alternativ doch wieder nur die „langweilig“ und „bringt mir nichts“ Einstellung der Schüler hervortritt, weil mal wieder die Chance verpasst wurde, junge Leute zu faszinieren.

    Natürlich ist es schwierig, andere zu motivieren – keine Frage.
    Natürlich ist gibt es immer wieder Rückschläge.
    Und natürlich wollen die Schüler nie so funktionieren, wie der Lehrer es sich wünscht.

    Aber:
    Wenn irgendein Fussballverein keinen Erfolg hat, sind sich alle einig, dass der Trainer Mist baut. – Und darum wird er kurzerhand entlassen.

    Wie wäre es, wenn wir uns diese Denkweise zu eigen machen?
    Wenn eine (Schul-)Klasse nicht den Erfolg hat, den sich der Lehrer wünscht, ist nicht ER es, der an den Pranger gestellt wird, sondern es sind die Schüler, die angeblich zu faul / zu unfähig / zu uninteressiert sind.

    Ich weiß, dass es schwierig ist, junge und oft perspektivlose Leute davon zu überzeugen, Investitionen in die eigene Zukunft zu tätigen.
    Aber ich weiß auch, dass es kontraproduktiv ist, über das Unvermögen der anderen zu lästern.

    Und wenn eine „Begeisterung nur 20 Minuten anhält“, mache ich mir Gedanken darüber, wie das passieren kann.
    Komme mir jetzt bitte niemand mit der „Generation youtube“ – der Behauptung, dass sich heute junge Leute nur noch kurze Zeit auf einen Sachverhalt konzentrieren können!

    Was ein Quatsch!
    Wahrnehmung und Interesse sind unabhängig von den Medien.
    Wahrnehmung und Interesse sind an denjenigen gekoppelt, der Inhalte vermitteln kann.
    Ein Mensch erinnert sich am besten an andere Menschen – und nicht an unpersönliche Fakten.

    In 20 Minuten kann man wahnsinnig viel nachhaltig versauen, aber nur sehr wenig erreichen. Aber so ist das Leben nun mal.
    Misserfolg ist leicht – Erfolg will hart erarbeitet sein und ist trotzdem ständig in labil und in Gefahr.
    Wenn man seine Schüler bei Sex and Drugs and Rock’n Roll abholen muss, dann muss mal das nun mal tun. Vielleicht trotz aller Lehrpläne und eigener guter Ideen.

    GUTE Lehrer sind selten.
    GUTE Lehrer schaffen es, ihren Kunden (= Schülern) Dinge zu verkaufen, die sie eigentlich gar nicht haben wollen.

    Aber man muss auch zugeben:
    GUTE Lehrer sind verdammt selten – genau wie GUTE Ärzte, GUTE Installateure und GUTE Architeken.

  2. Grüne Haare, behinderte Aufgaben, transsexuelle Schüler und illegale Downloads. Ich rufe wohl mal besser bei der Schulaufsicht an … oder lieber bei Bushido?

  3. „Wenn irgendein Fussballverein keinen Erfolg hat, sind sich alle einig, dass der Trainer Mist baut. – Und darum wird er kurzerhand entlassen.“

    Kleiner, aber möglicherweise wesentlicher Unterschied zwischen einer Fußballmannschaft und einer Schulklasse ist vermutlich der, dass die Fußballer freiwillig Fußball spielen, gewinnen wollen und nur in der Mannschaft bleiben dürfen, wenn sie bereit sind, dafür hart zu trainieren…

  4. eigenhirn hat wohl kein eigen Kind, meines 15 Jahre, pubertär seit 2 Jahren, rennt wissend ins Verderben, cool sein ist angesagt, aber auf keinen Fall dem Lehrer zuhören, am Unterricht teilnehmen, und ganz klar, keine Hausaufgaben. Zu Hause kämpfe ich um Vokabeln und Formeln und renne den Lehrern das Klassenzimmer ein, damit sie Verständis für das fehlgesteurerte Hirn haben.

      • Gottseidank ist es die dritte Tochter, das wird noch. Die älteste ist Lehrerin! die zweite studiert noch brotlose Kunst, äh Biologie

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