Lass mal nicht zum Unterricht gehen….

Weil ich heute erst später zur Schule muss, habe ich gerade Zeit gehabt, mich meinen persönlichen Statistiken hinzugeben. Dabei sind mir das Ausrechnen und Ranglistenanlegen der Fehlzeiten meiner Klasse die Liebsten.

Ich habe ein etwas kompliziertes, aber sehr übersichtliches System die Verspätungen und die Fehlstunden meiner Schüler festzuhalten. Alle vier Wochen schreibe ich den Eltern Briefe und berichte ihnen u.a. wie oft ihre Kinder geschwänzt haben. Manche Eltern rufe ich fast täglich an: „Tut mir leid Frau El-/Al-/Schmidt…aber ich muss Ihnen leider mitteilen, dass ihr Sohn/ihre Tochter heute schon wieder nicht bei Deutsch war.“

Die Schülerinnen und Schüler spreche ich sofort (meistens auf dem Hof) auf ihre Vergehen an und bekomme die interessantesten Storys, die mir aber mitlerweile völlig egal sind. Geschwänzt ist geschwänzt. Dann informiere ich die Klasse jede Woche über den Stand der Dinge, wer hat bisher wie oft gefehlt. Dazu bekommen sie jedesmal einen Vortrag, dass sie sich doch mit diesen Zeugnissen um eine Lehrstelle bewerben werden müssen. Darauf folgt ein: „Macht nicht so! Strengt euch an, das muss unbedingt sofort aufhören…“ Nächste Stunde gehe ich auf den Hof und da sitzen wieder welche, die gerade schwänzen. Wenn ich sie erwische bringe ich sie persönlich in den Unterricht.

Alle diese Maßnahmen kosten Zeit, Kraft und meinen Nerven tun sie gar nicht gut. Ich rege mich über jede einzelne Stunde und sogar über die Verspätungen tierisch auf. Das geht nun schon seit zwei Jahren. Und was nützt das alles?

GAAAAAAR NICHTS!!!!! Ich bin die einzige in meiner Klasse, die sich erfolgreich irgendwo bewerben könnte. Ich habe weder eine ent-noch eine unendschuldigte Stunde und ich war immer pünktlich. Mir folgen vier Schüler, die auch immer da und immer rechtzeitig kamen. Einige von denen waren aber schon mal einen oder einen halben Tag krank. Dann gibt es sieben Leute, die ein bis zwei Stunden geschwänzt haben und zwei bis drei mal zu spät kamen. Wenn das so bleibt, kann ich über diese Fehltritte hinwegsehen. Aber dann sind da die anderen, die, die gezielt nicht zu bestimmten Unterrichtsstunden gehen. Fünf bis sechs Fehlstunden und ich vermute, dass die Kollegen in der ersten Schulwoche noch gar nichts aufgeschrieben haben, denn da ist meine Liste noch ganz leer. Und dann meine vier Problemfälle: einer acht, einer neun, die ehemalige Dauerschwänzerin 12 und Maya 16(!!!) Fehlstunden. Und die ist jedenTag (pünktlich) in der Schule. Die geschwänzten Stunden verbringt sie auf dem Hof oder rauchend mit irgendwelchen zwielichtigen Jungs vor dem Schulgebäude.

82 unentschuldigte Fehlstunden insgesamt. In drei Wochen. Für eine Klasse. Ist das normal? Liegt das an mir? Was kann ich dagegen tun? Hat jemand eine Idee? Methoden, die das Schwänzen eindämmen? Einsperren und Auspeitschen ist meines Wissens nach nicht erlaubt. Den Eltern rate ich zu Handyentzug und Ausgangssperren. Aber was kann ICH machen? Wie gesagt, ich gehe ja täglich mit gutem Beispiel voran. Oder rege ich mich ganz umsonst auf? Gehört das Schwänzen einfach dazu? Und wenn das so ist, oder kann ich da gar nichts gegen tun? Falls das so ist, wie schaffe ich es dann, mich nicht mehr so enorm darüber aufzuregen?

