Einfach mal die Realität annehmen!

Frau Dienstag hat Recht: All die Probleme und Katastrophen, die uns täglich auf der Arbeit begegnen SIND UNSERE ARBEIT. Das muss ich einfach mal einsehen. Meine Arbeit beginnt nicht, erst, wenn ich den Idealzustand erreicht habe, der eigentlich eine Illusion ist, die ich nie erreichen werde. Seit Jahren renne ich – und wahrscheinlich der größte Teil meines Kollegiums – der Vorstellung hinterher, dass wir uns nur richtig anstrengen müssten und dann hätten wir irgendwann eine liebe ruhige Klasse, die unbedingt was lernen will vor uns sitzen. Da wir – egal was wir auch versuchen – diese Traumklasse nie vorfinden und die vorhandenen Schüler nie zu dieser Streber-Truppe machen können, sind wir täglich frustriert. Anstatt jetzt pragmatisch zu sagen: „So sind unsere Schüler eben und nun müssen wir das Beste draus machen…“ denken wir ständig: „Wieder keiner die Hausaufgaben gemacht, die müssen erstmal auf Spur gebracht werden, die werden immer schlimmer…“

Frl. Krise sagte mir schon vor Jahren: „Wir können uns die Schüler nicht backen und müssen eben mit dem arbeiten, was wir bekommen.“ Das heißt jetzt natürlich nicht, dass wir nicht täglich versuchen sollten ihnen so viel wie möglich beizubringen. Aber wir sollten aufhören – ich jedenfalls – dauernd zu denken, dass ich erstmal so eine Art Idealzustand herstellen muss. Wenn ich das nicht mehr machen würde und die Schüler wirklich so sehen würde, wie sie sind, mit all ihren Defiziten, aber auch ihren Kompetenzen, dann würde ich wahrscheinlich viel zufriedener nach Hause gehen.

Ein Lehrer, der an einer gut funktionierenden Schule arbeitet geht selbstverständlich davon aus, dass ihm täglich Schüler gegenübersitzen, die etwas erreichen wollen und deshalb willig sind von ihm etwas zu lernen. Ich sollte eigentlich wissen, dass wir an unserer Schule nur sehr wenige Schüler mit einer solchen Einstellung haben und trotzdem gehe ich jeden Tag zur Schule, stelle mich da vorne hin und denke, so, nun bringe ich euch was bei und bin dann immer wieder überrascht, wenn sie darauf keinen Bock haben. Ein Arzt erwartet doch auch nicht, dass plötzlich nur noch gesunde Leute in seinem Wartezimmer sitzen.

Super, ich glaube, ich bin gerade einen Riesenschritt in Richtung totale Glückseeligkeit gegangen. Mit dieser neuen Erkenntnis entferne ich mich doch kilometerweit vom drohenden Burn-Out. Ich werde die Schüler einfach so sehen wie und sie dort abholen wo sie sind. Keine falschen Vorstellungen mehr! Die sind nicht die Elite des Bildungssystems! Werden sie auch noch lange nicht sein. Ihre Verpeiltheit liegt nicht an mir. Meine Arbeit ist eine ganz andere als die in Salem. Nicht besser oder schlechter, sondern einfach anders. Wenn ich das wirklich verinnerlicht habe, dann dürfte doch eigentlich nichts mehr schief gehen.

Vielleicht brauche ich dann diesen Blog auch gar nicht mehr. Vielleicht bin ich dann so glücklich, ausgeglichen und zufrieden, dass ich gar nichts mehr habe, über das ich mich hier auslassen könnte. Welch‘ herrliche Zukunftsaussichten!

Fehlerkultur

Ich drücke mich seit Tagen erfolgreich darum, einen Haufen Arbeiten zu korrigieren. Also eigentlich soll ich sie nicht korrigieren, sondern durchsehen und zensieren. Leider besteht diese Arbeit nicht nur aus Multiple Choice-Aufgaben, sondern auch aus längeren Textpassagen. Die Schüler sollten sich zu einem bestimmten Thema äußern. Das sieht dann so aus, dass sie – unter enormen Zeitdruck- alles hinklieren, was ihnen zu diesem Thema einfällt. Sie denken vorher nicht nach, machen sich auf keinen Fall erst Notizen oder Stichpunkte, was sie eigentlich mitteilen wollen, sondern schleudern einfach alles aufs Papier. Von dieser Anstrengung sind sie dann so geschwächt, dass sie ihre Texte nicht noch einmal durchlesen können. Ich zitiere hier wieder Frau Dienstag: „Ich fühle mich wie ein Kanalarbeiter, der sich durch ihre Scheiße wühlt.“

