Es gibt keine Ausländer in Deutschland!

Meine Schüler sind für mich Deutsche. Habe ich das schon gesagt? Muss ich vielleicht öfter sagen. Alle! Hier geboren, nicht hier geboren, gedultet, mit Pass, ohne Pass, mit Unbefristet und hätte ich Illegale, dann wären das für mich auch Deutsche. Ich unterrichte keine Ausländer! Ich bin keine Ferienschule wo Ausländer im Sommer Spanisch lernen und dann wieder in ihr Inland fahren. Alle die hier wohnen und die hier zur Schule gehen sind für mich meine Schüler und ich unterrichte an einer deutschen Schule und dann sind die Schüler für mich Schüler einer deutschen Schule in Deutschland, also deutsche Schüler. Was für eine Religion die haben ist mir persönlich egal. Wo die Großeltern mal gewohnt haben auch. Wir hatten in der Grundschule ein Mädchen in der Klasse, die kam aus Ostfriesland. Hieß die denn Schülerin mit ostfriesischem Hintergrund?
Nach wie vielen Generationen darf ich denn meine Schüler auch mal offiziell als deutsche Schüler bezeichnen? Ja, sie sprechen schlecht deutsch. Ja, sie sind (fast) alle hier geboren. Die, die nicht hier geboren sind, sprechen noch am Besten deutsch. Die nicht ndH Schüler, also diese Blutsdeutschen sprechen genauso schlecht, wie ihre Mitschüler.

Wir haben an den Schulen ein Schichtenproblem und kein Migrantenproblem. Ich kann es nicht mehr hören: Die – wir. Die Deutschen – die Ausländer. Migranten – nicht Migranten. Und dann immer dieser berühmte „Hintergrund“. Reden wir doch mal über den Vordergrund! Und da ist es doch schnurz-piep-egal, warum die schlecht Deutsch sprechen. Sie tun es einfach und man sollte nach vorne sehen und überlegen wie man das ändern kann. Meiner Meinung nach tun wir den Schülern keinen Gefallen, wenn wir sie nachdem sie die vierte Generation sind, die hier geboren ist und die das Herkunftsland ihrer Eltern höchstens aus dem Urlaub kennen, immer noch als Ausländer titulieren. Mich befremdet das und ich will das nicht. Das entfernt mich von den Schülern und ich fühle mich ehrlich gesagt immer ausgeschlossen, wenn sie von sich als Ausländer sprechen und ich nicht mit dazugehöre. Wir wohnen doch alle hier. Im gleichen Land, leben alle von den Steuergeldern, die hier in diesem Land bezahlt werden.

Es ist echt an der Zeit, dass man sich von Begriffen wie Ausländer, ausländische Schüler und auch diesem ganzen ndH Kram verabschiedet. Okay, bei Lehrerzumessungen kann das noch eine Rolle spielen, aber im Umgang mit den Schülern muss es echt egal sein, wo der Opa herkommt. Wie würden sich denn die Kollegen fühlen, wenn es hieße: „Na ja, die hat die Klasse nicht im Griff, die Oma kommt ja auch aus Bayern. Aus einem bayrischen Dorf…“

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Ich kann es nicht mehr hören!!!

Was mich fast am Meisten stört ist die Lautstärke. Manche Schülerstimmen haben eine unerträgliche Frequenz. Tonlage – Folter. So auch alle Mitglieder der Famile El-Lachma. Die Familie hat gefühlte 100 Kinder, alles Söhne, alle mit unerkanntem und deshalb unbehandeltem ADHS (wer das nicht kennt: ADHS = so dermaßen nerviges Zappelverhalten, dass man sich vergessen möchte) und in jeder Klasse scheint ein Sohn der El-L’s zu sitzen. Heute in der zweiten Stunde hatte ich bereits das Vergnügen mit dem ältesten Sohn – der ist mittlerweile recht vernünftig, schreibt nur immer die Hausaufgaben ab. Dann eben eine Doppelstunde mit dem Kleinsten.

