Der Herr Geheimrat und seine Freunde

Der Vollblutlehrer hat nur Lehrerfreunde, ist mit Lehrern verheiratet und meidet allgemein den Umgang mit Nichtlehrern. Gestern war ich mit meinem besten Lehrerfreund das Halbjahresende feiern. Dazu brauchten wir Kuchen und betraten die türkische Bakerei vor meinem Haus. Mein Lehrerkollege ist ein großer Freund des Kuchens und da er regelmäßig zu Besuch kommt kennt er die türkische Bäckerin lange und gut.

„Einen Bienenstich und eine Apfeltasche, bitte.“ sagt er.

„Bienenstich und Apfeltasche, gerne.“ antwortet die Bäckerin und beugt sich in das Gebäck. Mein Lehrerfreund, der mir zeigen möchte, wie dicke er mit der Bäckersfrau ist meldet sich wieder zu Wort: „Und… die Zeugnisse der Kinder? Waren die gut?“

„Ach, ach, nicht so gut, aber sie haben versprochen … nächstes Halbjahr wird alles besser.“

Ich denke: „Pfff… versprochen…“

Mein Lehrerfreund grinst breit und sagt sowas wie: muss ja, muss ja, wird schon…

Was denkt der eigentlich wo wir sind? Und in welchem Jahrhundert wir leben? „Sag mal, was war das denn?“ frage ich ihn draußen „Wie sehen die Zeugnisse der Kinder aus? Oh, der Herr Lehrer, einen Bienenstich, jawohl Herr Lehrer, und grüßen Sie die Frau Gemahlin, ach da kommt ja auch der Herr Geheimrat. Oh, wir haben ein Problem, laßt uns mal den Herrn Lehrer fragen und den Herrn Geheimrat, den Herrn Doktor und den Pfarrer… mensch, wir sind doch nicht in Das weiße Band.“

Ich bin völlig außer mir von diesem Aufritt in der Bäckerei. Mein Lehrerfreund grinst nur zufrieden: „Wieso, ist doch geil.“ Und langsam wird mir bewußt, dass er seine Rolle eben voll genossen hat. „Das hättest du wohl echt gern: „Ach der Herr Lehrer…noch ein Bienenstich, den Käsekuchen mit Sahne, Herr Lehrer?“

„Ja, genau, ist doch super!“

„Herr Lehrer, Herr Lehrer, gab es denn damals nie die Frau Lehrerin? Und hast du noch gar nicht gemerkt, dass es heute nicht mehr so ist? Wir Lehrer sind doch nur noch die faulen Säcke mit den langen Ferien, niemand will einen Rat von uns.“

Aber irgendwie hat er ja recht. Schön wäre es wenn wir ein wenig mehr Ansehen genössen. Dann bräuchten wir uns auch keinen Kuchen zu kaufen, denn zum Halbjahresende würde man uns mit selbstgemachtem Gebäck und halben Schweinen überschütten: Hier Frau Lehrerin, eine kleine Aufmerksamkeit für Sie und erholen Sie sich gut…

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10 Gedanken zu “Der Herr Geheimrat und seine Freunde

  1. Die Frau Lehrerin sicher nicht… aber das Fräulein Lehrerin.
    Ich habe übrigens Glück, ich wohne in einem Haus mit vielen älteren Parteien, die mich teilweise auch mit „Herr Lehrer“ ansprechen und denen ich immer wieder versichern muss, dass meine Schüler ganz in Ordnung sind und nicht mit dem Messer auf uns losgehen.

  2. Liebe Frau Freitag,
    Also irgendwie ist das eine komische Geschichte mit diesem Lehrerfreund. Und wenn wir schon bei Lehrerfreunden sind. Die hatte ich selten. Im Gegenteil. Die meisten meiner Freunde sind keine Lehrer (mehr) und ich ja schlussendlich jetzt auch nicht mehr.

    Ich fand es auf der Uni immer grässlich, wenn die 20jährigen blonden Lehreranwärterinnen auf die Frage warum sie hier wären antworteten: Naja, meine Großmama war Lehrerin, meine Mama und Papa auch – und ich habe Kinder so gerne. >> ich hätte mich sofort übergeben können.

