Nicht alle sind Hirntote

Wenn ich meine Einträge und die Kommentare lese, dann befürchte ich, dass meine Schüler wie die absoluten Hohlbirnen wirken.  Das sind sie aber nicht. Wirklich nicht! Ich betone an dieser Stelle ausdrücklich, dass ich sehr viel von meiner Schülerschaft halte, sie teilweise dafür bewundere, was sie täglich leisten und wie gut sie sich zum größten Teil in unserem antiken Schulsystem entwickeln. Nie würde ich auch nur einen oder eine aus meiner Klasse mit einem ehrgeizigen wohlerzogenem Gymnasiasten eintauschen wollen. Denn sie können mich jeden Tag aufs Neue überraschen. Im Positiven und leider auch im Negativen. Langweilig ist es zum Glück nie. Das kann wahrscheinlich nicht jeder von seinem Arbeitsalltag sagen. Und anstrengend sind wahrscheinlich die meisten Jobs. Aber für die Schüler ist die Schule ja auch anstrengend. Ich würde nicht mal eine Woche als Schüler aushalten. Die haben so unheimlich viele Stunden und die müssen sich alle 45 Minuten auf einen neuen Irren einstellen. Der eine will dies, der andere regt sich darüber auf. Neulich habe ich mit meiner Klasse über Schüler gesprochen, die nur über das Internet unterrichtet werden. Ich fand es super und dachte, sie wären begeistert, von der Vorstellung jeden Tag zu Hause zu bleiben. Sie fanden es furchtbar und stellten fest, dass es zu langweilig sei und dass sie eigentlich gerne zur Schule gehen. Dort treffen sie ja auch ihre Freunde und dort ist ja auch immer was los.

Man darf auch nicht vergessen, dass die Schüler sich in der Hochphase der Pubertät befinden. Die normalisieren sich auch wieder und werden dann später auch wieder ruhiger und zuverlässiger. Wahrscheinlich haben wir – besonders an Schulen wie unserer – einfach die falsche Idealschülerschaft vor Augen. Wir gehen immer von Standarts aus, die wir einfach mal vergessen sollten. Der ideale Schüler ist bei uns ein heiliger Allesmitmacher, den es wahrscheinlich nicht mal an den elitärsten Gymnasien gibt. Wir (ich auch) sollten einfach mal anfangen die Schüler so zu sehen, wie sie sind und uns dann überlegen, wie wir sie am besten auf ihr späteres Leben vorbereiten können. Nicht immer aufregen, wenn fünf Leute zu spät kommen, sondern sich darüber freuen, dass der Rest pünktlich war. Nicht darüber meckern, dass sie so schlecht Deutsch sprechen, sondern stolz darauf sein, bilinguale Schüler zu unterrichten. Nicht mulitikulti sondern cosmopolitisch oder international sind unsere Schulen. Warum ist Französisch immer besser als Arabisch, Italienisch höherwertig als Türkisch? Welcher Lehrer ist mit seiner Familie in ein anderes Land gezogen und muss sich täglich in zwei Kulturen bewegen?

Ach,  theoretisch ist das doch alles ganz einfach, aber in ein paar Stunden stehe ich selbst wieder vor irgendeiner Klasse und rege mich darüber auf, dass sie keine Hausaufgaben gemacht haben.

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14 Gedanken zu “Nicht alle sind Hirntote

  1. Na ja, Du warst diejenige, die die Schüler als Hirnlose bezeichnet hat, wenn auch mit dem Hinweis, dass das überspitzt sei — ein besonders positives Licht zeichnest Du von ihnen jedenfalls nicht. Hab‘ mich eh schon gewundert, ob Du keine Sorge hast, dass mal einer von ihnen Dein Blog entdecken könnte.

    So long,
    Corinna

    • da mache ich mir erstmal gar keine sorgen, solange meine einträge so lang sind wird sich keiner die mühe machen soviel zu lesen. aber jetzt mal nicht so zynisch, ironisch und gemein, ich denke, dass die schüler genug humor aufbringen würden darüber zu lachen.

  2. „Nie würde ich auch nur einen oder eine aus meiner Klasse mit einem ehrgeizigen wohlerzogenem Gymnasiasten eintauschen wollen“

    Das könnte schon deshalb nichts werden, weil wir Gymnasiallehrer die nicht hergeben. Die wenigen Exemplare, die es davon noch gibt, wollen wir nämlich selbst behalten.

