Ü-Ü-Ü-Überraschung!!!!

Letzte Woche trifft mich der Schlag in der zweiten Stunde. Meine Klasse trödelt in den Raum und plötzlich sehe ich Funda und traue meine Augen nicht. Funda ist groß, hübsch und viel. Eine Erscheinung. Mit Stolz und Selbstbewußtsein repräsentiert sie einen wichtigen Teil, der Powermädchengang meiner Klasse. Das Schönste an ihr sind ihre Haare. Für diese dunkle Lockenpracht würde ich mit meinen immer dünner werdenden Spaghettihaaren glatt töten.

Aber letzte Woche kommt Funda rein und trägt ein rosa KOPFTUCH. Ich bin ja einiges an Verwandlungen gewöhnt, aber in diesem Moment bin ich geschockt wie selten. Ich möchte auf sie zu springen, an dem blöden Tuch reißen und schreien: „Was soll der Scheiß jetzt?“ Sofort ist sie umringt von den drei anderen Kopftüchlerinnen. An dem Tuch wird anerkennend rumgezupft und Funda genießt die Aufmerksamkeit. Die Jungen beobachten das Geschehen aus sicherem Abstand. Was sie von der Sache halten erschließt sich mir nicht. Vielleicht denken sie: „Mama!“.

Meine gute Laune ist weg. Schlechte gelaunt frage ich Funda, nach der Tanz-AG, die sie seit einigen Monaten leitet. Sie sagt, dass sie nicht mehr tanzen würde. Ich frage entsetzt warum. Sie: „Wegen Kopftuch.“

Ich unterrichte eine langweilige dröge Stunde und eile in der Pause sofort ins Lehrerzimmer. Die Kollegen verstehen meine Aufregung wahrscheinlich nicht, denn ich meckere nur rum. Islamisierung, unglaublich, was soll das? eine Scheiße ist das…Frustriert falle ich irgendwann in meinen Stuhl, esse mein Brot, starre an die Wand und denke: Ich habe ja gar nichts gegen meine Kopftuchmädchen. Ich liebe die, aber das geht jetzt zu weit. In der neunten Klasse das „Kopftuch nehmen“ was soll das? Nicht mehr tanzen…dabei war das ihr Leben…was kommt jetzt? Heiraten, Kinder kriegen…? Ich will nicht mehr…vielleicht bekommt die Familie Geld dafür, dass sie ein Kopftuch trägt…habe ich irgendwo mal gehört. Wie viel wird das sein?

Nach der Schule sehe ich Funda am Tor. Ich gehe auf sie zu, um noch mal mit ihr zu reden. Die Eltern schienen immer so liberal…ob die sie dazu gezwungen haben? Funda: „Meine Mutter holt mich heute ab.“ Ich: „Sag‘ mal Funda, was soll das eigentlich, mit dem Kopftuch?“ Funda: „Ich hab‘ sowas an der Kopfhaut. “ Ich: „???“ Sie: „Also keine Angst Frau Freitag, ist nicht Krebs. Aber sie mussten das lasern und die haben alle Haare abgeschnitten. Und jetzt trage ich das Kopftuch, bis die wieder nach gewachsen sind.“ Und plötzlich sehe ich die abrasierten Haare am Rand. Jetzt kommt auch Fundas Mutter. Ich begrüße sie und merke, wie mir ein riesiger Stein von meiner Laune fällt: „Mensch, Frau ÖYÜÜÜ, ich war echt überrascht, als ich Funda heute sah….“ Fundas Mutter: „Ja, es gab sehr viele Tränen gestern wegen der Haare…“ Ich, sichtlich erleichtert: „Und ich dachte schon…na Sie wissen schon….“ Fundas Mutter zeigt auf das Kopftuch und lacht: „Frau Freitag, das ist nicht unser Plan. Unser Plan ist das Abitur…“ Funda steht da und grinst. Ich könnte sie umarmen. „Mensch Funda, da hast du aber Glück, dass du Moslem bist. Was würde ich denn machen, wenn alle meine Haare abrasiert werden würden…? Funda, wie kurz ist das denn? Kann ich mal sehen?“ Funda schämt sich, grinst verlegen und flüstert ihr typisches „Mann, Frau Freitag…“ Ich gehe zufrieden wie selten nach Hause. Die Welt ist wieder in Ordnung.

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4 Gedanken zu “Ü-Ü-Ü-Überraschung!!!!

  1. Mann, ist das ne Achterbahn!!
    Sehr schöner und rührender Beitrag zum Leben und Welt und so…
    Fiel mir auch ein „riesiger Stein von meiner Laune“ beim Lesen!
    Jetzt Welt wieder in Order!
    cetero censeo: Mehr Muslime mit Matura!

  2. Mal ganz „off Topic“ (würde mich aber – als sehr-gerne-Leser – brennend interessieren…

    Wie hoch sind denn die Leserzahlen, so durchschnittlich am Tag, im Monat…?

    Sollte ich jetzt eine kleine depressive Phase ausgelöst haben, täte es mir natürlich leid. Sie hätten auf jeden Fall Massen an Lesern verdient!

  3. Ich weiß, ich bin ‚etwas spät‘, Frau Kollegin, aber ich habe erst vor kurzem ihren tollen Blog entdeckt. Zu dieser tollen Geschichte fällt mir selbst eine ein: Auf dem Gymnasium hatte ich eine muslimische Freundin. Sie trug Kopftuch, aber freiwillig, der Vater hatte einen guten Job, die Mutter sprach deutsch, wenn auch mit starkem Akzent und wann immer es die Chance zu integrativem Verhalten gab, die Familie nutzte sie. Ein, zwei Jahre nach dem Abitur erhielt ich einen Anruf von einer gemeinsamen Bekannten, welche mir entsetzt berichtete, dass sie ‚Esme‘ zum Geburtstag gratulieren wollte. (Esme studierte mittlerweile Medizin). Zu ihrem Entsetzen erklärte Esmes Mutter, Esme wäre in der Türkei und verheiratet. Unsere erste Reaktion war Schock: Hatten wir uns so in den Eltern getäuscht?! Dann Wut, wie man Esmes Zukunft so rauben konnte. Esmes Mutter gab der gemeinsamen Bekannten allerdings eine Telefonnummer in der Türkei und tatsächlich erreichte sie Esme. Die Realität war: Esme lernte über das Internet einen Mann in der Türkei kennen, haute von Zuhause ab zu ihm und heiratete ihn, ohne(!), dass die Eltern was davon wussten. Inzwischen leben sie in Deutschland und sind Eltern. Zunächst fragte ich mich, wie man als Muslime diese Chance entgehen lassen kann zu studieren (wie arrogant!), dann dachte ich, vielleicht war das Studium ja mehr der Wunsch der Eltern und ihr Wunsch war einfach Hausfrau und Mutter zu sein. Ich weiß es nicht, jedoch vor kurzem sah ich sie wieder. Sie war Reinigungskraft in einem Baumarkt. Als sie mich sah, Tat sie jedoch, als hätte sie mich nicht gesehen und vermied pingelichst meinen Weg zu kreuzen. Ich frage mich, ob es ihr peinlich war, respektierte aber ihren ‚Wunsch‘ nicht angesprochen zu werden.

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