Ich kann den Schülern noch so oft sagen, dass sie sich die Aufgaben genau durchlesen sollen und dann wirklich nur das hinschreiben sollen, wonach ich gefragt habe. Sie hauen mir doch wieder den ganzen unverdauten Wust an Fakten um die Ohren, den sie noch irgendwo in ihren Hirnen rauskramen können. Und was soll ich dann damit machen? Auf einer Seite Text steht dann zu 90% Murx und nur zwei Sätze beantworten die gestellte Frage. Ist dass dann fast richtig? Total falsch? Netter Versuch, leider daneben? Ich umkringele die zwei richtigen Sätze und schreibe daneben, hier wäre die richtige Antwort gewesen. Die Falschheit der Fakten um diese Sätze herum zwingt mich allerdings dazu diese Aufgaben mit 0 Punkten zu bewerten. Ist fast richtig nicht eigentlich auch nur ein anderer Ausdruck für falsch? „Fast richtig“ sage ich ständig und meine aber „falsch“.

Beim Korrigieren erinnere ich mich daran, wie ich mich fühlte, wenn wir eine Arbeit zurückbekommen haben. Manchmal hat meine Deutschlehrerin an den Rand GUT! geschrieben. Darüber habe ich mich immer sehr gefreut. Früher stand auch immer noch ein persönlicher Satz unten drunter: Du hast dir viel Mühe gegeben… Deine Charakterisierung ist dir gut gelungen…Auch darüber habe ich mich gefreut. Aber was soll ich meinen Schülern unter eine Fünf schreiben? „Du hast dich zwar gar nicht bemüht, aber sieh‘ es mal so, es war ja erst die erste Arbeit und vielleicht lernst du für die nächste mal.“ oder „Du hast Glück, nach oben ist noch alles offen…“

Manchmal amüsiere ich mich über den Wirrwar, den die Schüler abgeben, aber meistens verfalle ich in ein wütendes Zwiegespräch mit dem Verfasser: „Oh Sabine, Sabine, was schreibst du da für einen Mist…Australien wurde doch nicht von Columbus entdeckt…“ „Super Sercan, das wird dann wohl wieder eine Sechs, warum hast du denn nicht wenigstens versucht die Schreibaufgabe zu machen…?“ Irgendwie sind einem die Schüler dann ganz nah. Wenn ich ihre kleinen kritzeligen Handschriften sehe, das hektische Durchgesstrichene, der daneben geschriebene zweite Versuch, der genauso verquer ist, wie der erste. Die Fahrigkeit am Ende der Arbeit, wenn sie dermaßen unter Stress geraten, dass die Handschrift immer größer wird und die Rechtschreibung jegliche Dinglichkeit verliert.

Ach es nützt doch alles nichts, ich muss mich jetzt einfach hinsetzen und die Arbeiten durchsehen und sie zensieren. Gibt mir ja auch immer ein enormes Gefühl, etwas geschafft zu haben, wenn ich alles zensiert habe und die Noten in mein Zensurenheft eintrage. Dann muss ich mich nur noch um die Nachschreiber kümmern und mich wieder dafür entscheiden, dass ich ihnen wohl diesmal wieder keine andere Arbeit konzipieren werde. Obwohl ich das jedesmal wieder ankündige. Diese ewigen Nachschreiber…wie ich die hasse…aber das ist nochmal ein ganz anderes Thema.

Ich geb‘ es ja offen zu: Ich bin Schuld!