Meine Schüler sind genau die, die immer im Fernsehen als die armen Opfer des Schulsystems dargestellt werden. Chancenlos und benachteiligt. Aber ich sehe nur, dass sie die Chance hätten, einen guten Schulabschluss zu machen, nur – sie nutzen die Chance gar nicht. Sie gehen ja nicht mal zum Unterricht! Ach ich weiss, ich werde mal einen TEACH FIRST FELLOW an die Schule holen, der weiss bestimmt was zu tun ist.

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10 Gedanken zu “Lass mal nicht zum Unterricht gehen….

  1. Das bestätigt genau meine Meinung, die fade Ausrede „Bildung vermeidet Gewalt etc.“ ist doch nur Augenwischerei. Wenn es die Eltern schon nicht schaffen, die Kinder zur Schule zu motivieren, was soll man als motivierter Lehrer da noch tun? Noch öfter zuhause anrufen oder resignieren…

  2. Ich hab schon mal mit Leuten geredet, die früher auch immer geschwänzt haben und sich danach IMMER geärgert haben, dass sie das gemacht haben, weil ihnen das auch Chancen verbaut hat. Kennst du vielleicht einen deiner ehehmaligen Schüler und hast Kontakt zu ihm, der nicht zu alt ist und auch eher von der „coolen Sorte“, der das auch propagiert?
    den könntest du ja mal in die klasse stellen und ihn das schildern lassen, vielleicht machst du damit ja ein paar wenigstens mal nachdenklich. ansonsten, es ist halt cooler, vor der schule zu rauchen. Vielleicht die aktivitäten während des schwänzens irgendwie lächerlich machen?
    Wenn es besondere „goodies“ gibt, also tolle sachen, könnte man die machen, wenn viele fehlen und die schüler es dann weitererzählen und die schwänzenden sich ärgern, nicht da gewesen zu sein. und dann mehr da sind, weil sie sowas mal nicht verpassen wollen. aber mir fiele auch kein „goodie“ ein.

  3. Exakt die geschwänzten Stunden und Minuten nachsitzen lassen? – Für geschwänzte Nachsitzstunden gibt es natürlich auch Fehlzeiten und das summiert sich ja dann so lange, bis sie dann bald so viele Stunden versäumt haben, dass ihnen das Schuljahr nicht mehr anerkannt werden kann. Dann sind se wech und man muss sich wenigstens nicht mehr über sie aufregen. Oder darf an das alles nicht? Und gibt es maximale Fehlzeiten auch schon nicht mehr? – Würde mich mal interessieren; bin schließlich Lehramtsstudentin.

  4. Oh jeh Frau Freitag…..
    82 Fehlstunden…..das ist nicht schlecht. Das hat meine klasse ja nicht mal, dafür hat die round about 100 verspätungen.
    Gestern war elternabend. Wir haben die ganze leier abgelassen: Verspätungen, Schwänzen,keine hausaufgaben, unterirdisches sozialverhalten, keine leistungsbereitschaft usw.usw. Die eltern nach einer halben stunde: das ist die schule schuld, die lehrer kriegen es wohl nicht gebacken.!!!!!!!
    Ach so….. wir haben wohl übersehen, dass wir die kinder schon seit einem jahr kennen, die eltern aber bereits seit 13-15 jahren geballte erziehungsarbeit leisten…..
    Also, nich aufregen, mit kühlem herzen weiter machen und die verantwortung im rahmen des möglichen übernehmen. Punkt.
    Sonst ist Fr. Freitag bald nur noch ein häufchen asche……
    in diesem sinne
    Frl.Krise

  5. So, Hausaufgabe für Frau Freitag:
    Mal den „Rahmen des Möglichen“ abstecken, und zwar für viele Teile des Schulalltags – für alle die so einen diffusen Stress verursachen.

