Fehlerkultur

Ich drücke mich seit Tagen erfolgreich darum, einen Haufen Arbeiten zu korrigieren. Also eigentlich soll ich sie nicht korrigieren, sondern durchsehen und zensieren. Leider besteht diese Arbeit nicht nur aus Multiple Choice-Aufgaben, sondern auch aus längeren Textpassagen. Die Schüler sollten sich zu einem bestimmten Thema äußern. Das sieht dann so aus, dass sie – unter enormen Zeitdruck- alles hinklieren, was ihnen zu diesem Thema einfällt. Sie denken vorher nicht nach, machen sich auf keinen Fall erst Notizen oder Stichpunkte, was sie eigentlich mitteilen wollen, sondern schleudern einfach alles aufs Papier. Von dieser Anstrengung sind sie dann so geschwächt, dass sie ihre Texte nicht noch einmal durchlesen können. Ich zitiere hier wieder Frau Dienstag: „Ich fühle mich wie ein Kanalarbeiter, der sich durch ihre Scheiße wühlt.“

Ich kann den Schülern noch so oft sagen, dass sie sich die Aufgaben genau durchlesen sollen und dann wirklich nur das hinschreiben sollen, wonach ich gefragt habe. Sie hauen mir doch wieder den ganzen unverdauten Wust an Fakten um die Ohren, den sie noch irgendwo in ihren Hirnen rauskramen können. Und was soll ich dann damit machen? Auf einer Seite Text steht dann zu 90% Murx und nur zwei Sätze beantworten die gestellte Frage. Ist dass dann fast richtig? Total falsch? Netter Versuch, leider daneben? Ich umkringele die zwei richtigen Sätze und schreibe daneben, hier wäre die richtige Antwort gewesen. Die Falschheit der Fakten um diese Sätze herum zwingt mich allerdings dazu diese Aufgaben mit 0 Punkten zu bewerten. Ist fast richtig nicht eigentlich auch nur ein anderer Ausdruck für falsch? „Fast richtig“ sage ich ständig und meine aber „falsch“.

Beim Korrigieren erinnere ich mich daran, wie ich mich fühlte, wenn wir eine Arbeit zurückbekommen haben. Manchmal hat meine Deutschlehrerin an den Rand GUT! geschrieben. Darüber habe ich mich immer sehr gefreut. Früher stand auch immer noch ein persönlicher Satz unten drunter: Du hast dir viel Mühe gegeben… Deine Charakterisierung ist dir gut gelungen…Auch darüber habe ich mich gefreut. Aber was soll ich meinen Schülern unter eine Fünf schreiben? „Du hast dich zwar gar nicht bemüht, aber sieh‘ es mal so, es war ja erst die erste Arbeit und vielleicht lernst du für die nächste mal.“ oder „Du hast Glück, nach oben ist noch alles offen…“

Manchmal amüsiere ich mich über den Wirrwar, den die Schüler abgeben, aber meistens verfalle ich in ein wütendes Zwiegespräch mit dem Verfasser: „Oh Sabine, Sabine, was schreibst du da für einen Mist…Australien wurde doch nicht von Columbus entdeckt…“ „Super Sercan, das wird dann wohl wieder eine Sechs, warum hast du denn nicht wenigstens versucht die Schreibaufgabe zu machen…?“ Irgendwie sind einem die Schüler dann ganz nah. Wenn ich ihre kleinen kritzeligen Handschriften sehe, das hektische Durchgesstrichene, der daneben geschriebene zweite Versuch, der genauso verquer ist, wie der erste. Die Fahrigkeit am Ende der Arbeit, wenn sie dermaßen unter Stress geraten, dass die Handschrift immer größer wird und die Rechtschreibung jegliche Dinglichkeit verliert.

Ach es nützt doch alles nichts, ich muss mich jetzt einfach hinsetzen und die Arbeiten durchsehen und sie zensieren. Gibt mir ja auch immer ein enormes Gefühl, etwas geschafft zu haben, wenn ich alles zensiert habe und die Noten in mein Zensurenheft eintrage. Dann muss ich mich nur noch um die Nachschreiber kümmern und mich wieder dafür entscheiden, dass ich ihnen wohl diesmal wieder keine andere Arbeit konzipieren werde. Obwohl ich das jedesmal wieder ankündige. Diese ewigen Nachschreiber…wie ich die hasse…aber das ist nochmal ein ganz anderes Thema.

