Heute: die Intergationsdebatte

Ich dachte, ich könnte mich an der unsäglichen Sarrazin-Debatte vorbeischlängeln und warten, bis es ein neues sexy Thema gibt. Aber das geht irgendwie nicht. Dauernd liest man darüber in der Zeitung, sieht was im Fernsehen oder  wird im Internet damit bombardiert. Also dachte ich mir heute morgen, auf dem Weg zur Arbeit: Frage ich doch mal die Schüler, was sie davon halten, ob sie überhaupt davon was mitgekriegt haben und wie sie zu der ganzen Sache stehen.

In der ersten Pause spreche ich Ferhat aus meiner Klasse an. Ob er diese ganze Diskussion über Integration verfolgt hätte. „Ja, das ist voll schwierig mit der Integration. Meine Mutter lernt Deutsch und arbeitet auch, aber sie bekommt keinen deutschen Pass.“ Ich: „Nein? Warum nicht? Du hast doch auch einen, oder?“ Ferhat: „Ja, schon lange. Mein Vater will nach ihr einen beantragen, aber bei ihr dauert das voll lange. Die Deutschen wollen das irgendwie nicht. Da müssten die Politiker mal mehr machen.“ Ich: „Ja. Stimmt. Kann denn deine Mama schon gut deutsch sprechen?“ „Ja, ist schon ganz gut. Ich spreche mit ihr immer zu Hause und dann übt sie.“ Ferhats Eltern kamen aus dem Libanon. Beide Eltern arbeiten, er sprecht sehr gut Deutsch und ein Kopftuch trägt er auch nicht….vielleicht ist er ja die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Und sein Vater ist Konditor, nicht mal Gemüsehändler.

In der nächsten Stunde versuche ich es wieder. „Hat von euch eigentlich jemand die Diskussion um Sarrazin mitbekommen? „Sarrazin?“ „Ja, Thilo Sarrazin. Weiß jemand wer das ist?“

„Sarrazin, ich weiß!“ meldet sich Yusuf  „Sarrazin ist doch so eine Säure.“ Ich: ???? Ich versuche ihnen zu erklären, wer Sarrazin ist, aber meine Bemühungen gehen in einem allgemeinem Gebrabbel unter, bis Ines sagt: „Frau Freitag, geben sie’s auf, Ihnen hört jetzt keiner mehr zu.“

In der letzten Stunde hatte ich dann Unterricht mit älternen Schülern und frage in eine herrliche Stille hinein: „Sagt euch der Name Sarrazin etwas?“ „Ja!“ ruft Lucy „Das geht es um Integration.“ wendet sich an ihre Mitschüler “ Das sollte euch interessieren.“ Jetzt sind alle ganz Ohr und lassen sich die groben Details von ihr erklären. Auch Baris hatte schon davon gehört und alle Schüler schienen sich bereits eine Meinung über die Integration  bzw. Nichtintegration gebildet zu haben. Ich frage, was sie davon hielten, wenn man den Eltern das Kindergeld kürzen würde, wenn ihre Kinder nicht in die Schule gingen. Zustimmung von allen. „Ja, das würde was ändern. Die Eltern werden dann voll sauer und dann kriegen die Kinder Stress.“ Ich frage, ob man auch Geld streichen sollte, wenn jemand nicht Deutsch lernen will. Alle sind sich einig, dass man Deutsch beherrschen muss, wenn man hier leben will, allerdings sagt Baris man sollte eher Anreize schaffen, als Geld abzuziehen. Salina sagt: „Mehr fördern, nicht immer nur fordern. Aber ist doch auch kein Wunder, dass die türkischen Frauen hier kein Deutsch lernen, das brauchen die ja gar nicht, hier ist doch alles auf Türkisch. Die sprechen ja jeden hier auf türkisch an.“ Baris: „Ich gehe neulich in eine Dönerbude und fragt der den auf türkisch was er essen möchte. Dabei war mein Freund blond und konnte auch kein Türkisch.“ So quaschen wir uns von der Ghettoisierung über den beidseitigen Irrglauben, der ersten Gastarbeiter Generation, „alle dachte die arbeiten hier nur und gehen dann wieder nach Hause…“, bis hin zu „die Schüler sehen halt in der achten und neunten Klasse noch nicht, dass sie was lernen müssen, damit sie später einen guten Beruf bekommen, die wollen halt jetzt Fun haben.“ Lucy sagt, dass man es mit einem ausländischen Namen später schwer hätte einen Job zu bekommen. Ich gebe zu bedenken, dass in vielen Bereichen gerade Menschen mit Fremdsprachenkenntnissen besonders gefragt seien. Baris sagt, man müsste mehr Lehrer mit Migrationshintergrund haben. Genau meine Meinung. Ich frage ihn sofort, ob er nicht Lehrer werden möchte. Möchte er leider nicht.  Aber genau diese Kinder bräuchten wir. In den Schulen, als Lehrer, im Jugendamt, im Jobcenter, in den Ausbildungsbetrieben…überall.

„Baris, warum willst du nicht Lehrer werden….guck mal die ganzen Ferien. Lehrer ist echt ein toller Beruf. Ist easy und mach Spaß.“ Da lachen die Schüler immer und zeigen mir einen Vogel. „Lehrer!!!!! Niemals!!!!“ Und sie wissen ja am besten, wovon sie sprechen.

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Ein Gedanke zu “Heute: die Intergationsdebatte

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