„Ich hab‘ Sie sooo vermisst. Sie mich auch?“

Komisch, heute war ich in der Schule. Kam mir ganz ungewohnt vor. Ungewohnt, aber irgendwie auch ganz nett. Gestern noch schlecht gelaunt und dann heute ganz beschwingt vergnügt nach Hause gekommen. Die Kundschaft war auch in Ordnung.

Begrüßt von Esra: „Ich hab‘ sie sooo vermisst. Sie mich auch?“ Ich war froh, ihren Namen zu erinnern. Aber schon nach ein paar Minuten war alles wie immer. Ich zappel da vorne meine Performance runter und die Schüler holen wiederwillig und in extremer Zeitlupe ihr Paper raus, um dann noch eine Viertelstunde nach ’nem Stift zu suchen, dann die Aufgaben nicht kapieren, Löcher in die Luft starren und am Ende auch nicht in der Lage sein, die Lösungen von der Tafel abzuschreiben. Aber beim Klingeln der erste auf’m Hof….business as usual.

Danach einer der seltenen Gücksmomente im Lehrerdasein: Die perfekte Stille. Alle Schüler – der Raum war voll – arbeiten konzentriert und absolut leise vor sich hin. Ich empfinde einen Anflug von Frieden. Früher hätte ich gedacht: Jetzt hab ich’s. Jetzt wird es immer so. Jetzt ist alles perfekt. Heute weiß ich, dass es nächste Woche wieder katastophal werden kann. Woran das liegt – keine Ahnung. Man steckt ja zum Glück nicht drin in den Schülern.

Dann irgendwann Lehrerzimmer: Kaffee und heute steht da Kuchen! Alle stürtzen sich drauf, einige nuscheln pflichtbewußt: „Wer hat den Geburtstag?“ Dann das allgemeine Geschnatter: Ach hallo, warst du wieder…ach war schön. ach is immer schön…ach zu kurz…ach wem sagste das?…muss ja muss ja, muss ja….es klingelt: Die Pflicht ruft. Auf in den Kampf. Dann woll’n wir mal. Noch eine, dann kann ich gehen.

Und wir haben einen neuen Kollegen. Einen jungen Mann. Der ist nicht gerade der Idealtyp von Lehrer, den ich mir für unsere Schülerschaft vorstelle. Ich gebe ihm drei Wochen, dann heult er im Lehrerzimmer. In zwei Wochen wird er wie wild Tadel verteilen und das Keinen-Unterricht-Machen-Können auf die Schüler schieben. Hoffentlich irre ich mich, aber eigentlich kenne ich die Schüler zu gut.

So. Nun gibt es also wieder Alltag. Ach herrlich. Ich liebe Alltag. Ich könnte glatt jeden Tag Alltag haben. Nur nicht in den Ferien.

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2 Gedanken zu “„Ich hab‘ Sie sooo vermisst. Sie mich auch?“

  1. Frau Freitag…äh nee, mit dem „frei“ stimmts nicht mehr, soll ich lieber Frau Alltag sagen…?

    Mir gings heute ähnlich wie ihnen, allerdings hatte ich nur zwei stunden „feindberührung“ und war hinterher fix und foxi.
    Canan hat mir aus München ein silbernes liegendes reh mitgebracht. Ich war und bin gerührt – süß oder? Es kommt zu meiner Kuriositätensammlung.
    Ansonsten wie ümmer: Vor einem „guten morgen“ muss ich schon streitigkeiten schlichen. Sieben kommen zu spät, Samson erscheint erst nach zwei stunden! Alle haben vergessen, wo sie sitzen und versuchen sich einen neuen platz zu erschleichen and so on…..
    Und ich? Ich fühlte mich tatendurstig und gleichzeitig ernüchtert – willkommen Frl. Krise! The show must go on….. und das ist gut so!

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