    • kann ich verstehen und ich bin mir sicher, so easy wie ich mir das an den gymnasien vorstelle ist es wahrscheinlich nicht. und ihr habt ja auch noch die eeeeeltern, die sich einmischen, das kann bestimmt gut aber auch anstrengend sein…nix für ungut ihr gymnasiallehrer!

  3. Pingback: So ist’s in der Schule… « pampa a.k.a. heide

  4. Muss es nicht „Standard“ heißen? oder ist „Standart“ inzwischen auch richtig? Interessiert mich wirklich, könnte eine Lehrerin ja wissen 🙂

    • weiß sie auch. sagt sie aber nicht. du hast ein falsches verständis vom rollenbild des lehrers. ein lehrer ist immer nur prozessbegleiter. er begleitet die schüler auf dem weg zur selbstständigkeit. nun gehe also hin und sieh selbst im duden nach.

      pS: in escht wird dis mit d geschrieben. aber ich schreib wie ich will. rechtschreibung ist total überbewertet. sonst würde sie sich doch nicht ständig verändern…

  5. Was läuft hier für ein diskurs seit ein paar tagen?

    Geht es darum, wer die kinderversteherin ist?………. .(Ist es Frau schröder, kinderlos (das ist nicht iiih, sondern ihnen fehlt einfach, mit verlaub gesagt, ein segment an erfahrung) ? Sie weiß also, wie man kinder in der schule glücklich macht, klar, jeder, der mal schüler war, ist bildungsexperte

    Geht es darum, ob weltbilder von promis wichtiger sind als die von normalos…….( Mich läd keiner in die talk shows ein, obwohl ich nach 36 Jahren schuldienst einiges und zwar sehr differenziert dazu sagen könnte u. durchaus nicht nur gutes für die regelschule….)

    Gehts es um die frage, wer sind die besseren lehrer, die an den freien schulen oder die an den knebelschulen, äh regelschulen…………………..(hätte ich auf eine stelle an so einer nenaschule gewartet, wär ich wohl verhungert und ehrlich gesagt: promikinder und deren freunde sind mir unlieber als meine bildungsfernlinge!)

    Frau sandra schröder!
    Um was gehts ihnen? Sie haben ja selbstkritisch gemerkt, sie könnten sich uns nicht verständlich machen…..
    Aber ich nehme es ihnen nicht übel, ich war mal in ihrem block und nun könnte ich auch einiges bemerken, z.B. über losungen, die ich da las. Ich durfte ja auch mit vielen losungen in einer klosterschule groß werden, aber ich betrachte mich nicht als Losungsexperten…………ich schweige lieber.. …Gott steh mir bei!

    Frl. krise

  6. Schade, daß Sie nur auf meinem Blog waren und nicht auf den anderen von mir verlinkten Seiten 😉
    Als studierte evangelische Theologin würde ich es in einer Diskussion tunlichst vermeiden, meinen nicht-theol.-studierten Gesprächspartnern mehr oder weniger unterschwellig ihren „Laien“-Status vorzuhalten. Wir haben nämlich das Priestertum aller Gläubigen. Man wird sich ja wohl auch ohne die entsprechenden Uni-Zeugnisse einen Kopf machen dürfen.
    Einiges sollte eigentlich schon in den letzten Kommentaren deutlich geworden sein. Meine Frage: Warum bereitet das Lernen in der Schule so viel Unlust, daß die Schüler sogar mit Flucht (Schwänzen) reagieren, warum ist es so ineffizient, da das meiste eh wieder vergessen und in der Praxis nicht angewandt werden kann? Warum kann die Schule das Interesse für eigentlich ja im Grunde spannende Themen nicht wecken? Sollte man da nicht gucken, ob es vielleicht systemimmanent grundsätzliche psychologische Hemmnisse gibt und schlichtweg gehirn-un-gerechte Methoden? (z.B. wird beim Sprachenlernen ja immer noch aufs Vokabelpauken und Grammatikregelpauken gesetzt, obwohl das ja nichts bringt.) Gerade zu dieser Problematik hat die von mir hier verlinkte Frau Birkenbihl viel Bedenkenswertes gesagt und Lehrerpilotgruppen initiiert. Und diese ganzen freien, alternativen wie auch immer Schulen, zu denen ich mich aus Unkenntnis eigentlich nicht äußern möchte, versuchen doch auch darauf eine Antwort zu finden.