Wahrscheinlich befindet er sich in der Schule und zu Hause immer in dem Dilemma, dass ihm keiner zuhört und sich keiner mit ihm beschäftigt. Von der Sekunde, in der er den Raum betritt bist du von ihm genervt. Er kann keine Minute die Klappe halten. Vielleicht hat er auch eine Schildrüsenüberfunktion, allerdings vermute ich, dass er einfach nur den Plan verfolgt, mich in den Wahnsinn zu treiben. Aber auf dem direktesten Weg. Und ich doofe Kuh gehe auch noch voll drauf ein. Liefere mir mit ihm jede Stunde Wortgefechte, die man hier gar nicht wiedergeben kann.

Das Harmloseste ist noch die Frage, ob er wahlweise ein Radio, einen Clown oder einen Vogel verschluckt hat. Manchmal bellt er, heute machte er Vogelgesänge nach. Er kann auch schlecht rappen. Alles was er macht regt mich auf. „Abdullah, was ist das mit dir? Welche Krankheit ist das? Was hast du?“

„Ich weiß nicht? Vielleicht Diabetis?

„Du weißt doch gar nicht was Diabetis ist!!! Du mußt zum Logopäden“ ich stocke kurz, habe ich Logopäde gesagt? Ich wollte sagen, das er Logorroeh hat. Aber die Schüler wissen eh nicht, was das ist und da kann ich sein dauergequatsche auch ruhig als Logopädie bezeichnen. „Ja, du hast LOGOPÄDIE.“ „Immer ich, Sie meckern immer nur mich an. Gucken Sie, die anderen quatschen doch auch.“ „Die anderen gehen mir nicht so auf die Ketten wie DU! Deine Stimmlage macht mich verrückt. Willst du mir sagen, dass du hier nicht die ganze Zeit störst?“

„Doch, aber die anderen…“

„Siehst du, schon wieder quatscht du. Ich kann es einfach nicht mehr ertragen. Halte doch endlich mal die Backen!“  Ein paar Sekunden Ruhe, dann wieder Vogelgeräusche. Ich wende mich ab und wische die Tafel. Runter kommen! Runter kommen! Nicht so aufregen, du machst dich doch voll lächerlich. Uaaaaahhhh jetzt singt er auch noch…

Ich schleiche mich wieder zu ihm, diesmal von hinten. Und schreie ihm ins Ohr“ SEI DOCH MAL LEEEEEEIIIIISSSSEEEEE!“ Er zuckt erschrocken zusammen. „Aua, mein Ohr. Mir platzt ja das Trommelfell.“ „Und ich hab‘ schon einen Tinnitus von deinem ewigen Gelaber und Rumgeschreie.“

„Aber Frau Freitag, ich bin doch Araber. Haben Sie nicht gesehen, bei Kaya Yanar? Wir Araber sind so laut.“ „Aber Abdullah, es gibt doch auch leise Araber.“ „Ja, aber das sind dann wahrscheinlich Ägypter. Wir sind ja Palästinenser…“ Gut dass er es sagt, wäre ich im Leben nicht drauf gekommen. „Abdullah, aber nicht alle Palästinenser schreien ständig so rum oder bellen.“ „Hmm…“ er denkt nach „…vielleicht kommt das auch von zu hause…“ überlegt er. „Ja, könnte sein.“ antworte ich, etwas netter.

Als Geste der Versöhnung lasse ich ihn die Arbeitsmaterialien, die ich ausgegeben habe einsammeln und lobe ihn, dass er in den letzten drei Minuten des Unterrichts etwas ruhiger war. Irgendwie ist er ja auch süß, auf seine Art. Wenn man ihn fermentieren könnte, gäbe er ein super Blutdruckmittel ab.

Sonntags will ich das nicht!