    Ich für meinen Teil habe eher versucht „unerkannt“ zu bleiben. Wenn mich jemand mit „Herr Lehrer“ angesprochen hat, bin ich einfach gegangen. Toll sind auch „Herr Professor“ oder „Herr Direktor (sehr beliebt wenn die Leute glauben obergescheit behandelt worden zu sein und das Gespräch lächerlich machen).

    Ob man mehr Respekt bekommt, wenn man sich so ansprechen lässt. Wahrscheinlich sogar – leider. Aber auf die Art von Respekt möchte ich verzichten können.

  3. Wenn wir nicht die Öffentlichkeitsarbeit für unseren Beruf übernehmen, wer dann.
    Wir brauchen uns nicht zu schämen dafür was wir tun und wir arbeiten nicht im Untergund.
    Jeder Automechaniker würde bei der Bäckerin fragen: „Und wie läuft das Auto jetzt?“
    Ich finde, Ihr Kolllege macht das gut.

  4. Oh, da bekomme ich aber mein Fett weg. Danke, danke.
    Ich mag es aber ganz generell, mich in manchen Läden mit den Leuten zu unterhalten, zum Beispiel ist mein Tabakhändler immer ein bereitwilliger gesprächspartner, der auch gerne mal was aus seiner bunten Familie (Frau ist Russin, er Türke) zum Besten gibt.
    Der hat übrigens keine Ahnung was ich beruflich mache.
    Es geht auch gar nicht um, Herr Webdesigner was macht das Internet, oder so etwas..
    Es macht einfach mehr Freude so, aber man darf natürlich nicht paranoid sein ,-)
    Außerdem beschwerst du, Frau Freitag, dich doch immer darüber dass der Bildung so selten ein angemessener Stellenwert eingeräumt wird.
    Was liegt also näher als sich nach Bildungserfolgen zu erkundigen?
    Es gab aber auch noch einen anderen Grund, der mich veranlasste nach den Zeugnissen zu fragen. Die ältere Tochter arbeitet nämlich ziemlich häufig in dem Laden, und da wollte ich einfach mal wissen, ob die überhaupt noch zur schule geht, jetzt bin ich schlauer…

    • Wieso, was wolltest du denn von von der älteren Tochter Herr Lehrer ?? Und, magst du dich ganz generell nur in manchen Läden unterhalten oder bist du eher auf solche mit bunten Familien spezialisiert?

      • metzger, tabakladen, bäcker, gemüsestand – das sind so meine smalltalkstationen beim einkauf – aber ich führe dort beileibe keine schulgespräche…
        ach,ja und dann treffe ich doch manchmal auch SuS, die ich schon mal unterrichtet habe, da bleibts dann nicht aus…
        oder man zieht aufs land (und pendelt dann mit den anderen …..)

  5. Wie lustig fraufreitag, diesen aufgeblasenen Herrn Lehrer kann ich mir gut vorstellen. Zu Tisch tut er ja auch gerne so, als wäre er Vater von fünf Kindern und wisse voll wie die Welt geht. Aber nichts für ungut Herr Lehrer, du lachst ja auch drüber 🙂 …aber fraufreitag, wie macht der Herr Lehrer das eigentlich, dass er so erscheinst? … denn eigentlich will ich das auch – zudem ich doch viel besser weiß, wie die Welt geht.

  6. Naja, man kann das entweder als herablassende Indiskretion oder als freundliche Nachfrage interpretieren. Sowas machen Leute manchmal sogar aus Höflichkeit. Es ist auf jeden Fall persönlicher als „Heute ist es aber ziemlich kalt, finden Sie nicht auch?“

  7. Ganz ehrlich, Herr Geheimrat,…..mir isses immer ein bisschen peinlich, wenn die leute mitkriegen, dass ich lehrerin bin. Ist doch irgendwie uncool…..! Ich würde lieber kinobesitzerin sein oder gerichtsreporterin oder meinetwegen auch pianistin,aber lehrerin, gähn*
    Zum Glück unterrichte ich an einer brennpunktschule in einem brennpunkt, das gibt doch wenigstens ein bisschen glanz. Hört sich jedenfalls besser an besser als realschullehrerin in oldenburg……….Spaaaaaaaß! (Das rufen meine schüler auch immer, wenn sie was besonders blödes gesagt haben!)

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