Tod eines Lehrers

Ich habe gerade ein Buch mit dem Titel „Tod eines Lehrers“ ausgelesen. Ein Krimi. Wie ich an den gekommen bin, tut hier nicht zur Sache, aber ich bin froh dafür kein Geld ausgegeben zu haben. Trotzdem gebe ich zu, dass ich das Buch nicht mehr weglegen konnte, bis ich herausgefunden hatte, wer diesen Superlehrer am Supergymnasium gekillt und kastriert hat. Mord im Kollegium – also die haben sich da nicht gegenseitig ermordet, aber ein Kollege, DER SUPERLEHRER der Schule wurde abgemurkst.

In der Geschichte kommt irgendwann der Inspektor – Alleinerzieher von zwei halbwüchsigen Töchtern, die unbedingt Helly Hansen Jacken brauchen – und teilt dem jungen Schulleiter mit, dass der Kollege nicht mehr kommt. Als ich das las musste ich mir automatisch unser Lehrerzimmer vorstellen. Eine Durchsage fordert alle Kollegen auf, sich zu einer außerordentlichen Dienstversammlung ins Lehrerzimmer zu begeben und dort würde uns dann der Schulleiter diese grausige Mitteilung machen.  Verwirrt musste ich feststellen, dass das selbst an meiner Schule noch nicht passiert ist. Trotzdem ging ich im Geiste alle Kollegen durch und überlegte mir ihre Reaktionen. Die hängen natürlich von dem Freundschaftsgrad ab, in dem man mit dem Opfer stand. Alle wären entsetzt, einige würden weinen. Gäbe es nach dieser Mitteilung noch Unterricht? Würde man den Mord auf ihre oder seine schlechte Klassenführung oder unzureichende Methodenvielfalt zurückführen?

In dem Roman ging es natürlich – hätte man sich ja gleich denken können – um Erpressung. Sex gegen gute Noten und viel „unter Druckgesetze“. Gibt es das wirklich? Noch nie habe ich im richtigen Leben davon gehört. Aber schon oft war das ein Thema in Büchern oder in Filmen. Was sollen denn das für Lehrer sein, die sich die jungen Mädchen gefügig machen und ihnen dann die Noten hochsetzen? In meinem Kollegium sehe ich da auch nicht ansatzweise einen potenziellen Kandidaten. Ich war ja in meinem Berufsleben schon an vielen – ganz unterschiedlichen Schulen – aber noch nie traf ich an der Kaffeeamaschine einen, von ich mich mir auch nur eine Affaire mit Nastasia Kinski hätte vorstellen können. Nun unterrichtet bei uns auch kein George Clooney oder eine Kate Blanchet. Und unsere Schüler gehen ja auch nicht zur Schule, weil sie unbedingt so scharf auf gute Noten sind, sondern weil sie müssen und weil sie dort ihre Freunde treffen. Für unmoralische Tauschgeschäfte sind das nicht gerade gute Voraussetzungen.

Aber an der Schule in dem Buch war das wohl ganz anders. Interessant war, wie dieser Lehrer beschrieben wurde, bevor man seine dunkle Seite ans Tageslicht zog. „Er war der beste Lehrer, den ich je hatte.“ „Einer, wenn nicht der fähigste Kollege an unserer Schule…“ Das muss so ein Superpädagoge gewesen sein, unglaublich. Eigentlich hätte mich ein Roman, über seine Unterrichtsmethoden mehr interessiert. Was hat ihn zu so einem Überlehrer gemacht? Tricks und Tipps hätte ich mir gemerkt und vielleicht sogar rausgeschrieben. Ich hätte das Buch zu jedem Geburtstag eines Kollegen verschenkt. In jeden Fall wäre mein Leseerlebnis von mehr Nachhaltigkeit geprägt gewesen. Aber so…am Ende klärt sich alles auf, die Töchter bekommen die teuren Jacken, der Vater die Gerichtsmedizinerin und ich ein schlechtes Gewissen, dass ich meine Zeit mit so einem Schund verplempert habe.

