Wenn jetzt Ruhestand wäre

Was wäre eigentlich, wenn ich nicht Lehrer wäre. Unvorstellbar. Vorstellbar wäre aber, dass ich irgendwann in Rente gehe. Mal angenommen, ich ginge nächste Woche in den Ruhestand. Wie sähe dann mein Alltag aus?

Also morgens gäbe es ja gar keinen Grund aufzustehen. Stünde ich dann gar nicht auf? Wer mich kennt wird sich das nicht vorstellen können und auch ich bin mir sicher, dass ich wie gewohnt um 6.10 Uhr aus dem Bett springe. Rein in den Bademantel, das automatische Frühstück machen mit simultanem Geschirrspüler ausräumen hätte ich immer noch im System. Dann wie immer auf das Sofa und mit dem Frühstücksfernsehen frühstücken. Draußen wird es langsam hell. Fertig gefrühstückt. Und dann? Da ich nicht in die Schule muss, brauche ich mich auch nicht anzuziehen, also bleibe ich im Bademantel. Auch das Waschen und Zähneputzen macht dann keinen Sinn. Den Fernseher ausschalten – warum?

So vergeht Stunde um Stunde. Draußen wird es langsam wieder dunkel. Ich habe mir sämtliche Gerichtsshows angesehehn und bin dann beim Zoo hängengeblieben. Ich bilde mir ein, viel über die Pflege von Wildschweinen gelernt zu haben und verspüre einen kleinen Hunger. In der Küche bereite ich mir einen Snack und breite mich damit wieder gemütlich vor dem Fernseher aus. Gleich kommt Explosiv und Exclusiv das Starmagazin – ich bilde mir ein, dass ich das sehen muss, um gut informiert zu sein. Das schlechte Gewissen läßt mich darauf hin gleich drei unterschiedliche Nachrichtensendungen hintereinander sehen. Und dann kommt auch schon der 20.15 Film. Um 22.30 Uhr döse ich vor Spiegel TV in die erste Leichtschlafphase hinüber.

Mein erster Tag im Ruhestand – war der Tag an dem ich meine Ruhe fand.

Der zweite und dritte Tag gleichen dem ersten.  Unterscheiden sich nur durch den 20.15 Film. Am dritten Tag ist der Kühlschrank leer und meine Haaare starten eine leichte Verfilzung. Ich muss einkaufen gehen. Waschen? Ach, ich ziehe mir schnell was über und setze eine Mütze auf, ich will doch bloss in den Supermarkt.

Soziale Kontakte meide ich, da sie mir meine Ruhestandsroutine durcheinander bringen und ich auch nicht genug erlebe, um mich mit anderen Menschen zu treffen. Ich fürchte die Konversation.

Da ich das Haus nicht mehr verlasse und mich nicht mehr bewege, vergrößere ich mich im Volumen. Meine Kleidung beginnt zu zwicken. Ich behalten nun ganztägig den Bademantel an. Der passt immer. Ich entdecke die Supermarkt-Internet-Bestellung und bin froh meine Wohnung nicht mehr verlassen zu müssen. Die Wohnung verkeimt. Die Bewohnerin auch. Tatsächliche Freude empfinde ich nur noch beim Verzehr von Fertiggerichten und gesättigten Fettsäuren. Ich beginne zu trinken.

Adipös vergetiere ich bis zu meinem plötzlichem Tod. Als man nach Wochen die Wohnungstür aufbricht bin ich so dick, dass man mich durch das Fenster aus der Wohnung schaffen muss.