Frau Dienstag sagt: „Nun spring du nicht auf noch auf, auf diese Intergationsdebatte. Die soll doch auch wieder nur von dem wahren Skandal ablenken. Die Milliarden, die die Banken kriegen….davon kann man ziemlich viele integrationsunwillige Familien ernähren.“ Vielleicht sei es ja auch gar nicht so erstrebenswert, sich der sogenannten deutschen Kultur anzupassen. Frau Dienstag hat gut reden. Ist doch der einzige Migrationshintergrund mit dem sie zu tun hat Mecklenburg-Vorpommern. Aber wahrscheinlich hat sie mal wieder Recht mit ihrer pragmatischen Weltsicht. Frau Dienstag regt sich selten auf. Sie ist unheinlich anpassungsfähig. Selbst Schulschließungen bringen sie nicht aus dem Konzept. Bisher wurde jede einzelne Schule an der sie gearbeitet hat geschlossen. Dass es an ihr liegen könnte, darauf kommt sie gar nicht.

Muss eine Schülerin von ihr in die Psychatrie, dann hat sie damit nichts zu tun. Trinkende Mütter, schwangere Achtklässlerinnen….alles nicht ihre Schuld. Geht sie alles nichts an. Nachts schläft sie wie ein Stein. Abschalten – für sie kein Problem. Wenn sie aus dem Schultor geht ist sie Privatperson. An der eigenen Haustür hat sie schon vergessen, dass sie Lehrerin ist. Ich bewundere und beneide sie dafür. Warum fühle ich mich immer für alles verantwortlich?

Wenn der Kevin zu spät zu Deutsch kommt, dann verstecke ich mich vor der Deutschlehrerin, damit ich keine Anmecker bekomme. Wenn Samira und Angelina kein Sportzeug dabei haben, dann entschuldige ich mich schon vor dem Unterricht bei der Lehrerin. Wenn Murat und Justin in meinem Unterricht eine Fünf geschrieben haben, dann rufe ich noch am gleichen Nachmittag die Eltern an und entschuldige mich dafür, dass ich ihnen nichts beigebracht habe.

Nächstes Jahr muss ich wieder einen Brief an die Wirtschaft schreiben und bedauernd erklären, dass ich es wieder nicht geschafft habe, ausbildungsfähige Schulabgänger zu produzieren. Für die verkackten Pisaergebnisse habe ich mir einen Monat Stubenarrest verordnet. So, jetzt ist es raus und ich möchte jetzt nicht mehr hören, die Schulen übernähmen keine Verantwortung für die Bildungsmisere.

„Ich will Feuerwehrman werden, weil ich gerne Leute helfe.“

„Frau Freitag, kann man sein Praktikum auch als Stewardess machen?“ fragt mich Murat am Freitag. Stewardess…er sieht bestimmt süß aus, in einem kurzen Lufthansakleidchen…“Weiß ich nicht genau…“ antworte ich „…wahrscheinlich kannst du am Flughafen arbeiten, aber die werden dich im Praktikum nicht fliegen lassen. Kann ich mir jedenfalls nicht vorstellen.“ „Ja, stell dir mal vor…“ mischt sich Erol ein „…deine Mutter ruft dich auf Handy an und du sagst, du fliegst gerade nach Istanbul.“

Ständig fragen mich die Schüler meiner Klasse wo und wie man sein Berufspraktikum machen kann, sollte, darf. Die haben seit Schuljahresbeginn zwei Stunden in der Woche Berufsvorbereitung. Was machen die denn da eigentlich? Das unterrichten Schulfremde, von denen ich annahm, dass sie sich in der Berufs- und Praktikumswelt auskennen. „Was macht ihr denn eigentlich bei der Berufsvorbereitung? Fragt die doch mal, wieviel man in der Ausbildungszeit verdient. Die sollten doch sowas wissen.“ Samira: „Das ist voll langweilig, der Unterricht bei denen. Die wollen immer nur wissen, was wir so privat machen. Die wollen uns aushorchen.“ Sabine: „Ja, die sind voll neugierig. Und was hat das mit dem Praktikum zu tun?“ Wahrscheinlich versuchen die armen Kerle, die Interessen und Fähigkeiten meiner Schüler herauszubekommen. Langsam befürchte ich, dass niemand meiner Klasse sagt, welche Berufe es gibt und was man in den einzelnen Berufen so macht. Mal ganz abgesehen davon, dass sie jemals lernen werden, wie man sich bewirbt.

