Der Dirk

Ach herrje, diese Montage…sagte ich schon, wie schön ich das finde, dass man mir erst eine Doppelstunde in einer Achten und dann noch eine Doppelstunde in der Siebten verordnet hat? So viel Zutrauen in meine pädagogischen Fähigkeiten macht mich jeden Montag aus  Neue glücklich. Man gibt mir diese schwierigen Klassen. Man muss viel von mir halten.

Vor lauter Glück schleppe ich mich Wochenbeginn für Wochenbeginn nachmittags völlig ermattet nach hause und weiß kann gerade mal noch an meinem Kaffee schlürfen. Aber auch nur, wenn er mir gereicht wird.

Gibt es eigentlich eine biologische Notwendigkeit oder eine göttliche Fügung, die da heißt – „Ihr Siebtklässler,…seid nicht wie Menschen! Benehmt euch wie tollwütige Hunde! Und solltet ihr in die Nähe von Unterricht kommen – zerstört ihn!“

Heute nach der Mittagspause kommt der dicke Dirk in den Raum zurück. Der Unterricht in der siebten Klasse erstreckt sich von vor der Mittagspause, bis in der Stunde nach der Mittagspause. Der dicke Dirk stand in der ersten Stunde – in der vor der Pause – schon ziemlich lange vor der Tür, weil er einfach seine Klappe nicht halten konnte. Ohne ihn versuche ich die Kunstaufgabe zu erklären. Es geht um Farbe.

„Was sind denn wohl heute mal die Grundfarben?“ frage ich und lasse jeden mal zu Wort kommen. Jeder darf drei Farben nennen. Ich höre: rot, grün, schwarz, blau, weiß, braun und sogar bunt. Die nächsten zwanzig Minuten erarbeiten wir gemeinsam (also ich lenkt, bzw. zerre sie sie die richtige Richtung.) was denn die Grundfarben sind. Nach einer weiteren Viertelstunde habe ich mehrere Kugelschreiber, zwei Gummibänder eine Colaflasche und einen Spiegel auf meinem Schreibtisch liegen, den dicken Dirk vor der Tür stehen, keine Stimme mehr, aber auch zwei herrliche Sätze an der Tafel: Grundfarben sind Farben, die sich nicht mischen lassen: rot, gelb und blau (oder so ähnlich) und: Alle anderen Farben kann man mit den drei Grundfarben mischen. Unterricht wie aus den 50er Jahren. Vor lauter Lebensweltbezug können sich die Schüler nur noch schwer am Platz halten. Einige Jungen onanieren schon. Nein, nein, SSCHPAAAASSS.

Dann ist Pause und alle hauen endlich ab auf den Hof. Mein Mantra vor dem Klingen: „Nehmt euer Essen mit!!!! Nehmt eure Getränke mit!!!! Vergesst eure Jacken nicht!!!!“ Dann ist endlich Ruhe. Aber schon nach 40 Minuten kommen sie leider wieder. Aufgeputscht von ihren seltsamen Pausenaktivitäten, meistens rum rennen und sich hauen.

Der dicke Dirk kommt auch wieder rein und setzt sich aber nicht auf seinen Platz, sondern ganz nach hinten zu Mert. Und mit dem tuschelt er rum und ich sehe, dass sie da irgendwas haben, irgendwas, was sie wahrscheinlich nicht haben sollen. Ich gehe zu ihrem Tisch und sehe zwei große weiße Papiertüten mit sehr fettigem Inhalt, denn die Tüten haben überall durchsichtige Fettflecke. Mein Adrenalin steigt: FETTTT!!! In meinem Raum, auf meinen Tischen. Eine Todsünde! Ich öffne die eine Tüte mit dem Zeigefinger, um den Inhalt genauer zu inspizieren – BÖREK!!! Die zweite Todsünde. Nach den Frau Freitaggesetzen, die sich an der Scharia orientieren steht auf Börek mindestens ein Tobsuchtsanfall. Dirk guck mich etwas schuldbewußt an: „Ich hab‘ voll Hunger.“

„Dirk, du hattest jetzt 40 Minuten Zeit zu essen, du wirst jetzt nicht hier essen!“ Zische ich durch die Zähne. Mert nimmt sofort seine Tüte und stopft das fettige Ding in seinen Rucksack. Dirk nicht. Er greift in die Tüte und reißt sich ein Stück von der Kalorienbombe ab und schiebt sie sich in den Mund. Jetzt reicht es mir. „DIRK!!! Entweder du packt diesen Scheiß jetzt sofort weg und fängst an zu arbeiten, oder du kannst den Raum verlassen, bekommst eine sechs für die Stunde und deine Klassenlehrerin wird nach der Stunde sofort informiert. „Ich hab‘ Hunger, ich muss essen!“ windet sich Dirk. Ich nehme den Börek aus der Tüte, kurz bevor er ihn nehmen kann und stopfe ihm das gesamte Ding in seinen Mund. Weil nicht alles reingeht, nehme ich einen Pinsel und stopfe weiter….nein, nein, das hätte ich gerne getan. Ich schicke ihn einfach nur raus. Sein Börek nimmt er mit.

Nach zehn Minuten scheint er fertig zu sein und will wieder rein. „Nein, du bleibst jetzt draußen.“ „Aber ist langweilig hier.“ „Ist mir egal.“ sage ich und schließe die Tür vor seiner Nase.“ Etwas später gehe ich noch mal zu ihm: „Dirk, jetzt mal unter uns…du siehst nicht gerade aus, als würdest du verhungern, wenn du nichts ißt.“ (Dirk ist total übergewichtig. Und so einen Börekaufstand zu machen, bei seiner Statur, dass ist für Dicke echt untypisch.)  „Dirk, du hattest 40 Minuten Zeit etwas zu essen. Warum hast du das nicht gemacht.“ „Nein ich hatte keine Zeit.“ Ich: „Wieso?“ „Ich musste einen Kampf gucken.“ Ich schüttel nur den Kopf verdrehe theatralisch die Augen und schließe die Tür wieder vor seiner Nase.

Drinnen warte ich auf das Ende der Stunde, stürze mich in das Aufräummanöver, spiele mit den Schülern in den letzten Minuten noch Vier-Ecken-Raten, damit sie meinen barschen Ton während der Säuberungsphase wieder vergessen und irgendwann werden wir alle vom Klingeln erlöst. Ich wünsche ihnen ein schönes Wochenende, denn wir werden uns zum Glück erst am nächsten Montag wieder sehen. Und den dicken Dirk werde ich persönlich in der Mittagspause füttern. Mit irgendwas voll Fettigem.

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5 Gedanken zu “Der Dirk

  1. frau freitag,
    was für ein tolles blog sie hier haben!
    langsam arbeite ich mich durch!
    und staune und bin begeistert!
    (so das warn jetzt drei ausrufezeichen, das genügt… vorerst.)
    gruss vom skizzenblog

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