Ein Busenwunder (Teil 1)

Hier eine kleine Anekdote, aus der Zeit, als ich mir von jedem Schüler noch viel zu viel habe bieten lassen. Diese Geschichte würde heute, so nicht mehr passieren. Das sagt jedenfalls mein Therapeut.

„Höhöhö, Christian hat voll Titten“ sagt Tarek. Tarek wiegt wahrscheinlich 190 Kilo. „Das kommt ja von dem Richtigen“ höre ich mich sagen. Tarek springt auf, sein Stuhl fällt um. Alle im Raum drehen sich zu ihm. Er reckt das Kinn und stemmt seine Hände in die Seite:  „Ich habe mehr Titten als Sie!“

Ich: “Ja, hast du.“ Stille. Wo er Recht hat, hat er Recht.

„Sie haben überhaupt keine Titten. Absolutes Flachland…“ Tarek steht immer noch aufgebracht hinter seinem Tisch und schreit. Ü-b-e-r-h-a-u-p-t keine Titten…. Das stimmt so nun auch nicht. Okay, im Vergleich mit den Schülerinnen und der weiblichen Semiprominez der Privatsender, aber ich komme mir in meinem hellblauen Push-up vor, wie das Megabusenwunder. Tarek kann sich allerdings gar nicht mehr beruhigen.

Ich will in dieser Stunde mit den Schülern Trickfilme machen. Stop -Motion Filme. Mit Digitalkameras. Das hatte ich auch schon am Morgen in einem anderen Kunstunterricht versucht, achte Klasse. Die haben zwar Kunst gewählt und man sollte annehmen, dass die besonders an Kunst interessiert seien, wenn sie zwei Jahre lang jede Woche vier Stunden BK haben. Aber das erste was sie mir zu Beginn des siebten Schuljahres kollektiv mitteilten war: „Wir wollten zu Sport, aber da war voll und jetzt mussten wir zu Kunst“. Da dachte jemand im Büro, Kunst und Sport ist ja ähnlich…

Jedenfalls kann ich nicht sagen, dass dieser Kurs vor Kreativität sprüht, aber ich versuche immer wieder Sachen zu finden, die ihnen Spaß machen könnten. Bisher habe ich noch keine gefunden. Ich werde jede Woche begrüßt mit: „Können wir nicht mal was Schönens machen?“ Mittlerweile suche ich Themen, die mir Spaß machen bzw. die mir als Schülerin Spaß gemacht hätten. Und z. Zt. ist das Trickfilme herstellen, unbewegte Gegenstände über den Tisch laufen zu lassen, eine Verfolgungsjagd der Kaffeemaschine mit dem Salz, oder die Umrundung des Stuhls um den Tisch. Ich habe eine Riesenspaß dabei und heute morgen habe ich voller Begeisterung den Schülern die Kameras mitgebracht und dachte, jetzt werden sie richtig loslegen, das wird ihnen so viel Spaß machen, die werden sich gar nicht mehr einkriegen und mich lieben, weil ich so geile Sachen mit ihnen mache. Andere Schüler aus anderen Kursen werden zu mir kommen und sagen. Wir wollen auch Trickfilme machen…

Frank, Christian und Micha Müller grabschen sich erstmal die Kamera und streiten sich dann darüber wer fotografieren darf. Ahmet, Lisa, Gabi und Sivi haben die Kamera in der Mitte ihres Gruppentisches und lassen sich gar nicht in ihrer Unterhaltung stören. „So, nun legt mal los, fangt einfach mal. Probiert mal rum. Wie gesagt, eine Sekunde Film sind 24 Bilder und ihr braucht mindestens 12…“ mir hört niemand zu. „Was sollen wir denn jetzt machen?“ „Na ich hatte euch doch letzte Woche gesagt, dass ihr euch was überlegen sollt, habt ihr denn Gegenstände von zu hause mitgebracht? Silvi, du wolltest doch Figuren mitbringen…“ „Vergessen.“

„Na, dann nehmt doch erstmal Stifte oder eure Hefter oder eure Schulsachen…“ widerwillig fotografieren Sie ihre Hefter und drei Stifte. „Ihr könntet doch zum Beispiel was schreiben. Die Stifte kommen so angelaufen und schreiben, oder malen etwas.“ „Haben Sie ein Blatt?“ Ich gebe ihnen Papier und gehe zu der anderen Gruppe.  „Habe Sie Stifte?“ Ich gebe ihnen eine Packung Filzer. Sie legen mit den Stiften HALLO.