Ein Freund von mir macht mit Klassen, außerhalb der Schule, Bewerbungstraining und kann es oft gar nicht fassen, wie wenig Ahnung die Schüler von der Berufswelt haben. Neulich war da ein griechischer Junge (Realschüler), der sich in einem griechischen Restaurant als Koch bewerben wollte. Das Einstellungssimulationsgespräch lief so:

„Nennen Sie doch mal ein paar griechische Gerichte.“  „Oh. Schwer. Also auf jeden Fall Tzatziki. Und dann diese kleinen Würstchen. Die macht meine Mutter immer im Ofen.“  „Und wie heißen die?“  „Keine Ahnung. Aber lecker!“

„Stellen Sie mir mal ein typisches griechisches Drei-Gänge-Menü zusammen.“  „Oh. Schwierig.“ Pause. „Das ist aber eine schwere Frage….also als Vorspeise…Salat.“  „Was soll denn da drin sein in dem Salat?“  „Normaler Salat. Dann vielleicht Tomaten.“ Pause. „…und Gurken.“ „Sonst noch was?“   „Nein.  “ Käse?“  „Nein.“  „Dann als Hauptgericht…Fleischplatte mit Kartoffeln.“  „Und zum Nachtisch?.“  Lange Pause.   „Schwierig.“  Pause.  „Muss kein griechisches Gericht sein.“  Pause. „Kuchen.“

Hätte dieser junge Mann einen Ausbildungsplatz bekommen? Oder der, der sich bei der Polizei bewerben will?

„Woher weiß denn ein Polizist, was richtig und was falsch ist?“  „Das weiß der eben.“  „Und woher?“   „Keine Ahnung.“ „Steht das vielleicht irgendwo? Vielleicht in irgendeinem Buch?“   „Vielleicht. Auf jeden Fall wäre dieses Buch dick.“

Oder was ist mit dem Mädchen, dass unbedingt pharmazeutische Fachangestellte werden möchte und denkt, sie muss Mathe können, um das Haltbarkeitsdatum auf den Medikamenten auszurechnen. „Woher wissen Sie denn, welches Medikament ein Patient braucht?“  „Das weiß ich dann schon.“ „Schreibt das nicht ein Arzt auf?“  „Nein, das kann ich dann auch.“

Liebe Berufsvorbereitungsheinis, die ihr in meiner Klasse unterrichtet, hört mal auf, die nicht vorhandenen Hobbys meiner Schüler zu ergründen. Spielt mit denen lieber mal Einstellungsgespräche durch. Sagt denen, dass Anwalt kein Ausbildungsberuf ist und dass man als Anwalt auch nicht an Tatorte fährt, um sich die Leichen anzusehen. Ich möchte nicht, dass sich meine Klasse später mal bei Bewerbungsgesprächen bis auf’s Hemd blamiert.

Schweinegrippe…bei uns sind doch nur Moslems….

Jetzt geht es ja bald los mit dem Massenimpfen gegen die Schweinegrippe. Und da frage ich mich, ob ich denn auch zu einer Riskogruppe gehöre. Schwanger – nö. Kleinkind bin ich auch nicht, jedenfalls nicht immer. Chronisch krank – das könnte hinhauen, ich bin immer müde, überarbeitet, gestresst, oft schlecht gelaunt, jähzornig, verbittert, nihilistisch und natürlich manisch-depressiv. Ist das nun schon chronisch? Was ich auf jedenfall bin ist – allen möglichen Viren und Bazillen von 10000000 Jugendlicher ausgesetzt. Die schnauben, keuchen und husten mir täglich eins um die Ohren, fassen dann alles mit ihren virenverseuchten Fingern an und waschen tun die ihre Hände doch auch nie.
Das fängt doch schon beim Betreten des Raumes an. Wieviele kranke Kinder haben schon die Klinke benutzt und wird die jemals gewaschen oder gar desinfiziert? Ha, bei uns wird ja noch nicht mal gefegt.

Sind wir Lehrer nicht unter ständigem Krankheitsbeschuss? Müßte man uns nicht zwangsimpfen? Was sagen die Spezialisten? Die Ärzte? Frau Ulla Schmidt und Frl. Krise? Wie lange wird man denn mit so einer Schweinegrippe krankgeschrieben? Die soll ja eigentlich gar nicht so schlimm sein. Sollte ich die einfach mal auf mich zukommen lassen? So wie meine dienstliche Beurteilung? Wie lange ist man denn nach einer überlebten Schweinegrippe noch ansteckend- bzw. wielange muss man denn dann noch zu Hause bleiben? Fragen über Fragen. Ich bitte um Antworten. Es eilt, ich spüre die Viren schon an mir hochklettern.