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6 Gedanken zu “Fehlerkultur

  1. Also, ich kann mich erinnern, dass wir das alles in der Schule geübt haben: nämlich das _wie_ man eine Aufgabenstellung löst. Macht Ihr sowas denn nicht in der Schule — üben, wie man eine solche Aufgabe beantwortet, wie man vorgeht, wie man Information filtert. Wäre doch mal eine tolle Aufgabe für das Lehrpersonal, das auszuprobieren, vielleicht auch, wenn es um Klassenarbeiten geht, einfach mal mit einem anderen Format, das den SchülerInnen genug Zeit gibt, eine vernünftige Antwort zu schreiben.

    Wäre vielleicht mal ein anderer Ansatz — aber immer noch besser als haufenweise Sechser unter die Arbeiten zu schreiben.

    So long,
    Corinna

  2. Ergänzung zu:
    „Ich zitiere hier wieder Frau Dienstag: „Ich fühle mich wie ein Kanalarbeiter, der sich durch ihre Scheiße wühlt.“ “
    Ja, das habe ich gesagt, aber fraufreitag hat es aus dem Zusammenhang gerissen, denn der Satz geht weiter: „…und auch diese Arbeit muss verantwortungsvoll erledigt werden, damit das Kanalsystem funktioniert.“
    Öffentlich entschuldigen möchte ich mich hier ganz ausdrücklich für die unpassende Verwendung von Fäkalsprache……(mann, fraufreitag ich hab gesagt, du sollst das nicht veröffentlichen)

  3. Ach Mahlzahn……seufz….!
    für wie doooooof halten sie uns denn eigentlich……? Was glauben sie, was wir den lieben langen tag so tun in der schule?

  4. Na ja, ehrlich? Frau Freitag jammert, dass die SchülerInnen hektisch nur Müll auf ihre Fragen antworten. Und da frage ich mich halt: hat sie ihnen denn nicht beigebracht, wie das richtig geht, wie man strukturiert, dass man vorher Stichworte und Notizen macht und dann selektiert? Nicht nur Inhalte gepaukt, sondern das Wie mache ich das? Und warum nimmt man immer wieder die gleichen Formate für Klassenarbeiten, wenn man doch eh schon weiß, dass die SchülerInnen das nicht peilen? Wäre es da nicht sinnvoller, das anders anzugehen?

    Ich wundere mich beim Lesen der — sehr spritzig und klasse formulierten — Texte halt manchmal, ob es da nicht noch andere Möglichkeiten gibt. So wie es jetzt ist, scheint es ja nicht zu funzen, und ich frage mich, ob da nicht auch innerhalb des bestehenden Systems auch was möglich wäre.

    So long,
    Corinna

  5. Wisst ihr, was RICHTIG gruselig ist?
    Ich arbeite an einer Uni (Fachbereich Informatik). Und ich hab alles das auch schon erlebt… bei der Korrektur unserer Klausuren!
    Kein Zeitmanagement, keine Struktur in Texten, „suchen Sie sich die richtige Antwort aus diesem Wortgitter“, „interpretieren Sie diese Zahl doch bitte selbst – ICH werde ganz bestimmt nicht dazu schreiben, wie ich das gemeint hab“.

    Meine Studis sind Menschen, die (i.d.R.) nicht aus sozialen Brennpunkten kommen – und trotzdem können sie es nicht.
    Bleibt die Frage nach dem Warum?
    – Es war schon immer so, es fiel mir nur nicht auf (ich selber kanns ja – was mich zu der These bringt „die, dies können, werden Lehrer“)
    – Es wird immer schlimmer, weil in der Schule keine Zeit für Methodisches Arbeiten ist
    – Es kommt mir nur so vor als ob es immer schlimmer würde, weils mich immer mehr nervt
    – alles das
    – was ganz anderes?

  6. Nicht immer müssen alle Alles können, nicht alle müssen in allen Arbeiten Einsen schreiben. Jeder kann irgendetwas gut, manches weniger gut und einiges wird nie begriffen – in manchen Schülerpopulationen eben mehr als in anderen – Königswege sind hier noch zu finden – bis sie gefunden sind, gibt es schon wieder neue Probleme.
    Zweien, Dreien und Vieren sind gute bis ausreichende Noten und sie werden in jeder Klasse zu Hauf geschrieben. Mehr Beachtung finden halt die schlechten Noten, sie nehmen unserer Wahrnehmung eine überdimensionierte Stellung ein – und weil die liebe fraufreitag immer so schöne Texte für uns schreibt, hat sie auch das Recht, ohne Rücksicht und jedliche Relativierung ihrer Wahrnehmung, darüber zu schreiben und zu jammern und darüber Witze zu machen. Und da sie ja eh schon denkt, dass sie an allem Schuld ist, verschont sie mit Fragen, ob sie das oder jenes denn mit ihren Schülern nicht geübt hat …. natürlich hat sie es.

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