Was war den heute mit denen los?

Heute war irgendwie der Wurm drin. In jeder Stunde meisterhaft abgekackt. Wirklich in jeder. Fing schon mit der ersten an. Ich schreibe einen Test, drei Leute sind beim Klingeln da, nach fünf Minuten kommen sechs gackernde Vollpupertärinnnen rein geflogen und kichern sich auf ihren Plätzen erstmal in aller Ruhe weiter aus. „Huch, Tschüch, Test, abo…wußtich nisch…mach nicht so…“ Habe ich aber gnadenlos weiter so gemacht und die konnten Zeugnis ihrer Unkenntnis ablegen. Alle einen Ausfall. Nach dem Test geht das heitere Gequatsche weiter. Ich will einen Text lesen, scheint keinen zu interessieren. Sie schlagen nicht mal das Buch auf. Ich warte, ich gucke böse, ich zerplatze innerlich, warte weiter…und dann setze ich mich hin: „Okay, so kann ich hier nicht unterrichten. Das kann nicht war sein, dass ihr hier so unruhig seid. Nicht in der ersten Stunde….“ Sie starren mich etwas ungläubig an. Huch, Metaebene?

Ich schleuder ihnen eine Moralpredigt entgegen, die sich gewaschen hat. Sie endet mit der Frage: „Was wollt ihr eigentlich später mit eurem Leben anfangen? Einen Schulabschluss wollt ihr ja offensichtlich nicht.“ Ich frage jetzt gezielt einzelne Schüler und Schülerinnen.

Mohamad: „Frau Freitag, bei uns ist das irgendwie anders. Bei mir in der Familie hat keiner einen Abschluss. Oder wenn, dann nur einen Hauptschulabschluss. Aber die Eltern geben denen trotzdem dann Geld. So 5000-10000 Euro.“ Ich traue meinen Ohren nicht und schreie: „Und Mohamad du meinst deine Eltern geben dir 10 000 Euro, wenn du hier von der Schule ohne jeglichen Abschluss abgehst? Das glaubst du doch selber nicht. Woher sollen die denn soviel Geld nehmen?“ Jetzt mischen sich die Mitschüler ein: „Warum sollen deine Eltern dir Geld geben, wenn du alles verkackst?“

Mohamad sucht nach Auswegen: „Ich könnte auch so eine Ausbildung zum Bäcker machen. Bei meinem Vater. Der ist Bäcker. Da kann ich das auch ohne Schulabschluss…“ Ich kläre ihn auf, dass sein Vater kein Bäckemeister sei. Er: „Doch ist er.“ Ich: „Nein, ist er wahrscheinlich nicht.“ Er: „Doch, der macht das schon seit dreizehn Jahren…und wenn ich dann Bäcker bin, dann verdiene ich so zwischen 3000 und 5000 Euro im Monat.“ Ich: „????? Wie bitte? Ein Bäcker – 5000 Euro, komm mal klar Mohamad, komm mal in der Realität an. Ein Lehrer verdient 2000 Euro, da kriegt doch ein Bäcker nicht 5000!!!!!!!!“ Mohamad guckt verwirrt. Sabine dreht sich zu ihm und flüstert: „Willst du denn Bäcker sein?“ Mohamad kaut auf seiner Unterlippe und denkt nach. Diese neuen Fakten scheinen seine Zukunftspläne enorm durcheinander zu bringen. Als ich Ahmet nach seinen Zukunftsplänen frage bekomme ich folgendes Szenario: „Ich mach erstmal viel Geld.“ Ich: „Wie denn ohne Schulabschluss?“ Er: „Ich hätte da 10000 Möglichkeiten.“ Ich: „Illegale Dinge, oder was?“ Er: „Nein, legal.“ Ich: „Nenne mir eine Möglichkeit, wie du ohne Abschluss viel Geld verdienen willst?“

Seine 1000 Ideen behält er für sich und murmelt nur: „Dann heirate ich eben und bekomme 10 Kinder.“ Nach dem Statement kann ich mich zurückhalten, denn jetzt wird er von den anderen Schülern verbal zerfleischt.

Ich frage mich allerdings immer noch: In welchem Alter kommt der Jugendliche in der Realität an?

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14 Gedanken zu “Was war den heute mit denen los?

  1. mal ein-bißchen-OT:
    kennen Sie den teacher? http://teacher.twoday.net der knusert gerade am gleichen ende…

    ein großes problem ist [denke ich als nicht-lehrer, also null ‚vom fach‘], daß die leute generell sachen weniger zu ende denken, was für kinder erst recht gilt. gibt es möglichkeiten, daß Sie ihnen die realität zeigen? mit ihnen mal einen tag beim bäcker verbringen? oder mal zu ‚den alten‘ gehen, die schüler müssen die rumschieben und denen vorher abgesprochene fragen stellen… ?
    [ach, was bin ich doch für ein grün-idealist-schnabel. sorry.]

    ich bin allerdings sicher, daß auch die oben beschriebenen in einer ruhigen minute, allein mit vielleicht Ihnen, erkennen würden, was sie innerhalb der klasse immer gerade nur den anderen zurufen können. glauben Sie nicht?