Heute: die Intergationsdebatte

Ich dachte, ich könnte mich an der unsäglichen Sarrazin-Debatte vorbeischlängeln und warten, bis es ein neues sexy Thema gibt. Aber das geht irgendwie nicht. Dauernd liest man darüber in der Zeitung, sieht was im Fernsehen oder  wird im Internet damit bombardiert. Also dachte ich mir heute morgen, auf dem Weg zur Arbeit: Frage ich doch mal die Schüler, was sie davon halten, ob sie überhaupt davon was mitgekriegt haben und wie sie zu der ganzen Sache stehen.

In der ersten Pause spreche ich Ferhat aus meiner Klasse an. Ob er diese ganze Diskussion über Integration verfolgt hätte. „Ja, das ist voll schwierig mit der Integration. Meine Mutter lernt Deutsch und arbeitet auch, aber sie bekommt keinen deutschen Pass.“ Ich: „Nein? Warum nicht? Du hast doch auch einen, oder?“ Ferhat: „Ja, schon lange. Mein Vater will nach ihr einen beantragen, aber bei ihr dauert das voll lange. Die Deutschen wollen das irgendwie nicht. Da müssten die Politiker mal mehr machen.“ Ich: „Ja. Stimmt. Kann denn deine Mama schon gut deutsch sprechen?“ „Ja, ist schon ganz gut. Ich spreche mit ihr immer zu Hause und dann übt sie.“ Ferhats Eltern kamen aus dem Libanon. Beide Eltern arbeiten, er sprecht sehr gut Deutsch und ein Kopftuch trägt er auch nicht….vielleicht ist er ja die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Und sein Vater ist Konditor, nicht mal Gemüsehändler.

In der nächsten Stunde versuche ich es wieder. „Hat von euch eigentlich jemand die Diskussion um Sarrazin mitbekommen? „Sarrazin?“ „Ja, Thilo Sarrazin. Weiß jemand wer das ist?“

„Sarrazin, ich weiß!“ meldet sich Yusuf  „Sarrazin ist doch so eine Säure.“ Ich: ???? Ich versuche ihnen zu erklären, wer Sarrazin ist, aber meine Bemühungen gehen in einem allgemeinem Gebrabbel unter, bis Ines sagt: „Frau Freitag, geben sie’s auf, Ihnen hört jetzt keiner mehr zu.“

In der letzten Stunde hatte ich dann Unterricht mit älternen Schülern und frage in eine herrliche Stille hinein: „Sagt euch der Name Sarrazin etwas?“ „Ja!“ ruft Lucy „Das geht es um Integration.“ wendet sich an ihre Mitschüler “ Das sollte euch interessieren.“ Jetzt sind alle ganz Ohr und lassen sich die groben Details von ihr erklären. Auch Baris hatte schon davon gehört und alle Schüler schienen sich bereits eine Meinung über die Integration  bzw. Nichtintegration gebildet zu haben. Ich frage, was sie davon hielten, wenn man den Eltern das Kindergeld kürzen würde, wenn ihre Kinder nicht in die Schule gingen. Zustimmung von allen. „Ja, das würde was ändern. Die Eltern werden dann voll sauer und dann kriegen die Kinder Stress.“ Ich frage, ob man auch Geld streichen sollte, wenn jemand nicht Deutsch lernen will. Alle sind sich einig, dass man Deutsch beherrschen muss, wenn man hier leben will, allerdings sagt Baris man sollte eher Anreize schaffen, als Geld abzuziehen. Salina sagt: „Mehr fördern, nicht immer nur fordern. Aber ist doch auch kein Wunder, dass die türkischen Frauen hier kein Deutsch lernen, das brauchen die ja gar nicht, hier ist doch alles auf Türkisch. Die sprechen ja jeden hier auf türkisch an.“ Baris: „Ich gehe neulich in eine Dönerbude und fragt der den auf türkisch was er essen möchte. Dabei war mein Freund blond und konnte auch kein Türkisch.“ So quaschen wir uns von der Ghettoisierung über den beidseitigen Irrglauben, der ersten Gastarbeiter Generation, „alle dachte die arbeiten hier nur und gehen dann wieder nach Hause…“, bis hin zu „die Schüler sehen halt in der achten und neunten Klasse noch nicht, dass sie was lernen müssen, damit sie später einen guten Beruf bekommen, die wollen halt jetzt Fun haben.“ Lucy sagt, dass man es mit einem ausländischen Namen später schwer hätte einen Job zu bekommen. Ich gebe zu bedenken, dass in vielen Bereichen gerade Menschen mit Fremdsprachenkenntnissen besonders gefragt seien. Baris sagt, man müsste mehr Lehrer mit Migrationshintergrund haben. Genau meine Meinung. Ich frage ihn sofort, ob er nicht Lehrer werden möchte. Möchte er leider nicht.  Aber genau diese Kinder bräuchten wir. In den Schulen, als Lehrer, im Jugendamt, im Jobcenter, in den Ausbildungsbetrieben…überall.

