Der Neue

Was läuft bei mir verkehrt, dass ich so ein Interesse an diesem neuen Lehrer habe, der bei uns unterrichtet. Der sieht nicht gut aus und wenn der mich direkt anspricht, dann ist es mir eher unangenehm. Trotzdem hoffe ich immer, ihn im Lehrerzimmer anzutreffen. Nach einem beiläufigem: Na, wie läuft’s so? erwarte ich dann die übelsten Abkackstorys. Und in seinem Leid will ich mich dann suhlen. Kling recht sadistisch.

Ah, da fällt mir ein, gestern fragte eine Schülerin: „Frau Freitag, was ist masochistisch? Ist das, wenn man so völlig selbstverliebt ist?“ Ich: „Das sind männliche Moslems….“ nein, nein, SCHPPAAAAAASS! Das habe ich natürlich nicht gesagt. Ich, voll die Pädagogin, hoch erfreut, dass eine meiner Schutzbefohlenen etwas wissen möchte: „Nein, das ist ein Narziß. Masochistisch, das ist…also wenn man Schmerzen mag und wenn andere gemein sind zu einem.“ Die Schüler gucken mich mit großem Unverständnis an. Ich präzisiere: „Na so wie ich. Ich bin ein Masochist, weil ich euch als Klasse habe.“ In dem Moment haben sie es kapiert.

Aber zurück zu meinem doch eher sadistischem Persönlichkeitsanteil. In den letzten Tagen habe ich den neuen Kollegen nicht gesehen. Aber gestern gehe ich freudig gut gelaunt nach meiner  letzten Stunde in Richtung Lehrerzimmer und singe leise vor mich hin: Wochenende, Wochenende, Wochenende… Da sehe ich ihn um die Ecke huschen. Wahrscheinlich kommt er gerade aus dem Lehrerzimmer und geht zum Unterricht. Ich hinterher. Vielleicht kann ich an der Tür lauschen. Ich schleiche ihm also ins Treppenhaus nach und plötzlich kommt er mir wieder entgegen. Verwirrt guckt er mich an. Die Stunde läuft bereits seit fünf Minuten. Bei uns legen zwar die Schüler keinen Wert auf Pünktlichkeit, aber das Kollegium nimmt es damit sehr genau. Er, etwas außer Atem: „Ich suche meinen Kurs. In meinem Raum ist jetzt jemand anderes.“ Ich souverän: „Blahblahblahblah…komm mal mit, wir gucken mal.“ Unterwegs treffen wir Schüler, die in seinem Kurs sein könnten, aber nicht sind. Ich schicke ihn zu einer Kollegin, die ihm weiterhelfen kann und gehe dann in Lehrerzimmer.

Zwanzig Minuten vorm Stundenende sehe ich ihn mit fünf Schülern über den Hof latschen. In Zeitlupe. Ich beobachte alles ganz genau. Von hinten sieht er aus wie ein Schüler. Wie abgeranzt der Rucksack ist. Der hält sich ähnlich krumm wie ich. Die Schuhe….tragen nicht gerade zur Autoritätsverstärkung bei. „Wenn ich so spät dran wäre, würde ich aber rennen.“ sage ich zu einer Kollegin, die mir nicht so richtig zuhört. Ich hole mir einen Kaffee und setzte mich mit irgendwelchen unwichtigen Formularen an einen Tisch. Na, der wird doch nach der Stunde wieder herkommen, die paar Minuten kann ich auch noch warten.

Und tatsächlich, beim Klingeln steht er leicht verwirrt im Lehrerzimmer. „Setz‘ dich doch. Hast du deinen Kurs noch gefunden?“ Er nickt und erklärt mir wo die Schüler waren. Langweilig!

„Und wie läuft’s so?“ frage ich. Es soll sehr beiläufig klingen, deshalb sehe ich gar nicht von meinen Formularen auf. Er erzählt, dass es bei den 10ten ganz gut geht…glaube ich ihm nicht. Allerdings hätte er in der 9ten Klasse Problem. Glaube ich ihm sofort. Er vermutet, dass es daran liegt, dass die Klassenlehrerin fehlt. Ich weiß, dass es überhaupt nicht daran liegt. DAS LIEGT GANZ ALLEIN AN DIR!!!! Das bekommst du niiiiieee hin. Das ist nur der Anfang. Die werden dich fertig machen. Die lassen kein Stück ganz an dir.