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16 Gedanken zu “Tod eines Lehrers

  1. Haha, ich kann mir nur vorstellen, wie manche unserer Mädels auf das Angebot „Sex gegen gute Noten“ reagieren würden.

    Lehrer (schmierig): „Also, Nadine, wenn du ein bisschen nett zu mir bist…“
    Nadine (entrüstet): „Ich bin doch kein Streber! Die Fünf reicht mir, das Fach brauch ich eh nie wieder, und außerdem will eh kein Mensch die Abiturzeugnisse wieder sehen, das sagt nämlich mein Freund UND der ist schon 19, der weiß sowas!“

    Wir hatten übrigens den Tod eines Kollegen schon. Das ist schon sehr, sehr beklemmend, wenn’s im Lehrerzimmer plötzlich ganz still wird und den befreundeten Kollegen die Tränen in den Augen stehen.
    Wünsch ich keinem.

      • Der Tod war unerwartet, mysteriös und blieb ungeklärt.
        Also nix „Naja, er war eh schon immer ein bissi blass…hab ich’s mir doch gedacht, es ist [insert disease of choice]!“

        Sonst wurde eigentlich noch nicht gestorben, seit ich dort bin. Das muss ein gutes Zeichen sein.

  2. Liebe Frau Freitag,

    das erwähnte Buch hat es auch in mein Bücherregal geschafft und von da dann auch schnell wieder raus. Ich meine, sicher, als Menschen, die selbst Lehrer sind, haben wir stets ein ausgeprägtes Interesse daran themenbezogene Bücher zu lesen. Aber mal ganz ehrlich:
    Wenn es schon mit einem so wunderbaren Lehrer anfängt, der durchweg überall beliebt ist, den sowohl die Schüler als auch die Lehrer nahezu anbeten- da ist doch klar, dass was im Argen liegt. Dann dieses ständige Hin und Her, wer jetzt mit wem geschlafen hat; um Himmels Willen, die Botschaft ist angekommen.
    Das neuste Buch in die Richtung in meinem Regal ist „Und nebenbei ein toter Lehrer“, das mir ein Freund mitbrachte („Du stehst doch auf sowas.“) und welches ich mit Freude gelesen habe, auch wenn manch eine Stelle etwas langatmig erschien. Aber hier ist das, was ich von dem anderen Buch mir auch erwünscht hätte, eine Beschreibung von dem Schullalltag, wie er stattfindet, schon mit großen und kleinen Tragödien, Zickereien, Mobbing, Neid und ähnlichem, aber nicht dieses Schwarz/Weiß-Gemale, das von all jenen immer erwartet wird, die sich mit dem Thema nicht auskennen oder die Schule nur aus ihrer eigenen Zeit als Schüler in Erinnerung haben.

    Es grüßt ganz lieb,
    Shannon

    P.S.: Hier ist die Geschichte mit dem Sich-gegenseitig-erpressen übrigens andersherum. Lstig, lustig, dass wir sowas scheinbar immer brauchen. Aber warum in jedem Kollegium in einem Buch mindestens eine Lehrerin gibt, die entweder mit dem Hausmeister oder dem Direktor eine Affäre hat, fragt ja schließlich auch keiner mehr.

    • Genau diese Buchalternative wollte ich auch gerade warm empfehlen. Besonders nett ist der häufige Perspektivwechsel durch Tagebucheinschübe einer Neuntklässlerin. Der hat auch dem Herrn Rau gut gefallen, von dessen Blog ich den Lesetipp habe.