„Baris, warum willst du nicht Lehrer werden….guck mal die ganzen Ferien. Lehrer ist echt ein toller Beruf. Ist easy und mach Spaß.“ Da lachen die Schüler immer und zeigen mir einen Vogel. „Lehrer!!!!! Niemals!!!!“ Und sie wissen ja am besten, wovon sie sprechen.

Nimm‘ du doch meine Klasse…

Die Kollegen meckern wieder. Gestern komme ich ins Lehrerzimmer und werde wieder bombardiert mit „Deine Klasse spinnt ja wohl “ – Schelte. Vorher hatte ich eine Stunde in meiner Klasse und die kamen relativ pünktlich, haben sich gut benommen und sogar friedlich gearbeitet. Weil die Stimmung gut war kamen auch diverse Schüler zu mir an, um mir ihre Probleme zu erzählen. Und die sind gelinde gesagt – massiv. Solche Probleme hat keiner meiner Kollegen. Ich kann es immer gar nicht fassen, was die so erleben – erleben müssen. Normale Jugend ist das nicht. Ich wundere mich eigentlich oft, dass die trotz dieses harten Aufwachsens so relativ normal ticken. Jeder Psychologe würde sagen, dass ein Totaldurchdrehen bei solchen Erlebnissen durchaus normal sei. Manchmal wünschte ich, die Schüler würden mir dieses ganze Elend nicht erzählen. Aber passieren täte es ihnen ja trotzdem und nur ich könnte abends besser abschalten und nachts ruhiger schlafen.

Recht geschockt gehe ich also ins Lehrerzimmer und werde gleich belagert: „Die haben wieder…die haben nicht….keine Hausaufgaben….blahblahblah.“ Ich höre mir alles an und lasse es irgendwie an mir abprallen, eher an mir runterrutschen. Stoisch stehe ich da während mich zwei Kolleginnen mit Gejammer und Beschwerden übergießen. An manchen Stellen sagen ich: „Hmmm.“ „Ja.“ „Gibt’s ja gar nicht.“ Ich verspreche mit ihnen zu reden und beschließe in dem Moment schon, mal gar nichts zu machen. Warum soll ich meine Klasse dauernd anmeckern. Nützt doch sowieso nichts. Frl. Krise (Frl. Krise, wir können auch deutschen Autokorso machen!!!!!), Frl. Krise sagt mir ja fast täglich, dass es egal ist, ob man meckert, Briefe schreibt oder die Schüler pädagogisch einlullt. Ändern tut das nichts.

Meine Klasse kann ja gut mitmachen. Das weiß ich und das haben mir die Kollegen auch schon oft gesagt. Warum die das so selten machen, weiß kein Mensch. Aber eines weiß ich, wenn ich sie am Mittwoch anmecker oder rumjammere, dann erinnern sie sich am Freitag nicht daran und benehmen sich dann ganz toll.

