Einfach mal die Realität annehmen!

Frau Dienstag hat Recht: All die Probleme und Katastrophen, die uns täglich auf der Arbeit begegnen SIND UNSERE ARBEIT. Das muss ich einfach mal einsehen. Meine Arbeit beginnt nicht, erst, wenn ich den Idealzustand erreicht habe, der eigentlich eine Illusion ist, die ich nie erreichen werde. Seit Jahren renne ich – und wahrscheinlich der größte Teil meines Kollegiums – der Vorstellung hinterher, dass wir uns nur richtig anstrengen müssten und dann hätten wir irgendwann eine liebe ruhige Klasse, die unbedingt was lernen will vor uns sitzen. Da wir – egal was wir auch versuchen – diese Traumklasse nie vorfinden und die vorhandenen Schüler nie zu dieser Streber-Truppe machen können, sind wir täglich frustriert. Anstatt jetzt pragmatisch zu sagen: „So sind unsere Schüler eben und nun müssen wir das Beste draus machen…“ denken wir ständig: „Wieder keiner die Hausaufgaben gemacht, die müssen erstmal auf Spur gebracht werden, die werden immer schlimmer…“

Frl. Krise sagte mir schon vor Jahren: „Wir können uns die Schüler nicht backen und müssen eben mit dem arbeiten, was wir bekommen.“ Das heißt jetzt natürlich nicht, dass wir nicht täglich versuchen sollten ihnen so viel wie möglich beizubringen. Aber wir sollten aufhören – ich jedenfalls – dauernd zu denken, dass ich erstmal so eine Art Idealzustand herstellen muss. Wenn ich das nicht mehr machen würde und die Schüler wirklich so sehen würde, wie sie sind, mit all ihren Defiziten, aber auch ihren Kompetenzen, dann würde ich wahrscheinlich viel zufriedener nach Hause gehen.

Ein Lehrer, der an einer gut funktionierenden Schule arbeitet geht selbstverständlich davon aus, dass ihm täglich Schüler gegenübersitzen, die etwas erreichen wollen und deshalb willig sind von ihm etwas zu lernen. Ich sollte eigentlich wissen, dass wir an unserer Schule nur sehr wenige Schüler mit einer solchen Einstellung haben und trotzdem gehe ich jeden Tag zur Schule, stelle mich da vorne hin und denke, so, nun bringe ich euch was bei und bin dann immer wieder überrascht, wenn sie darauf keinen Bock haben. Ein Arzt erwartet doch auch nicht, dass plötzlich nur noch gesunde Leute in seinem Wartezimmer sitzen.

Super, ich glaube, ich bin gerade einen Riesenschritt in Richtung totale Glückseeligkeit gegangen. Mit dieser neuen Erkenntnis entferne ich mich doch kilometerweit vom drohenden Burn-Out. Ich werde die Schüler einfach so sehen wie und sie dort abholen wo sie sind. Keine falschen Vorstellungen mehr! Die sind nicht die Elite des Bildungssystems! Werden sie auch noch lange nicht sein. Ihre Verpeiltheit liegt nicht an mir. Meine Arbeit ist eine ganz andere als die in Salem. Nicht besser oder schlechter, sondern einfach anders. Wenn ich das wirklich verinnerlicht habe, dann dürfte doch eigentlich nichts mehr schief gehen.

Vielleicht brauche ich dann diesen Blog auch gar nicht mehr. Vielleicht bin ich dann so glücklich, ausgeglichen und zufrieden, dass ich gar nichts mehr habe, über das ich mich hier auslassen könnte. Welch‘ herrliche Zukunftsaussichten!

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4 Gedanken zu “Einfach mal die Realität annehmen!

  1. Liebste, beste Frau Freitag!
    Jetzt mal ehrlich! Waren sie nicht schon 5-7 mal an diesem erkenntnispunkt? Mir ist so, als ob…….
    Vielleicht muss ja auch der lehrkörper das spiralcurriculum immer wieder durchlaufen….
    Ich gestehe, auch ich irre immer wieder im labyrinth der pädagogischen
    vorstellungen herum, so frei nach Goethe: das maultier sucht im nebel seinen weg.

  2. Übrigens: Es funktioniert tatsächlich!

    (Ich stand schon des öfteren vor Studenten, die da auch nur saßen weils nunmal Pflichtveranstaltung war… bzw. dann irgendwann nicht mehr da saßen. Schon frustrierend, wenn man vor 3 Leuten steht, wenns eigentlich mindestens 20 sein müssten. Letztlich „räche“ ich mich dann an den Abwesenden, indem ich für eben diese 3 eine besonders gute Vorlesung mache 🙂 Dann gehen wenigstens diese 3 zufrieden raus – und ich auch.)

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