Frau Freitag, immer im Dienst!

Ich spüre es schon das Schneechaos. Der Sturm pfeift schon durch die undichten Stellen meiner Fenster. Und es sieht verdammt kalt draußen aus. Trotzdem werden am Montag wieder Schüler im gestreiften H&M Kapuzenpulli auf dem Hof rumrennen: „Nööö, ehrlich, mir ist nicht kalt.“

Zu dünn angezogen waren auch die Mitwirkenden des Disputs gestern, der mir die Möglichkeit gab, nun endlich mal Zivilcourage zu zeigen. Ich komme aus der Schule, singe „Wochenende, Wochenende, Kaffee, Kaffee, Couch:“ Und höre plötzlich vor dem Supermarkt ein tierisches Geschrei. Von Weitem erkenne ich schon, worum es geht.

Zwei unterschiedliche Kindergruppen stehen sich gegenüber. Zwischen ihnen ca. fünf Meter Abstand und einer brüllt. Ich denke: „Hof? Habe ich Aufsicht?“ Und dann wird mir klar, dass es sich zwar um mein Klientel handelt, aber ich die Schüler gar nicht kenne und irgendwie sind sie auch kleiner als bei uns. In der einen Gruppe zu dünn angezogene „ich bin zwar hier geboren, meine Eltern auch und wir haben alle deutschen Pass, aber wenn Sie mich jetzt fragen was ich bin, dann können Sie einen drauf lassen, dass ich Türke oder Palästinenser sage“ Typen und in der anderen Gruppe Kinder von Eltern, die nicht wollen, dass ihre Kleinen frieren und die sie am Anfange der ersten Kälteperiode gezwungen haben, eine Winterjacke zu kaufen. Die Kinder haben allerdings durchgesetzt, dass es coole Jacken sein müßen. Markendaunenjacken. Nur der Größte von ihnen, der der gerade schreit, hat seine Jacke zu Hause gelassen und trägt ein, in seinen Augen noch cooleres Kleidungsstück, nämlich den berühmten Kapuzenpulli, dazu die obligatorischen schwarzen Wollhandschuhen. Weil er die unadequate Bekleidung, beim Verlassen der Elternwohnung durchsetzen konnte und die anderen nicht, ist er der Anführer von seiner Gruppe.

Mittlerweile bin ich nah genug an der Szene dran, um zu hören, um was es geht. Coolio schreit immer wieder: „Es ist nicht okay, anderen Leuten von hinten ein Ei auf die Jacke zu werfen! Das ist nicht okay!“ Er zieht seinen Pulli aus und hält ihn der anderen Gruppe entgegen. Anscheinend haben die ihm das Ei verabreicht. Ich würde noch weitergehen und sagen, es ist nicht mal okay ein Ei vorne auf die Jacke zu werfen. Überhaupt sollte man gar nicht mit Eiern werfen. Ich sehe mir die Tätergruppe an. Kinder. Stehen da und grinsen. Streiten nichts ab. Klarer Fall, sie haben das Ei geworfen. Im ersten Moment will ich sagen: „Ja spinnt ihr denn? Wisst ihr denn nicht, dass es Haram ist mit Lebensmitteln…“ Dann beschließe ich, erstmal abzuwarten. Eigentlich ist mir kalt und ich will nach hause und Kaffee trinken.

Die Stimmung wird aggressiver. Auf einmal sehe ich Günther Jauch vor mir, der mich vorwurfsvoll anguckt und dann von seinem Zettel abliest: „Er musste sterben, weil er das gemacht hat, was jeder machen sollte. Er hat Zivilcourage gezeigt und den Kindern geholfen.“ Zivilcourage! Ja, die werde ich jetzt auch mal zeigen! Ich bleibe also und gucke mir alles weiter an. Mittlerweile stehen noch mehr Erwachsene herum und warten. Wenn es jetzt gleich zum Kampf kommt, dann werde ich Leute  gezielt ansprechen: „Sie da, im blauen Anorak, helfen Sie!“

Aber noch stehen die Gruppen sich nur gegenüber und der Beworfenen schreit immer wieder: „Das ist nicht okay! Das ist feige.“ Sehe ich genauso. Aber wie soll es jetzt weitergehen? „Du bist feige. Du bewirfst Leute von hinten mit einem Ei.“ Und dabei hält der Junge dem Täter seine Jacke entgegen. Was will er denn? Soll der andere die mit nach hause nehmen und waschen? Und wird ihm nicht kalt, so im T-Shirt?

Plötzlich geht alles ganz schnell. Der Eierwerfer zieht seinen Kaputzenpulli auch aus und geht auf sein Opfer zu. Jetzt wollen sie sich schlagen. Das bringt Bewegung in uns Zivilcouragierte. Wir nähern uns von allen Seiten den Kontrahenten. „Hej, hej.“ sagt ein Mann beruhigend. Und ich frage den mit der Eierjacke: „Was willst du denn jetzt? Willst du dich mit ihm schlagen?“ Der Angreifer weicht langsam zurück und schleicht sich, beim Anblick der vielen Erwachsenen, die wahrscheinlich nicht auf seiner Seite wären, mit seinen Kumpels an die nächste Ecke.