Ich war gerade einkaufen im Supermarkt. Wegen Advent und Nikolaus sind heute die Geschäfte auf. Also eigentlich nur der Supermarkt. Müde zermatscht schleiche ich mit dem Wagen durch die Gemüseabteilung. Ist schon fast nichts mehr da. Und plötzlich vernehme ich hinter mir bekannte Geräusche. Wuseliges Stimmwirrwar – aufgeregt und leicht aggressiv. „Ey du Spast, nimm jetzt….“ Ich drehe mich um und sehe SCHÜLER. Schüler – ndH Schüler. Ich kenne sie nicht und sie sind mir sofort unsympathisch. Sie machen ein Heckmeck vor dem Brotregal und sie sind einfach zu viele und sie sind so laut und sie reden so einen Scheiß: „Nimm jetzt, du Spast.“ „Hier ey, aber nicht klaun!“ „Bin isch Pole?“

Ich mache das ich wegkomme. Aber in der Süßigkeitenabteilung treffen wir uns natürlich wieder. „Nich die du Missgeburt. Du Opfer, die schmecken nich!“

An der Kasse vergleiche ich unsere Einkäufe. Ein Ernährungswissenschaftler könnte sich satt verdienen an denen. Jeder trägt eine 1.5 l Flasche River/oder Trendy Cola, ansonsten wird jede erdenkliche Art von Süßigkeiten aufs Band gelegt. Der Zweitkleinste von ihnen guckt schlecht gelaunt auf die Kassiererin und reicht ihr dann das Geld. Draußen setzen sie sich auf eine Treppe und fangen an alles auszupacken. Ich sage mal, ihretwegen müssten da keine Papierkörbe stehen. Der Kleinste steht vor den anderen und trinkt aus der riesigen Flasche. „Wie er trinkt, voll behindert.“ Der Kleinste hat auch ein blaues Auge. Ich stehe noch eine Weile da und kann mich von dem Blick gar nicht trennen. Ist wie bei einem Autounfall.

Irgendwann buckel‘ ich die Einkäufe nach hause. Ist schon komisch, wie bescheuert die Schüler wirken, wenn man sie nicht kennt. Aber irgendjemand wird auch diese Idioten unterrichten und mögen.

Du bist – Rassist!

„Ja werden wir denn nicht pädagogisch tätig, wenn jemand einen Lehrer, den er nicht mag als Einwohner von Judistan bezeichnet?“

Ich bin etwas überrascht von dem Entsetzen, dass sich hier in einem Kommentar auftat, als ich das gestern schrieb. Entsetzt, weil es anscheinend noch nicht zur Bundesdeutschallgemeinbildung gehört, dass wir in Schulen mit einem hohen Anteil von Schülern nicht deutscher Herkunft täglich mit einem Antisemitismus zu tun haben, der sich gewaschen hat.  Und das nicht erst seit gestern. Ich sage es mal ganz direkt: Arabische Schüler, aber auch türkische und eigentlich mittlerweile alle, auch die mit tausend Jahre altem deutschen Blut in den Adern benutzen Jude als Schimpfwort. Dementsprechend ist die Herkunft des Fantasyortes Judistan auch eine Beleidigung.

„Ja passiert denn da nichts gegen? Machen die Lehrer da nichts gegen? Was ist mit den pädagogischen Konsequenzen?“

Als ich zum ersten Mal mitbekam, wie ein Schüler zum anderen Jude sagte, dachte ich ich hätte mich verhört und fragte deshalb, noch ziemlich naiv nach. In den letzten Jahren habe ich unterschiedliche Reaktionen gezeigt. Hier eine kleine Auswahl:

1. Möglichkeit: Das wörtlich Nehmen

Einer macht oder sagt irgendwas, was einem anderen nicht gefällt. Reaktion: „Lass das, du Jude.“ Ich: „Warum sagst du Jude zu ihm?“ „Weil er meine Stifte runtergeschmissen hat.“ „Aber er ist doch gar nicht jüdisch.“ An den anderen Schüler gewand: „Du bist doch Moslem, oder?“ „Ja.“ Beide Schüler sind verwirrt. „Warum sagst du dann nicht Lass das, du Moslem?“ Das alles in einem warmen pädagogisch wertvollen Tonfall. Man redet so lange weiter, bis die Schüler sich genervt abwenden: „Ja ja, schon gut.“ Diese Methode zeichnet sich durch eine extrem kurze Nachhaltigkeit aus. Sie hält genau bis zum nächsten Konflikt.