  3. Von einer Lehrerin, die sich außerdem zu ihrer Rechtschreibschwäche bekennt!
    Muss ja nicht jeder Deutschlehrer werden!
    Übrigens ist kein Mensch in der Lage die deutsche Orthografie vollständig zu beherrschen.
    Wenn wir eine andere Fehlerkultur hätten, dann würden sich hier alle fragen, warum in aller Welt, das eine tot so und der Tod so geschrieben wird.
    Gibts nämlich keine logische Erklärung für!
    Aber stattdessen – üh, Fehler von einem Lehrer!, geht ja gar nicht, üh, üh,…
    Wo gearbeitet wird, passieren auch Fehler und ich mag Fehler!
    Was ich gar nicht mag, sind Leute, die meinen sie hätten keine Fehler und machten auch keine!!
    In diesem Sinne

    tot straks

    • @Remington: Naja das erklärt es noch nicht wirklich. Es gibt bei der Rechtschreibung viele verschiedene, teilweise widersprüchliche Prinzipien, und hier geht es um die Deklination:
      Der Genitiv vom Substantiv „Tod“ lautet „des Todes“.
      Formen des Adjektivs sind „tot“, „toter“, „tote“.
      Dabei soll vermieden werden, dass dasselbe Wort in einer anderen Form anders geschrieben wird – auch wenn es phonetisch zwischen „Tod“ und „tot“ keinen Unterschied gibt. Vielleicht hilft es ja manchen, wenn sie sich überlegen, welche Formen ein Wort noch hat oder was man ableiten kann (wie bei Rad – Räder oder Rat – jmdm. etw. raten).

      Und zur Fehlerkultur: Ich finde, man sollte nur kommentieren bzw. nachfragen, wenn man etwas nicht versteht. Das dürfte bei „Tod“ oder „tot“ kein Problem sein. Schmerzensbekundungen sind nicht hilfreich, höchstens überheblich.

  4. Ach, nee…
    Eine logische Erklärung ist das nicht. Eher so warum-darum-mäßig, aber trotzdem danke für die schnelle AUFklärung. 🙂

    tot straks

  5. Och, Affären gibt es immer. Zwischen Kollegen (öfters) , zwischen Kollegen und Oberstufenschülerinnen (selten , aber ich kenne Fälle, die zur Heirat führten) und Kolleginnen und Oberstufenschüler (sehr selten).
    Aber von Erpressung habe ich noch nie gehört.

    „Bester Lehrer alle Zeiten“ Naja, ich erinnere mich noch unseren Lehrer Dr. Specht aus dem Fernsehen. Der hatte nur Klassen mit 10 Schülern und da hielt er Monologe. Tafelanschrieb: pfffft. Bei Problemen, also eigentlich immer, ist er sofort mit dem Schüler auf den Flur und die anderen haben ruhig weitergearbeitet.
    Wer jetzt noch nicht grinst, ist kein Lehrer.

    • bei mir sind sowieso schon mehr schüler auf dem flur als im unterricht. aber wenn der rest mit dem arbeiten gar nicht erst anfängt, dann wird das mit dem weiterarbeiten auch schwer. und „ruhig“ was ist das? vielleicht etwas, das ich erlebe, wenn ich TOT bin.

  6. Doch gibbet – habs beim Abi-nachmachen in meiner Klasse erlebt. Was für ein A*** . Alle haben es gewusst, aber da seine „Freundin“ in seinem Pflichtfach grottenschlecht war, haben wir alle den Mund gehalten, damit sie durchkommt.
    Zwei Tage nach dem Abschluss hat er sich von ihr getrennt. Später hab ich gehört, dass er im nächsten Schuljahr wieder „erfolgreich“ war.
    Machtbesessen, manipulativ und sowohl fachlich als auch pädagogisch ein schlechter Lehrer. Mehrfach strafversetzt aber Beamter. Keiner hat getraut, keiner konnte ihm direkt was nachweisen und viele haben es gewusst oder geahnt…..

    Erpressen konnte den wohl keiner denn dazu gehört jemand der ein Unrechtsbewusstsein hat und irgendjemand den die erpresste Tatsache noch schockiert.

  7. @horstmann:
    Solche Typen gibt es. Wenn das Mädchen eine eindeutige Aussage bei der Schulleitung oder der Bezirksregierung gemacht hätte, sie war seine Schutzbefohlene, und da hilft keinbe Volljährigkeit, wäre er weg vom Fenster.

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