Jetzt spricht mich ein Kleiner mit sehr warmer Daunenjacke an: „Warum mischen Sie sich denn ein?“ Ich denke, na das ist doch jetzt die Höhe, dankbar sollten die Kleinen sein, für meine Zivil… :“Na meinst du denn ich will mit ansehen, wie ihr euch jetzt schlagt?“ Und zu dem Angeworfenen: „Was willst du denn jetzt eigentlich?“

„Ich will, dass er sich entschuldigt. Finden Sie das etwa okay, wenn man jemanden von hinten ein Ei auf die Jacke wirft?“

„Nein, das ist überhaupt nicht okay. Aber der wird sich nicht entschuldigen.“

„Warum nicht?“

„Weil er ein Idiot ist.“ antworte ich und bin mir ganz sicher, dass das stimmt. Jetzt grinst der in der Daunenjacke: „Ja, da sagen Sie was sehr Richtiges.“  „Guck‘ mal, du provozierst jetzt nur noch.“ mischt sich jetzt der blaue Anorak ein. Ich: „Ja. Oder willst du dich mit ihm schlagen?“ „Nein.“ sagt er kleinlaut „Aber das war nicht okay. Das ist nur feige.“ „Ja, du hast recht. Und der Typ da, das ist einfach nur ein feiger Idiot.“

Stolz gehe ich nach hause und weide mich an dem guten Gefühl endlich mal Zivilcourage gezeigt zu haben. Nun den verdienten Kaffee. Aber….wie gesagt: Stromausfall. Ich also wieder runter und meinen Kaffee in einem Cafe getrunken. Und als ich nach hause gehe, sehe ich die Daunenjacken-Fraktion auf mich zu kommen. Fröhlich beschwingt und jeder hat ein paar riesen Chinaböller in der Hand. Das gibt es ja wohl nicht. Sich erst über so ein läppisches Ei auf der Jacke aufregen und jetzt eine Woche nach Silvester mit Böllern durch die Gegend rennen: „Sagt mal, was soll denn der Scheiß jetzt?“ frage ich sie. Etwas verdattert sehen sie mich an und machen, dass sie wegkommen. Langsam verfliegt meine Zivilbegeisterung und ich denke nur sauer: Na wartet nur, euch werd‘ ich noch mal helfen…

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6 Gedanken zu “Frau Freitag, immer im Dienst!

  1. Schon ein blödes Gefühl, die falschen gerettet zu haben.
    Aber Recht haben Sie: man wird den inneren Lehrer nicht los.
    Ich kann auch nicht anders.
    Aber mit Banden in der Größe hatte ich noch nie zu tun.

  2. liebe frau freitag,
    hiermit möchte ich mich für meine verspätung entschuldigen, aber ich hatte Prokrastination. Ganz schlimme. hier nun mein beitrag zu „tragt ihr mal was bei“ und ihrer furiosen schimpfwortstunde. liebe grüße und alles gute für dieses funkelnde jahr.
    *käthe*

    • danke für den kommentar. das video habe ich gelöscht, nix für ungut, aber ich möchte nichts mehr mit schimpfwörtern zu tun haben. die suchbegriffe die bei mir landen sind voll von diesem schmutz und ich überlege schon, die ganzen artikel in denen ausdrücke vorkommen zu lösen.

  3. Ach, Frau Freitag…..das sind ja wahre heldentaten. Darf ich auch eine erzählen? Auch ich bin nämlich bemüht, regulierend und aufopferungs- voll ins pralle, aber verfehlte leben meiner mitmenschen einzugreifen:

    An einer bestimmten ampel meiner stadt sehe ich, ich im auto sitzend, immer wieder menschen, vorwiegend männlich, jugendlich und unbestimmter nationalität (ich weiß die nationalität, aber ich glaube, die betreffenen sehen es anders…..) sich in provokanter weise gegenüberstehen. Nase an nase, schultern zurückgezogen und ruckartige bewegungen mit dem spielbein machend. Sie hauen sich erstmal nur beleidigungen um die ohren. Meine autoscheiben sind geschlossen, alle türen von innen verriegelt. Trotzdem ist es klar, was sie sagen: Hund, hurensohn, ich ficke xy….usw. usw. usw. Gleich werden sie sich schlagen…..aber ich lasse es nicht soweit kommen. Grün. Ich fahre an. Jetzt kommt meine stunde. Ich lasse genau auf ihrer höhe ein markerschütterndes hupen erklingen. Die beiden springen auseinander, sehen mir verstört nach….et voila, die luft is raus….erstmal eine atempause und wer weiß ob´s jetzt noch knallt. ich fahre hochzufrieden weiter.
    Gut, eine tapferkeitsmadaille werde ich so nicht erringen… aber jauch könnte Sie und mich ruhig mal in seiner sendung erwähnen…..oder?

    • na mich schon, aber Sie… nur für so ein bischen hupen… ich hätte umgebracht werden können in der eierjackesache. aber okay, okay, wir gehen beide zu jauch. zeigen wir doch neben der zivilcourage auch täglich professionscourage, wo wir doch jeden tag in diese irrenhäuser gehen…

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