Die Kraft der Klasse fördern (Teil 2)


(Was bisher geschah: Frau Freitag will Schimpfwörter bearbeiten, dafür macht sie eine Stunde aus einem schlauen Buch…)

In der nächsten Ethikstunde schrieb ich dann auf 6 DIN A3 Blätter:

„Diese Beleidigungen kommen in unserer Klasse vor“.

Bei dieser Aufgabe können die Schüler sogar in Gruppen zusammenarbeiten, super! Ich schrieb den geplanten Ablauf der Stunde an die Tafel:

1. Schimpfwörter aufschreiben.

2. Bedeutungen klären

3. Diese Beleidigungen verletzen mich, diese nicht.

4. Sortiere die Schimpfwörter

Jetzt hatte ich sogar einen informierenden Stundeneinstieg. Ich war ganz berauscht von meiner Unterrichtsplanung. Auf die Innenseite der Tafel zeichnete ich eine Tabelle mit folgenden Spalten: witzig, verletzend, diskriminierend, gegen Einzelne gerichtet. Und dann wartete ich.

Als die Schüler in die den Raum stolperten und an die Tafel guckten wirkten sich aufgeregt und neugierig. Ich stellte den Ablauf vor und fragte zunächst, welche Beleidigungen sind für euch am verletzendsten? „Alles über meine Mutter“ sagte Abdul, Mustafa: „Gegen meine Familie:“ Wir stellten fest, dass alle es schlimm finden, wenn jemand etwas Gemeines über die Familie und tote Verwandte sagt.

Dann gab ich den Schülern die vorbereiteten Blätter und Filzstifte. Sie stürzten sich wie Verhungernde darauf und fingen sofort an zu arbeiten. So gierig habe ich noch keinen Schüler seinen Arbeitsauftrag erledigen sehen. Ich musste sie immer wieder bitten leiser zu seien, weil sie sich so in Rage arbeitetet: „Frau Freitag, wir brauchen mehr Papier.“ Ich rannte durch den Raum und verteilte an jedem Tisch mehr und mehr Blätter. Dabei hatte ich ihnen extra dünne Filzstifte gegeben und keine Marker, denn ich dachte, damit passt ja viel auf ein Blatt.

Nach 20 Minuten wollte ich eine erste Auswertung vornehmen. „Nein, nein, wir sind noch nicht fertig…“ schrieen die Schüler. „Wir brauchen noch mehr Papier!“ Alle kicherten aufgeregt und schrieen durcheinander: „Ich hab’ noch eins hier, hier gib mal her.“ Auch Elif, mein zweites Kopftuchmädchen, das gerade aus dem Gymnasium zu uns gekommen ist und nicht mit auf die Klassenfahrt kommen darf, war voll bei der Sache.

Die Schüler schrieben und schrieben. Soner, der sonst nur das Datum und seinen Namen aufs Papier bringt, wollte unbedingt ein eigenes Blatt. Justin und Peter, die sich fast immer streiten arbeiteten konzentriert zusammen. Einerseits war ich völlig begeistert, andererseits wurde mir etwas mulmig. War das wirklich so eine gute Idee?

Kurz vorm Ende der Stunde setzte ich dann doch eine kurze Auswertung durch: „So, nun guckt mal alle an die Tafel“ sagte ich „den ersten Punkt haben wir bereits abgearbeitet. Schimpfwörter aufschreiben las ich vor und setzte einen Haken dahinter. „Darf ich vorlesen?“ „Nein, ich zuerst!“ „Nein, ich“ wieder schrieen alle aufgeregt durcheinander.

„Moment, Moment.“ Versuche ich sie zu beruhigen „Guckt erstmal hierher. Ich habe hier eine Tabelle gemacht. Ich klappte die Tafel auf „hier sind mehrere Kategorien. Jetzt wollen wir mal gucken, in welche Kategorien, welche Schimpfwörter passen. Peter, lies doch mal vor!“ „Witzig, verletzend, diskriminierend, gegen Einzelne.“ Schnell war geklärt, was diskriminierend ist. Ob die Schüler das verstanden haben, weiß ich nicht, in dieser Phase der Stunde hätten sie mir auch garantiert, die Relativitätstheorie begriffen zu habe, wenn sie dafür ihre Arbeitsergebnisse hätten vorlesen können.

„Na gut, Samira, dann fang doch mal an.“ Samira rückt sich auf ihrem Stuhl in Position, das heißt sie streckt ihren Rücken, hält das voll geschriebene Blatt vor sich und dreht sich zur Klasse.

„Also: „Dein Mutters Votze ist so groß, sie nimmt Eifelturm als Dildo.“

Die Klasse schmeißt sich weg. Ich stehe vorne und warte. Versuche zu lächeln. Jetzt bloß nicht die Nerven verlieren. Wie war das noch? „Wenn die Schimpfwörter aus der Verbotszone herausgeholt werden, verlieren die Schüler das Interesse daran.“ „Oder hier, hier. Deine Mutter…“ Samira will sofort weiter lesen.“ „Moment noch Samira“ unterbreche ich sie. Guck mal an die Tafel. Also wo würdest du das einordnen? Abdul?“ „Na witzig natürlich.“ Antwortet er und kichert weiter.

„Aha, witzig. Ist das auch witzig, wenn ich das über deine Mutter sage?“ Bei dem den Worten DEINE MUTTER wird Abdul sofort wieder ernst: “Natürlich nicht!“

„Aha, wir halten also fest, das ist nur witzig, wenn es nicht die eigene Mutter betrifft. Wo können wir das nun einordnen?“ „Verletzend.“ „Gut. Ich schreibe mal alles über die Mutter. So. Nun das nächste. Erhan. „Dein Vater…“ „Stopp mal Erhan!“ unterbreche ich ihn, und wische hektisch das Wort Mutter von der Tafel weg. Vielleicht schreiben wir lieber ‚Alles über die Familie’. Findet ihr auch Schimpfwörter, die in die Kategorie diskriminierend passen?

„Jude, Schwuchtel, Kanake, Nigger, Lesbe…“ ich komme mit dem Schreiben gar nicht hinterher.

„Und hier, gegen Einzelne? Habt ihr da was gefunden?“ „Abdul ist schwul, Fettsack zu Dirk, x-Bein zu Mustafa und Krüppel, auch zu Mustafa.“ Schnell füllt sich auch diese Spalte. Dann klingelt es. Ich schließe die Tafel und sammle die Blätter ein. „Können wir das morgen weitermachen, ich weiß noch ganz viele Schimpfwörter. „Ja ja, wir machen das noch weiter.“ antworte ich geistesabwesend und sehe den Schülern hinterher, wie sie fröhlich den Raum verlassen.

Die Arbeitsergebnisse dieser Stunde stecke ich hektisch in meine Tasche. Zu Hause lese ich sie dem Freund vor:

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4 Gedanken zu “Die Kraft der Klasse fördern (Teil 2)

  1. Oh Gott, ich glaube ich gar nicht wissen, wie es weitergeht, so mulmig wird mir, wenn ich das hier lese! Sag mir bitte ganz schnell, dass dir die Erfahrung viel gebracht hat und du im Nachhinein mit einem Lächeln darauf zurückblicken kannst, ja?

    lg,
    Shannon

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