Das Handy ist kein Herzschrittmacher!

„Niemand nimmt mir mein Handy ab! Niemand!“

„Aber wenn Frau U. sagt, du sollst ihr das Handy geben, dann musst du das auch machen!“ sage ich – betont ruhig und recht nett. Frau U. steht neben mir. Sie unterrichtet in meiner Klasse Physik und bekommt kein Bein auf den Boden. Das Klingeln von Sabines Handy – mitten in der Stunde – war heute nur das I-Tüpfelchen auf diversen Physikkatastrophen. „Ich geb‘ mein Handy aber nicht ab. Mir egal. Ich brauche mein Handy immer bei mir. Ich kann ohne mein Handy nicht leben!“ Frau U.: „Ich hatte Sabine zur Schulleitung geschickt. Weil sie sich weigerte das Handy abzugeben.“

„Sabine warst du beim Schulleiter?“ frage ich sie. „Was sollte sie da?“ frage ich mich.

„Nein. War ich nicht.“ Ich: „Warum nicht?“ Sie: „Was sollte ich da?“ Ich: „Tja, also…?“

Frau U. in triumpfgefärbtem Ton: „Über das Handyverbot sprechen und über deinen Verstoß gegen die Schulordnung.“ Sabine: „Ich gebe mein Handy niemandem. Nicht mal dem Schulleiter!Ist mir doch egal, was in der Hausordnung steht.“ Ich gucke Frau U. an, dann Sabine: „Also pass auf. Du hast jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder du gibst Frau U. jetzt das Handy und wenn du dich in der nächsten Stunde gut verhälst bekommst du es vielleicht zurück…“ Ich grinse kurz Frau U. an, die ist mittlerweile versteinert. „…oder der Schulleiter muss dich in der nächsten Stunde aus dem Unterricht holen und dir dein Handy abnehmen und das hat dann natürlich noch weitere Konsequenzen…Suspendierung, Anruf zu Hause, Tadel…“ Sabine guckt auf den Boden. Grimmig. Wer Sabine kennt würde ihr niiiiieeeee ein Handy oder überhaupt irgendetwas abnehmen. An ihr kann man kein Exempel statuieren. Sie ist stur und eigensinnig und man darf sie nicht zur Feindin haben. Ja, man darf das nicht und man will es eigentlich auch nicht und man muss es auch gar nicht. Sabine ist eigentlich ein sehr vernüftiges Mädchen. Cool und stark, sehr ehrgeizig, aber eben auch stur.

„Ich gebe mein Handy nicht ab.“ sagt Sabine und geht, ohne uns noch einmal anzusehen weg.

„Tja Frau U. was nun?“ Ich bezweifle, dass der Schulleiter Sabine in der folgenden Stunde im Unterricht besuchen wird. Das war wohl meinerseits etwas zu hoch gepokert, aber etwas Besseres viel mir nicht ein. Warum ist Frau U. auch so unsensibel und läßt sich auf so einen doofen Konflikt ein. Jeder Konflikt mit Handys ist echt nervenaufreibend.

Als wir uns gerade umdrehen wollen, um ins Lehrerzimmer zu gehen, steht plötzlich Sabine vor uns. Sie sieht und nicht an, steckt mir aber wortlos das Handy in die Jackentasche und rennt weg. Ich überreiche es glücklich strahlend Frau U.: „Wenn sie sich jetzt in der nächsten Stunde benimmt kannste ihr das Handy ja wiedergeben. Würde ich jedenfalls machen…aber das musst du entscheiden.“

Zufrieden gehe ich eine Rauchen. Manchmal kommt es eben doch anders als man denkt. Auch wenn es meistens schlimmer kommt..

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3 Gedanken zu “Das Handy ist kein Herzschrittmacher!

  1. Das sind so Situationen, vor denen ich mich auch ständig fürchte. Vor wenigen Tagen wieder zwei Schülern im Unterricht das Handy abgenommen. Sie bekamen es am Ende des Unterrichts wieder zurück, mit der Androhung, daß es beim nächsten mal ins Sekretariat / an die Schulleitung geht und dort dann am Ende der Woche abgeholt werden könne.

    Bisher hat das funktioniert, aber man steht schon hilflos da, wenn die Schüler einfach verweigern. Frau U. und ihr Verhalten kann ich aus der Ferne kaum beurteilen. In einer meiner Klassen kämpfe ich derzeit darum, das eine Bein am Boden zu behalten und nach Möglichkeit auch das zweite wieder an ihn zu bekommen. Manchmal liegt es echt an Kleinigkeiten, und in allen anderen Klassen funktioniert es.

    Bei Leuten wie „Sabine“ hilft es meiner Erfahrung nach enorm, wenn man sie ‚mal in aller Ruhe beiseite nimmt und mit ihnen redet. So ein Machtkampf vor anderen Lehrern/Schülern bedeutet immer mindestens einen Verlierer. Und verlieren möchte niemand, weder Lehrer noch Schüler.

  2. Spannender Beruf. Vielleicht haben wenigstens alle etwas daraus gelernt. Manchen Konflikten kann man wohl nicht aus dem Weg gehen, auch wenn sie nervenaufreibend sind. Aber man sollte sie sich schon bewusst aussuchen.

    (Offenlegung: Ich bin selber einer der Handyabnehmer an unserer Schule. Nicht in jeder Situation, aber doch manchmal.)

  3. Tja, was tun, wenn sie nicht eingelenkt hätte? Frau U. wäre auf ewig gebrandmarkt als nicht durchsetzungsfähig? Die SuS hätten danach auf den Tischen getanzt? Aber die angedrohten Sanktionen hättet ihr schon durchdrücken können, oder?

    mann, was bin ich manchmal froh, kein Lehrer zu sein… 🙂

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