    • Vielen Dank, für die Empfehlung und Weiterempfehlung an den Herrn Kollegen. jaja, die Brötchen, Mohamad will ja später vor allem teure Brötchen backen….wie käme er sonst zu 5000Euro im Monat.

      Allerdings ruderte er heute schon wieder zurück…er hätte doch gemeint, dass der Besitzer der Bäckerei soviel verdienen würde. Hätte er doch gleich sagen sollen, dass er ohne Schulabschluss und ohne Geld eine Bäckerei aufmachen möchte, oder noch besser – einfach haben. Nicht erst aufmachen, das hätte ja wieder mit Arbeit zu tun…dagegen scheinen sie ja echt immun zu sein….

  2. Jugendliche und Realität – nur wenn Mama/Papa/wer-auch-immer sie massiv da reinschubsen.
    Da hilft nur Kind nehmen, Haushaltsbuch nehmen, vorrechnen und dann fragen wo man denn bitte sehr die 500 Öcken für einen Laptop hernehmen soll.
    Alternativ – und das hat bei uns zumindest teilweise geholfen – das Kind mal in ein Praktikum stecken, dass keine weichgespülte „ich steh mal 6 Stunden in der Gegend rum“ Veranstaltung ist.

    Wenn Jugendliche in der Realität ankommen ist es wohl zu spät…

  3. Ich war zwar nicht ganz so dumm, aber schulabschluss? no way, ging bei mir auch nicht.

    in der Realität angekommen bin ich nachdem ich 2 abschlüsse nachgeholt hab und nach einer ausbildung gesucht hab, zuhause ausgezogen war und von bafög leben musste…. mit 22

    Ich hab auch 1000 ideen wie ich viel Geld machen könnte, LEGAL, aber dazu bräuchte ich erstmal viel Geld um noch mehr draus zu machen.

  4. „In welchem Alter kommt der Jugendliche in der Realität an?“

    Wenn sie keine Jugendlichen mehr sind. Wenn sie plötzlich und total unangekündigt auf einmal erwachsen sein müssen.

  5. Na wenn Lehrer grundlos Lügen, dass sie u.a. Mal in Amerika seien, dann können Schüler das ebenso, u.a. dass sie als Bäcker 5.000 EUR verdienen werden. Betrachten wir es mal so: Träumen darf jeder, vorallem wenn man noch jung ist.

    Sie sollten sich eher fragen, wann Erwachsene in der Realität ankommen. Nicht wahr, Frau Freitag?

    Beide

    • Jetzt mal ohne Spaß und Träumerei: Ich war in Amerika…in den Sommerferien. Ist ja jetzt auch nicht sowas Ungewöhliches…verdiene ich doch mit meinem Tun auch reelles Geld. Aber vohin wird Mohamad mit seinen imaginierten Traum- Euros später fahren?

  6. Hallo Frau Freitag – ich lese ab und zu Ihren Blog und muss sagen – Hut ab – er ist echt unterhaltsam – Machen Sie ein Buch draus – sowas lieben die Leute – Eigenbeobachtung gepaart mit Sozialstudie, Humor und Originalität. Weiter so, sofern ich mir einen Ansporn erlauben darf….

    Feffi

  7. Ich sag‘ jetzt mal so als Laie und ohne die Erfahrung, die Du hast: im Grunde ist es ja das Privileg der Jugend, noch nicht in der Realität angekommen zu sein.

    Was mich allerdings erschreckt ist diese komplette Abwesenheit vom Traum etwas aus seinem Leben zu machen! Das würde ich für meine Kinder nicht wollen!

    So long,
    Corinna

  8. Manchmal, also nur manchmal lege ich eine Stunde „was-kostet-das-Leben?“ ein. Vor allem dann, wenn diese Kommentare kommen „Mein Vater zahlt das schon….“ und „Ich kaufe mir dann….“.

    Und dann mache ich mit Hilfe der Schülervorstellungen eine Rechnung auf: Miete-Auto-Essen-Strom-Gas-Müll-Wasser-Kleidung-Handy-Schulbücher.
    Rechts daneben schreibe ich anschließend, was die Dinge wirklich kosten.
    Und was man so verdient in welchem Beruf.
    Ach ja, und was Brutto und Netto ist, kann man hier auch gleich draufhauen.
    Dann schleichen sie schon mal ganz betreten aus dem Unterricht.

    • Sehr schön, das werde ich auch mal machen. Aber jetzt mit Westerwelle ändert sich doch sowiso alles. Versprach der nicht mehr Netto als Brutto – oder habe ich da was falsch verstanden?

  9. Dieser Junge wird in der Realität ankommen, wenn er paar Handys und Jacken, später Autoradios, später Autos geklaut und vertickt hat. Dann wird er über das erwähnte Lehrergehalt bestenfalls mitleidig grinsen. Leider! (Quelle: Selbst so erlebt)

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