Ich schließe den Laptop an und starte das Programm, mit dem wir dann gleich ihre Filme ansehen können. Auf jegliche Planung oder Vorüberlegungen in Form von Storyboards habe ich bewusst verzichtet, denn  die Ideen werden beim Machen entstehen. Wenn sie ihre ersten Filme gesehen haben, werden sie Verbesserungsmöglichkeiten erkennen und neue Ideen bekommen. So war es bei mir auch, ich habe die ganze Nacht immer wieder neue kleine Filme gemacht.

Nach zehn Minuten: „Wir sind fertig. Hier ist die Kamera.“ Wie ihr seid fertig? „Na der Film ist fertig, können wir den jetzt gucken?“ Ich schließe die Kamera an den Laptop und übertrage 80 Bilder von der Kamera. Ein Hefter dreht sich einmal um die eigene Achse, dann kommen drei Filzstifte aus einer Federtasche und schreiben nach einander H, A, L, L, O. „Na ist doch super seht ihr, wie ein richtiger Film.“

„So, nun macht mal weiter, hier ist die Kamera.“ Gabi guckt verwirrt, sie haben sich den Film wortlos angesehen und sitzen nun wieder an ihrem Tisch. „Was weiter? Wir sind doch fertig.“ Ich gucke sie überrascht an:“ Wie fertig? Das war doch jetzt nur so zum Probieren. Jetzt macht doch mal was richtiges, denkt euch doch jetzt noch mal was Längeres aus.“

„Äh? Der Film ist doch fertig.“

Bewegungslos kleben sie auf ihren Stühlen, keiner will aufstehen, um die Kamera zu nehmen, die ich ihnen die ganze Zeit hinhalte. „Also ihr meint, das ist jetzt alles? Das ist der einzige Film den Ihr machen könnt. Jetzt könnt ihr euch nichts anderes mehr ausdenken? Jetzt ist alles gesagt? Zehn Minuten, fertig, und jetzt noch die restliche Doppelstunde rum sitzen und quatschen? Oder was?“ Lisa zieht gelangweilt ihren Liedstrich nach, Ahmet fummelt an den Knöpfen seines MP3 Players. Silvi: „Können wir nicht was anders machen? Nie machen wir mal was Schönes.“

Ganz ruhig bleiben, die können nichts für ihr anregungsarmes Umfeld…“Überlegt doch mal, was man noch filmen könnte.“

„Waaaaas denn?“ fragt Gabi „Wir sind doch schon fertig.“

„Plötzlich legt Lisa ihr Schminkzeug weg “Ah, ich weiß, wir können alle Schränke aufmachen und filmen, wie alles aus den Schränken rauskommt…“

„Nee, das geht nun gar nicht. Denkt doch mal nach, vielleicht läuft dein Schminkzeug über den Tisch oder die Schminke kämpft gegen die Federtaschen und deren Inhalt. Lisa denkt, ich merke nicht, wie sie die Augen verdreht.“ Oder ihr schreibt was oder malt was.“

„Haben wir doch schon.“ Sagt Ahmet.

„Ja, ihr habt Hallo geschrieben.“ Langsam reicht es mir. „Hallo, ja, ihr habt Hallo geschrieben, damit ist ja auch schon alles gesagt, weitere Möglichkeiten für Trickfilme sind damit ja auch schon abgeschlossen mit dem Hallo bleiben ja sozusagen in der visuellen Welt gar keine Fragen mehr offen, das ist ja der absolute künstlerische Schlussstrich unter alle Fragen der Kreativität. Stimmt. Damit habt ihr alles gesagt und ihr habt Recht, ihr seid fertig. Kein Problem, bleibt da sitzen und wartet, bis es klingelt.“ Ich muss Luft holen, beiße die Zähne zusammen und zische:

“Und am Ende der Stunde möchte ich von jedem einzelnen von euch wissen, was ihr am Donnerstag machen werdet. Eine selbst gewählte Aufgabe, die ihr in den nächsten Stunden bearbeitet und die dann  zensiert wird.“

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