Ja, und das alles nur, weil mir Struktur fehlte. Ruhestand, pah, das will ich gar nicht. Ich arbeite gerne bis 67. Ach, laßt mich ruhig bis 77 arbeiten. Die Schüler werden sich freuen: „Wir haben gleich wieder bei Oma, aber die sieht nicht mehr so gut, wenn wir uns hinten hinsetzen, können wir Karten spielen.“

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19 Gedanken zu “Wenn jetzt Ruhestand wäre

  1. Pingback: Wenn jetzt Ruhestand wäre « Na, wie war’s in der Schule? « Anna's Blog

  2. ach, frau freitag, sie verschönern meinen tag! *vergnügt lacht*
    die idee mit der internet-supermarkt-bestellung finde ich gut. ich lese hier immer sehr gerne 🙂

  3. Nein, fraufreitag!! Das hast du dir so gedacht. Aber Ruhe im Ruhestand gibts nicht, dafür werde ich schon sorgen. Natürlich werden wir unseren Ruhestand durch einen Stundenplan strukturieren. Ich schlage einen einen Trimesterplan vor. Sicher, individuelle Ruhestandsbedürfnisse werden in der Planung berücksichtigt – ännlich der individuellen Ferienplanung (vgl. fraufreitag vom 5. Januar) – aber damit da nicht jeder sein eigenes Süppchen kocht, müssen diese Pläne in spezifischen Gremien abgestimmt und beschlossen werden. Und um dann mit 67 nicht mit leeren Händen dazustehen, schlage ich ab unserem 55zigstem Lebensjahr, zur rechtzeitigen Planung der Ruhestandsplanregelungen, die Errichtung einer monatlich tagenden Steuerungsgruppe vor. Mit Blick auf meine umfangreichen Erfahrungen zur sinnvollen Gestaltung von Ferien, übernehme ich darin gern den Vorsitz. Keine Bange fraufreitag, in dieser Funktion bin ich auch gerne bereit, meine eingeschränkte Meinung über die Sinnhaftigkeit von Frühstücksfernsehen zu erweitern. Aber als Ruhestandsplanguppensteuerfrau werde ich immer rechtzeitig vor adipöser Strukturlosigkeit mit Verwahrlosungstendenzen warnen können.

    • Juchuuu Frau Dienstag, das beruhigt mich ja sehr! Jetzt habe ich schon gar keine Angst mehr vor dem Ende der Schule. Aber was ist mit Frl. Krise? Die muss dringend in die Steuerungsgruppe. Wegen attestierter Strukturlosigkeit eigent sie sich überhaupt nicht für den Vorsitz. Ich glaube wir würden uns alle sehr freuen, wenn Sie dem Vorsitz vorsitzen. Frl Krise könnte sich vielleicht kulinarisch einbringen. Aber der Start … erst mit 55 (obwohl, so lange ist’s ja nicht mehr), können wir damit nicht füher anfangen?
      Ach ich bin ganz erleichtert. Vielen dank!

  4. Solche lockere Reden habe ich in jungen Jahren auch gehalten.
    „Bah, ohne Schule kann ich nicht sein“
    „Was soll ich den Tag über bloß machen, wenn ich keine Schüler mehr um mich habe.“
    Ich konnte die älteren Kollegen nicht verstehen, die die Monate, die Tage gezählt haben.
    Mittlerweile habe ich viel Verständnis für sie, obwohl ich noch lange nicht zähle.
    Der Beruf ist anstrengend, sehr sogar. Und mit den Jahren immer mehr. Man wird geräuschempfindlicher. Ja, da geht noch was.
    Man bekommt mehr Routine in allem, weiß, was funktioniert, was nicht. Und trotzdem dauert es immer länger, bis man sich wieder erholt. Früher habe ich Klassenfahrten weggesteckt. Bah…den Schlaf kann ich nachholen.
    Heut überlege ich, mir schon im Bus die Ohropax reinzupfeifen.
    Übrigens kenne ich keinen Kollegen, auch keine der leidenschaftlichen, die danach zumüllen.
    Sie reisen, einer ist sogar ausgewandert, und leben vergnügt vor sich hin. Und sie bemittleiden uns, tatsächlich.