„Hmmm, kann sein.“ nuschel ich. Er: „Da sind einfach welche drin, die immer wieder den Unterricht stören. Die scheinen gar kein Interesse an dem Unterricht zu haben…“ Jetzt folgen von mir endlose Tipps und Vorschläge, die ich selbst alle nicht anwende und die wahrscheinlich auch nichts nützen werden. Er hört sich alles ganz genau an. Fragt nach. Überlegt. Mittlerweile kommen Kollegen, mischen sich ein. Die Geschichtslehrerin meiner Klasse kommt auf mich zu. Ich referiere gerade wieder über Konsequenz, klare Regeln und ähnliches, da unterbricht sie mich: „Frau Freitag, deine Klasse….UNMÖGLICH! Unterricht ist mit denen nicht zu machen. Die spinnen. Ich halte das nicht mehr aus. Ich schreibe jetzt sofort Briefe an die Eltern.“ Ich: „Hmmm, mach das.“ Dann wende ich mich wieder meinen Formularen zu. der Neue sitzt mir gegenüber und denkt über irgendwas nach.

„Was machst du eigentlich am Montag, zum Wandertag?“ wechsel ich geschickt das Thema. Er: „Ach, ich weiß nicht.“ Es ist Freitag, 13 Uhr. Er weiß noch nicht, wo er am Monatg mitgehen soll! Tickt der noch ganz sauber? „Na, da musst du dich doch drum kümmern!“ sage ich mit leicht strengem Unterton und gehe mit ihm zu den Listen. „Guck mal, hier sind alle Klassen. Du suchst dir am Besten eine  aus, in der du auch unterrichtest…“ Er nickt. Bevor ich gehe stelle ich zufrienden fest, dass er mit einem Kollegen einen Treffpunkt für Montag verabredet.

Im Bus denke ich: Was ist mit mir los? Wäre das so schlimm für mich gewesen, wenn der Montag frei gehabt hätte? Warum freut sich ein Teil von mir, wenn es bei ihm nicht klappt. Vielleicht sollte ich mal  einen Therapie machen. Therapeut ist ja eigentlich auch ein geiler Job….da kommen dann jeden Tag Leute und du kannst dir immer die Probleme von denen anhören und bekommst auch noch Geld dafür….das könnte mir auch gefallen.

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3 Gedanken zu “Der Neue

  1. An wem soll man sich denn abreagieren, wenn nicht an Kollegen?
    An Schülern darf man das schon lange nicht mehr.
    Man muss das praktisch sehen. Kollegen sind Prügel gewöhnt.
    In der eigenen Verwandtschaft und im Freundeskreis geht das nun eben nicht. Die nehmen übel.

  2. Dass mein Kind Lehrer wird, hat mich damals entsetzt, erstaunt, einen Anfall von Respekt ausgelöst und vieles mehr an wirren Gefühlen. Angeblich liegt es in der grausamen Natur der Mütter, dass sie die Fähigkeiten ihrer Kinder anzweifeln. Die Sache wird jetzt langsam spannend – die großen schlimmen Prüfungen im Frühjahr, das böse Referendariat im Herbst und ich habe von allem immer noch keine Ahnung. Wie wird das mal sein? Ich kann es mir immer noch nicht vorstellen, er war doch so schüchtern, der Kleine. Und wenn schon Frau Freitag, die Gute, sadistische Tendenzen an den Tag legt, dann ist doch wohl sogar das Lehrerzimmer ein Moloch. Nun ja, die Zivizeit in der Jugendpsychiatrie hat ihm da wohl einiges Rüstzeug mitgegeben. (By the way, ist sowas ein Bewerbungsplus?)
    Nun ja wie heißt es „alles wird gut“, falls er nicht vor den Prüfungen desertiert. Wenn ich anrufe und erst mal Luft hole um etwas zu sagen, heißt es derzeit nur „Mama, ich habe keine Zeit, ich habe mich um einen Monat verschätzt…… ????. Und da sind sie wieder die Zweifel, andererseits funktioniert der Trick perfekt, keine Fragen, keine Bitten nur noch gutes Zureden ;-).

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