Manche wollen einfach gar nicht mehr kommen

Jetzt wird es Winter, das merke ich vor allem an den Fehlzeiten meiner Klasse. Die Oberschlauen denken jetzt: Ist doch klar, die sind jetzt eben häufiger krank und fehlen. Das ist doch bei allen Bevölkerungsschichten zur Zeit so. Aber halt! weit gefehlt, denn im Winter reduzieren sich die Fehlzeiten meiner Schüler. Krank sind sie immer, davon mal ganz abgesehen, aber jetzt, wo es draußen empfindlich kalt geworden ist, kann man nicht mehr so gut auf dem Hof rumsitzen und einzelne Stunden schwänzen. Und weil es bei uns keinen gemütlichen Schwänzaufenthaltsraum gibt (noch nicht) geht man dann eben notgedrungen lieber zum Unterricht.

Und sogar bei den älteren Schülern tut sich was. Gestern, zwanzig Minuten nach Beginn der dritten Stunde geht die Tür auf und ein Schüler kommt rein. Stark geschminkt, Kaputze auf, Rucksack – ich schätze mal EMO. Er kommt rein, geht an mir vorbei und setzt sich hinten an einen Tisch. Ich warte ab. Ein anderer Schüler sagt: „Frau Freitag, das ist Micha.“ „Ich weiß.“ Micha kenne ich, denn ich trage seinen Namen jede Woche zweimal in die Fehlzeitenliste ein. Er war ganz am Anfang des Schuljahres drei Mal in meinem Unterricht und dann nie wieder. Niemand wußte ob er nochmal wieder kommt oder nicht. Nach zwei Minuten sage ich: „Micha, willst du mitarbeiten? “ Er: „Ja.“ Ich: „Na, dann komm mal her und hole dir die Aufgabe, oder willst du dir selbst eine Aufgabe stellen?“ Könnte ja sein.

Bis ans Ende der Stunde arbeiten alle Schüler still vor sich hin. Die Reflektion beginne ich zwar kurz vorm Klingeln, gerate allerdings in Zeitmangel und verschiebe sie deshalb auf den Beginn der nächsten Stunde. Flexibilität, sage ich nur… da wär doch wohl der Nobelpreis drin, oder?

Später im Lehrerzimmer erzähle ich einem Kollegen: „Dies, Das, blah blah blah… ach und vorhin, da kommt doch glatt dieser Micha. Auch noch zwanzig Minuten zu spät….“ „Micha?“ unterbricht mich der Kollege „Meinst du Selbstmord-Micha?“ Ich: „Selbstmord? Na dieser Emo-Typ…“ „Oh, da war wohl was, deshalb hat der so lange gefehlt, da musst du aufpassen bei dem.“ „Ich war ganz nett zu dem. Der muss aber noch eine Arbeit nachschreiben, aber vielleicht lassen wir das. Ich will den ja auch nicht unnötig unter Druck setzten.“

Selbstmord-Micha, denke ich, das ist ja mal ein Spitzname… ob der nur im Lehrerzimmer kursiert? Dann hätten wir da noch den Tinnitus-Helmut, die Stimmbandödem- Heike, den Krebs-Kurt und die Burn-Out-Gabi. Werde ich gleich mal morgen unter den Schülern verbreiten.

Advertisements

2 Gedanken zu “Manche wollen einfach gar nicht mehr kommen

  1. … da stellt sich bei mir die Frage, was wohl mein Spitzname bei den Lehrern gewesen wäre?
    Stille-Pharmama? Schulbuch-Künstlerin? (ich war wohl meistens sehr ruhig, dafür habe ich praktisch ständig meine Bücher verziert)…
    Aber Selbstmord-Micha ist schon etwas … krass.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s