2. Möglichkeit: Das direkte Gespräch

Man beobachtet in einer Lerngruppe, dass ein Schüler oder eine Schülerin ständig Jude als Beschimpfung benutzt. Nach dem Unterricht geht man zu ihm oder ihr und sucht das erzieherische Gespräch:  „Sag mal Ahmet, ich habe beobachtet, dass du immer Jude zu deinen Mitschülern sagst. Warum tust du das?“ „Weil die stressen.“ „Okay, aber warum sagst du dann Jude? Hast du etwas gegen Juden?“ „Ja, die sind alle Scheiße.“ „Kennst du denn jemanden, der einen jüdischen Glauben hat?“ Reaktion: ?????  Der Schüler kennt natürlich niemanden. „Was hast du denn gegen Juden?“ „Die haben unser Land weggenommen und Krieg gemacht.“ „Aber das waren doch nicht alle Juden. Du meinst die Israelis.“ „Na gut, dann eben die Israelis.“ „Und das waren auch nicht alle israelischen Leute, sondern die Politiker. Also könnte man sagen, du hast etwas gegen die Entscheidungen der israelischen Politiker.“ „Ja.“ Diese Methode hört sich toll an, ist aber genauso wirkungslos, wie die erste.

3. Möglichkeit: Allianz mit den Kollegen

Beim Studientag sah ich meine Chance. Es sollte im weitesten Sinne um Unterrichtsstörungen gehen und natürlich ging es die ganze Zeit um das unmögliche Verhalten unserer Schülerschaft. Irgendwann bringe ich das Thema Antisemitismus in die Diskussion ein. „Und das Krasseste ist doch wohl, dass die Schüler sich gegenseitig mit Jude beschimpfen!“ Die Kollegen gucken mich an. Schweigen. Kollege 1: „Echt? Also, das ist mir noch nicht aufgefallen.“ Kollege 2: „Mir auch nicht.“ Ich glaub‘ ich spinne.

Dann der Sportlehrer: „Doch doch das stimmt, was Frau Freitag sagt….“ ich beruhigt. Er dann aber: „Ja, das machen die in deiner Klasse. Da habe ich das schon gehört.“  Ich: „Wie jetzt das soll nur bei mir so sein? Und ihr habt das noch nie gehört? Werner, bei dir in deiner Klasse sagen das Ahmet, Momo und Emre. Gabi, bei dir Kevin, Zeynab und Esra….“ Die angesprochenen Kollegen: „Echt? “ Kollegin 2: „Ist mir noch nie aufgefallen.“ Kollege 3: „Na, wie auch immer, was ist jetzt mit dem Zuspätkommen, lasst uns mal weitermachen, sonst werden wir heute nie fertig.“ Ganz recht, das ist die bisher schlechteste Methode gewesen.

4. Möglichkeit: Die natürliche Reaktion

Es heißt doch immer, der Lehrer soll authentisch bleiben. Bei dieser Methode zeige ich mich als total authentische Lehrkraft, denn ich reagiere so, wie ich eben reagiere.

Ausgangssituation wie immer blah blah blah, dann sagt einer Du Jude. Und jetzt Auftritt Frau Freitag: Ich hole tief Luft und schreie in maximaler Lautstärke los: „WAS HAST DU DA GERADE GESAGT? JUDE???? GEHT’S NOCH?  WAS BILDEST DU DIR EIN….“ Der Wortlaut ist eigentlich egal. Das totale Ausflippen ist wichtig. Die Lautstärke und die Aggressivität , gemischt mit absoluter Empörung, als hätte man diese Art der Beleidigung zum ersten Mal gehört. Die Schüler waren geschockt. Sagten gar nichts mehr. Irgendwann fragt mich dann einer leise: „Frau Freitag, sind Sie Jude?“ Ich dann, immer noch schreiend: „NEIN, ICH BIN E-V-A-N-G-E-L-I-S-C-H, ABER AUCH WENN ICH VOM MARS KÄME, WÜRDE ICH DAS HIER NICHT DULDEN.“ Und dann noch als kleines Bonbon: „Hier wird Jude nicht als Schimpfwort benutzt, wir sagen hier auch nicht Kanacke, Polacke, Paki, Zigeuner oder Nigger! VERSTANDEN???????“ Diese Methode verhindert wenigstens, dass die Schüler, die das miterlebt haben, sich in meiner Gegenwart noch mal mit Jude beschimpfen.

