Frau Freitag läßt sich mal wieder einlullen

Ha! Heute! Auftritt Frau Freitag: freundlich empfängt sie ihre Klasse, hört sich geduldig dies und das an, antwortet sanftmütig und bittet die lieben Kleinen, sich nach dem Klingeln auf ihre Plätze zu begeben.

„Ich möchte gerne noch etwas zu gestern sagen.“ Die Klasse schweigt. In manchen Augen sehe ich so etwas wie ein leicht aufflackerndes Schuldbewußtsein. „Ich möchte mich bei euch entschuldigen. Es tut mir leid, dass ich gestern mit euch bei dieser Veranstaltung war. Ich dachte irgendwie, dass euch das interessiert. Aber das war mein Fehler und nicht eurer. Ich dachte, dass ihr in der neunten Klasse ein Interesse an eurer Berufswahl hättet, aber dann fiel mir ein, dass die meisten von euch das ja gar nicht brauchen. Esra, du heiratest ja sowieso einen reichen Mann, warum solltest du da einen Beruf lernen. Abdul…?“

Ich bin gerade voll im Flow, da unterbricht mich Peter, der direkt vor meiner Nase sitzt „Aber Frau Freitag, wenn man verheiratet ist, dann muss man doch auch einen Beruf haben, das kostet doch auch alles Geld, also die Hochzeit, das Brautkleid, der Kuchen…“

„Bei Moslems braucht man aber kein Geld, da bezahlt das alles die Familie.“ klärt ihn Elif auf.

Weg war mein Flow. Ich flüstere Peter zu, dass man natürlich auch arbeiten kann und sollte, wenn man verheiratet ist. Zum Glück sitzt Esra ganz hinten und bekommt von der kurzen Unterbrechung nichts mit. Also versuche ich in meiner Predigt fortzufahren. „Und du Sabine, klar bist du frustriert. Deine Schwester macht gerade das Abitur und dein Bruder den Realschulabschluss und du wirst nicht mal die neunte Klasse schaffen.

„Schaff‘ ich wohl.“ brummelt Sabine in ihren Schal.

Nach und nach erkläre ich allen Schülern, warum ich total verstehen kann, dass sie sich nicht mit der eigenen Berufswahl auseinandersetzten.

Als ich fertig bin meldet sich Abdul: „Frau Freitag, warum glaube Sie eigentlich, dass wir das alles nicht schaffen?“ „Abdul, weil ich eure Noten gesehen habe.“ antworte ich. „Aber Sie machen immer alles an diesen Noten fest.“

Süß. Ich grinse: „Ja woran soll ich das denn sonst fest machen? Eure Noten sind doch das Entscheidende für euren Abschluss.“

„Ja, aber Sie denken ja immer, wir hätten noch diese Noten von vor dem Elternsprechtag. Sie sollten unsere Noten mal jetzt sehen. Abo, sie würden staunen…“ Abdul lehnt sich zufrieden zurück „Ja, Frau Freitag kriegt voll Schock, wenn sie die Noten sieht.“ Samira meldet sich „Frau Freitag, ich schwöre, auf dem nächsten Zeugnis wird niemand mehr so viele Ausfälle haben, das er sitzen bleiben muss.“

„Na, das wäre ja was…“ ich fange an zu träumen, wie ich bei der Zensurenkonferenz lauter Realschulprognosen verlesen darf und mich die Kollegen alle missgünstig angucken und tuscheln….

„Okay, dann legen wir mal los. Heute  Die indirekte Rede, wer hat so was oder so was Ähnliches schon mal gehört?“ Sofort gehen die Finger hoch und wir verbringen eine super Grammatikstunde in der wir alle viel gelernt haben.

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9 Gedanken zu “Frau Freitag läßt sich mal wieder einlullen

  1. Wow, ich bin immer wieder begeistert von dieser Art mit den Schülern über etwas zu sprechen. Ehrlich gesagt kann ich es recht gut nachvollziehen, dass dieser ganze Ausflugskram bei Ihnen für solch einen Stress gesorgt hat. Ich bekomme bei dem Gedanken an die bevorstehenden Ausflüge schon jetzt Schweisausbrüche und Panikattacken.
    Die Frl. Krise-Methode ist verlockend, aber ich habe ein wenig Angst vor den Reaktionen meiner Schüler. Klappt das auch bei Siebtklässlern? Die haben es meistens ja noch nicht so raus mit der Ironie…
    Falls ja, werde ich es mal ausprobieren, wenn nicht müssen meine Zehner herhalten, die sind bestimmt ganz empfänglich dafür. (Oder sie erklären mich für verrückt. Wäre aber auch nichts Neues.)

  2. Shannon…. bitte nicht ironisch werden! Das ist kontraproduktiv! Ironie emfinden schüler als „verarschung“, bzw. verstehen nicht, was du meinst.. Was du jedoch bezweckst, ist ja den fokus der schüler zu verstellen. Sie wissen ja eigentlich, wie sie sich z. b. auf einem ausflug zu benehmen haben, verhalten sich aber aus trotz oder übermut oder warum auch immer nicht so. Wenn du jetzt mit ihnen schimpfst, reagieren sie bockig und uneinsichtig. Wenn du aber auf eine Art und weise reagierst, die sie nie erwarten würden, sind sie verunsichert und müssen, um alles einordnen zu können, ihr verhalten reflektieren. Meist sind sie ganz zerknirscht…..
    Noch ein Beispiel gefällig?

    • ja! ja! ja! ich will noch mehr beispiele!!!! ich will das so gut können, dass ich immer anders reagieren kann, als sie erwarten und am ende denken sie wahrscheinlich nur noch, dass ich verrückt bin. so wie der mann, der eines tages sagte:“ warum heißt der tisch eigentlich tisch und nicht stuhl….

    • Der tisch heißt doch stuhl. das fenster heißt jetzt bett und die Tür heißt tisch. und irgendwann hat den mann niemand mehr verstanden und er starb einsam – glaub ich jedenfalls. ist ja auch nur einen geschichte.

  3. „Ein Tisch ist ein Tisch“ von Peter Bichsel, Erstveröffnetlichung in „Dichter erzählen Kindern“ 1966. Nö, der Mann, der alles anders nannte als die anderen, starb nicht. Er sprach bloss mit niemandem mehr, weil ihn die Leute nicht mehr verstanden. Hier das Ende der Geschichte:

    Er schwieg,
    sprach nur noch mit sich selbst,
    grüsste nicht einmal mehr.

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