Schon wieder ein Neuer

Ich bin ganz aufgeregt. Am Montag kommt ein neuer Kollege. Er wird auch in meiner Klasse unterrichten. Ein Neuer! Unbefristet, dauerhaft, für immer eingestellt. Ein Mann!!! Ich frage im Lehrerzimmer rum: „Hast du den schon gesehen?“ Die Kollegen wissen mal wieder gar nichts. Keinen einzigen von denen hätte ich für meine Stasitruppe ausgewählt. Neugier fehlt denen völlig.  Ich frage den Schulleiter: „…und dann kommt ein neuer Kollege, nächste Woche….“ es soll‘ ganz beiläufig klingen. Er: „Ja.“ „Und haben Sie den schon kennengelernt?“

„Frau Freitag, ich habe den doch eingestellt.“ Ich möchte endlich meine Frage beantwortet kriegen: Sieht der gut aus? Aber ob der Schulleiter das überhaupt beurteilen kann? Gutaussehende Kollegen sind an meiner Schule ziemliche Mangelware. Extreme Bückware könnte man auch sagen. Gut aussehende Kolleginnen gibt es wie Sand am Meer. Das finden auch die Schüler. „Ihr habt nachher bei Frau Müller.“ Ahmet: „Frau Müller? Ist das die geile Blonde?“ „Ja, Ahmet, genau die, die geile Blonde…“

Aber noch nie habe ich so was über einen Kollegen gehört. Ich möchte, dass meine Schülerinnen sich verliebt in der ersten Reihe drängeln und dem Kollegen an den Lippen hängen. Sie sollen immer und dauernd die Hausaufgaben machen, damit er sie bei der Rückgabe derselben anlächelt: „Gut gemacht, Samira.“ Dann soll er die Jungs beim Rausgehen abklatschen: „Und baut keine Scheiße.“ „Wir doch nicht, Coach.“ sollen sie rufen. Ich will begeisterte Erzählungen aus seinem Unterricht hören. Bei Herrn Blahblahblah macht es voll Spaß!“ „Ja, vallah, der is krass mies.“ (mies ist das Superlativ von gut) „Ja, Beste, ich schwör!“ Und dann soll er ins Lehrerzimmer schweben, gute Laune versprühen und jeder älteren, ach was sag ich, jeder Kollegin Komplimente machen….“Frau Ulitschky, Sie sehen aber heute entzückend aus.“ Mit Komplimenten gehen die Kollegen untereinander höchst sparsam um. Ich höre nur ab und zu: „Bist du krank, du siehst aber schlecht aus.“ Oder von meinem besonderem Kollegenfreund: „Was ist denn mit dir los, hast du heute schon in den Spiegel geguckt?“ Das hebt nur selten meine Stimmung.

Allerdings erinnere ich mich an eine Begebenheit vor etwa vier Jahren. Ich gehe zum Lehrerzimmer und komme an einigen älteren Schülern vorbei, die ich noch nie gesehen habe: „Frau Freitag, wollten Sie mal Model werden?“ Ich bleibe wie angewurzelt stehen: „Jungs, …ach…. das ist ja….you made my day!“ Und schon waren meine Schritte leichter und ich tänzelte ins Lehrerzimmer und erzählte jedem davon.

Jetzt setze ich meine ganze Hoffnung auf den neuen Kollegen: „Sabine, was schreibst du Samira da auf die Augenlieder?“ Samira ganz aufgeregt: „Gucken Sie!“ Sie schließt die Augen, da steht LOVE und auf dem rechten Lied YOU! „Wir haben gleich bei Herrn Blahblahblah.“ Dann soll der Schulleiter zu mir kommen. „Frau Freitag, Herr Blahblah blah wird ihr neuer Stellvertreter. Der darf auch mit auf die Klassenfahrt. „Okay.“ antworte ich. Innerlich denke ich schon: Ach, wir können doch auch ein Doppelzimmer nehmen, dann kann doch der Justin in ein Einzelzimmer, mit dem will sowieso niemand zusammenwohnen, weil der stinkt und klaut. Und abends sitzen wir dann auf der Terrasse bei einem Wein und Zigarren, lauschen dem Schnarchen der lieben Kleinen und genießen die toskanische Sommernacht. „Ach Frau Freitag, ich muss schon sagen, wie Sie die Klasse im Griff haben… meine Hochachtung. Von Ihnen kann ich noch viel lernen…“ Ich erröte nur schweigend.