  5. Ach, mit der Pension, die Ihr Lehrer mal bekommt, kann man sicher was schöneres anfangen, als auf dem Sofa rumzulungern. Da Ihr während Eurer anstrengend Dienstzeit immer so wenig Zeit für Ferien hattet, ist es jetzt doch an der Zeit, die Welt zu bereisen. Viel Spaß dabei! Manch anderer kann sich das nicht leisten und sieht zu, dass er zumindest von den paar Kröten was zu Essen kaufen kann. Adipös wird man dabei sicher nicht!

    😉

  6. beim durch das fenster aus der wohnung schaffen fett gegrinst!!!
    und so weiß ich, dass ich auf dein buch noch lange warten darf.
    aber frau könnte durchaus ohne jeden tag arbeit glücklich werden, rasantes wildes leben findet frau allerdings nicht im bademantel, höhö. ich lese gern hier! ruhig noch etwas schwärzer könnte er sein, dein humor…is aber allein dein ding. nh.

  7. Ja,ja….Steuergruppe! Planungsgruppe! Antiverwahrlosungsgruppe!
    Frau Dienstag, ich bitte um Aufnahme in ALLE Gruppen! Schließlich wird es mich als erste treffen….. das schicksal, das Frau freitag hier so drastisch beschreibt……!!!!
    Die werbung von mc donald betrachte ich im moment geradezu wohlgefällig – ich könnte mir fast vorstellen in einer flotten mcdoof-uniform fritten und burger an meine schüler zu verkaufen…“ Bitte schön Musti, das xxl-menü, noch ein salätchen dazu?“ Dabei müsste Musti lieber mal 10 kg abspecken……. seine ane kocht zu gut…….
    Ich finde, viel mehr firmen sollten sich entschließen oldies einzustellen! Ich würde nämlich nach den harten jahren, in denen ich eine dienstleistung anbieten musste, die keiner wollte, gerne mal etwas tun, das nachgefragt ist und für das meine künftige klientel richtig dankbar ist. Nicht zu vergessen : Dienstkleidung dürfte gerne etwas uniformiertes sein (dann bin morgens viel flotter fertig!!!) oder aus perlenkettchen und buissiness-outfit bestehen…..
    Sonst muss ich mich selbstständig machen- *seufz.
    Wer eine gute idee dazu hat , bitte bei mir melden: Es soll aber NICHTS mit kindern, jugentlichen oder sozialem elend zu tun haben!
    SOS…Her mit den ideen….SOS

    • frl. krise…vielleicht irgendwas mit sex? diese dienstleistung wird immer gerne in anspruch genommen und vielleicht läst sich da dann auch das eine oder andere misslungene elterngespräch wieder gerade bügeln…

      oder u-bahnfahrerin, wenn die u-bahn kommt freut sich JEDER!

  8. Das von mir schon mehrfach erwähnte Brotauto, das über die Dörfer fährt und auch ab und zu bei Schulen vorbeischaut, ist noch nicht besetzt.
    „Wer sich nicht in Reihe aufstellt, bekommt nichts zu essen, so!“

    Zu MäcDoof: man hat Gespräche mit Kollegen, die Kleidung wird gewaschen und Softgetränke sind kostenlos. Alle freuen sich,
    wenn man Deutsch kann, und die Kunden ignorieren einen. Was will man mehr!
    http://www.ciao.de/McDonalds__Test_2863708

  9. Mein Vorschlag wäre, sich jetzt – rechtzeitig – ein schickes, tolles Hobby zuzulegen, damit die Unmengen an Pensionsgeldern auch wieder unters Volk gebracht werden können 😉

  10. Neee, Silke….! ….“Schickes, tolles hobby“ – sag mal eins! Dann doch lieber die u-bahn lenken!
    Frau Freitag , das mit dem sex

  11. huch….ich war noch nicht fertig!

    ……….kommt nicht in frage! Höchstens als mitglied eines erfolglosen musikalischen sex-tetts…ich spiele (schlecht) klavier….!

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