    Oder einfach immer denken:
    „1Ich habe die Gelassenheit
    Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann.
    2Ich habe den Mut,
    Dinge zu ändern, die ich ändern kann.
    3Ich habe die Weisheit
    Das eine vom dem anderen zu unterscheiden.“

    M.E. haben Sie Frau Freitag Punkt 1 und 2 schon erfüllt,
    Sie müssen nur noch an Punkt 3 arbeiten.“ Das ist dann der zweite Teil der Hausaufgabe.:-)

    • frei von den anonymen lehrerinnen oder was herr krasso. Ich habe meine lektion schon gelernt, ich habe mich heute nicht auf morgen vorbereitet, weil ich weiß, dass ich die dinge hinnehmen muss, die sich sowieso nicht ändern lassen. Und ich habe keine lust heute noch dinge zu ändern. ich will heute nur noch popstars gucken und einen keks essen, eine rauchen und dann schlafen.

  6. Hab mich hier durch Zufall hergegooglet und war ja vor kurzem auch noch Schülerin^^ allerdings Gymnasium, da hab ich immer geschwänzt, wenns „wurscht“ war, hatte aber auch einen Einser-Schnitt, das zählt dann ja irgendwie nicht.
    Was ich absolut nicht ausstehen konnte, wenn sich Lehrer von unserer „Blödheit“ übertrieben „persönlich angegriffen“ gefühlt haben. Sprich, ich fände wöchentl. Tiraden, wer gerade den High-Score („Yeah, alle in den Schatten gestellt!“Blöder Nebeneffekt, oder?) im Fehlen geknackt hat, echt nervig. Dann lieber noch eine persönliche Standpauke. (Nervt sicher auch, dafür kann man nich ganz so leicht auf Durchzug schalten.) Ich weiß jetzt nicht, was der Lehrplan so hergibt, aber gerade in Deutsch muss es doch irgendwie möglich sein, ein interessantes Thema zu finden. Vielleicht eins, was sie selber vorschlagen? Aber gut, vielleicht ein dummer Vorschlag, nur ich liebe Deutsch^^ Ich würde sogar AggroBerlin Texte mit Schiller vergleichen und hätte noch Spaß.
    [Ich möchte den Job wirklich nicht geringschätzen und auch nicht, dass das so rüberkommt. Ich selbst trau mir Lehrersein nicht zu.
    Aber meine Gefühle, vor gut eineinhalb Jahren, die waren eben so, obwohl ich ne „Brave“ war.]
    Deswegen wünsche ich, egal, was kommt, vile Kraft und Ausdauer!

  7. Belohnungen anbieten 🙂
    Sowas wie.. jeder, der über einen Monat (keine Ahnung, ob das eine realistische Zeitspanne ist) hinweg nur entschuldigt fehlt blabla kriegt.. ka. zB Mitarbeitsnote 1. Weiß ja nicht, was die Schüler wirklich wollen.

    Wie läuft es bisher?

  8. Wenn jeder fürs Dasein schon ne 1 in Mitarbeit bekäme, und das ohne je was gesagt zu haben, wärs vielleicht etwas übertrieben. Und Noten sind glaube ich für manche ein ziemlich abstraktes Ziel.

    Aber wie wärs zum Beispiel mit Gummibärchen oder sowas für die, die in einer Woche nicht/nur mit Attest gefehlt haben?
    Am Besten freitags in der letzten Stunde oder zu einem anderen strategisch günstigen Termin verteilen. Das wäre ein für die Schüler überschaubarer Zeitraum und somit eine leicht zu erreichende Belohnung. Überschaubarer als „iiirgendwann bekommst du dadurch mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit keinen Ausbildungsplatz“.
    Müsste natürlich was sein, was sie mögen und was auch nicht teuer ist. (Süßes +// Bauchpinseln?) Falls es funktioniert, könnte man ja nach einer Weile die Anforderungen leicht erhöhen.

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