5. Möglichkeit: Anzeige wegen Volksverhetzung

Als ich meine Klasse bekam, beschimpften Sie sich ständig mit Jude. Nachdem ich die doch recht wirkungslosen Methoden, die ich oben beschrieben habe angewendet hatte, überlegt ich mir was Neues. Ich druckte den Schülern den Paragraphen über Volksverhetzung aus, lass ihn emotionslos vor, inklusive des Strafmaßes und stellte folgende Regel auf: Wenn jemand noch ein Mal Jude als Schimpfwort benutzt, gibt es ein Gespräch beim Schulleiter und die Eltern werden informiert. Sollte es ein weiteres Mal vorkommen stelle ich bei der Polizei eine Anzeige wegen Volksverhetzung. Emotionslos, sachlich und mit einem Gesichtsausdruck, der keine Zweifel zuläßt.

Und was glaubt ihr was passiert ist? Schlagartig haben sie angefangen sich nur noch mit anderen Ausdrücken zu beleidigen. Rutscht einem Schüler doch noch aus Gewohnheit ein Ju– aus dem Mund, halten die anderen sofort die Luft an. Ich ziehe dann nur eine Augenbraue hoch und fixiere den Schüler, der sich sofort in Entschuldigungen windet: „Tut mir leid, tut mir leid, wollte ich nicht, mach ich nicht wieder… schöre, vallah, in escht…“

So. Ich hoffe, damit ist die Frage aus dem Kommentar beantwortet. Ja, bei mir gibt es pädagogische Konsequenzen.

Schon wieder ein Neuer

Ich bin ganz aufgeregt. Am Montag kommt ein neuer Kollege. Er wird auch in meiner Klasse unterrichten. Ein Neuer! Unbefristet, dauerhaft, für immer eingestellt. Ein Mann!!! Ich frage im Lehrerzimmer rum: „Hast du den schon gesehen?“ Die Kollegen wissen mal wieder gar nichts. Keinen einzigen von denen hätte ich für meine Stasitruppe ausgewählt. Neugier fehlt denen völlig.  Ich frage den Schulleiter: „…und dann kommt ein neuer Kollege, nächste Woche….“ es soll‘ ganz beiläufig klingen. Er: „Ja.“ „Und haben Sie den schon kennengelernt?“

„Frau Freitag, ich habe den doch eingestellt.“ Ich möchte endlich meine Frage beantwortet kriegen: Sieht der gut aus? Aber ob der Schulleiter das überhaupt beurteilen kann? Gutaussehende Kollegen sind an meiner Schule ziemliche Mangelware. Extreme Bückware könnte man auch sagen. Gut aussehende Kolleginnen gibt es wie Sand am Meer. Das finden auch die Schüler. „Ihr habt nachher bei Frau Müller.“ Ahmet: „Frau Müller? Ist das die geile Blonde?“ „Ja, Ahmet, genau die, die geile Blonde…“

Aber noch nie habe ich so was über einen Kollegen gehört. Ich möchte, dass meine Schülerinnen sich verliebt in der ersten Reihe drängeln und dem Kollegen an den Lippen hängen. Sie sollen immer und dauernd die Hausaufgaben machen, damit er sie bei der Rückgabe derselben anlächelt: „Gut gemacht, Samira.“ Dann soll er die Jungs beim Rausgehen abklatschen: „Und baut keine Scheiße.“ „Wir doch nicht, Coach.“ sollen sie rufen. Ich will begeisterte Erzählungen aus seinem Unterricht hören. Bei Herrn Blahblahblah macht es voll Spaß!“ „Ja, vallah, der is krass mies.“ (mies ist das Superlativ von gut) „Ja, Beste, ich schwör!“ Und dann soll er ins Lehrerzimmer schweben, gute Laune versprühen und jeder älteren, ach was sag ich, jeder Kollegin Komplimente machen….“Frau Ulitschky, Sie sehen aber heute entzückend aus.“ Mit Komplimenten gehen die Kollegen untereinander höchst sparsam um. Ich höre nur ab und zu: „Bist du krank, du siehst aber schlecht aus.“ Oder von meinem besonderem Kollegenfreund: „Was ist denn mit dir los, hast du heute schon in den Spiegel geguckt?“ Das hebt nur selten meine Stimmung.