Vielleicht sollten die Kollegen die Schüler mehr loben, wenn sie gut mitmachen. Die immer mit ihrem „Nicht gemeckert ist genug gelobt…“. Oder sollte ich denen mal erzählen was bei denen privat los ist – und dass eine nicht gemachte Hausaufgabe dazu in keinerlei Relation steht? Ich weiß es nicht. Es gibt natürlich noch die „Ich bin Klassenlehrer und ich verstecke mich immer “ – Taktik. Einige Kollegen – vor allem welche von schwierigen Klassen – sehe ich überhaupt nicht im Lehrerzimmer. Oder ich biete den Meckerkollegen meine Klasse an: „Du hast Recht. Die benehmen sich total schlecht. Das liegt an mir. Ich hab‘ es einfach nicht drauf. Übernimm‘ du meine Klasse. Du könntest die bestimmt auf den richtigen Weg bringen. Zug reinbringen. Tacheles reden. Mal richtig durchgreifen. Ich wundere mich sowieso, warum DU nicht Klassenlehrerin bist, wo du doch soviel kompetenter bist als ich….“

Oder die paradoxe Intervention: „Ja, die sind total übel. Das war ganz schön harte Arbeit, die so hinzukriegen. Bei mir benehmen sie sich gut, aber ich sage denen täglich, dass sie bloss nicht bei den Kollegen mitmachen sollen. Schminken tut ihr euch bitte in Mathe und vergesst nicht, bei Frau U. so richtig die Sau rauszulassen. Immer dran denken – ziviler Ungehorsam – immer und überall!“

Da hatte doch der Integrationsgott seine Hände im Spiel

Ooooooch, das tut mir aber leid, die Türkei darf bei der Weltmeisterschaft nicht mitmachen…Dabei liebe ich das Ritual des „Hupenfahrens“ nach einem gewonnenm Spiel. Frl. Krise hatte mir auch versprochen, dass wir uns bei der nächsten WM mit Kopftuch in ihrem kleinen Auto in den Autokorso einreihen würden. Daraus wird wohl jetzt erstmal nichts.

Und meine armen Schüler…werdet ihr wohl die Türkeifahnen zu Hause lassen müssen. Und für wen seid ihr denn jetzt? Für Brasilien, weil die so schön spielen und weil die doch irgendwie auch Ausländer sind, oder etwa doch für Deutschland? Wo doch so viel von euch, hier geboren in der vierten Generationen, ausgestattet mit einem deutschen Pass, immer wieder betont, dass ihr doch auf keinen Fall Deutschen seid. Lasst uns doch mal was für die Integration tun. Kommt doch mal hier an – ihr wart ja auch noch nie weg. Also, ich spendiere ein paar Fahnen und dann habt ihr doch auch noch was zum Feiern…oder wollt ihr völlig auf die Autokorsi verzichten…Denkt doch mal an die armen Palästinenser…was sollen die denn sagen, die haben nie eine Mannschaft. Und was ist mit dem Libanon? Spiele die überhaupt Fußball? Und wenn ja, hätten die denn irgendeine Chance in die Vorrunde zu kommen?

…und dann spielt doch der Mesut bei den Deutschen…der hat nicht gesagt „Ich bin Ausländer. Ich kann nicht für Deutschland spielen…“. Und der würde sich ja jetzt schön ärgern, wenn der sich für die türkische Nationalmannschaft entschieden hätte.

Also meine lieben kleinen türkisch-deutschen, deutsch-türkischen, Türken mit deutschen Pass, Deutsche mit türkischen Wurzeln, meine lieben Schüler, lasst uns mal alle für die deutsche Mannschaft sein. Für Mesut, für das Hupen, gegen Sarrazin, für die Integration, für mich!

Und wenn die Deutschen gewinnen zwinge ich Frl. Krise ins Auto. Die Kopftücher liegen hier schon bereit!

Schulschwänzerinternat

Da soll es also in der Hauptstadt ein Internat für Schulschwänzer geben. (Ich bevorzuge ja den schönen Ausdruck Schuldistanzierte.)  Etwa 16 Jugendliche – vor allem welche mit Migrationshintergrund – sollen dort leben und lernen. Das kostet jeden Monat 2400 Euro pro Schüler. Das klingt ja erstmal ziemlich teuer. Angeblich ist es aber billiger als ein Platz im Knast. Wir verbuchen das also unter dem Motto teure Prävention ist besser als ewige Folgekosten (Knast, Maßnahmen, Harz4 – ein Leben lang) und ich bin voll dafür.