  7. ****Als studierte evangelische Theologin würde ich es in einer Diskussion tunlichst vermeiden, meinen nicht-theol.-studierten Gesprächspartnern mehr oder weniger unterschwellig ihren „Laien“-Status vorzuhalten.

    Es ist aber ein Unterschied, ob man Erfahrung im Umgang mit SchülerInnen hat, oder nur darüber redet. Ich meine, ich habe natürlich auch meine Meinung zum Thema Schule, aber die stützt sich allein auf mein Interesse am Thema Bildungsreform _und_ meine Beobachtungen an den Schulen meiner Kinder. Ich würde also tunlichst nicht in der Direktion vorsprechen, um den LehrerInnen dort zu erzählen, wie es richtig geht.

    ****Meine Frage: Warum bereitet das Lernen in der Schule so viel Unlust, daß die Schüler sogar mit Flucht (Schwänzen) reagieren, warum ist es so ineffizient, da das meiste eh wieder vergessen und in der Praxis nicht angewandt werden kann? Warum kann die Schule das Interesse für eigentlich ja im Grunde spannende Themen nicht wecken? (…)

    Tut oder versucht die Schule das denn nicht?

    Schule ist nicht unbedingt ineffizient, nur weil man vieles wieder vergisst — die Frage ist (finde ich), was man _wirklich_ lernt? Meiner Meinung nach ist sind neben ein bisschen Allgemeinwissen eben wichtige Strategien der Problemlösung, die man da lernen kann.

    Meine Gegenfrage ist: darf man den SchülerInnen (und deren Eltern) nicht auch ein bisschen Eigenverantwortung abverlangen?

    Sicher gibt es viel zu tun und zu überdenken — aber das bringt es auch nur, wenn das Elternhaus mitspielt. Und es ist meiner Meinung nach nun mal die v.erdammte Pflicht eines jeden Elterns, den Kindern den Traum auf den Weg mitzugeben, etwas aus seinem Leben machen zu wollen, aber auch das Wissen, dass er ihnen nicht zufliegen wird! Da würde ich mit der Bewusstseinsbildung ansetzen.

    Alles das, was Du anregst, die alternativen Modelle etc. — die kommen nämlich wieder nur den Kindern zugute, die ein bildungsinteressiertes Elternhaus haben, denn die interessieren sich überhaupt für so etwas.

    So long,
    Corinna

  8. Ganze Ursachenbündel kann man da festmachen, denke ich, von systemimmanenten Schwierigkeiten über „miterziehende Medien“ über…über…über.
    Eines passiert aber nicht (auch nicht an Montessorischulen): dass jeder jedes Thema spannend findet, solange es nur von einer Lehrperson „spannend“ (was ist das denn, bitte?) eingeführt wird. Wenn wir – wie der Gesetzgeber das vorsieht – allen Schülern alle Fächer vermitteln sollen, und zwar gleichzeitig 30-33 Schülern, wir es sich nicht vermeiden lassen, dass jeder irgendwo ein Thema hat, das er personlich furchtbar öde findet, egal, ob mit oder ohne spannender Aufbereitung.

    übrigens kann man argumentieren, dass es auch ein Lernergebnis sein kann, dass man sich hinsetzt und etwas lernen kann, das man nicht so dolle spannend findet. Und dann kann man’s. Aus purer Willenskraft und mit viel Sitzfleisch, jawoll. In dem Buch „Die Überflieger“ legt der Autor dar, dass der Unterschied zwischen Spitzenleistung und so-la-la großteils von der Anzahl der investierten Stunden abhängt. 10.000 Stunden Üben macht einen – fast – zum Genie. Keiner kann mir erzählen, dass das alles lustvoll verbrachte Stunden waren! Und trotzdem ist das Endergebnis befriedigend für den Übenden!

  9. Zitat: „[…] warum ist es so ineffizient, da das meiste eh wieder vergessen und in der Praxis nicht angewandt werden kann?“
    Vergessen wird es deshalb, weil es nicht angewendet wird, und es wird nicht angewendet, weil es nicht angewendet werden MUSS.
    Braucht man als z.B. Physiker wirklich z.B. enorme grammatikalische Kenntnisse der französischen Sprache?!

    Tut mir leid, dass mein Kommentar so spät ist, ich hab diesen tollen Blog erst vor Kurzem entdeckt 🙂

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