Allerdings erinnere ich mich an eine Begebenheit vor etwa vier Jahren. Ich gehe zum Lehrerzimmer und komme an einigen älteren Schülern vorbei, die ich noch nie gesehen habe: „Frau Freitag, wollten Sie mal Model werden?“ Ich bleibe wie angewurzelt stehen: „Jungs, …ach…. das ist ja….you made my day!“ Und schon waren meine Schritte leichter und ich tänzelte ins Lehrerzimmer und erzählte jedem davon.

Jetzt setze ich meine ganze Hoffnung auf den neuen Kollegen: „Sabine, was schreibst du Samira da auf die Augenlieder?“ Samira ganz aufgeregt: „Gucken Sie!“ Sie schließt die Augen, da steht LOVE und auf dem rechten Lied YOU! „Wir haben gleich bei Herrn Blahblahblah.“ Dann soll der Schulleiter zu mir kommen. „Frau Freitag, Herr Blahblah blah wird ihr neuer Stellvertreter. Der darf auch mit auf die Klassenfahrt. „Okay.“ antworte ich. Innerlich denke ich schon: Ach, wir können doch auch ein Doppelzimmer nehmen, dann kann doch der Justin in ein Einzelzimmer, mit dem will sowieso niemand zusammenwohnen, weil der stinkt und klaut. Und abends sitzen wir dann auf der Terrasse bei einem Wein und Zigarren, lauschen dem Schnarchen der lieben Kleinen und genießen die toskanische Sommernacht. „Ach Frau Freitag, ich muss schon sagen, wie Sie die Klasse im Griff haben… meine Hochachtung. Von Ihnen kann ich noch viel lernen…“ Ich erröte nur schweigend.

Nur noch drei Mal schlafen, dann lerne ich den Supertypen kennen. Aber halt, was ist, wenn er gar nicht so toll ist, wie ich denke? „Wir wollen nicht bei Herrn Blahblahblah haben, der hat Mundgeruch!“ „Der starrt den Mädchen auf den Arsch, ich schwöre.“ „Neeeein, ich schwöre das macht der bei den Jungs. Der ist schwul.“ Wir wollen keinen schwulen Lehrer. Meine Mutter sagt auch, dass schwule Lehrer nicht unterrichten dürfen.“ „Der ist Jude.“ „Woher wisst ihr denn jetzt welche Religion der hat?“ „Ich schwöre der ist aus Judistan, da sind die alle so scheiße. Mein Bruder hat auch gesagt….“ „Lass mal zum Schulleiter gehen, so einer darf hier gar nicht unterrichten…

Nein, nein, nein!!!! So wird das nicht. So darf das nicht werden. So war es in den letzten zwei Jahren dauernd. Mir reicht das jetzt! Ich will einen jungen, talentierten, gutaussehenden, durchtrainierten, charmanten, hilfsbereiten, aufregenden, humorvollen, teamfähigen, vollhaarigen….

Enterpreis?

Ich muss nochmal auf diesen Preis zurückkommen. Ist ja vom Skizzenblog nett gewesen, mir einen zu zeichnen und, dass Frl. Krise mir einen basteln will freut mich auch. Aber ich hätte doch schon gerne einen Richtigen. Und die Preisverleihung soll in der Tagesschau kommen. Gestern sah ich dort nämlich, dass ein Zukunftspreis verliehen wurde. Für bahnbrechende neue Ideen. Nehm‘ ich eben den. Man sagt doch: Jeder hat seinen Preis. Wo ist meiner????