Nur noch drei Mal schlafen, dann lerne ich den Supertypen kennen. Aber halt, was ist, wenn er gar nicht so toll ist, wie ich denke? „Wir wollen nicht bei Herrn Blahblahblah haben, der hat Mundgeruch!“ „Der starrt den Mädchen auf den Arsch, ich schwöre.“ „Neeeein, ich schwöre das macht der bei den Jungs. Der ist schwul.“ Wir wollen keinen schwulen Lehrer. Meine Mutter sagt auch, dass schwule Lehrer nicht unterrichten dürfen.“ „Der ist Jude.“ „Woher wisst ihr denn jetzt welche Religion der hat?“ „Ich schwöre der ist aus Judistan, da sind die alle so scheiße. Mein Bruder hat auch gesagt….“ „Lass mal zum Schulleiter gehen, so einer darf hier gar nicht unterrichten…

Nein, nein, nein!!!! So wird das nicht. So darf das nicht werden. So war es in den letzten zwei Jahren dauernd. Mir reicht das jetzt! Ich will einen jungen, talentierten, gutaussehenden, durchtrainierten, charmanten, hilfsbereiten, aufregenden, humorvollen, teamfähigen, vollhaarigen….

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9 Gedanken zu “Schon wieder ein Neuer

  1. Da ist es wieder diese „vallah“ – ein rätselhafter Begriff, den ich nicht kenne und nicht verstehe, nur deute.
    Lautsprache habe ich noch nie so richtig kapiert.
    Drum frage ich jetzt doch, so was wie „voll, ey“ ?
    Peinlich, aber echt – die Frage!

  2. ****Ich hoffe, solche und ähnliche Sprüche haben schwere pädagogische Konsequenzen?****

    Na ja, aus Judistan, ich glaube, ich würde erst mal laut auflachen und dann wäre es vorbei mit der Konsequenz!

    Frau Freitag, ich drücke feste die Daumen, dass es ein vorbildliches Exemplar von einem Mann… äh… Lehrer wird (und hoffe in dem Fall auf Berichte und vor allem… Fotos, *ggg*).

    So long,
    Corinna

  3. Extreme Bückware …….bruaaaaaahhhhhhh.

    Frau Freitag, nicht traurig sein.
    Männliche Lehrer sind ganz selten so richtig schnuckelig.
    Ganz selten.
    Also, wir haben zwei :-))

  4. @Christian: ja, ich würde, wenn ich das zum ersten Mal hörte, vermutlich erst mal laut auflachen, weil allein der Ausdruck Judistan die ganze Absurdität der Sache so ziemlich auf den Punkt bringt.

  5. Liebe Kollegin, ich gehöre zu der Gattung des männlichen Lehrers, wie sie ihn als Idealvorstellung skizzieren und ich muss Ihnen sagen, dass man es im Kollegium nicht leicht hat zu dieser Art Lehrer zu gehören, da man dauernd nur der Kritik ausgesetzt ist. So wird man kritisiert, weil die Schülerinnen mir auf den Hintern glotzen, vor allem wenn ich vor ihnen stehe usw.. Nicht zuletzt führt es zu blankem Neid, wenn fast alle
    Schüler und Schülerinnen mir wirklich ernst gemeinte Lobpreisungen entgegenwerfen und auch in der Öffentlichkeit über die Andersartigkeit und die hohe Qualität meines Unterrichts sprechen. Während es bei gut aussehenden Kolleginnen (habe bis jetzt noch keine solche Kollegin kennengelernt) noch allgemeinhin akzeptiert wird, dass auch mal über das Aussehen der Lehrkraft gesprochen wird usw., hat man es in dieser Hinsicht als männlicher Lehrer eher schwer.

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