Aber Aberglaube gehört dazu!

Als Lehrer ist man ja auch ein stückweit (typisches Lehrervokabular) Bürokrat. Ich hefte alles in Leitzordner ab. Eine schöne Sammlung Klassenlisten habe ich auch schon. Jede Klasse, die ich in meinem Leben unterrichtet habe, befindet sich in einer Klarischtfolie in einem Ordner mit der Aufschrift: Amtliches. Man weiß ja nie…Vielleicht werde ich mal zu einem Klassentreffen eigeladen und dann wäre es peinlich, wenn ich die Namen der Schüler nicht mehr kenne.

Außerdem pflege ich seit Jahren die Hoffnung, irgendwann meine Schüler im Fernsehen wiederzusehen: „Yunus A. – die neue Hoffnung von Wolfsburg.“ „Samira, willkomen im Bandhaus.“ oder „Der bildungspolitische Sprecher der Grünen Hakan Ü. sagte gestern….“  aber hoffentlich nicht: „Der türkischstämmige Emre B. erschoss gegen 22 Uhr seine Schwester Aylin vor ihrem Elternhaus. Sie wollte mit ihren Freundinnen eine Diskothek besuchen.“

An eine Stunde in einer bestimmten 10ten Klasse kann ich mich besonders gut erinnern. Ich komme in den Raum und die Schüler sind ganz aufgeregt. Einige Mädchen, aber auch ein paar Jungen wirken leicht hysterisch. Alle reden durcheinander. Mit dem Unterricht zu beginnen ist nicht möglich. Pädagogisch geschult fällt mir sofort der Satz- Störung geht vor – ein.

„Sagt mal, was ist denn hier eigentlich los? Mehmet, jetzt erzähl‘ mal ganz in Ruhe!“

„Also, da war ein Mädchen in Holland und die hat immer Musik gehört. Krass laut in ihr Zimmer. Die Mutter war im Wohnzimmer und hat gebetet. Sie hat gesagt: Mach‘ Musik aus. Macht sie aber nicht. Und dann hat sie wieder gesagt: Mach Musik aus und komm beten. Und dann ist das Mädchen rübergegangen, hat Koran genommen und zerissen. Und dann hat Allah sie zu einer Ratte gemacht.“

Stille. Die Schüler starren mich an. Warten auf meine Reaktion. Was soll ich jetzt zu so einem Schwachsinn sagen? „Und das glaubt ihr? Das ist doch Unsinn.“ Jetzt ereifern sich wieder alle. „Das stimmt! Hier…“ schreit Mehmet aufgebracht und wedelt mit seinem Handy. „Wollen sie mal sehen?“ Ein Bild von einem verwandelten Rattenmädchen. Ob ich das sehen möchte? Mir wird etwas mulmig. So wie beim Horrorfilm, kurz bevor die Zombies angreifen. Klar will ich das sehen. „Ja, zeig mal.“

Auf dem Display erscheint ein Mädchen, das wie eine Mischung zwischen einer Ratte und einem Känguru aussieht. Lustig ist, dass sie noch ihre Haare hat. Schön hinter das Ohr geklemmt. Ich grinse. „Und das glaubt ihr? Das ist doch ein Fake. Überlegt doch mal. Wer könnte denn ein Interesse daran haben, dass ihr diese Geschichte glaubt? Was ist denn die Moral? Was sollt ihr denn daraus lernen? Ihr werdet bestraft, wenn ihr zu laut Musik hört und nicht betet. Das ist doch bestimmt von irgendeiner religiösen Gruppe verbreitet worden, damit ihr nicht zu westlich lebt.“ Die Schüler sind nicht überzeugt. „Aber sie hat Koran zerissen. Das ist Sünde.“ sagt Esma. „Ja. Das sollte man nicht tun. Aber davon wird man doch nicht zur Ratte verwandelt.“

Mehment macht mir einen Vorschlag: „Okay Frau Freitag, ich bringe morgen einen Koran mit und den zerreissen Sie dann. Dann werden wir ja sehen.“ Damit scheinen auch die anderen Schüler einverstanden zu sein. Ich soll den Koran zerstören….den darf ich doch als dreckige Ungläubige noch nicht mal anfassen…“Nein, nein, nein! Ich werde hier weder den Koran, noch die Bibel und auch nicht den Talmut zerreissen. Und jetzt habe ich auch genug, von der ganzen Sache. nehmt eure Bücher raus, wir machen jetzt Unterricht.“

Im Lehrerzimmer erfahre ich, dass in jeder Klasse die Handybilder rumgezeigt wurden. In allen Klassenstufen Hysterie und wilde Diskussionen. In einigen 8ten weinten sogar ein paar Mädchen. An Unterricht war nicht mehr zu denken.

Zu Hause stürzte ich mich sofort ins Internet und fand schnell was ich suchte. Spiegel-Online hatte einen schönen Artikel dazu verfasst. Am nächsten Tag kam ich in die Klasse und wedelt mit dem Ausdruck. Stolz las ich alles vor und zeigte ihnen sogar noch andere Bilder von ähnlichen Mensch-Tier Figuren, die alle von einer australischen Künstlerin stammten. Selbst mit diesen Bildern konnte ich die Schüler nicht überzeugen. „Frau Freitag, Sie verstehen das nicht, weil Sie Deutsche sind.“

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