Und bahnbrechende neue Ideen habe ich doch wohl massenhaft. Ganz abgesehen von meiner Schulstrukturreform, die ich hier andauernd darstelle. Zur Zeit arbeite ich außerdem an einem total neuen Motivationskonzept:  „Motivation durch gezielte Demotivierung“. Das klappt ganz gut. Wie bin ich darauf gekommen? Also, nachdem ich nun jahrelang mit der klassischen Motivierung keinen Erfolg hatte, habe ich einfach was Neues erfunden.

Klassische Motivierung kennen wir alle: „Versuch’s doch mal. Ein Wort ist schon richtig, jetzt probiere mal die anderen Worte. Toll, nur 10 Minuten zu spät, gestern waren es noch 20 Minuten. Klar schaffst du das. Die Arbeit ist leicht, das kannst du. Klar kriegt ihr Sohn das Abitur, wenn er sich anstrengt, kann er alles werden, alles was Sie wollen. Arzt…klar, zunächst müßten die sieben Ausfälle weg, aber dann…“

Wir alle wissen leider auch, dass diese gut gemeinten Sprüche gaaaaar nichts bewirken. Es fällt ja auch kein Schnee im August und Katzen können auch nicht Mama sagen. Trotzdem hörte ich mich täglich die gleiche „Das wird schon“- Leier abspulen. Nur einmal sagte ich einer Schülerin vorsichtig, dass wenn sie nicht irgendwann anfänge zu üben Schwierigkeiten bekommen könnte, in der nächsten Klassenarbeit die gewünschte Note zu erreichen. Von da an musste ich mir immer wieder anhören: „Frau Freitag, Sie demotivieren mich, da kann ich ja nicht besser werden.“ Also habe ich das gesamte Schuljahr weiter motiviert, streng genommen könnte man auch sagen, ich habe bis zu den Zeugnissen gelogen.

Zu Beginn des Schuljahres fing das gleiche Spiel von vorne an. „Alles ist offen, jeder kann es schaffen, ihr müßt nur wollen. Wer möchte Abitur machen? Fast alle melden sich – okay, Leute, dann mal los, das klappt schon….“ Und dann kamen die ersten unendschuldigten Fehlstunden, die Tadel der Fachlehrer und schließlich der vorläufige Leistungsstand. Die Kollegen trugen die Ausfälle in Listen ein und am letzten Eintragungstag hatte die Hälfte meiner Klasse soviele Ausfälle, dass es für sie, gäbe es bald Zeugnisse, unmöglich gewesen wäre nicht sitzen zu bleiben. Ich war stinksauer. Meine Murmeltierklasse bietet mir jedes Jahr die gleiche Scheiße, inklusive der gleichen Beteuerungen: „Ich verbesser mich, ich schwör, vallah, Sie werden sehen.“ Aber irgendwann war meine Geduld am Ende. Was ist, wenn die Motivierungsmasche der falsche Weg ist?

Zaghaft bewegte ich mich beim nächsten Elternsprechtag in eine andere Richtung: „Vielleicht wäre es gar nicht so schlecht, wenn der Abdul die Klassenstufe nächstes Jahr wiederholen würde.“ „Frau Schmidt, ich denke ehrlich gesagt nicht, dass der Justin wirklich das Abitur schafft… also, wenn er die acht Ausfälle weg bekommt, dann…“ In den letzten Wochen verfestigt sich nun meine neue Gangart: „Guten morgen ihr Hohlbirnen, ist hier etwa irgendein Streber unter euch, der so bescheuert war sein Buch mitzubringen?“ „Klassenfahrt, im nächsten Jahr? Warum fragst du mich? Frag mal die  Lehrer aus der Achten, du bist doch nächstes Schuljahr nicht mehr in dieser Klasse.“

Und heute dann volle Breitseite Motivation durch Demotivierung: „So Leute, hier ist eine Liste vom Schuljahresanfang. Ihr erinnert euch, ich habe gefragt, wer den Realschulabschluß und wer das Abitur machen möchte.“ Ich lese die Namen und die dazugehörigen Wunschträume vor und lache bei jedem verächtlich. „Antonia, ha, du, hihihihi, jetzt haltet euch mal fest, du hast gesagt, du willst Abitur machen… das kannst du dir ja wohl sowas von, von der Backe putzen, du wirst nicht mal die Versetzung schaffen…“