Wer wird denn dort arbeiten? Steht das schon fest? Wie gerne würde ich das im Bildungsfernsehen sehen – 24 Live-Stream aus der Schulschwänzer -Villa. Leider bezweifel ich, dass das klappt, denn die sind meiner Meinung nach schon zu alt und zu verkorkst. Da muss man viel früher anfangen. Die Schulen in den Brennpunktbezirken müssten die besten der Republik sein. Die mit der teuersten Ausstattung, mit den engagiertesten und besten Lehrern und vor allem mit einem himmlischen Schüler-Lehrerschlüssel  – 1:5 wäre doch schön. Und ich bin davon überzeugt, dass die Gemeinden auf lange Sicht Geld sparen würden. Kann denn nicht mal jemand ausrechnen, was das kostet, wenn ein Drittel meiner Klasse sich später erstmal von einer staatlich finanzierten Maßnahme zur anderen hangelt, um dann ein Leben lang Harz4 zu beziehen. Und addiert bitte noch für zwei-drei Schüler mehrjährige Gefängnisauenthalte ein. Ist das denn nicht viel teurer, als ein Super-Duper-Schulprojekt? Man muss das ja nicht gleich überall machen. Probiert das mal an ein oder zwei Schulen in jeder Großstadt aus und vergleicht dann die Ausgaben. Alle reden doch immer von Nachhaltigkeit.

Und vor allem, lasst die Konzepte für die Neuen Schulen nicht von irgendwelchen unterrichtsflüchtigen Schreib-tischfuzzis entwickeln, sondern von Lehrern, die bereits Erfahrungen mit der Schülerschaft haben. Die wissen nämlich auch Bescheid. Und auch, wenn wir nicht die super Pisaergebnisse liefern, oder tolle Bücher über das ideale Lernen schreiben, sind wir trotzdem die Spezialisten für unsere Schülerklientel.

Liebe Bildungssenatoren, gebt mir und Frl. Krise ein halbes Jahr bezahlte Entwicklungszeit und wir liefern euch ein Konzept, das sich gewaschen hat. Ich fürchte nur, niemand hat daran Interesse, Migranten wirklich eine Chance zu geben, am Ende landen die noch in Positionen, in denen man sie gar nicht haben möchte….

Sachen die ich immer wieder sage

  • Guten Morgen.
  • So Leute. Laßt mal anfangen, ist schon fünf nach.
  • Sei mal leise.
  • XXX, du redest immer noch.
  • Pack das Handy weg.
  • Nicht hier im Raum essen. Der Tisch wird fettig.
  • Kaugummi raus. Mütze ab, Jacke ausziehen.
  • Fast richtig. versuch noch mal.
  • Guten Morgen. Das hat XXX gerade gesagt.
  • Nützt es was, wenn ich mich mit deinem Vater darüber unterhalte?
  • Nur in den Pausen auf’s Klo.
  • Pack das weg. (DAS ist meistens Schminkzeug)
  • Noch nicht einpacken.
  • Hat noch nicht geklingelt.
  • Fang doch jetzt mal an, die anderen sind schon fast fertig.
  • Stühle hochstellen.
  • Heb‘ das bitte auf. – ist auch nicht von mir.
  • Lass ihn/sie in Ruhe.
  • Sprich nicht in dem Ton mit mir.
  • Schrei‘ nicht so, wir stehen doch direkt neben dir.

Bei guter Laune oder Schulinspektion hänge ich an die Sätze auch ein BITTE.

Ich sage aber auch oft:

  • Super, hast du das alleine gemacht?
  • Toll, schon fast richtig.
  • Neuer Haarschnitt? steht dir gut.
  • Schöner Pulli.
  • Danke, dass du das aufhebst.
  • Danke, mir geht es auch gut.
  • Danke, aber das zieht mir die Füllungen aus den Zähnen.
  • Lehrer sollten sich nicht auf Facebook mit Schülern befreunden.
  • Ich weiß noch nicht mal was MSN ist.
  • Ich bin wahrscheinlich älter als deine Mama.
  • Wenn du dir jetzt wirklich in die Hose machst kaufe ich dir in der Pause eine Cola.
  • Ach ihr Armen, ihr habt noch drei Stunden…ich gehe jetzt nach Hause
  • Nein, ich fahre nicht weg. Oder: Ja, ich fahre nach…
  • WOOOOOcheneeeeendeeee!!!!!