Antonia springt auf, guckt mich giftig und schreit: „Frau Freitag, ich wette mit ihnen, dass ich das schaffe!!! Und wenn ich das Abitur habe, dann darf ich ihnen öffentlich 30 Arschtritte geben!“ Alle sind still. Ich auch. So vehement hat Antonia noch nie ihre Ziele geäußert. Und das Verrückte ist, ich bin mir mittlerweile ziemlich sicher, dass sie das Abitur schafft. Die Arschtritte nehme ich dafür gerne in Kauf. Aber wenn das geklappt hat, dann will ich auch den Zukunftspreis für meine Demotivierungserfindung. Und da soll mir keiner kommen mit: „Das hatten wir doch schon, nur damals hieß das schwarze Pädagogik.“ Stimmt nicht, ich darf nämlich keine körperliche Züchtigung zuhilfe nehmen.

Manche wollen einfach gar nicht mehr kommen

Jetzt wird es Winter, das merke ich vor allem an den Fehlzeiten meiner Klasse. Die Oberschlauen denken jetzt: Ist doch klar, die sind jetzt eben häufiger krank und fehlen. Das ist doch bei allen Bevölkerungsschichten zur Zeit so. Aber halt! weit gefehlt, denn im Winter reduzieren sich die Fehlzeiten meiner Schüler. Krank sind sie immer, davon mal ganz abgesehen, aber jetzt, wo es draußen empfindlich kalt geworden ist, kann man nicht mehr so gut auf dem Hof rumsitzen und einzelne Stunden schwänzen. Und weil es bei uns keinen gemütlichen Schwänzaufenthaltsraum gibt (noch nicht) geht man dann eben notgedrungen lieber zum Unterricht.

Und sogar bei den älteren Schülern tut sich was. Gestern, zwanzig Minuten nach Beginn der dritten Stunde geht die Tür auf und ein Schüler kommt rein. Stark geschminkt, Kaputze auf, Rucksack – ich schätze mal EMO. Er kommt rein, geht an mir vorbei und setzt sich hinten an einen Tisch. Ich warte ab. Ein anderer Schüler sagt: „Frau Freitag, das ist Micha.“ „Ich weiß.“ Micha kenne ich, denn ich trage seinen Namen jede Woche zweimal in die Fehlzeitenliste ein. Er war ganz am Anfang des Schuljahres drei Mal in meinem Unterricht und dann nie wieder. Niemand wußte ob er nochmal wieder kommt oder nicht. Nach zwei Minuten sage ich: „Micha, willst du mitarbeiten? “ Er: „Ja.“ Ich: „Na, dann komm mal her und hole dir die Aufgabe, oder willst du dir selbst eine Aufgabe stellen?“ Könnte ja sein.

Bis ans Ende der Stunde arbeiten alle Schüler still vor sich hin. Die Reflektion beginne ich zwar kurz vorm Klingeln, gerate allerdings in Zeitmangel und verschiebe sie deshalb auf den Beginn der nächsten Stunde. Flexibilität, sage ich nur… da wär doch wohl der Nobelpreis drin, oder?

Später im Lehrerzimmer erzähle ich einem Kollegen: „Dies, Das, blah blah blah… ach und vorhin, da kommt doch glatt dieser Micha. Auch noch zwanzig Minuten zu spät….“ „Micha?“ unterbricht mich der Kollege „Meinst du Selbstmord-Micha?“ Ich: „Selbstmord? Na dieser Emo-Typ…“ „Oh, da war wohl was, deshalb hat der so lange gefehlt, da musst du aufpassen bei dem.“ „Ich war ganz nett zu dem. Der muss aber noch eine Arbeit nachschreiben, aber vielleicht lassen wir das. Ich will den ja auch nicht unnötig unter Druck setzten.“

Selbstmord-Micha, denke ich, das ist ja mal ein Spitzname… ob der nur im Lehrerzimmer kursiert? Dann hätten wir da noch den Tinnitus-Helmut, die Stimmbandödem- Heike, den Krebs-Kurt und die Burn-Out-Gabi. Werde ich gleich mal morgen unter den Schülern verbreiten.